Am 28. November 1948 stirbt überraschend der stellvertretende Landrat des oberbayerischen Landkreises Schongau und christlich-soziale Landtagsabgeordnete Andreas Lang. Über 3000 Menschen nehmen Abschied in der kleinen Gemeinde Burggen – und dabei ist auch viel Prominenz: Landtagspräsident Michael Horlacher gibt sich ebenso die Ehre wie Alois Hundhammer, seines Zeichens Kultusminister und Vorsitzender der CSU-Fraktion im bayerischen Landtag. Selbstverständlich fehlt auch der Landrat nicht. Der junge Franz Josef Strauß gibt seinem Stellvertreter und Mentor das letzte Geleit. Woher wir das wissen? Im Nachlass des Verstorbenen findet sich ein eindrucksvolles Foto, auf dem diese Szene festgehalten ist. Der Nachlass von Andreas Lang (1896–1948) ist die jüngste Neuerwerbung des Archivs des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) und steht jetzt neben umfangreichen Beständen, die über die Geschichte christlicher Parteien nach 1945 Auskunft geben und häufig einen bayerischen Bezug haben.

Satzungsgemäß sammelt das IfZ-Archiv Unterlagen, die der Forschung des Hauses zuträglich sind und die staatliche Überlieferung ergänzen.[1] Die Akten werden geordnet, beschrieben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In bald 75 Jahren Sammlungstätigkeit haben sich einige Überlieferungsschwerpunkte gleichsam von selbst gebildet – zu anderen wurde aktive Akquise betrieben.[2] Ein solcher Überlieferungsschwerpunkt, der sich vor allem aus den verschiedenen Projekten des Instituts zur Geschichte Bayerns im 20. Jahrhundert ergeben hat, gruppiert sich um Entwicklung und Struktur von (Regional-)Parteien, die sich als christlich verstanden. Dabei handelt es sich sowohl um Nachlässe als auch Sammlungen von Historikern und Sozialwissenschaftlern sowie um Schriftgut aus Parteigeschäftsstellen. Da einst gewichtige Parteien wie die Bayernpartei heute weitgehend aus dem politischen Leben verschwunden sind und über kein Archiv verfügen, das diesen Namen verdient, kommt der Überlieferung im IfZ umso größere Bedeutung zu. In gewissem Sinne trifft das auch auf die CSU zu, da das Archiv für Christlich-Soziale Politik (ACSP) erst spät auf den Plan trat und vor allem Nachlässe bis in die 1980er Jahre anderswo gesammelt wurden. Das IfZ-Archiv ist sicher nicht die erste Anlaufstelle für Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker, die sich mit – bayerischer – Parteiengeschichte beschäftigen wollen, aber seine Bestände ergänzen und komplettieren die Überlieferung im ACSP oder im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in spezifischer Weise. Zur Orientierung bietet diese Notiz einen Überblick über einschlägige Materialien im IfZ-Archiv; darunter Nachlässe, Verbandsschriftgut, Manuskripte und mittelbar nützliche Bestände.[3]
Bayerische Volkspartei, Bayernpartei, Zentrum, Christlich-Soziale Union – diese politischen Parteien bilden den Referenzrahmen für die hier vorgestellten Akten.[4] Nachlässe unterschiedlichster Reichweite von herausragenden Vertretern wie Ministern, Vorsitzenden von Parteigliederungen oder Mitbegründern sind im IfZ-Archiv vorhanden. Es finden sich die Papiere der bayerischen Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Alois Schlögl und Joseph Baumgartner (zugleich zwischen 1954 und 1957 stellvertretender Ministerpräsident),[5] der Teilnachlass des Staatsministers für Verkehr Michael Helmerich sowie des Schongauer Landrats Andreas Lang, der zu den frühen Förderern und Mentoren von Franz Josef Strauß gehörte.[6] Deren schriftliche Hinterlassenschaft wird ergänzt durch umfangreiche Unterlagen etwa der Bayernpartei – einschließlich der Unterlagen von Jakob Fischbacher und Anton Berr –, Sammlungen zur Frühgeschichte der CSU und thematische Einzelbestände wie zur Spielbankenaffäre im Übergang von der Viererkoalition 1957 hin zur Koalitionsregierung von CSU, FDP und Gesamtdeutschem Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten in Bayern.[7]
Diese Bestände enthalten Erinnerungen, handschriftliche Notizen und Aufzeichnungen, Protokolle von Sitzungen diverser Parteigremien und -gliederungen, Korrespondenz zur programmatischen Ausrichtung, Unterlagen zu innerparteilichen Auseinandersetzungen und Kandidatensuche (seltener Kandidatinnensuche), Wahlkampfmaterial und auch Prozessakten. Dadurch ermöglichen sie tiefe Einblicke in die Geschichte der genannten Parteien. Bedeutende Persönlichkeiten zeigen sich ebenso wie die Menschen hinter den Ämtern,[8] auch regionale Unterschiede, spezifische Politikstile und in Vergessenheit geratene Themen lassen sich fassen. Dazu gehören etwa die Arbeiterkammern, die auf Betreiben von CSU- und CDU-Mitgliedern nach österreichischem Vorbild auch in der Bundesrepublik eingeführt werden sollten, um die Sozialpartnerschaft auf eine neue institutionelle Basis zu stellen. Wer sich dafür interessiert, sei auf den Bestand Bundesarbeitsgemeinschaft für Arbeitskammern (BAAK) verwiesen.[9]
Bei Recherchen zur Geschichte politischer Parteien werden Nachlässe aus dem diplomatischen Korps oder von Spitzenbeamtinnen und -beamten häufig übersehen, obwohl sie interessante Ergänzungen bieten können. Dieser Personenkreis war häufig eng mit bestimmten politischen Parteien verbunden, und diese Verbindung zeigt sich zumeist auch in den nachgelassenen Papieren, wenn auch in unterschiedlicher Tiefe und Dichte. Das IfZ-Archiv verwahrt den Nachlass des CDU-Politikers Walter Strauß, der zwischen 1949 und 1963 als Staatssekretär im Bundesjustizministerium fungierte, sowie die Nachlässe der Botschafter Alexander Böker, Heinz Krekeler, Werner Otto von Hentig, Dieter Sattler, Gerhard von Schwerin, Per Fischer, Maximilian Pfeiffer und Wilhelm Mayer; dazu kommt der Teilnachlass von Margarete Bitter, der ersten Frau im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik, die zur Konsulin ernannt wurde.[10]
Wie Parteien und ihr Personal in der Öffentlichkeit der Bonner Republik wahrgenommen wurden – darüber geben nicht zuletzt Sammlungen und Nachlässe von Medienvertretern und -vertreterinnen Aufschluss. Im IfZ-Archiv können Rundfunkkommentare und Korrespondentenberichte in den Beständen Robert Strobel, Georg Schröder, C. H. Meyer, Karl Lachmann und Walter Boess genutzt werden. Einschlägiges Material findet sich auch in den Unterlagen von Ingelore Pilwousek, die als Vertreterin der Gewerkschaften im Medienrat des Freistaats Bayern saß.[11] Dazu kommt die Sammlung des Historikers und Geschichtsdidaktikers Wolfgang Jacobmeyer, der etwa 3000 Manuskripte politischer Kommentare zu Problemen der deutschen Innenpolitik zwischen 1946 und 1952 zusammengetragen hat.[12] Die Perzeption der Parteien in der Gesellschaft steht auch im Mittelpunkt von Meinungsumfragen.[13] Dafür interessierten sich schon die Besatzungsbehörden, die noch vor Gründung der Bundesrepublik Untersuchungen anstellten. Im IfZ-Archiv finden sich wesentliche Teile der surveys amerikanischer Provenienz,[14] aber auch mehr als 70 Einzelbände mit Bezug zu namhaften Meinungsforschungsinstituten wie Emnid, Infratest, Allensbach, Sinus und infas.[15] In den Erhebungen geht es auch um Themen, die mit den christlichen Parteien, mit Regierungszeit und -personal zu tun haben. Gefragt wurde zu Sicherheits- und Bündnispolitik, Atomforschung sowie ganz wesentlich zur Sowjetischen Besatzungszone, zur DDR und zu einer möglichen Wiedervereinigung, also zu Politikbereichen, die christliche Parteien in Bayern und im Bund aktiv mitgestalteten. Zuweilen spitzten sich die Fragen auch auf einzelne Politiker zu: „Adenauer oder Schumacher?“
Gremienarbeit und Vernetzung, Mitgliedschaften in Vereinen und Verbänden prägen auch das (Berufs-)Leben von Parteifunktionärinnen und -funktionären. Enge Verbindungen von Abgeordneten christlicher Parteien bestanden etwa zum Berufsverband der katholischen Arbeitnehmerinnen in der Hauswirtschaft, dessen Unterlagen im IfZ aufbewahrt werden.[16] Wie die Arbeit in Verbänden so führt auch die Arbeit in Parteien und Parlamenten zu umfangreicher Korrespondenz mit Vertreterinnen und Vertretern anderer politischer Gruppierungen. Es empfiehlt sich also, auch auf Bestände zurückzugreifen, die nicht direkt mit dem eigenen Untersuchungsgegenstand zu tun haben. Was christliche Parteien betrifft, so findet sich im IfZ-Archiv Material – zumeist mit Bezug auf die Arbeit von Regierungen und Parlamenten – insbesondere in den Nachlässen von Wilhelm Hoegner, dem einzigen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Bayerns, und von Hildegard Hamm-Brücher, die ihre politische Karriere 1948 in München begann und für die FDP später bundespolitische Spitzenämter bekleiden sollte.[17]
Betrachten wir die Überlieferung anderer Parteien, wird klar, dass das IfZ-Archiv auch über diesen Umweg ausführliches Material zu christlichen Parteien bereithält: Die Deutschen Jungdemokraten (DJD), bis 1982 die Jugendorganisation der FDP, sind mit zwei umfassenden Sammlungen vertreten; die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) erarbeitete Gegenpositionen zu christlich-sozialer oder christlich-demokratischer Frauen- und Familienpolitik. Radikaler formulierten es in über 500 Bänden die Regionalverbände Rheinland-Pfalz und Südbayern der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP).[18]
Hier wie auch bei den Materialien des Komitees „Brecht statt Strauß“ hat man es im Wortsinn mit einer Gegen-Überlieferung zu tun. Die Aktivistinnen und Aktivisten arbeiteten sich wie die Außerparlamentarische Opposition (APO) um 1968, die Friedensbewegung und die Frauenbewegung über weite Strecken an der Politik (regierender) christlicher Parteien ab.[19] Einzelne Vorkommnisse in Bayern, wie etwa die Verhaftungen am und im Kommunikations- und Bürgerzentrum KOMM in Nürnberg im März 1981, wurden seitens der SPD und der Gewerkschaften sowie von autonomen Gruppen dokumentiert; die entsprechenden Unterlagen können im IfZ-Archiv recherchiert und eingesehen werden.[20] So ergänzen nicht-staatliche Überlieferungen die Akten staatlicher Archive, und es ist möglich, der Frage nach politischer Verantwortung auf breiter Quellengrundlage nachzugehen.
In anderer Weise eignen sich Bildquellen für rezeptionsgeschichtliche Forschungsansätze. Im IfZ-Archiv bieten sich die Bestände der Karikaturisten Peter Ohrenschall und Bernd Bruns an. Mit 4600 beziehungsweise über 9000 Originalvorlagen für die Jahre zwischen 1965 und 2014 finden sich hier Vertreter und Vertreterinnen der christlichen Parteien in Bayern und im Bund sowie politische Themen in tagesaktuellem Zusammenhang bildlich gefasst.[21] Bildquellen stellen auch die über 80 Plakate dar, die im IfZ-Archiv von (aber auch über) BVP, BP, CSU und CDU vorhanden sind. In der zeitgeschichtlichen Sammlung, einer nicht systematisch eingeworbenen Bestandsgruppe, liegen zudem aussagekräftige Papiere der Parteien und ihrer Gliederungen; nach Provenienz sortiert, handelt es sich vor allem um Wahlkampfunterlagen.[22]
Für wissenschaftliche Untersuchungen zur Geschichte christlicher Parteien ist insbesondere für die Zeit nach 1945 im IfZ-Archiv eine sehr breite Quellenbasis vorhanden, die Antworten auf viele Fragen liefern kann. Der Großteil der hier vorgestellten Archivalien lässt sich bequem über die online-Datenbank des IfZ-Archivs recherchieren; sie sind mit äußerst kurzen Bestellzeiten vor Ort nutzbar.
© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Artikel in diesem Heft
- Frontmatter
- Frontmatter
- Aufsätze
- Genese eines Feindbilds
- Zwischen Wehrmachtgemeinde und Gefängniszelle
- Die ausgebliebene Ahndung
- NS-Kontinuitäten oder persönliche Mythenbildung?
- Dokumentation
- Die „schwarze Pantherin“ vor Gericht
- Notiz
- Christliche Parteien in Westdeutschland und der Bundesrepublik nach 1945
- VfZ-Online
- Neu: Eine weitere Folge von „Ins Heft gezoomt“, ergänzende Materialien zu Ute Elbrachts Notiz in dieser Ausgabe sowie ein Beitrag von Margit Szöllösi-Janze im „Forum“
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