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Elsa B. Kania: Battlefield Singularity: Artificial Intelligence, Military Revolution, and China’s Future Military Power. Washington D.C.: Center for New American Security, November 2017.

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Published/Copyright: May 30, 2019

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Kania Elsa B. Battlefield Singularity: Artificial Intelligence, Military Revolution, and China’s Future Military Power Washington D.C. Center for New American Security November 2017


China setzt sich das ambitionierte Ziel, innerhalb von zehn Jahren das weltweit führende Innovationszentrum für Künstliche Intelligenz (KI) zu werden und die Militarisierung der Technologie mit einer nationalen Strategie der military-civil fusion voranzutreiben. Momentan befinde sich das Reich der Mitte in einer Phase der Spekulation und des Experimentierens, so Elsa B. Kania. Strukturelle Asymmetrien in der Organisationsstruktur, der Führungskultur sowie dem Technologieverständnis zwischen den USA und China könnten dazu führen, dass KI unterschiedlich in die militärischen Streitkräfte integriert wird. Das künftige wirtschaftliche und militärische Machtverhältnis sei abhängig vom relativen Erfolg in der Entwicklung und Nutzung dieser kritischen Technologie.

Die chinesische Regierung strebt mit dem ambitionierten New Generation AI Development Plan an, bis 2030 das weltweit führende Innovationszentrum von KI zu werden. Die höchste Führungsebene, so Kania, erachte die Technologie als wesentlicher Aspekt künftiger ökonomischer und militärischer Macht. Neben dem Aufbau nationaler Kompetenzen solle der Rückstand auf die USA in Sachen Spitzenforschung durch eine Go out-Strategie – Fusionen mit und Übernahmen von ausländischen Firmen, Risikokapitalinvestitionen, Aufbau von Forschungs- und Entwicklungszentren im Ausland – vermindert werden. Folgende drei systemische Vorteile könnten China in der Entwicklung von KI begünstigen: die Bereitstellung von umfangreichen finanziellen Mitteln durch die chinesische Regierung; ein großes Potential an Humankapital, welches durch umfassende Bildungsprogramme gezielt geschult werden soll; sowie die Verfügbarkeit einer großen Menge an Daten.

Basierend auf der nationalen Strategie der military-civil fusion verfolge die Volksbefreiungsarmee (VBA) eine expansive Forschungs- und Entwicklungsagenda, um zukünftige Fortschritte in der KI für die Verbesserung von militärischen Fähigkeiten nutzen zu können. Die Entwicklung von Dual-Use-Technologien solle gefördert und die Grenzen zwischen zivilen und militärischen Forschungs- und Technologieressourcen aufgehoben werden. Zum jetzigen Zeitpunkt sei man sich in China der Wichtigkeit von neuen technologischen Trends und deren militärischen Nutzung bewusst, weil man bei der vergangenen informationstechnologischen Militärrevolution nicht mit den USA habe Schritt halten können und den Grad an „Informatisierung“ verpasst habe, der für die moderne Kriegsführung entscheidend war. Die VBA beabsichtige die momentane Transformation der Kriegsführung auszunutzen, um in der zukünftigen „intelligenten“ Kriegsführung nicht nur konkurrenzfähig, sondern führend zu sein. Obwohl sich das strategische Denken der VBA bezüglich der militärischen Anwendung von KI momentan noch in einem frühen Stadium befinde, seien richtungsweisende militärische Innovationen möglich.

Strukturelle Asymmetrien in der Organisationsstruktur, der Führungskultur sowie im Technologieverständnis der beiden Grossmächte könnten zu divergierenden Herangehensweisen bezüglich KI führen und eine unterschiedliche militärische Internalisierung der Technologie zur Folge haben. Im Bericht werden fünf Aspekte diskutiert:

  1. Mit der nationalen Strategie der military-civil fusion sei die VBA eher in der Lage, Fortschritte des Privatsektors im Bereich der KI für die Militarisierung der Technologie zu nutzen. Die Versuche des US-Verteidigungsministeriums (DoD), eine engere öffentlich-private Zusammenarbeit mit der Tech-Community anzustreben, stünden jedoch derzeit noch vor großen Herausforderungen.

  2. Durch strategische Planung auf höchster Führungsebene und der Verbindung von top-down- und bottom-up-Ansätzen könnte die VBA am Beginn einer umfangreichen Agenda der Intelligentization von militärischen Fähigkeiten stehen. Im Gegensatz dazu scheine sich das US-Militär auf begrenztere Anwendungsbereiche der KI mit unmittelbaren Einsatzmöglichkeiten zu fokussieren.

  3. Die VBA könnte KI als effiziente Kompensationsmaßnahme für die gegenwärtigen Herausforderungen im Bereich qualifizierten Humankapitals erachten. Gekoppelt mit einem grundsätzlichen Mangel an Vertrauen in menschliches Personal führe dies möglicherweise dazu, dass KI als verlässlicher als Menschen angesehen werde. Das DoD hingegen verfolge einen bewusst humanzentrischen Ansatz. Es stelle sich die Frage, ob die USA eine „KI-Kultur“ schaffen könne, in der menschliche Operatoren der KI vertrauen und sie effektiv nutzen können.

  4. Die VBA erachte einen höheren Automatisierungsgrad bezüglich der Unterstützung von Entscheidungen auf Führungsebene durch KI wahrscheinlich eher als attraktiv. China spekuliere beispielsweise mit möglichen Szenarien wie der Battlefield Singularity, wo die menschliche Kognition auf dem Schlachtfeld nicht mehr mit der durch KI ermöglichten Entscheidungsgeschwindigkeit und dem Kampftempo mithalten und der Homo Sapiens folglich „aus dem Loop“ genommen werden könne. Das DoD konzentriere sich jedoch vor allem auf Interaktionen von Mensch und Maschine und habe wiederholt bekräftigt, dass es nie „wahre Autonomie“ anstreben werde.

  5. Die mögliche Militarisierung von KI werde in der USA eher von rechtlichen und ethischen Faktoren sowie der öffentlichen Meinung beeinflusst. Im Gegensatz dazu seien solche Aspekte in China bislang nur begrenzt diskutiert worden. Zudem könnte sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Chinas offizieller Position und der tatsächlichen Umsetzung einstellen.

Im letzten Teil liefert die Autorin eine umfassende Palette an relevanten Handlungsempfehlungen an die Adresse der amerikanischen Regierung und des Verteidigungsministeriums. Es sei hier lediglich auf drei zentrale Punkte verwiesen. Erstens sollten künftige Innovations- und Kompetitionsbestrebungen des DoDs auf einem differenzierten Verständnis des strategischen Denkens der VBA und deren Fortschritte bei der militärischen Nutzung von KI basieren. Zweitens müsse die USA kritische strategische Technologien schützen und gleichzeitig die Unvermeidbarkeit der technologischen Diffusion anerkennen. Drittens sei es elementar, dass die US-Regierung Grundlagenforschung und angewandte Forschung im Bereich der KI gezielt fördere sowie die öffentlich-private Zusammenarbeit vorantreibe.

https://www.cnas.org/publications/reports/battlefield-singularity-artificial-intelligence-military-revolution-and-chinas-future-military-power

Published Online: 2019-05-30
Published in Print: 2019-05-27

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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