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Nachhaltige Prozessdigitalisierung für KMU

Anforderungskatalog als erste Orientierung für die strategische Umsetzung
  • Jimmy Chhor, geb. 1991, studierte Produktionstechnik mit der Fachrichtung Unternehmensorganisation an der RWTH Aachen sowie Management Science and Engineering an der Tsinghua University in Peking. Seit 2018 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Quality Intelligence am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen.

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    Pia Westermann, geb. 1997, studiert Wirtschaftsingenieurwesen mit Vertiefungsrichtung Produktionstechnik an der RWTH Aachen und arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft in der Abteilung Quality Intelligence am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen.

    und

    Prof. Dr.-Ing. Robert H. Schmitt, geb. 1961, ist Inhaber des Lehrstuhls für Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement, Direktoriumsmitglied des Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik IPT in Aachen.

Veröffentlicht/Copyright: 19. September 2021
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Abstract

Ansätze der agilen Softwareentwicklung und des Change Management unterstützen kleine und mittlere Unternehmen in der nachhaltigen Prozessdigitalisierung. Der Anforderungskatalog greift diese auf und ergänzt sie um Anforderungen aus bestehenden Modellen und Experteninterviews. Über die vier Dimensionen Kultur, Organisationsstruktur, Ressourcen und Informationssysteme können im nächsten Schritt Defizite im Unternehmen identifiziert und strategische Handlungsbedarfe abgeleitet werden.

Abstract

Approaches of agile software development and change management can support small and medium-sized enterprises in sustainable process digitalization. The catalogue of requirements takes up on these cues and supplements them with requirements from existing models and insights from expert interviews. Aggregated into the four dimensions culture, organizational structure, resources and information systems, deficits within enterprises can be easily identified and strategic needs for action derived.

Prozessdigitalisierung im deutschen Mittelstand

Industrie 4.0 bezeichnet die umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion und kennzeichnet sich durch die enge Vernetzung der Produktion mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien [1]. Die Digitalisierung erstreckt sich in diesem Kontext auch auf die interne Unternehmensorganisation und mit ihr verknüpfte Geschäftsprozesse. Unternehmensbefragungen bestätigen diese Einschätzung und führen als wichtigste Aspekte der Prozessdigitalisierung die strukturierte Auswertung von Unternehmensdaten (76 %), die Einführung und Nutzung elektronischer Rechnungserstellung (67 %) und die Digitalisierung von Papierdokumenten (63 %) auf [2]. Spätestens in der Corona-Pandemie zeigt sich das Potenzial der Digitalisierung für verteiltes, dezentrales Arbeiten.

Im Gegensatz zu Großunternehmen sind insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in der Prozessdigitalisierung weniger weit fortgeschritten. Nur jedes fünfte KMU kann eine umfängliche Digitalisierung, die die Erhebung und Auswertung von Unternehmensdaten mittels Datenmodellen und Algorithmen umfasst, vorweisen [3]. Die Hintergründe sind oft begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen, sodass Vorhaben mit Projektcharakter umgesetzt werden und auf kurzfristige Verbesserungen abzielen, um Investitionen zu rechtfertigen. Diese Ansätze greifen selten soziale und organisatorische Anforderungen auf, sodass Bedürfnissen und Sorgen der Angestellten wenig Beachtung geschenkt werden und langfristig den Projekterfolg gefährden können [4]. Dabei liegen die Stärken von KMU vor allem in kurzen Entscheidungswegen des Managements und langjährigen Mitarbeitern mit breit gefassten Verantwortungsbereichen, die die notwendige Flexibilität im Unternehmen und Kompetenzen einbringen, um neue Digitalisierungskonzepte zu erproben und dynamisch zu adaptieren [5].

Für KMU sind bislang Ansätze der Prozessdigitalisierung unterrepräsentiert, da der Fokus in Industrie 4.0 und entsprechend in der produzierenden Industrie lag, wohingegen ein Großteil der KMU dem Bereich Dienstleistungen und Wissensarbeit zuzuordnen ist [6]. Nachfolgend wird ein Anforderungskatalog auf Basis bestehender Ansätze und Leitfäden und im Rahmen von Experteninterviews entwickelt, der die KMU-spezifischen Anforderungen aufgreift und als Ansatzpunkt für die Identifizierung von Handlungsbedarfen zur Sicherstellung einer nachhaltigen Prozessdigitalisierung für Geschäftsprozesse genutzt werden kann.

Bestehende Ansätze für die Prozessdigitalisierung

Die Prozessdigitalisierung umfasst nicht nur die Transformation analoger Prozesse in softwaregestützte Workflows, sondern ermöglicht darüber hinaus die systematische Auswertung und Analyse zur Ableitung von Prozessoptimierungen, beispielsweise über die Auswertung von Ereignisprotokollen entlang des Prozessfortschritts mittels Process Mining Algorithmen [7]. In diesem Kontext liegt der Fokus auch auf den soziotechnischen Auswirkungen der Digitalisierung im Unternehmen im Zusammenspiel zwischen Mensch, Technik und Organisation. Aufgrund der inhaltlichen Schnittmenge werden entsprechend existierende Ansätze aus den Themenfeldern „Digitalisierung“, „Industrie 4.0“ und „Prozessdigitalisierung“ als Ausgangspunkt für die Ableitung von Anforderungen herangezogen. Diese decken die Kategorien Grundlagen, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Studien, Richtlinien und Leitfäden ab. Die Bewertung ihrer Relevanz für die Prozessdigitalisierung in KMU erfolgt anhand der nachfolgenden Bewertungskriterien:

  1. Generalisierbarkeit

    Möglichkeit des Transfers auf verschiedene Branchen, Unternehmensstrukturen und Unternehmensgrößen,

  2. KMU-Fokus

    Besondere Berücksichtigung spezifischer Herausforderungen und Anforderungen der Digitalisierung an KMU,

  3. Geschäftsprozessbezug

    Konkreter Bezug auf Prozessdigitalisierung,

  4. Konkrete Handlungsempfehlungen

    Spezifizierung konkreter Maßnahmen zur Kompensation eines identifizierten Defizits,

  5. Organisationale Aspekte

    Berücksichtigung soziotechnischer Faktoren in der Digitalisierung, insbesondere die Organisation des Unternehmens betreffend,

  6. Nachhaltigkeitsaspekte

    Berücksichtigung einer langfristigen Optimierung im Gegensatz zu kurzfristigen Verbesserungen.

Der Erfüllungsgrad jeder Anforderung wird auf einer Skala in 25 Prozent Inkrementen bewertet und das gleichgewichtete Mittel über alle Anforderungen als Referenzwert herangezogen. Tabelle 1 zeigt eine Übersicht zur Untersuchung der bestehenden Ansätze.

Tabelle 1

Vergleich bestehender Ansätze für die Prozessdigitalisierung

Die Analyse bestehender Ansätze für die Prozessdigitalisierung zeigt, dass keiner der ausgewählten Ansätze allen Bewertungskriterien gerecht wird. Beschriebene Handlungsempfehlungen sind oft wenig detailreich und praxisbezogen. Je höher die Generalisierbarkeit eines Ansatzes ist, desto weniger konkret fallen Handlungsempfehlungen oftmals aus. Darüber hinaus schneidet die Mehrzahl der Ansätze in den Bereichen KMU-Fokus und Geschäftsprozessbezug unterdurchschnittlich ab, was u. a. auf eine begrenzte Anzahl verfügbarer Ansätze in diesen Bereichen zurückzuführen ist. Demgegenüber finden organisationale Aspekte in vielen der betrachteten Ansätze Berücksichtigung, wobei jedoch eine starke Varianz bezüglich des Inhalts und Umfangs der Maßnahmen zu beobachten ist. Ein Bezug zu Nachhaltigkeitsaspekten findet entweder gar nicht oder in implizierter Form statt. Weiterhin ist zu beobachten, dass die grundlegenden Ansätze einen verhältnismäßig niedrigen Gesamterfüllungsgrad aufweisen, was in ihrer übergreifenden und allgemeingültigen Natur begründet ist.

Entsprechend der vorangegangenen Analyse wird eine Auswahl der vielversprechendsten Ansätze (Erfüllungsgrad > 50 %) zur Erstellung des Anforderungskatalogs getroffen. Drei der insgesamt zwölf ausgewählten Ansätze werden nicht weiter betrachtet, da sie entweder einen niedrigen Gesamterfüllungsgrad aufweisen oder innerhalb ihrer Gruppe mehrere mindestens gleich gut abschneidende Ansätze vorhanden sind. Somit beruht die weitere Anforderungsanalyse auf den Grundlagenmodellen als allgemeine Basis, zwei sich gut ergänzenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen, zwei Reifegradmodellen mit unterschiedlichem Fokus sowie einer VDI-Richtlinie und zwei Leitfäden.

Anforderungskatalog für die agile und nachhaltige Prozessdigitalisierung

Ausgehend von der Analyse des Stands der Technik folgt die Entwicklung des Kriterienkatalogs für die agile und nachhaltige Prozessdigitalisierung in KMU. Hierzu werden die ausgewählten Ansätze aus der Literatur genauer analysiert und in einem ersten Anforderungskatalog konsolidiert. Im Rahmen von Experteninterviews erfolgt die erste Phase der Überarbeitung, bevor der Katalog mit Anwendern aus der Praxis validiert und finalisiert wird. Bild 1 visualisiert das Gesamtvorgehen. Die detaillierte Beschreibung der Phasen folgt in den nächsten Abschnitten.

Bild 1 Vorgehen in der Erarbeitung des Anforderungskatalogs für die agile und nachhaltige Prozessdigitalisierung
Bild 1

Vorgehen in der Erarbeitung des Anforderungskatalogs für die agile und nachhaltige Prozessdigitalisierung

Analyse ausgewählter Ansätze aus der Literatur

Zunächst werden die beiden Modelle Reifegradmodell Digitale Geschäftsprozesse und Industrie 4.0 Maturity Index zu einem vorläufigen Anforderungskatalog mit den vier übergeordneten Kategorien Kultur, Ressourcen, Organisation und IT-Systeme kombiniert. Dieser erste Entwurf wird mit den weiteren, ausgewählten Ansätzen nacheinander verglichen und um Anforderungen ergänzt. Mehrfachnennungen werden zu einer Anforderung aggregiert. Neue, relevante Aspekte mit Mehrfachnennung bilden neue Subkategorien, die fortlaufend angepasst werden. Ergebnis dieses Schrittes ist ein erster Prototyp des Anforderungskatalogs (Bild 2).

Bild 2 Prototyp des Anforderungskatalogs für die agile und nachhaltige Digitalisierung
Bild 2

Prototyp des Anforderungskatalogs für die agile und nachhaltige Digitalisierung

Erweiterung mittels Experteninterviews

Zur Überprüfung und Ergänzung der Ergebnisse aus der Literaturrecherche und zur Sicherstellung eines ausreichenden Praxisbezugs sind teilstrukturierte Experteninterviews mit vier Experten durchgeführt worden. Die Interviewpartner kennzeichnen sich durch eine beratende oder befähigende Rolle für Digitalisierungsvorhaben in KMU und verfügen entsprechend über einen guten Überblick zu Herausforderungen und Vorgehen in der Praxis. Grundlage des Interviews bildet ein Leitfaden, der strukturiert durch folgende Themen des Anforderungskatalogs führt:

  1. Einleitung,

  2. Klärung von Begrifflichkeiten,

  3. Chancen und Herausforderung der Digitalisierung in KMU,

  4. Erfahrungen aus der Praxis (Rahmenbedingungen, organisationale Aspekte, technische Umsetzung, Daten und Sicherheit),

  5. Agilität und Nachhaltigkeit (optional),

  6. Abschluss.

Die Auswertung des transkribierten Interviews folgt der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring [20]. Hierzu werden die Aussagen kodiert und den Subkategorien des Anforderungskatalogs für die weitere Auswertung zugeordnet. Neu angesprochene Punkte werden als zusätzliche Informationen in einer separaten Kategorie erfasst. Der Anforderungskatalog ist im nächsten Schritt um relevante Aspekte aus den Interviews ergänzt worden. Analog werden weniger relevante und nicht benannte Anforderungen entfernt. Ergänzend werden alle Anforderungen durch weitere Erläuterungen oder konkrete Umsetzungshinweise in einer zusätzlichen Informationsspalte zur Schaffung eines einheitlichen Verständnisses ergänzt. Ergebnis dieser Phase ist ein überarbeiteter Anforderungskatalog.

Validierung mit Anwendern aus der Praxis

Der überarbeitete Anforderungskatalog wird im Rahmen des Forschungsprojekts ProMiDigit (FKZ 01IS20035) mit zwei KMU in der Praxis validiert. Die Validierung folgt dem beschriebenen Vorgehen mit Vertretern der Anwenderunternehmen, die im Bereich des Qualitätsmanagements u. a. auch für Digitalisierungsprojekte und Business Process Management verantwortlich sind. Der Leitfaden für das Interview ist entsprechend des Validierungsziels wie folgt angepasst:

  1. kurze Einführung und Vorstellung,

  2. erster Eindruck des Anforderungskatalogs,

  3. Besprechung des Anforderungskatalogs entlang der Kategorien Kultur, Ressourcen, Organisation und IT-Systeme (je Kategorie Besprechung der Anforderung und Einschätzung zur praktischen Relevanz, je Subkategorie Benennung der wichtigsten Anforderung, abschließend Möglichkeit für weitere Anmerkungen),

  4. Gesamteindruck des Anforderungskatalogs.

Ergebnis der Validierung mit den Anwenderunternehmen ist der finalisierte Anforderungskatalog, der in Tabelle 2 und Tabelle 3 auszugsweise vorgestellt wird.

Tabelle 2

Anforderungskatalog für die agile und nachhaltige Digitalisierung: Kategorien und Teilkategorien

Kultur Bereitschaft für Veränderungen
Qualifikation
Soziale Kollaboration
Organisation Kooperationen
Interne Organisation
Ressourcen Strukturierte Kommunikation
Rahmenbedingungen
Fähige Mitarbeitende und Entscheidende
Technik und IT
IT-Systeme Integration
Softwareauswahl
Implementierung
Sicherheit und Datenschutz
Informationsverarbeitung
Tabelle 3

Anforderungskatalog für die agile und nachhaltige Digitalisierung: detaillierter Auszug der Kategorie Kultur

Kultur
Bereitschaft für Veränderungen Akzeptanz für die Veränderung sicherstellen • Starke Einbindung der betroffenen Beschäftigten in das Projekt

• (Umsetzung), Ideenfindung und Diskussionen

• Multiplikatoren (digitale Botschafter) nutzen, die gut vernetzt sind, um ein Bewusstsein für die Potenziale der Digitalisierung zu schaffen
Etablierung eines Change Managements • Langfristig erfolgreiche Umsetzung von Veränderungen in

• Geschäftsprozessen durch gezielte Maßnahmen des Change Managements

• Ergreifen von Maßnahmen, um die Akzeptanz von digitalen Prozessen zu fördern
Gesicherte Unterstützung der Geschäftsführung • Vorbildfunktion der Geschäftsführung und elementare Voraussetzung, um Bereitschaft für Veränderungen im Unternehmen zu fordern
Förderung einer offenen Fehlerkultur • Betrachtung von Fehlem als Schätze

• Kontinuierlichen Veränderungs- und Verbesserungsprozess etablieren
Offenheit für Innovationen • Unternehmenskultur, die Kreativität und Innovationen fordert

• Ermutigung der Mitarbeitenden auch kritische oder ungewöhnliche Sichtweisen zu äußern und Neues auszuprobieren
Vorausschauendes Denken • Auseinandersetzung mit der weiteren Marktentwicklung

• Nach Möglichkeit Vorhersagen für die Zukunft aufgrund aktueller und Analyse des Umfelds anstellen
Qualifikation Fortlaufende bedarfs- und adressatengerechte Qualifikationsmaßnahmen (kurz- und langfristig) • Trainings bezüglich der Prozessdurchführung und eingesetzter Software, agiler Arbeitsweise, aber beispielsweise auch gesetzlicher und unternehmensinterner Regularien (Daten und Sicherheit)

• Methodisch und didaktisch wertvolle Schulungen
Beginn mit Qualifikation der Führungsebene • Entscheidende zuerst qualifizieren
Investition in den langfristigen Aufbau neuer Fähigkeiten der eigenen Mitarbeitenden, anstatt temporärer Einkauf von Kompetenz • Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten im Bereich Digitalisierung durch betriebliche Lernprojekte

• Mitarbeitende anhalten neue Fähigkeiten einzusetzen und auszubauen
Soziale Kollaboration Demokratischer, kollaborativer Führungsstil • Abbau von Hierarchien

• Schaffen eines vertrauensvollen Verhältnisses zwischen den Beschäftigten, um Entscheidungen schnell zu treffen und umzusetzen
Offene Kommunikation • Beschäftigten Zugang zu explizitem und implizitem Wissen schaffen durch Nutzung geeigneter Kommunikationstechnologien und direkten persönlichen Austausch

• Realistische Erwartungen schaffen und Bedenkenträger anhören
Nutzung kurzer Entscheidungswege • Unkomplizierte Umsetzung von Ideen

• Einräumen von Freiräumen für Mitarbeitende
Vertrauen in Prozesse und Infonnationssysteme • Einbindung der betroffenen Mitarbeitenden von Beginn an durch deren aktive Mitgestaltung

• Sensibilisierung für den geschaffenen Mehrwert der Digitalisierung

Finaler Anforderungskatalog

Der finalisierte Anforderungskatalog aggregiert die Informationen aus der Literaturrecherche, der Experteninterviews und der Validierung und zeigt entlang der vier Kategorien Kultur, Organisation, Ressourcen und IT-Systeme die grundlegenden Anforderungen für eine agile und nachhaltige Digitalisierung. Tabelle 2 und Tabelle 3 zeigen den Auszug des Katalogs.

Ausblick

Die Literaturanalyse und Ergebnisse der Experteninterviews identifizieren ein effektives Change Management als einen der wesentlichen Erfolgsfaktoren für nachhaltig erfolgreiche Digitalisierungsvorhaben, was sich in mehreren Aspekten des Anforderungskatalogs widerspiegelt. Dabei spielen in KMU die Unterstützung der Geschäftsführung und die frühzeitige Einbindung aller Prozessbeteiligten eine zentrale Rolle, um die Bereitschaft für Veränderungen zu erhöhen. Neben dem Change Management wird auch die Bedeutung von agilen Vorgehensweisen verdeutlicht. KMU verfügen wegen ihrer begrenzten Unternehmensgröße und kurzen Entscheidungswege von Grund auf über vorteilhafte Ausgangsvoraussetzungen für agile Vorgehensweisen, welche es allerdings durch entsprechende Strukturen und Führungskonzepte zu fördern gilt. Durch iteratives Vorgehen und die frühzeitige Bereitstellung von Prototypen kann im Sinne der Nachhaltigkeit kontinuierlich überprüft werden, inwiefern die Umsetzung des Digitalisierungsvorhabens den tatsächlichen Anforderungen des zu digitalisierenden Prozesses entspricht.

Der Anforderungskatalog zeigt vielfältige Möglichkeiten für die Umsetzung eines nachhaltigen Digitalisierungsvorhabens auf. Er stellt für KMU ein Werkzeug für eine erste Potenzialanalyse und Reifegradermittlung der Digitalisierung von Geschäftsprozessen dar. Die identifizierten Anforderungen sind dabei weniger als verpflichtende Aufgaben zu betrachten, sondern unternehmensindividuell zu gewichten. Entsprechend ermöglicht die Verwendung des Anforderungskatalogs die Aufdeckung bestehender Missstände und gibt Anreize für die Ableitung und Priorisierung weiterführender Maßnahmen.

Zukünftig ist die Gültigkeit des entwickelten Anforderungskatalogs durch weitere Validierungen zu erweitern. Aufgrund der begrenzten Anzahl der Interviewpartner sind weitere Interviews mit potenziellen Anwendern und eine Untersuchung des Anforderungskatalogs in der praktischen Anwendung notwendig. Auf Basis dieser Erkenntnisse kann eine branchenspezifische Weiterentwicklung des Anforderungskatalogs sinnvoll sein, um die Bedürfnisse verschiedener Branchen konkreter zu adressieren.


Hinweis

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen von den Mitgliedern des ZWFAdvisory Board wissenschaftlich begutachteten Fachaufsatz (Peer-Review).

Förderhinweis

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Forschungsprojektes ProMiDigit (FKZ 01IS20035), das mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autoren.



Tel.: +49 (0) 241 80-21995

About the authors

Jimmy Chhor

Jimmy Chhor, geb. 1991, studierte Produktionstechnik mit der Fachrichtung Unternehmensorganisation an der RWTH Aachen sowie Management Science and Engineering an der Tsinghua University in Peking. Seit 2018 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Quality Intelligence am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen.

Pia Westermann

Pia Westermann, geb. 1997, studiert Wirtschaftsingenieurwesen mit Vertiefungsrichtung Produktionstechnik an der RWTH Aachen und arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft in der Abteilung Quality Intelligence am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen.

Prof. Dr.-Ing. Robert H. Schmitt

Prof. Dr.-Ing. Robert H. Schmitt, geb. 1961, ist Inhaber des Lehrstuhls für Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement, Direktoriumsmitglied des Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik IPT in Aachen.

Literatur

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Published Online: 2021-09-19
Published in Print: 2021-09-30

© 2021 Jimmy Chhor, Pia Westermann und Robert H. Schmitt, publiziert von De Gruyter

This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License.

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