Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess
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Kim Christian Priemel
Zusammenfassung
Die Nürnberger Prozesse sind oft geschildert, weit weniger häufig jedoch analysiert worden. Dies gilt insbesondere für die zwölf in amerikanischer Verantwortung gehaltenen „Nachfolgeprozesse“. Ihr Versuch, die juristische Sanktion der nationalsozialistischen Verbrechen mit einer historischen Untersuchung des NS-Staates zu verbinden, stellte ein ambitioniertes, wiewohl riskantes Unterfangen dar. Der Krupp-Prozess 1947/48 bildete den entstehungsgeschichtlichen Nukleus der Verfahren und zog zugleich die längsten Linien. Sein historischer Horizont wurde von der Anklagebehörde bewusst geweitet, um die jüngere deutsche Geschichte nahezu vollständig zu erfassen, und dem Essener Konzern als bekanntestem Vertreter der Schwerindustrie kam dabei ausdrücklich stellvertretende Bedeutung zu. Die Ankläger bedienten sich einer spezifischen unternehmensgeschichtlichen Lesart, die ihrerseits sozialimperialistische Interpretationen verarbeitete, die über exilierte Wissenschaftler Eingang in das amerikanische Verständnis von Politik und Privatwirtschaft in Kaiserreich und Weimar gefunden hatten. Diesen hielten Verteidigung und Angeklagte eigene, diametral entgegenstehende und mit der defensiven Situation allein nicht zu erklärende Narrative entgegen. Vielmehr geriet Nürnberg zum Austragungsort des Konflikts zweier genuin historiographischer Debatten, deren eine sich um die Definitionshoheit über die Firmengeschichte entspann, die andere kontroverse Lesarten des deutschen Imperialismus und totalitärer Herrschaft aufeinanderprallen sah. Dabei adaptierten die Prozessparteien bestehende Interpretationsangebote, katalysierten diese durch die konfrontative Dynamik des Rechtsstreits und nahmen die Positionen der bald folgenden Sonderwegs-Debatte vorweg.
Abstract
The Nuremberg Trials have often been lauded but much less thoroughly analysed. In particular the twelve so-called Subsequent Proceedings held by American tribunals have escaped attention for a long time, thereby obscuring their singularly ambitious — and judicially hazardous — attempt to combine penal action against Nazi criminals with a full-scale historical analysis of the Third Reich. The Krupp Trial in 1947–8 stood at the heart of this effort as the first to be conceived and by sketching the broadest historical horizon of all proceedings. The prosecution deliberately devised a trial which would tackle modern German history in a comprehensive and coherent way. In this venture, the Krupp concern was supposed to represent heavy industry as such. The US prosecutors relied heavily on a reading of Krupp′s corporate history which was deeply steeped in the recent theory of social imperialism whose proponents had been exiled from Germany in the 1930s and which had fed into the American understanding of state-business relations in Wilhelmine Germany, Weimar, and the Third Reich. In turn, the defendants and their counsel elaborated their own narratives which refuted the indictment but whose motivation went beyond the defensive rationale of the judicial confrontation. Indeed, the Nuremberg arena saw two historiographic debates coalesce: one about the authoritative interpretation of the Krupp business history, the other a conflict between the continuities of German imperialism and traditional elites on the one hand and the revolutionary rise of totalitarianism on the other. Both sides adapted existing interpretative frameworks for their own judicial ends. The courtroom thus became a catalyst for the historiographic debate about the origins of National Socialism and the subsequent Sonderweg dispute.
© by Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Berlin, Germany
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