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Christliche Parteien in Westdeutschland und der Bundesrepublik nach 1945

Die Überlieferung im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte
  • Ute Elbracht EMAIL logo
Veröffentlicht/Copyright: 1. Oktober 2023
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Am 28. November 1948 stirbt überraschend der stellvertretende Landrat des oberbayerischen Landkreises Schongau und christlich-soziale Landtagsabgeordnete Andreas Lang. Über 3000 Men­schen nehmen Abschied in der kleinen Gemeinde Burggen – und dabei ist auch viel Pro­mi­nenz: Landtagspräsident Michael Horlacher gibt sich ebenso die Ehre wie Alois Hund­ham­mer, seines Zeichens Kultusminister und Vorsitzender der CSU-Fraktion im bayerischen Land­tag. Selbstverständlich fehlt auch der Landrat nicht. Der junge Franz Josef Strauß gibt seinem Stellvertreter und Mentor das letzte Geleit. Woher wir das wissen? Im Nachlass des Ver­stor­benen findet sich ein eindrucksvolles Foto, auf dem diese Szene festgehalten ist. Der Nachlass von Andreas Lang (1896–1948) ist die jüngste Neuerwerbung des Archivs des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) und steht jetzt neben umfangreichen Beständen, die über die Geschichte christlicher Parteien nach 1945 Auskunft geben und häufig einen bayerischen Bezug haben.

Satzungsgemäß sammelt das IfZ-Archiv Unterlagen, die der Forschung des Hauses zuträglich sind und die staatliche Überlieferung ergänzen.[1] Die Akten werden geordnet, beschrieben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In bald 75 Jahren Sammlungstätigkeit haben sich einige Überlieferungsschwerpunkte gleichsam von selbst gebildet – zu anderen wurde aktive Akquise betrieben.[2] Ein solcher Überlieferungsschwerpunkt, der sich vor allem aus den verschiedenen Projekten des Instituts zur Geschichte Bayerns im 20. Jahrhundert ergeben hat, gruppiert sich um Entwicklung und Struktur von (Regional-)Parteien, die sich als christlich verstanden. Dabei handelt es sich sowohl um Nachlässe als auch Sammlungen von Historikern und Sozialwis­sen­schaftlern sowie um Schriftgut aus Parteigeschäftsstellen. Da einst gewichtige Parteien wie die Bayernpartei heute weitgehend aus dem politischen Leben verschwunden sind und über kein Archiv verfügen, das diesen Namen verdient, kommt der Überlieferung im IfZ umso größere Be­deutung zu. In gewissem Sinne trifft das auch auf die CSU zu, da das Archiv für Christlich-Soziale Politik (ACSP) erst spät auf den Plan trat und vor allem Nachlässe bis in die 1980er Jahre anderswo gesammelt wurden. Das IfZ-Archiv ist sicher nicht die erste Anlaufstelle für Zeit­historikerinnen und Zeithistoriker, die sich mit – bayerischer – Parteiengeschichte be­schäf­ti­gen wollen, aber seine Bestände ergänzen und komplettieren die Überlieferung im ACSP oder im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in spezifischer Weise. Zur Orientierung bietet diese Notiz einen Überblick über einschlägige Materialien im IfZ-Archiv; darunter Nachlässe, Ver­bands­schrift­gut, Manuskripte und mittelbar nützliche Bestände.[3]

Bayerische Volkspartei, Bayernpartei, Zentrum, Christlich-Soziale Union – diese politischen Par­teien bilden den Referenzrahmen für die hier vorgestellten Akten.[4] Nachlässe un­ter­schied­lichs­ter Reichweite von herausragenden Vertretern wie Ministern, Vorsitzenden von Partei­glie­de­rungen oder Mitbegründern sind im IfZ-Archiv vorhanden. Es finden sich die Papiere der bayerischen Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Alois Schlögl und Joseph Baumgartner (zugleich zwischen 1954 und 1957 stellvertretender Ministerpräsident),[5] der Teilnachlass des Staatsministers für Verkehr Michael Helmerich sowie des Schongauer Landrats Andreas Lang, der zu den frühen Förderern und Mentoren von Franz Josef Strauß gehörte.[6] Deren schriftliche Hinterlassenschaft wird ergänzt durch umfangreiche Unterlagen etwa der Bayernpartei – einschließlich der Unterlagen von Jakob Fischbacher und Anton Berr –, Sammlungen zur Frühgeschichte der CSU und thematische Einzelbestände wie zur Spiel­ban­ken­affäre im Übergang von der Viererkoalition 1957 hin zur Koalitionsregierung von CSU, FDP und Gesamtdeutschem Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten in Bayern.[7]

Diese Bestände enthalten Erinnerungen, handschriftliche Notizen und Aufzeichnungen, Pro­to­kol­­le von Sitzungen diverser Parteigremien und -gliederungen, Korrespondenz zur pro­gram­ma­ti­schen Ausrichtung, Unterlagen zu innerparteilichen Auseinandersetzungen und Kan­di­da­ten­­su­che (seltener Kandidatinnensuche), Wahlkampfmaterial und auch Prozessakten. Dadurch er­möglichen sie tiefe Einblicke in die Geschichte der genannten Parteien. Bedeutende Per­sön­lich­keiten zeigen sich ebenso wie die Menschen hinter den Ämtern,[8] auch regionale Un­ter­schie­de, spezifische Politikstile und in Vergessenheit geratene Themen lassen sich fassen. Dazu gehören etwa die Arbeiterkammern, die auf Betreiben von CSU- und CDU-Mitgliedern nach ös­ter­reichischem Vorbild auch in der Bundesrepublik eingeführt werden sollten, um die So­zialpartnerschaft auf eine neue institutionelle Basis zu stellen. Wer sich dafür interessiert, sei auf den Bestand Bundesarbeitsgemeinschaft für Arbeitskammern (BAAK) verwiesen.[9]

Bei Recherchen zur Geschichte politischer Parteien werden Nachlässe aus dem diplomatischen Korps oder von Spitzenbeamtinnen und -beamten häufig übersehen, obwohl sie interessante Ergänzungen bieten können. Dieser Personenkreis war häufig eng mit bestimmten politischen Par­teien verbunden, und diese Verbindung zeigt sich zumeist auch in den nachgelassenen Papieren, wenn auch in unterschiedlicher Tiefe und Dichte. Das IfZ-Archiv verwahrt den Nach­lass des CDU-Politikers Walter Strauß, der zwischen 1949 und 1963 als Staatssekretär im Bun­des­justizministerium fungierte, sowie die Nachlässe der Botschafter Alexander Böker, Heinz Kre­keler, Werner Otto von Hentig, Dieter Sattler, Gerhard von Schwerin, Per Fischer, Maxi­mi­lian Pfeiffer und Wilhelm Mayer; dazu kommt der Teilnachlass von Margarete Bitter, der ers­ten Frau im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik, die zur Konsulin ernannt wurde.[10]

Wie Parteien und ihr Personal in der Öffentlichkeit der Bonner Republik wahr­ge­­nommen wurden – darüber geben nicht zuletzt Sammlungen und Nachlässe von Me­dien­ver­tre­tern und -ver­treterinnen Aufschluss. Im IfZ-Archiv können Rundfunkkommentare und Kor­res­pon­den­ten­berichte in den Beständen Robert Strobel, Georg Schröder, C. H. Meyer, Karl Lachmann und Wal­ter Boess genutzt werden. Einschlägiges Material findet sich auch in den Unterlagen von In­gelore Pilwousek, die als Vertreterin der Gewerkschaften im Medienrat des Freistaats Bayern saß.[11] Dazu kommt die Sammlung des Historikers und Geschichts­di­dak­ti­kers Wolfgang Ja­cobmeyer, der etwa 3000 Manuskripte politischer Kommentare zu Prob­le­men der deutschen In­nenpolitik zwischen 1946 und 1952 zusammengetragen hat.[12] Die Perzeption der Parteien in der Gesellschaft steht auch im Mittelpunkt von Meinungsumfragen.[13] Dafür interessierten sich schon die Besatzungsbehörden, die noch vor Gründung der Bundesrepublik Untersuchungen anstellten. Im IfZ-Archiv finden sich wesentliche Teile der surveys amerikanischer Provenienz,[14] aber auch mehr als 70 Einzelbände mit Bezug zu namhaften Meinungsforschungsinstituten wie Emnid, Infratest, Allensbach, Sinus und infas.[15] In den Erhebungen geht es auch um Themen, die mit den christlichen Parteien, mit Re­­gierungszeit und -personal zu tun haben. Gefragt wurde zu Sicherheits- und Bündnispolitik, Atom­­forschung sowie ganz wesentlich zur Sowjetischen Besatzungszone, zur DDR und zu einer möglichen Wiedervereinigung, also zu Politikbereichen, die christliche Parteien in Bayern und im Bund aktiv mitgestalteten. Zuweilen spitzten sich die Fragen auch auf einzelne Politiker zu: „Adenauer oder Schumacher?“

Gremienarbeit und Vernetzung, Mitgliedschaften in Vereinen und Verbänden prägen auch das (Be­rufs-)Leben von Parteifunktionärinnen und -funktionären. Enge Verbindungen von Ab­ge­ord­neten christlicher Parteien bestanden etwa zum Berufsverband der katholischen Arbeitneh­me­rinnen in der Hauswirtschaft, dessen Unterlagen im IfZ aufbewahrt werden.[16] Wie die Arbeit in Verbänden so führt auch die Arbeit in Parteien und Parlamenten zu umfangreicher Kor­res­pon­denz mit Vertreterinnen und Vertretern anderer politischer Gruppierungen. Es empfiehlt sich also, auch auf Bestände zurückzugreifen, die nicht direkt mit dem eigenen Untersuchungsgegenstand zu tun haben. Was christliche Parteien betrifft, so findet sich im IfZ-Archiv Material – zumeist mit Bezug auf die Arbeit von Regierungen und Parlamenten – ins­be­sondere in den Nachlässen von Wilhelm Hoegner, dem einzigen sozialdemokratischen Mi­nis­ter­präsidenten Bayerns, und von Hildegard Hamm-Brücher, die ihre politische Karriere 1948 in München begann und für die FDP später bundespolitische Spitzenämter bekleiden sollte.[17]

Betrachten wir die Überlieferung anderer Parteien, wird klar, dass das IfZ-Archiv auch über diesen Umweg ausführliches Material zu christlichen Parteien bereithält: Die Deutschen Jung­de­mokraten (DJD), bis 1982 die Jugendorganisation der FDP, sind mit zwei umfassenden Samm­lun­gen ver­treten; die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) erarbeitete Ge­gen­­po­si­tio­nen zu christlich-sozialer oder christlich-demokratischer Frauen- und Fa­mi­lien­po­li­tik. Ra­di­ka­ler for­mulierten es in über 500 Bänden die Regionalverbände Rheinland-Pfalz und Süd­bayern der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP).[18]

Hier wie auch bei den Materialien des Komitees „Brecht statt Strauß“ hat man es im Wortsinn mit einer Gegen-Überlieferung zu tun. Die Aktivistinnen und Aktivisten arbeiteten sich wie die Au­ßerparlamentarische Opposition (APO) um 1968, die Friedensbewegung und die Frau­en­bewegung über weite Strecken an der Politik (regierender) christlicher Parteien ab.[19] Einzelne Vor­­komm­nis­se in Bayern, wie etwa die Verhaftungen am und im Kommunikations- und Bür­ger­zentrum KOMM in Nürnberg im März 1981, wurden seitens der SPD und der Ge­werk­schaf­ten sowie von autonomen Gruppen dokumentiert; die entsprechenden Unterlagen können im IfZ-Archiv re­cherchiert und eingesehen werden.[20] So ergänzen nicht-staatliche Überlieferungen die Akten staatlicher Archive, und es ist möglich, der Frage nach politischer Verantwortung auf breiter Quel­lengrundlage nachzugehen.

In anderer Weise eignen sich Bildquellen für rezeptionsgeschichtliche For­schungs­ansätze. Im IfZ-Archiv bieten sich die Bestände der Karikaturisten Peter Ohrenschall und Bernd Bruns an. Mit 4600 beziehungsweise über 9000 Originalvorlagen für die Jahre zwischen 1965 und 2014 fin­den sich hier Vertreter und Vertreterinnen der christlichen Parteien in Bayern und im Bund so­­wie politische Themen in tagesaktuellem Zusammenhang bildlich gefasst.[21] Bild­­quellen stellen auch die über 80 Plakate dar, die im IfZ-Archiv von (aber auch über) BVP, BP, CSU und CDU vorhanden sind. In der zeitgeschichtlichen Sammlung, einer nicht syste­ma­tisch eingeworbenen Bestandsgruppe, liegen zudem aussagekräftige Papiere der Parteien und ihrer Gliederungen; nach Provenienz sortiert, handelt es sich vor allem um Wahlkampfunterlagen.[22]

Für wissenschaftliche Untersuchungen zur Geschichte christlicher Parteien ist insbesondere für die Zeit nach 1945 im IfZ-Archiv eine sehr breite Quellenbasis vorhanden, die Antworten auf viele Fragen liefern kann. Der Großteil der hier vorgestellten Archivalien lässt sich bequem über die online-Datenbank des IfZ-Archivs recherchieren; sie sind mit äußerst kurzen Bestell­zeiten vor Ort nutzbar.

Online erschienen: 2023-10-01
Erschienen im Druck: 2023-09-30

© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Heruntergeladen am 2.2.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/vfzg-2023-0041/html
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