Home Religion, Bible & Theology Geordnete Zeiten als Jahreszeiten. Zum Verständnis von Apg 17,26 vor dem Hintergrund des Aratos-Zitats aus den Phainomena sowie Apg 14,17
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Geordnete Zeiten als Jahreszeiten. Zum Verständnis von Apg 17,26 vor dem Hintergrund des Aratos-Zitats aus den Phainomena sowie Apg 14,17

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Published/Copyright: April 10, 2025

Zusammenfassung

Dieser Aufsatz befasst sich mit der angemessenen Übersetzung der Rede von „festgesetzten Zeiten“ (καιροί) in Apg 17,26, insbesondere im Rahmen der Areopag-Rede des Paulus. Die Analyse stützt sich in erster Linie auf einen häufig übersehenen Hinweis aus den Phaenomena des Aratus, um für die Interpretation von καιροί als Jahreszeiten zu argumentieren. Dieses Argument wird auch durch die Parallele in Apg 14,17 gestützt, die die Plausibilität des Verständnisses von καιροί als Jahreszeiten im Kontext der natürlichen Offenbarung unterstreicht. Die Studie zeigt, dass eine korrekte Auslegung von καιροί nicht unwesentlich ist, um die übergreifende Botschaft der Areopag-Rede zu verstehen.

Abstract

This article delves into the appropriate translation of “appointed times” (καιροί) in Acts 17:26, particularly within the framework of Paul’s Areopagus speech. The analysis primarily utilizes often overlooked evidence from Aratus’ Phaenomena to argue for the interpretation of καιροί as seasons. This argument is further supported by the parallel in Acts 14:17, which underscores the plausibility of understanding καιροί as seasons in the context of natural revelation. The study reveals that a proper interpretation of καιροί is essential for grasping the overarching message of the Areopagus speech.

1 Allgemeine Offenbarung in der Areopagrede

Noch immer wird die Frage nach Möglichkeit und Ausmaß einer allgemeinen Offenbarung in den lukanischen Paulusreden intensiv diskutiert. Zentral ist hierfür die Areopagrede,[1] der seit der Alten Kirche[2] neben Röm 1,19–21 eine Sonderstellung in Bezug auf die Frage der natürlichen Erkenntnis Gottes eingeräumt wird und die – obwohl die Rede unterschiedlich gewichtet wurde – bis in die konfessionelle Orthodoxie als Beweistext für eine solche Gotteserkenntnis verstanden und angeführt worden ist.[3] Besonders uneins ist man sich hinsichtlich der kurzen Notiz Apg 17,26 innerhalb der Rede auf dem Areopag und der genauen Bedeutung der καιροί (26bβ). Eine Klärung ist unerlässlich, da von der Interpretation der „Motivgruppe V. 26. 27 […] die Erklärung der ganzen Rede in gewisser Weise abhängig ist“[4], wie Martin Dibelius schon vor gut 60 Jahren notierte.

Abgesehen von eher dogmatisch orientierten Einzelvoten[5] lässt sich die Forschungslage in zwei Leseweisen einteilen:[6] Die eine Gruppe sieht in Apg 17,25–27 deutliche Anklänge an nacherzählende Topoi der biblischen Tradition und ihrer Schöpfungserzählungen, die andere versteht diesen Teil der Areopagrede als eine stoische Argumentation für einen Gottesbeweis angesichts der Ordnung des Kosmos. Beiden gemein ist die Auffassung, es gebe natürliche Offenbarung bzw. allgemeiner: einen Verweischarakter des Kosmos, der über denselben hinausgeht. Konkret für die Frage der καιροί in V.26bβ wird von einer Gruppe ‚Jahreszeiten‘ als adäquates Verständnis vorgeschlagen.[7] Etwa ebenso viele argumentieren, καιροί müsse mit V.26bγ zusammen gelesen werden, und schlagen infolgedessen eine Interpretation im Sinne von ‚historische Epochen‘ vor.[8] Hans Conzelmann wählt den Mittelweg, indem er, ohne eine veritable Alternativlösung zu bieten, summiert: „Überhaupt ist der Text mit der Alternative geschichtlich-philosophisch überfordert.“[9]

Im Folgenden soll nun eng an der Argumentation von Apg 17,26 entlang gegangen werden. Die καιροί sind dabei besonders im Blick auf das aufschlussreiche Aratos-Zitat auszuwerten (2). Ein Seitenblick auf Apg 14,15–17 als einzig andere Stelle zur allgemeinen Offenbarung in einer lukanischen Paulusrede soll sodann die Plausibilität des Erarbeiteten überprüfen (3).

2 Apg 17,26–27

(26a)

ἐποίησέν τε ἐξ ἑνὸς πᾶν ἔθνος ἀνθρώπων κατοικεῖν ἐπὶ παντὸς προσώπου τῆς γῆς,

Er hat aus einem Einzigen das ganze Menschengeschlecht geschaffen, dass sie auf der ganzen Fläche der Erde wohnen,

(26bα)

ὁρίσας

und er bestimmte

(26bβ)

προστεταγμένους καιροὺς

geordnete Zeiten

(26bγ)

καὶ τὰς ὁροθεσίας τῆς κατοικίας αὐτῶν

und die Grenzen ihrer Wohnstätten,

(27a)

ζητεῖν τὸν θεόν,

damit sie Gott suchten,[10]

(27b)

εἰ ἄρα γε ψηλαφήσειαν αὐτὸν καὶ εὕροιεν,

ob sie ihn wohl ertasten und erkennen mögen;

(27c)

καί γε οὐ μακρὰν ἀπὸ ἑνὸς ἑκάστου ἡμῶν ὑπάρχοντα.

ja auch wirklich[11] ist er nicht fern von einem jeden von uns.[12]

Der lukanische Paulus entscheidet sich in seiner Rede aufgrund der Anbetung des ἄγνωστος θεός dafür,[13] Gott als Schöpfer des Kosmos vorzustellen (24). So wird die Dichotomie zwischen der Seite Gottes und der des Kosmos deutlich, also der wesenhafte Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf. Alles Existente ist damit von Gott her zu verstehen, welcher jedoch im Kosmos nicht stoisch aufgeht. Im Gegenteil: Aufgrund der Erkenntnis, dass zur christlichen Gottesverehrung „nicht eine fehlende Gotteserkenntnis, sondern die [pagane] Abgötterei den Gegensatz bildet“[14], stellt der lukanische Paulus in der Probatio die Qualitäten des selbstsuffizienten ὁ θεὸς ὁ ποιήσας heraus. Da er aber zu Polytheisten und nicht Atheisten (16,22 f) spricht,[15] nimmt die Areopagrede in erster Linie keinen philosophischen Gottesbeweis vor – wie Dibelius meinte –, sondern Paulus präsentiert „basically Jewish monotheism and creation theology […] in its universal implications“[16] im Rahmen der Providenz Gottes, die natürlich – alttestamentlich-frühjüdisch wie stoisch – göttliche Existenz voraussetzt.[17] Der Anknüpfungs- und Ausgangspunkt der Rede ist also nicht: Gibt es einen Gott? Sondern: Wer ist der ἄγνωστος θεός wirklich und in welchem Bezug zum Menschengeschlecht steht er?

2.1 Der doppelte Auftrag an die Menschen (26a.27a)

Neben der – stets im Kontrast zum Götterdienst der angesprochenen Athener zu hörenden – allgemeinen Beschreibung der Schöpfung alles Geschaffenen[18] (24), seiner Selbstgenügsamkeit (25a) und seiner Lebenserhaltung[19] (25b) führt der lukanische Paulus im Speziellen die Schöpfung des Menschengeschlechtes an (26). In 17,24–27 hangelt er sich dabei an den Schöpfungserzählungen der Genesis entlang,[20] die ebenfalls zuerst die allgemeine Beschreibung der Schöpfung (Gen 1,1–2,3) und sodann die spezielle Erschaffung des Menschengeschlechts in den Blick nehmen (Gen 2,4–25). Dadurch wird ἐξ ἑνός recht eindeutig eine Referenz auf Adam sein[21] und ἐποίησεν ist als Vollverb im Sinne der Edenerzählung zu verstehen (17x in diesem Sinne in Gen 1–2).[22] Dieser Gott zeichnet sich durch ein zweifaches Beauftragen aus, was den Universalismus der Offenbarung[23] durch zwei koordinierte Infinitive ἐποίησεν – κατοικεῖν – ζητεῖν ausdrückt,[24] wobei beide doppelt bestimmt werden (26bβγ; 27bc). Diese Parallelstellung der beiden Infinitive als finale Infinitive ist sodann aus den folgenden Gründen die grammatisch naheliegende Konstruktion:

  1. wegen des so besser verständlichen ἐξ ἑνός, das noch dazu ohne Anfügung eines ἀνθρώπου auskommt;

  2. wegen der semantischen Klammer von κατοικεῖν und κατοικίας αὐτῶν und

  3. wegen der semantischen Nähe von ποιέω zu der schon in V.24 aufgeworfenen Schöpfungserzählung mit der Übersetzung ‚schaffen‘.

  4. Darüber hinaus ist eine koordinierende Partikel vor ζητεῖν grammatisch bei einem finalen Infinitiv nicht nötig.[25]

Der dem Menschen nach der Areopagrede zukommende doppelte Auftrag, dazu geschaffen zu sein, um zu wohnen und um Gott zu suchen, betrifft die physische sowie die spirituelle Dimension des Menschen.[26] Syntaktisch sind die beiden Infinitive κατοικεῖν – ζητεῖν parallel gestaltet, haben aber logisch nur bedingt dieselbe Funktion. Die beiden Infinitive „verhalten sich zueinander wie Grund und Folge: Gott hat den Menschen als seinen Geschöpfen die Erde als sicheren Wohnraum angewiesen, damit sie ihn als seine Geschöpfe suchen.“[27] Die Erde zu bevölkern und Gott zu suchen sind zwar zusammengehörige Aufträge Gottes an die Menschen, aber das göttliche Schaffen und Zuteilen von Wohnraum bildet die notwendige Voraussetzung dafür, den zweiten Auftrag auszuführen, nämlich die Gottessuche, die man als Folgerung aus dem ganzen Satz[28] in V.26 verstehen kann (also als finalen Infinitiv mit konsekutivem Nebensinn).[29] Gemäß dem drohenden Weltgericht (31) und dem dringlichen Umkehrruf (νῦν, 30) geht also das Wohnen dem Suchen zeitlich voraus. Das Suchen fungiert als beabsichtigte Folge des Wohnens, das darin (s)einen Sinn hat, sodass von teleologischer natürlicher Offenbarung zu sprechen ist.

Das biblische Bild des Wohnens der Menschen (26a) unterstützt den Gesamtduktus der Rede, denn nicht Gott bedarf einer Wohnung (24b mit betontem, hinten angestelltem κατοικεῖ), sondern er gibt seinen Geschöpfen eine Wohnung, nämlich die Erde – und nicht sie, die Geschöpfe, geben ihm eine Wohnung. Damit verbunden ist der Grundauftrag, dieselbe durch Fortpflanzung zu füllen (Gen 1,28), was durch Noahs Söhne nach der Flut (Gen 9,19) und Gottes Zerstreuung der Menschen wegen Babel (Gen 11,8) auch geschieht. Von dieser den physischen Bereich der Menschen definierenden Aussage her erhält nun auch der καιρός seine inhaltliche Bestimmung.

2.2 Die festgesetzten Zeiten (26bβ)

Im Sinne dieses Wohnens bestimmt der Partizipialsatz mit ὁρίσας das κατοικεῖν zweifach (26bβγ):[30] Einerseits hat der Schöpfergott das Wohnen zeitlich im Sinne der προστεταγμένοι καιροί und geographisch im Sinne der ὁροθεσίαι begrenzt. Für das Verständnis der Motivgruppe in V.26 sind die καιροί „the crucial word“[31]. Die Bedeutung von καιροί als Jahreszeiten, die klassisch eher mit ὧραι bezeichnet werden,[32] ist außer in Apg 14,17 (s. u.) im NT nicht nachweisbar. Der Begriffsinhalt ist also für unsere Stelle nicht völlig sicher zu erfassen.[33] Für eine hohe Plausibilität hinsichtlich der Bedeutung ‚Jahreszeiten‘ bedarf es einer klaren Determination entweder durch den größeren Kontext oder durch ein eindeutiges, zugeordnetes Adjektiv.[34] Für 26bβ bringt dies allerdings noch immer keine hinreichenden Hinweise, da sich solch ein attributives Partizip, das im Sinne eines Adjektivs die καιροί näher bestimmt, in προστεταγμένους findet, dieses nur hier im NT begegnende Syntagma aber schwerlich das Motiv der Erntezeiten aufruft.[35] Das Perfekt trägt resultativen Sinn und könnte das vor langer Zeit ein für alle Mal Festgesetzt-Sein der καιροί bestätigen, was auf Jahreszeiten wie Epochen zuträfe.[36] In diesem Sinne ist auch ὁρίσας als Partizip Aorist vorzeitig zum von ἐποίησεν abhängigen κατοικεῖν – ein Indiz für die Rezeption der Schöpfungserzählungen der Genesis, wo Gott vor der Erschaffung des Menschengeschlechtes alles andere schafft (Gen 1,26). Problematisch bleibt, dass das wiederum auf Jahreszeiten und historische Epochen zutreffen würde, die Gott zuvor bestimmt hat. Die καιροί werden in Gen 1,14 (εἰς καιρούς [LXX]), vgl. 8,22) zwar explizit neben Tagen und Jahren genannt, doch könnte dieses semantische Feld erneut auf Jahreszeiten oder menschliche Geschichte bzw. Epochen bezogen werden.[37] Der καιρός bezeichnet in der LXX, im klassischen sowie im ntl. Griechisch zumeist den „entscheidende[n] Zeitpunkt“[38]. Der Ausdruck kann aber auch eine zeitlich unspezifische Bedeutung haben und in der LXX ein „regelmäßig wiederkehrender“, „naturgesetzlich regulärer Zeitpunkt“[39] sein. Dies spräche durchaus für ‚Jahreszeiten‘, weniger für Epochen. Ruft man sich sodann die Gottesrede nach der katastrophalen Sintflut in Erinnerung, die eine Art Rekonstitution eines vorsintflutlichen Zustands darstellt, scheint auch die Nähe von Gen 1,14 zu Gen 8,22 in diese Richtung zu deuten. Eindeutig ist dies aber nicht, was die große Anzahl der Vertreter für die jeweils andere Auslegung verdeutlicht.

Mehr Klarheit schafft ein oft übersehenes Argument aus dem Kontext eines in Apg 17,28 bruchstückhaft zitierten poetischen Textes.[40] Trotz mancherlei Vorschläge findet sich die engste Übereinstimmung mit den einleitenden Versen aus dem Lehrgedicht des Aratos von Soloi Phainomena:

Apg 17,28c

Aratos, Phainomena 5[41]

τοῦ γὰρ καὶ γένος ἐσμέν

τοῦ γὰρ καὶ γένος εἰμέν

Das Zitat ist beinahe identisch und textkritisch für Apg unbestritten. Einzig findet sich bei Aratos das epische εἰμέν, was aber gleichbedeutend zum einfacheren, in der Koine zu erwartenden ἐσμέν zu verstehen ist. Ich folge der kurzen Argumentation von Mark Edwards, der aufgrund mangelnder sprachlicher und sekundär auch sachlicher Parallelen andere Zuschreibungen des Zitats ablehnt.[42] Doch ist zu fragen, ob ein solches Zitat Rezipienten des Lukas verständlich wäre, bedenkt man, dass Aratos mindestens 300 Jahre früher seine Phainomena – immerhin wohl in Athen – verfasst bzw. kompiliert hatte.[43] Für eine hohe Bekanntheit seines Werkes spricht seine breite Rezeption in der späten römischen Republik und der frühen Kaiserzeit. Er wurde nicht nur häufig übersetzt,[44] sondern von Cicero bis Manilius und Plinius dem Älteren breit besprochen und rezipiert.[45] Seine Schriften wurden ebenfalls ‚wissenschaftlich‘ kommentiert, etwa von den Mathematikern und Astronomen Hipparchos (190–120 v. Chr.) und Theon von Alexandria (ca. 335–405 n. Chr.).[46] Aufgrund dieser Bekanntheit des Aratos mag das auch bei den Rezipienten des Lukas vorstellbar sein.[47] Die Plausibilität dieser Annahme wird noch dadurch untermauert, dass sich die Passage in der Eröffnungsreflexion (1–18) des Gedichts befindet und daher durchaus als programmatisch angesehen werden darf.[48]

Das in daktylischen Hexametern gefasste Gedicht gliedert sich nach der Einleitung in zwei Hauptteile: Der erste Teil beschreibt ausführlich die 44 Sternbilder, ihre Positionen und Bewegungen am Himmel sowie ihre mythischen Ursprünge; der zweite Teil, oft „Diosemeia“ genannt, befasst sich mit meteorologischen Zeichen und Wettervorhersagen, die aus astronomischen Phänomenen abgeleitet werden. Die Eingangspassage thematisiert eine Beschreibung des Zeus und seine wundersame Versorgung der Menschen. Diese bewirke Zeus durch sein Setzen der Zeichen am Himmel (Phain 10) und daher durch sein Geben der günstigen Zeiten (δεξιαὶ ὧραι). Diese beziehen sich im Kontext eindeutig auf Jahreszeiten und natürliche Versorgung, da die von Zeus gegebenen günstigen Zeiten solche seien, die angäben, wann die Pflanzen umzugraben seien und die Saat auszuteilen sei, sodass alles trefflich wachse (ὄφρ᾿ ἔμπεδα πάντα φύωνται, Phain 13).[49] Zeus selbst habe die Zeichen am Himmel platziert (ἐστήριξεν, Phain 10), sodass sie den Menschen zur rechten Zeit die rechten Zeichen gäben für die fruchtbaren Zeiten (ὧραι, Phain 8).

Freilich spricht Aratos hinsichtlich seiner ‚günstigen Zeiten‘ nicht von καιροί, sondern verwendet klassisch ὧραι. Zu bedenken wäre hinsichtlich einer möglichen Referenzidentität von ὧραι und καιροί im semantischen Feld der Gezeiten und Jahreszeiten, dass ὧρα und καιρός eine partielle Sinnüberschneidung als „die für etwas bestimmte Zeit“[50] innewohnt. Daher ist eine wortidentische, eigentlich synonyme Anspielung der Motive aus dem Aratos-Zitat gar nicht unbedingt nötig, um durch das direkte Zitat 17,28 bei den gebildeten Rezipienten das Motivfeld der Jahreszeiten und Naturphänomene aufzurufen. Zudem verknüpft Lukas die Areopag-Rede über die καιροί als Stichwortverbindung mit der themenverwandten Rede in Apg 14,15–17, über die unten noch zu sprechen ist.

Es ist nicht nachvollziehbar, ob bei den Rezipienten durch das Zitat Phain 5 die gesamte Aratos-Passage mitgeschwungen hat, mitschwingen sollte oder nur die vom lukanischen Paulus zitierten Worte. Es sollte jedoch, wie oben angemerkt wurde, die exponierte Eröffnung des Werkes aufgrund der breiten antiken Rezeption des Aratos durchaus Bekanntheit gehabt haben. Thematisch finden sich auch sonst in Phain 1–18 Nähen zur Areopagrede. So sind sowohl Zeus (Phain 2–4.7) als auch Gott (Apg 17,24–25.26a) die, die den Lebensraum und das zum Leben Nötige geben. Dass also die gesamte Exposition (oder mindestens Phain 5–14) hier anklingt, scheint naheliegend. Entsprechend weisen alle Parallelen zu Aratos auf ein Verständnis von καιροί als Jahreszeiten bzw. fruchtbare Zeiten. Epochen sind wohl eher weniger im Blick.

3 Apg 14,15–17 als Testfall

Die summarische Rede des lukanischen Paulus[51] in Lystra (Apg 14,15–17) ist die einzige in Acta, die ebenfalls Vorstellungen von allgemeiner Offenbarung beinhaltet. Sie weist rhetorisch nur eine Anrede und eine kurze Narratio auf[52] und zielt inhaltlich auf eine Verhaltensänderung,[53] nämlich die Abwendung von den ‚nichtigen‘ Götzen zum lebendigen Gott, der sich in der Heilung des Lahmen soeben als lebendig und potent bezeugt hat (Apg 14,10–11). Wie in der Areopagrede sind auch hier die καιροί für die Argumentation von zentraler Bedeutung. Ebenfalls entsprechend zu Kapitel 17 kommt ihnen auch hier der Sinngehalt ‚Jahreszeiten‘ zu, was am semantischen Feld der Natur deutlich wird. Das zeigt sich insbesondere an der Koordination der καιροί mit dem Regen aus dem Himmel, der Vorstellung der Wohltat und Versorgung Gottes, der Speise als ihrem Ergebnis und dem zu den καιροί kongruenten Lemma καρποφόρος als Attribut. Dies wird nun im Kontext der Lystrapredigt in Kürze zu zeigen sein.

In der Logik der Rede wird der lebendige Gott zwei Mal in seinem Lebendig-Sein in Bezug auf die ἔθνη näher bestimmt (14,16.17) und eine Begründung gegeben, warum das Gesagte als Evangelium zur Umkehr führen soll (15). Zuerst nennt der lukanische Paulus das passive Handeln Gottes in der bisherigen Geschichte der ἔθνη, nämlich in seinem ‚Lassen‘ (εἴασεν πορεύεσθαι). Als ἔθνη bezeichnet Lukas zwar vornehmlich Nicht-Juden im Gegensatz zu Juden, doch kann er darunter auch wie in der verwandten Areopagrede (17,26) „alle Völker der Erde als in gleicher Weise von Gott geschaffen“[54] verstehen. Dass es sich hier um die Gesamtheit der Menschen handelt, zeigt der nähere Kontext von 14,17, wo die Selbstbezeugung Gottes auf eine allgemeine Erkenntnis in der Schöpfung spezifiziert wird. Das Motiv des Wandelns in seinen eigenen Wegen war auch von paganen Ohren als Lebensweg verständlich,[55] jedoch alttestamentlich durch das αὐτῶν negativ konnotiert.[56] Dabei ist das ‚Lassen‘ Gottes kein Zeichen der „indifference but patience“[57] im Sinne des Zurückhaltens des Gerichtes in Gerechtigkeit (Apg 17,31),[58] sondern Gott zeigte sich sogar als ihr Erhalter, obwohl sie ihn praktisch im Götzendienst verleugneten. Zudem entschied Gott damit negativ gesprochen auch, nicht zu ihren Gunsten in ihre Wege einzugreifen.[59] Nicht die fehlende Offenbarung Gottes brachte die ἔθνη in die Irre,[60] sondern die Nichterkenntnis derselben, wie V.17 impliziert. Parallel hierzu steht die Aussage 17,30, dass Gott über die Zeiten der Unwissenheit vermeintlich entschuldigend „hinweggesehen“[61] (ὑπεροράω) habe. Der Schlüssel liegt womöglich im bekannten Text SapSal 11,23, wo Gott „an den Sünden der Menschen vorbei[sieht]“[62] (παροράω), hier auch mit finalem[63] εἰς μετάνοιαν, also in Antizipation der Umkehr, nicht als Zeichen unbeteiligter göttlicher Kulanz.[64] Die Nähe zur Areopagrede und zu ihren Wurzeln in der biblischen Tradition ist deutlich.

Durch das für Lukas typische Stilmittel der Litotes[65] wird nun in 14,17 mit emphatischem καίτοι der soeben erwähnte, mögliche logische Fehlschluss vorweggenommen: „Gott hat sich sehr wohl auch den Heiden bezeugt“[66]; es lässt sich somit niemand von vorneherein durch seine Abstammung von der Verantwortung der rechten Gotteserkenntnis ausschließen. Die zwingend dafür nötige „Gottesoffenbarung[67] ist in der beziehungsschaffenden Schöpfung ergangen und als von Gott gewollte „creatio continua“[68] erhalten worden – mit der alttestamentlich zugrundeliegenden Annahme: „The daily experience of God’s kindness in the created order should teach us to thank him and honour him as God.“[69] Versteht man οὐκ ἀμάρτυρον im griechischen Sinne als „without witness“ bzw. als „unsupported by evidence“[70], ist das Folgende das zu Erwartende: die Auflistung der Zeugen bzw. Beweise seiner Selbstbezeugung,[71] mit denen es die paganen Hörer in ihrer bisherigen Existenz zu tun hatten.[72] Liest man diese kurze Rede als Missionspredigt gegen paganen Gottesdienst,[73] vor allem gegen Zeus, so wird dies klarer: Anders als Zeus wird Gott durch und durch und von jeher als lebendig und als Wohltäter vorgestellt.[74] In seinem Gutes-Tun ist er verlässlich und erhaltend. Damit steht er wohl nach dem lukanischen Paulus der Wankel- und Eigenwilligkeit der vielen Götter diametral entgegen.[75] Das Partizip Präsens ἀγαθουργῶν steht parallel zu θεὸς ζῶν und ist modales Adverb zu ἀφῆκεν. Das Gutes-Tun Gottes stellt den Oberbegriff des göttlichen Wirkens dar, das nun in 17bc expliziert wird.

Der lukanische Paulus erinnert durch die Verbindung von οὐρανόθεν und τὰς καρδίας ὑμῶν an den universalen Charakter des jüdischen Credos V.15b.[76] Wiederholt wird dies durch die Verquickung von Gott und Ernteertrag, die bereits in Ex 20,8–11 angelegt ist. Es ist die göttliche Wohltat des Ertrages, die zur Freude an der Nahrung und zur Dankbarkeit darüber Anlass gibt (Ex 20,10: שׁבת ליהוה).[77] Das οὐρανόθεν mag dazu mehr als die Richtung des fallenden Wassers beschreiben; es impliziert für die Rezipienten womöglich ferner, dass der Regen nicht etwa als Automatismus des geordneten Kosmos falle, sondern – ganz dem Denken der biblischen Tradition entsprechend – aus der benevolenten Herrschaft Gottes komme, der den verschlossenen Himmel den Menschen eröffnet. Die einzig angemessene Reaktion darauf ist der anerkennende Dank, der offenbar bei den Zuhörern fehlte.[78]

Das ähnlich klingende Paar ὑετοὺς διδούς (Homoioteleuton) und die stilvolle Alliteration καὶ καιροὺς καρποφόρους[79] lassen sich als logisches Hendiadys verstehen,[80] sodass man mit Otto Lagercrantz übersetzen kann: „fruchtbares Wetter durch Regen“[81]. Dass es sich hier aber nicht um spontanen Regenfall, sondern geordnete Regenzeit handelt, könnte (a) der Plural ὑετοὺς καὶ καιρούς implizieren, „um die wiederholte Erscheinung zu bezeichnen.“[82] καιρός (b) ist, wie bereits erwähnt, auch in der LXX – wenngleich selten – mit der Bedeutung ‚Jahreszeit‘ nachweisbar[83] und hat im klassischen wie im ntl. Griechisch die Denotation eines bestimmten, gesetzten Zeitpunktes,[84] sodass mit „rainy seasons correlative to harvest seasons“[85] im Sinne der Jahresordnung übersetzt werden könnte. Um diese Übersetzung jedoch berechtigt vornehmen zu können, muss eine Bedingung erfüllt sein. So weist Stephen G. Wilson darauf hin, dass καιροί nur dann Jahreszeiten heißen könne (und dann auch muss), wenn es durch ein Adjektiv oder den unmittelbaren Kontext vorgegeben ist.[86] Dies ist hier der Fall, und zwar sowohl durch den Kontext von V.17 als auch durch das kongruente Adjektiv καρποφόρος. (c) Des Weiteren ist die wichtige Rolle der Jahreszeiten (mit dem Begriff des καιρός) in den Gottesbeweisen aus der Naturordnung in der griechischen Philosophie weit verbreitet.[87] (d) Auch in der biblischen Tradition offenbart sich ein Gott, „der im Herbst und im Frühjahr rechtzeitig (κατὰ καιρόν) Regen spendet und uns die feste Ordnung der Erntewochen erhält“ (Jer 5,24).[88]

Somit ergibt sich für den Leser ein stimmiges Bild: Der lebendige Gott erschloss sich kontinuierlich und proaktiv durch die Früchte seiner Güte, durch den Zyklus von Regenfällen, wachsender Frucht und Ernte. Hier handelt es sich um die festgesetzte Ordnung der Jahreszeiten, da καιροί durch καρποφόροι eindeutig Jahreszeiten bezeichnen, die auch in der biblischen Tradition als Gottes Werk bekannt sind und philosophischen Gottesbeweisen der Zeit entsprechen. So konnotiert Lukas καιροί eindeutig. Die nächste Erwähnung findet sich erst wieder in Apg 17,26. Die Stichwortverbindung und die Nähe des Kontextes ist deutlich.[89] Lukas nimmt in Apg 14,17 eine Art semantisches Priming vor und sensibilisiert seine Rezipienten, sodass sie καιρός bzw. insbesondere καιροί im Sinne von Jahreszeiten verstehen konnten. Dieses Verständnis lässt sich sodann in der Areopagrede, der nächsten wichtigen Rede des lukanischen Paulus in Apg 14–17, problemlos abrufen und übertragen. Diese Rede kommt zwar mit weniger semantischen Markern als in Apg 14,17 aus, ist aber literarisch eng mit Apg 14,15–17 verwandt. Sollte in Apg 17,26 ein anderes Verständnis als in Apg 14,17 aufgerufen werden, hätte dies wohl deutlich markiert werden müssen.

4 Fazit

Zusammenfassend lassen sich für die Übersetzung mit ‚Jahreszeiten‘ in Apg 17,26 vor allem die naheliegende Möglichkeit der Gottessuche in den (wiederkehrenden, lebensnotwendigen und geordneten) Jahreszeiten, die Nähe zur Rede in Lystra (Apg 14,15–17) und insbesondere der bisher kaum beachtete Kontext des Zitates 17,28c in den Phainomena des Aratos nennen. Ein anderes Verständnis der καιροί ist semantisch nicht unmöglich, jedoch aufgrund fehlender Determination für Apg 17,26 wenig naheliegend.

Online erschienen: 2025-04-10
Erschienen im Druck: 2025-04-09

© 2025 the author(s), published by Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 6.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/znw-2025-0004/html
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