Zusammenfassung
Die Existenz von gemeinsamem gemeindlichem Gesang im Gottesdienst der neutestamentlichen Zeit ist eine verbreitete Annahme in Lehrbüchern und Nachschlagewerken der Praktischen Theologie, der Liturgik und der neutestamentlichen Wissenschaft. Ob solches Singen primär der Gottesverehrung oder der didaktischen Unterweisung diente, ist dabei Gegenstand einer Diskussion, die unter anderem durch konfessionelle Präferenzen beeinflusst ist. Ein genauerer Blick auf die relevanten neutestamentlichen Texte zeigt allerdings, dass die Belege für gemeinschaftlichen Gesang im Gottesdienst spärlich sind. Eine tragfähige Plausibilität erhält die Annahme eines solchen Gesangs daher nur durch den Blick auf gemeinschaftliche gottesdienstliche Gesangspraxis in jüdischen und griechisch-römischen Kontexten der Mitwelt des Neuen Testaments. Ein solcher Blick legt nahe, dass das im Neuen Testament nur angedeutete gemeinschaftliche Singen eher in Kontinuität, und weniger im Kontrast, zur musikalischen Praxis des jüdischen Tempelkults verstanden werden sollte. Die wenigen neutestamentlichen Aussagen zur musikalischen Performanz des Gesangs legen dabei nahe, dass solcher Gesang zwar primär auf die Verehrung Gottes ausgerichtet war, dadurch aber mittelbar auch Funktionen der didaktischen Unterweisung und christologischen Bekenntnisbildung erfüllte.
Abstract
The existence of corporate singing as an integral part of early Christian worship is a widespread standard assumption in textbooks of Practical Theology, Liturgical and New Testament Studies as well as standard encyclopedias. A matter of debate, which is also shaped by denominational preferences, is the question whether such singing primarily serves purposes of cultic worship or rather didactic teaching. However, a closer look at the relevant New Testament text corpora shows that the evidence for such communal singing is sparse. The assumption of such singing therefore can only draw plausibility from evidence of communal religious practice in Jewish and Greco-Roman communities of the wider New Testament world. Taking this into account, communal singing in New Testament congregations should be understood in continuity, rather than contrast, to Jewish temple piety and musical practice. However, some New Testament texts also suggest that communal singing, while primarily directed to God in worship, also served as a means of early christological reflection and didactical teaching.
© 2025 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Artikel in diesem Heft
- Titelseiten
- Beiträge
- Lokalkolorit. Überlegungen zu einer unterbestimmten Kategorie der Exegese
- „Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern“ (Eph 5,19). Zur Rolle des Gesangs in Versammlungen von Christusnachfolgern der neutestamentlichen Zeit
- Die Danielrezeption bei Paulus. Relevanz durch Orientierung und geteilte Motivwelten
- Reexamining Resurrection and the Resurrection Faith of Jesus for Himself and His Siblings in Hebrews
- The Meaning and Uses of Oxymora in the Book of Revelation
- Zeitschriftenschau
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