Home Religion, Bible & Theology Die Muttersprache, die schweigt, und die Stiefmuttersprache, die erzählt. Zu Aharon Appelfelds Sprachpoetik zwischen Deutsch und Hebräisch
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Die Muttersprache, die schweigt, und die Stiefmuttersprache, die erzählt. Zu Aharon Appelfelds Sprachpoetik zwischen Deutsch und Hebräisch

  • Judith Müller ORCID logo EMAIL logo
Published/Copyright: October 21, 2024

Abstract

Ausgehend vom Begriff Grenzsprache untersucht der Aufsatz den Appelfeld’schen zentraleuropäischen Raum unter Einbezug der erzählten Sprachen einerseits sowie die Relation von Mehrsprachigkeit, der deutschen und der hebräischen Sprache andererseits. Die hebräischsprachigen Texte Appelfelds behandeln oft deutschsprachige Figuren in einem multilingual geprägten Raum. Im vorliegenden Aufsatz werde ich den Roman כל אשר אהבתי [Alleswas ich liebte, 1999] analysieren und anhand der Erzählung von Räumen, der Figurensprache und der Thematisierung von Mehrsprachigkeit das Deutsche und weitere Sprachen im Hebräischen hervorheben. Es wird zu beobachten sein, dass sich liminale Lebensformen nicht nur in der Biographie, sondern auch im Schreiben finden: In anderen Worten, die sprachliche Transgression führt zur Schaffung einer persönlichen Literatursprache, die Appelfelds Beziehung zu seinen Sujets aber auch zur Leserschaft prägt.

1 Einleitung

Die amerikanische Intellektuelle Gloria Anzaldúa bezeichnete in ihrem bekanntesten Band Borderlands/La Frontera. The New Mestiza, erschienen 1987, vor allem staatliche Grenzen als künstlich. Sie demonstrierte gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen die Produktivität des Grenzüberschreitens: einerseits im Band selbst, der Lyrik und Essay vereint und daher strikte Genregrenzen ablehnt, andererseits durch das Thematisieren unter anderem der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko und dem Leben als Latina zwischen den Kulturen. Besonders interessant erscheint ihr Konzept der Grenzsprachen; Idiome, die aus mehreren Sprachen aufgebaut sind – in ihrem Fall Englisch und Spanisch. Während diese die Konventionen von Grammatiken und Wörterbüchern sprengen, argumentierte Anzaldúa dennoch gegen die Inkorrektheit der Grenzsprachen. Tatsächlich seien diese, im Gegensatz zu den künstlich gezogenen Grenzen, natürlich und lebendig. Diese Idiome überwänden die Willkürlichkeit der von Menschen deklarierten Grenzen.[1]

Die Verbindung von einem durch staatliche Grenzen geprägten Raum mit dem Phänomen der Mehrsprachigkeit bildet den Auftakt zu diesem Aufsatz. Die Grenzgängererfahrung ist Aharon Appelfelds Figuren immanent. Ähnlich wie in Anzaldúas Konzept ist diese Erfahrung oft nicht selbst gewählt, sondern wird bestimmt durch die historischen und kulturellen Umstände – die Sprachsituation von Spanischsprachigen in Amerika einerseits und einer durch Traditions- und Sprachbrüche geprägten Minderheit in Zentraleuropa andererseits –, in denen sich die Figuren bewegen. Durch Appelfelds Texte richtet sich unser Blick auf die literarische Darstellung des zentraleuropäischen Raumes[2] der Zwischenkriegszeit in der Prosa. Darüber hinaus soll der Kontext der Entstehung diskutiert werden; biografische Erfahrungen spiegeln sich in zahlreichen Aspekten der Literatur. In seinen Romanen und Novellen blickt der israelische Schriftsteller Appelfeld zurück auf die Welt seiner Kindheit sowie auf den Untergang eines multikulturellen, multinationalen und multilingualen Raumes aufgrund nationalistischer Interessen und der nationalsozialistischen Besatzung, der einherging mit der Vernichtung des europäischen Judentums.

Aharon Appelfeld wurde 1932 geboren und wuchs unter dem Namen Erwin in einem kleinen Ort in der Nähe von Czernowitz auf. Er durchlebte eine behütete Kindheit, auch wenn diese durch die Veränderungen im zentraleuropäischen Judentum und die damit verbundenen Brüche zwischen den Generationen geprägt war. Während seine Großeltern noch in enger Verbindung mit der Tradition standen und im Jiddischen ihre sprachliche Heimat hatten, redeten die Eltern unter sich sowie mit ihrem Sohn Deutsch. Die Idylle zerbrach schließlich mit dem zunehmenden Einfluss der Nationalsozialist*innen. Die Mutter wurde bereits beim Einmarsch der Wehrmacht 1941 ermordet, Erwin und sein Vater wurden in ein transnistrisches Arbeitslager deportiert.[3] Dem neunjährigen Jungen gelang die Flucht, und er überlebte den Holocaust in den Wäldern Osteuropas. Dann wanderte er über Italien nach Palästina aus, wo er 1946 ankam. Zu diesem Zeitpunkt war seine Muttersprache, Deutsch, unter einer Decke aus Russisch, Jiddisch, Rumänisch und Ruthenisch verschwunden, und er musste darüber hinaus Hebräisch lernen, die Sprache in der er schließlich sein Werk verfasste.[4]

Im Folgenden werde ich den Lokationen und Dislokationen[5] in der Sprache Appelfelds nachspüren, denn er forderte in seinem Schreiben Sprachgrenzen[6] heraus: Seine hebräischen Texte behandeln oft deutschsprachige Figuren in einem multilingual geprägten Raum. Dazu werde ich vor allem den Roman כל אשר אהבתי [Alles, was ich liebte, 1999] analysieren und anhand der Erzählung von Räumen, der Figurensprache und der Thematisierung von Mehrsprachigkeit das Deutsche und weitere Sprachen im Hebräischen hervorheben. Da die Frage der Sprache vor allem im Kontext von Grenze und Grenzüberschreitung zu beleuchten sein wird, werden einleitend verschiedene Themenkomplexe, die diesen Kontext herstellen, angesprochen: die Konzeption Zentraleuropas als grenzfreier Raum, hybride Identitäten und die Bedeutung der deutschen und hebräischen Sprache für Aharon Appelfelds Schaffen.

2 Ambige Grenzen und hybride Sprachräume

In zahlreichen Novellen und Romanen bewegen sich Appelfelds Figuren in einem scheinbar grenzfreien Raum, der sich erstreckt zwischen kulturellen Zentren, oft nicht weiter benannten kleinen Städten und traditionellen Orten in den Karpaten. Yigal Schwartz zeigt auf, dass die Koordinaten des Appelfeld‘schen Erzählraumes einem systematischen Schema unterliegen: ein historisches und fiktionales Dreieck aus Punkten im Zentrum und der Peripherie, beispielsweise Wien in Kombination mit einem Städtchen in den Karpaten und einem weiteren kleinen Dorf im ländlichen Raum.[7] Verbunden sind diese Koordinaten durch die Bewegung der Figuren.

Die Mehrdeutigkeit der Grenzen determiniert den Erzählraum in den Romanen und Novellen Appelfelds. So muss festgehalten werden, dass der Referenzraum mit dem Ende des Ersten Weltkrieges in Nationalstaaten aufgeteilt wurde, was sich im erzählten Raum Appelfelds aber nicht widerspiegelt. Vielmehr entspricht der erzählte Raum einem Zentraleuropa, das von Wien über Budapest und Lviv, von den Alpen zu den Karpaten und von der Donau zum Prut reicht. Innerhalb dieses Raumes scheint es keine staatlichen Grenzen zu geben, und dennoch überschreiten die Figuren konstant Grenzen oder verschieben ihre eigenen. Diese Grenzen sind nicht staatlich und auch nicht fixiert, aber sie markieren kulturelle, sprachliche, gesellschaftliche und nationale Unterschiede:[8] Die Figuren bewegen sich von der Peripherie ins Zentrum und zurück, gehen von der Stadt aufs Land und wechseln von einem literarischen Kanon, der Namen wie Schnitzler, Wassermann, Kafka und Zweig beinhaltet, zu den chassidischen Geschichten und Schriften, die Martin Buber sammelte und herausgab. Sie verlassen das Säkulare, um zur Tradition zurückzukehren, oder konvertieren vom Judentum zum Christentum. Der Erzähler erschafft einen ambigen Grenzraum, der sich nicht allein auf eine Linie, sondern auf den gesamten Lebenskontext der Figuren bezieht. Auch der neunjährige Paul, Protagonist des Romans Alles, was ich liebte bewegt sich konstant in einem solchen Raum. In diesem Aufsatz soll der Fokus auf den sprachlichen Herausforderungen liegen, denen Appelfelds Figuren in einem multi-ethnischen Umfeld ausgesetzt sind, bevor ich dann der Frage der Erzählsprache nachspüre.

3 Grenzen: Raum für Begegnung und Hybridität

Moderne und postmoderne Denker*innen haben sich immer wieder mit Grenzen auseinandergesetzt.[9] Auch in der postkolonialen Theorie spielt das durch Grenzen verursachte Dazwischen als Ausgangspunkt zu einer hybriden Identität eine zentrale Rolle.[10] Der Kulturwissenschaftler und Autor Dirk Hohnsträter stellt in seinem Essay “Lob des Grenzgängers” neben einem Blick auf die Begriffsgeschichte auch fest, dass border writing dann entsteht, wenn nicht der Moment des Grenzübertritts die eigentliche Handlung darstellt, sondern vielmehr ein andauernder Gang auf Grenzen als Orte des Dazwischen.[11] Erst diese Orte ermöglichten Grenzbegegnungen[12] und folglich postmoderne “liminale Lebensformen und Denkweisen”, die die modernen “transgressiven Gebärden” des Grenzübertritts ablösen.[13] Blickt man auf Appelfelds Leben und Werk, so fällt auf, dass sich diese Entwicklung vom grenzüberschreitenden Akt hin zur liminalen Lebensform nicht nur biografisch, sondern auch im Schreiben nachvollziehen lässt. Transgression und Liminalität spielen dabei in die Sprachentwicklung und die Schöpfung einer persönlichen Literatursprache mit hinein.

Appelfelds biografische Spracherfahrung prägt sein Schreiben. Nicht nur seine Kindheit, sondern auch der zusätzliche Spracherwerb während des Versteckens und Flüchtens in den Wäldern und schließlich in Italien führten dazu, dass Appelfelds Muttersprache bei seinem Eintreffen in Israel tief verborgen war. Darüber hinaus ging der Sprachverlust und -erwerb einher mit der Suche nach Identität und einer Wanderbewegung sowie einem Gefühl des Entwurzelt-Seins, das ihn eng verbindet mit jüdischer Geschichte.[14] Das neuerliche Erlernen einer Sprache war verwoben mit Schwierigkeiten, die tiefer lagen als der eigentliche Lernprozess: Die Bedeutung der hebräischen Sprache innerhalb des zionistischen Diskurses ließ sich nur schwer mit Appelfelds Empfinden vereinbaren, denn sie implizierte die ideologische Verdrängung der diasporischen jüdischen Kultur und war somit eng verbunden mit dem anfänglich für Appelfeld ebenfalls herausfordernden Umgang der israelischen Gesellschaft mit dem Holocaust. Dennoch wurde diese Sprache, die er einst seine Stiefmuttersprache nannte, zum Ausdrucksmittel seines literarischen Schaffens. Bereits in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre begann Appelfeld zu publizieren; zuerst Kurzgeschichten, schließlich Romane. Diese spielen einerseits in Israel, andererseits in den Wäldern Osteuropas zur Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie im Zentraleuropa der Zwischenkriegszeit. Der Fokus dieses Beitrags liegt auf den Letzteren. Der Rückblick ist frei von Nostalgie.[15] Immer wieder scheint das Grauen des Holocaust bereits in der Luft zu liegen. Dies liegt vor allem darin begründet, dass Appelfeld – auch wenn Texte während des Zweiten Weltkriegs spielen – nicht auf die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialist*innen fokussiert,[16] sondern zeigt, dass es bereits vor deren Gewaltherrschaft zahlreiche Konflikte gab und Antisemitismus schon lange ein zentrales Problem im Alltag der jüdischen Figuren bildete. Daher bleibt Appelfelds Schreiben über den Holocaust oft abstrakt, denn

from Appelfeld’s perspective, the mass starvation, constant street murders, and beatings of the Warsaw Ghetto are as contaminated material as the gas chambers themselves […]. His narratives of the Shoah take place among the secularized Jews of Austria and its eastern border states, and when the world of the surrounding Aryan majority is directly visualized, it is always in the form of peasants, minor officials, and morally compromised, but not blatantly sadistic fellow-townsmen […].[17]

Dieses komplexe Geflecht aus alltäglichen Anfeindungen bereits vor und zunehmend mit dem Zweiten Weltkrieg trägt weiter zum ambivalenten Verhältnis der Sprachen untereinander, aber auch der Figuren zur Sprachenvielfalt bei: Antisemitismus wird in Appelfelds Erzählen nicht allein einer Sprache zugeschrieben, verbale Gewalt existiert in allen Sprachen mit Ausnahme der erzählenden Sprache, der Stiefmuttersprache, dem Hebräischen. Dennoch ist auch sie kontaminiert, denn sie erschafft die Erzählung und transportiert das Erzählte zu den Leser*innen.

Trotz der von Michael A. Bernstein angesprochenen scheinbaren Ferne zu nationalsozialistischer Brutalität bleibt zu vermerken, dass die Vernichtung des europäischen Judentums in einem Großteil der Texte Appelfelds eine zentrale Rolle spielt, selbst dann, wenn sie nicht als solche benannt wird. Diese Tatsache führt zu einer emotionalen Diskrepanz mit Blick auf die Sprache, denn die Sprache der organisierten Vernichtung und der SS ist Deutsch, die Sprache, die auch konnotiert ist mit Kindheit, vertrauten Texten und Autor*innen, Theatergängen und bürgerlicher Bildung. Die ambige Sprachbeziehung wird besonders in der bekannten Novelle באדנהיים עיר נופש (Badenheim 1939) dargestellt:[18] Tief verwurzelt in der deutschsprachigen Kultur und Literatur erscheinen die Figuren als unfähig, die sich ebenfalls in der deutschen Sprache ankündigenden Gewalttaten gegen sie zu lesen. Chaya Shacham argumentiert in ihrer Analyse des Textes, dass die Protagonist*innen einerseits ihre jüdische Identität hinter der österreichischen Mundart verstecken könnten, gleichzeitig im Laufe der Handlung diese Fassade Risse bekäme, durch die immer mehr polnische und jiddische Ausdrücke brächen.[19] Die sich anbahnende Bedrohung werde in einem Sprachstil ausgedrückt, der lediglich die wesentlichsten Gegebenheiten benenne und so das eigentliche Geschehen verberge.[20]

Auch weitere Forschende sind bereits auf Appelfelds Verhältnis zur Sprache und besonders die sprachliche Vielschichtigkeit in seinen Texten eingegangen. Beispielhaft zu nennen sind die vielen Leerstellen in den Texten, ein Stummsein, das sich vor allem bei Kinderfiguren manifestiere, so Tamar S. Drukker. Drukker kontextualisiert Appelfelds Werk in der Holocaust-Literatur und untersucht zwei Texte, die diesen Fokus rechtfertigen. Der Autor wie auch seine Figuren verweigerten den Gebrauch von Worten, um die Geschehnisse zu fassen, für die es keine Sprache gebe. In diesem Sinne fungiere Hebräisch als “translation of a language that does not exist”.[21] Shachar Pinsker greift die Vorstellung von Übersetzung auf, wenn er konstatiert, dass sich Appelfelds Werke für israelische Leser*innen mitunter fremd anfühlten. Grund dafür sei das Erahnen von Jiddisch und Deutsch im hebräischen Text.[22] Während Appelfelds Schreiben stark von der jiddischen Literatur beeinflusst wurde und Appelfeld selbst in Interviews die Bedeutung seiner Studien bei Dov Sadan[23] herausstreicht,[24] verweist Pinsker auch auf die nicht eindeutige Position der jiddischen Sprache als Muttersprache im wortwörtlichen Sinne. Pinsker betont, dass Appelfelds Mutter Deutsch sprach,[25] doch Jiddisch wiederum war die Sprache ihrer Mutter.

Jenseits der Frage nach der emotionalen Bedeutung, aber auch schreibenden Funktion der Sprache bleibt das Erbe der Mehrsprachigkeit und die Kultur eines multilingualen Raumes als formendes poetologisches Element. Michal Ben Horin kommt folglich zum Schluss, dass in Appelfelds Werken ein “transgressive space through which the other languages can be heard” entstehe.[26] David Suchoff betont die kulturelle Nähe zu Franz Kafka, der für Appelfeld als Zugang zum eigenen mehrsprachigen Erbe europäisch-jüdischer Kultur vor dem Zweiten Weltkrieg diente.[27] Während genauer zu untersuchen wäre, inwiefern diese mehrsprachige Kultur ihren Weg in die israelische Prosa fand, ist diese Beobachtung für Appelfeld und sein Schaffen sicherlich zutreffend,[28] denn: “Appelfeld’s Hebrew […] has claimed Kafka’s diaspora, non-Hebrew inheritance.”[29]

4 Der mehrsprachige Raum in Alles, was ich liebte

Der junge Protagonist Paul in Alles, was ich liebte wächst ebenfalls in einer hybriden Sprachumgebung auf. Er entwickelt sich im Laufe des Romans zu einer Figur, die ununterbrochen an die Grenzen der eigenen Sprache stößt, indem Paul lernt, dass er sich nicht allen gegenüber in dieser verständlich machen kann und seine Sprache nicht von allen genutzt wird und er selbst nicht jeden Menschen verstehen kann. Gleichzeitig sind die Grenzen zwischen den Sprachen nicht absolut. Tatsächlich ist Paul eine postmoderne Figur, die nicht Grenzen überschreitet, sondern sich im sprachlichen Grenzraum entfaltet. Darüber hinaus wird deutlich, dass der multilinguale Raum zwar Sprachen nicht begrenzt und ihm Mehrsprachigkeit auch in Personen inhärent ist, dennoch stoßen diese sehr viel schneller an sprachliche Grenzen, wenn sie die anderen gesprochenen Idiome nicht verstehen. In Pauls alltäglichem Umfeld gibt es hierfür zwei Beispiele: Das Jiddisch im Synagogenhof und das ruthenische[30] Mädchen, Halina, das bei ihm und seiner Mutter im Haushalt arbeitet.

Halina spricht nicht fließend Deutsch, während Paul kaum Ruthenisch beherrscht. Daher stellt Paul fest, “לדבר קשה לנו [zu sprechen fällt uns schwer]”.[31] Diese erschwerte Kommunikation begründet er aber weniger mit einem Mangel an Sprachwissen, sondern vor allem mit der Verwurzelung in der jeweiligen Muttersprache: “שפת אמי היא גרמנית ושפתה של הלינה רותנית [Meine Muttersprache ist Deutsch, und Halinas Sprache ist Ruthenisch].”[32] Interessant ist hier, dass die intergenerationale Weitergabe der Sprache bei Paul betont wird, denn es ist die Rede von seiner Muttersprache, bei Halina fällt diese Verknüpfung aber weg: Ruthenisch ist ihre Sprache ganz ohne Bezug zur Mutter. Die matrilineare Weitergabe der Sprache, die dadurch eine Zugehörigkeit erzeugt, die über den Sprecher*innenkreis hinausgeht, trennt Halina und Paul zwar, doch hindert sie sie nicht, eine enge Beziehung zueinander aufzubauen und sich auch in der Kommunikation zu versuchen. Sie beabsichtigen, sich in ihrem jeweiligen Sprachraum zu begegnen: “יום יום היא לומדת מלים חדשות ומיד משתמשת בהן, גם אני לומד, אבל לא בחריצות כזו [Tag für Tag lernt sie neue Wörter und benutzt sie sofort, auch ich lerne, aber nicht mit solch einem Fleiß].”[33] Darüber hinaus bringt sein Akzent im Ruthenischen Halina zum Lachen.[34] Er hingegen bewundert ihren Akzent: “הלינה לא מדברת היטב גרמנית ואמא מתקנת לה את השגיאות, אבל אני אוהב את נימת קולה ואת האופן שבו היא הוגה את המלים [Halinas Deutsch ist nicht perfekt, und Mutter korrigiert ihr die Fehler, aber ich liebe den Ton ihrer Stimme und die Art wie sie die Wörter ausspricht].”[35] Diese Episode über Sprachkenntnisse legt mehrere Punkte offen: 1) Der Zugang von Pauls Mutter ist ein gänzlich anderer als jener von Paul; die Mutter strebt Perfektion an und stellt damit das Regelwerk der deutschen Sprache in den Vordergrund, während er, bedingt durch Gefühle der Bewunderung und Zuneigung, Halinas Sprechen als schön empfindet. 2) Zwischen den Sprachen gibt es eine Hierarchie: Die Anforderungen an Halina sind höher; sie ist auch wirtschaftlich von ihren Deutschkenntnissen abhängig, während für Paul der Erwerb der ruthenischen Sprache vor allem aus Freude und Interesse an der Person geschieht. 3) Einem Sprechen, das Grenzen in Frage stellt und Raum schafft für menschliche Begegnungen, geht es nicht um Perfektion. Die Authentizität der Kommunikation zwischen Paul und Halina, ähnlich wie die Authentizität der Grenzsprachen bei Anzaldúa, gründet sich nicht auf Reinheit und eine akzentfreie Aussprache, sondern auf deren natürliche Entstehung und Entwicklung.

Verlässt Paul das Haus, trifft er nur wenige Schritte entfernt im Synagogenhof, wo er alten Juden begegnet, auf eine weitere Sprache, die die Grenzen der österreichisch-ungarischen Bürgerlichkeit und seines Deutsch weiter verschiebt: Jiddisch. Die grammatikalische Grundlage und große Teile des Wortschatzes kommen aus dem Deutschen, über die Jahre entwickelten sich neue Formen und Aussprachen. Darüber hinaus wurden mehr slawische Ausdrücke mitaufgenommen, während vor allem religiöse Begriffe direkt dem Hebräischen entlehnt und als Loshn Koydesh ins Jiddische integriert wurden. Für Paul, der sprachlich hoch sensibilisiert ist und Deutsch als seine Muttersprache spricht, ist es nicht allzu schwer, den Gesprächen zu folgen. Er bemerkt zu dieser Erfahrung: “הם מדברים בשפה בלולה, בהיגוי זר, ובולעים את ההברות, אבל משהו בכל זאת אני מבין [Sie sprechen in einer vermischten Sprache, mit einem fremden Akzent und verschlucken die Silben, aber dennoch verstehe ich etwas].”[36] Hier erreicht die Hybridität von Pauls sprachlicher Umgebung ein neues Niveau, denn es ist nicht mehr allein die Begegnung von verschiedenen Sprachen, die durch das Zusammentreffen mit unterschiedlichen Menschen bedingt ist. Vielmehr erfährt Paul die Überlagerung vieler verschiedener Einflüsse zu einer ganz eigenen Sprache: Jiddisch verkörpert die Vielfalt der sprachlichen Erfahrungen von Jüdinnen*Juden über Jahrhunderte in Europa. Paul teilt diese Erfahrung nur bedingt, seine Eltern wollten ihm eine andere Sprachtradition mitgeben. Daher kann er zwar die alten Juden im Hof verstehen, doch selbst Jiddisch zu sprechen ist ihm nicht gegeben. So bleibt er stumm, als ihn der Kioskbesitzer auf Jiddisch anspricht; eine neue Sprachgrenze tut sich auf, die einen Austausch und Verständigung verhindert.[37]

Durch das Aufweichen der Sprachgrenzen nimmt Paul die Hybridität des Raumes, in dem er lebt, an. Zwar haben beide Beispiele gezeigt, dass Verständigung nicht ohne Herausforderungen möglich ist, doch bringt das Kind Freude am Erlernen von Neuem sowie eine allgemeine Neugier mit. In ihrer Einleitung zu einem Band über hybride Kulturen schreiben Elisabeth Bronfen und Marius Benjamin: “Das Subjekt ist Knoten- und Kreuzungspunkt der Sprachen, Ordnungen, Diskurse, Systeme wie auch der Wahrnehmungen, Begehren, Emotionen, Bewußtseinsprozesse, die es durchziehen.”[38] Diese Hybridität finden wir nicht nur in Paul, sondern auch anderen literarischen Subjekten des Appelfeld’schen Erzählkosmos. Wie wir weiter oben bereits feststellen konnten, ist den Figuren der Texte Appelfelds darüber hinaus die Bewegung – sei sie physisch oder auch nur mental – zwischen Zentrum und Peripherie immanent. Im zentraleuropäischen Raum sind diese Bukowiener, ein Wortspiel, mit dem Marianne Windsperger eine Figur bezeichnet, die das kulturelle Zentrum in Wien (Wiener) mit den östlichen Peripherien, der Bukowina, verbindet.[39] Hierdurch und in der folglich resultierenden Durchmischung von Zuschreibungen fordert der Bukowiener herkömmliche Eingrenzungen bei Identitätskonstruktionen heraus, auch, aber nicht nur, in der Sprache. Gleichzeitig ist die Tendenz langfristig eine andere und die Hinwendung zur Bukowina nur eine kleine Bewegung gegen den Strom. Appelfeld erkennt daher in Texten wie Samuel Yosef Agnons אורח נטה ללון [Nur wie ein Gast zur Nacht, 1939][40] Entwicklungen wieder, die dem Zerfall des osteuropäischen Judentums entsprechen, dem er in seiner Kindheit beiwohnte.[41] Dieser Zerfall ging einher mit einer sprachlichen Eingrenzung: vom Multilingualen zum Monolingualen und der Übernahme des Deutschen infolge assimilatorischer Prozesse. Die negative Perzeption der “Ostjuden” beförderte diesen Prozess weiter; die Loslösung bezog sich entsprechend nicht mehr nur auf die religiösen Aspekte des Lebens, sondern auch auf die Tradition als Ganzes, sie schloss eine Distanzierung von Texten und Sprachen mit ein. Yigal Schwartz fasst diese Entwicklung unter Einbezug der Appelfeld’schen Literaturwelten in Zentraleuropa wie folgt zusammen:

למעשה, זו קהילה המייצגת בצורה הגבישית והטהורה ביותר את המודרניות; קרי, את האירופיות, את הנאורות, את הקדמה וכדומה. הייצוג המזוקק הזה הוא, על פי אפלפלד, מקור כוחה ויופייה של קהילה זו, אך גם מקור כישלונה ואסונה. שכן מי שדבקו במודרניות הטוטלית הזאת ששו להיפטר משורשיהם השבטיים-לאומיים, שנתפסו בעיניהם מכוערים ואנאכרוניסטיים, בלי שיהיו מודעים לכך שהניתוק הזה פירושו דעיכת הכמיהה הרליגיוזית, ובעקבות כך – כפי שעולה מכל שורה ושורה בכתביו המאוחרים של אפלפלד – אובדן של כושר החיים.

[Tatsächlich handelt es sich um eine Gemeinschaft, die die Moderne in ihrer reinsten und kristallinsten Form repräsentiert; das heißt, die Europäizität, die Aufklärung, den Fortschritt und dergleichen. Diese destillierte Darstellung ist laut Applefeld die Quelle der Stärke und Schönheit dieser Gemeinschaft, aber auch die Quelle ihres Scheiterns und ihrer Katastrophe. Denn diejenigen, die an dieser totalen Modernität festhielten, wollten ihre stammesnationalen Wurzeln loswerden, die sie als hässlich und anachronistisch empfanden, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass diese Trennung den Niedergang religiöser Sehnsüchte bedeutete und in der Folge – wie aus jeder Zeile in Applefelds späteren Schriften hervorgeht – einen Verlust der Lebensfähigkeit].[42]

Auch Pauls eigene hybride Sprachwelt zerbricht im Laufe des Romans. Zu Beginn scheint er noch mit Leichtigkeit Sprachgrenzen zu überschreiten und in seinem ganz individuellen hybriden Raum zu leben. Gerade die beiden Beispiele, seine Sprachbeziehung zu Halina einerseits sowie die Begegnung mit den Juden im Synagogenhof andererseits, zeigen dies deutlich. Paul verliert diese Fähigkeit nicht, doch die Umstände, die zunehmende Einengung und Gewalt führen zu einem Verlust an Begegnungsmöglichkeiten.

5 Die Muttersprache, die schweigt? Literarisches Erbe und Kindheitserfahrung

Appelfelds Muttersprache, die Sprache seiner Mutter, schweigt in seinen Texten. Sie kommt als Ausdrucksform nicht vor und ist dennoch omnipräsent. Die komplexe Beziehung zwischen Bedeutungsaufgeladenheit und Schweigen spielt auch, interessanterweise gerade für die deutschsprachigen Figuren, in Alles, was ich liebte mit hinein. So führt das zerrüttete Verhältnis von Pauls Eltern bereits vor der eigentlichen Trennung und dem daraus resultierenden Nicht-mehr-miteinander-Sprechen nicht nur zum Schweigen unter Mutter und Vater,[43] sondern auch bei Paul selbst: “גם אני למדתי שלא להפר את השתיקה, והייתי יושב על הרצפה ומשחק דומינו [Auch ich lernte das Schweigen nicht zu brechen, und ich saß auf dem Boden und spielte Domino].”[44] Die deutsche Sprache unterliegt dadurch den persönlichen Verwerfungen und verschwindet nicht nur aufgrund der Tatsache, dass die Erzählsprache Hebräisch ist, sondern überlässt dem Hebräischen auch die Beschreibung des In-ihr-Schweigens.

Dennoch ist die deutsche Sprache kontinuierlich präsent in Appelfelds Schreiben, aber vor allem in seinem Nachdenken über seine Beziehung zu dieser Sprache und ihren vielen Schichten. Dabei spielen die zentraleuropäischen Einflüsse erneut eine Rolle, denn sie prägten die Sprache und führten zu besonderen Charakteristika, so Appelfeld unter anderem in einem Interview mit Nili Gold:

My first language was German. This was not German German, it was Jewish German, because it was not in the center, it was on the border between East and West. It was Judaized. Therefore it’s a very soft German, a very soft German. As Kafka spoke and has written this Austro-Hungarian Jewish German.[45]

Die Erwähnung Kafkas ist zentral für das Verständnis von Appelfelds literarischem Verhältnis zur deutschen Sprache, das schließlich prägend wird für sein Schreiben. Wie Lincoln Shlensky bereits ausführt, sieht sich Appelfeld in direkter Linie und literarischer Tradition von Kafka.[46] Diese Tradition beinhaltet auch eine “essentially Jewish sensibility”[47] und begründet Appelfelds Identifikation als jüdischer und nicht ausschließlich israelischer Schriftsteller. Dahingegen kommt das Jüdischsein der Figuren gerade in den zentraleuropäischen Geschichten und vor allem, wenn sie sich sehr über die deutsche Sprache beziehungsweise die deutschsprachige Kultur identifizieren, wenig zum Ausdruck. Hier klaffen der Inhalt der Werke und die grundlegende Poetik, das heißt die Verwurzelung des Schreibens in der diasporischen Kultur, auseinander. Gleichzeitig spiegelt diese Diskrepanz die Dilemmata eines deutschsprachigen, sich säkularisierenden Judentums in Zentraleuropa.

Jenseits von Kafka werden weitere, auch auffällig viele deutschsprachig-jüdische Schreibende zum Teil der literarisch-kulturellen Requisiten in Appelfelds Erzähltexten. Immer wieder fallen Namen wie Jakob Wassermann und Arthur Schnitzler. Sie geben die Zugehörigkeit und Identität der Figuren wieder, nur selten wird direkt auf ihr Jüdischsein verwiesen. Dies meist nur, wenn einzelne Figuren auf der Suche nach der verlorenen Tradition sind oder wenn eine, ähnlich wie bei Jean-Paul Sartre und Jean Améry, angelegte Zuschreibung von außen stattfindet. Gerade wenn sich Figuren wieder mit der eigenen Tradition auseinandersetzen, geschieht dies auch vor dem Hintergrund der Bedrohung.[48] Martin Buber spielt dabei eine Schlüsselrolle: Durch die in deutscher Sprache herausgegebenen chassidischen Erzählungen wird den deutschsprachigen Figuren eine Welt geöffnet, der sie sich gleichzeitig verbunden und entfremdet fühlen.

Auch für Appelfeld war die Entdeckung der kulturellen Traditionen seiner Vorfahren ein wichtiger Schritt, gerade auch für seine schriftstellerische Entwicklung. Die Lektüre Kafkas verband ihn nicht nur mit der deutschen Sprache, sondern auch mit der Kultur der Diaspora. Das Erlernen der jiddischen Sprache und der Kontakt zu seinen vor allem aus Europa stammenden Dozierenden an der Hebräischen Universität trugen weiter zur Vertiefung dieser Beziehung bei. Diese Menschen wussten, was es bedeutete, herumzuwandern, die europäische Heimat verloren zu haben, und sie hatten eine tiefe Verbindung zu einer sehr spezifischen Facette des Judentums, die zwar die diasporische Kultur und Tradition beinhaltete, aber nicht notwendigerweise in religiöser Form ausgelebt wurde. Dieses Zusammenspiel umwebt schließlich auch die deutsche Sprache und Appelfelds Schreiben auf Hebräisch. So berichtete er, dass er lange bevorzugt in einem Café schrieb, in dem zahlreiche eingewanderte Menschen verkehrten, sodass sein Schreibprozess von einem für ihn hörbaren Sprachgemisch begleitet wurde.[49] Das eigene Sprechen in mehreren Sprachen lag für ihn aber nach der Ankunft in Palästina und vor allem nach dem Erwerb seiner “willingly, unwillingly […] adoptive language”,[50] Hebräisch, in der Vergangenheit. Folglich betonte er im Interview “I spoke a lot of languages.”[51] Daraus lässt sich schließen, dass auch Appelfeld verschiedene Momente des Stummseins durchschritt. So verstummte seine Muttersprache, Deutsch, unter dem Einfluss der vielen weiteren Sprachen, die der junge Erwin auf der Flucht erlernte. Der Schriftsteller beschrieb sich selbst als nahezu stumm nach seiner Ankunft in Palästina und lernte erst mit dem Hebräischen wieder sprechen.[52] Die hebräische Sprache und die neu erworbene Fähigkeit, sich in ihr auszudrücken, wird zur Grundlage von Appelfelds Werk. Dennoch wird zu beobachten sein, dass diese Sprache nie den Dialog aufgibt mit der Mehrsprachigkeit des Umherziehens einerseits und der verstummten Muttersprache andererseits.

6 Hebräisch: Die multiperspektivische Literatursprache

Wie bereits deutlich wurde, geht der Erwerb der hebräischen Sprache bei Appelfeld einher mit der Auseinandersetzung mit der diasporischen Sprachkultur und der Entdeckung der jiddischen Literatur im Rahmen des Universitätsstudiums in Jerusalem. Diese Wiederbegegnung mit der kulturellen Vergangenheit der Eltern und Großeltern bildet, gemeinsam mit der biografischen Erfahrung, die Grundlage für Appelfelds Poetik des nostalgiefreien Erinnerns in der israelischen Gegenwart. Mit hinein in diese Poetik spielt auch das verstummte Deutsch, das zwar nicht selten die Rolle der Figurensprache einnimmt, aber dennoch nicht zu Wort kommt, da die inneren Monologe sowie Dialoge auf Hebräisch wiedergegeben werden. Appelfelds Texte sind daher latent mehrsprachig, da sie eine “einsprachige Oberfläche”[53] aufweisen.

Anhand der obigen Ausführungen wurde deutlich, dass in Alles, was ich liebte Hebräisch als erzählte Sprache nur in seiner diasporischen Form als Loshn Koydesh inkorporiert ins Jiddische auftaucht. Gleichzeitig bildet Hebräisch die Essenz des Appelfeld’schen literarischen Kosmos, sie ist die erzählende Sprache, die schließlich alle anderen überlagert. Im Text dominiert das Hebräische ähnlich, wie die Sprache auch in der israelischen Gesellschaft nach der Staatsgründung dominierte, sie überdeckt die Sprachen der Einwanderer*innen, doch verstummen diese nicht ganz. In Appelfelds Texten kommen sie zu Wort durch das Medium des Hebräischen: Die Sprache des Autors unterdrückt sie nicht, sondern vermittelt den Erfahrungshorizont und die kulturelle Tradition der in ihnen lebenden Figuren an ein israelisches Publikum. Appelfelds Hebräisch konfrontiert israelische Leser*innen mit dem, was das zionistische Hebräisch der ersten Jahrzehnte nach der Staatsgründung verschweigen wollte.

Die Literatur Aharon Appelfelds enthält Elemente des Transfers und der Übersetzung,[54] die in der Forschung immer wieder diskutiert wurden, wie oben unter Rückgriff auf Publikationen von Pinsker und Kahan-Newman bereits erläutert wurde.[55] Darüber hinaus identifizierte Sidra DeKoven Ezrahi in Romanen von Holocaustüberlebenden “salient marks of a translated idiom“.[56] Diese Transferprozesse mögen zwar in der israelischen Literatur in den Jahrzehnten nach der Staatsgründung ungewöhnlich gewesen und ablehnend betrachtet worden sein, jedoch sind sie einer Literatur in hebräischer Sprache immanent. Selbst Yigal Schwartz, der sich an verschiedenen Stellen dafür ausspricht, Appelfeld als israelischen Autor und seine Themen und Texte als israelische Themen und Texte zu lesen, führt hebräische Erzählweisen auf einen diasporischen Kontext zurück: Es gebe, so Schwartz, stilistische Einflüsse, die zentral- und osteuropäisches jüdisches Schreiben prägten, und diese Trennung wirke sich bis in die hebräisch-israelische Literatur aus.[57] Schwartz unterscheidet dabei weniger räumlich als vielmehr nach Erzähltraditionen, einer eher mündlich geprägten, die aus dem Ansiedlungsrayon erwuchs, und einer eher schriftlich geprägten. Gemäß dieser stilistischen und daher auch sprachästhetischen Trennung stand Appelfeld ebenfalls unter zentraleuropäischem Einfluss.[58] Neben Appelfeld nennt Schwartz generationen- und raumüberschreitend Beispiele wie David Vogel, Yoel Hoffman, Gershon Shofman und Ruth Almog.[59]

Hervorzuheben bleibt, dass die von Schwartz angeführten Beispiele ebenfalls in Kontexten des Transfers entstanden und teilweise Übersetzungselemente aufweisen. In der Tat bemerken israelische Leser*innen bei einem Blick in die hebräische Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der Zwischenkriegszeit in Europa sprachfremde Elemente, die einerseits daher rühren, dass sich Sprache dynamisch weiterentwickelt, und andererseits die hebräische Literatursprache jener Zeit in einem multilingualen Kontext entstand und Autor*innen die großen Werke in den Originalen und nicht in der Übersetzung rezipierten. Liest man also Appelfeld nicht ausschließlich in einem israelischen, sondern im Kontext der modernen hebräischen Literatur, erscheint diese sprachliche Grenzüberschreitung als Norm und Tradition, die an Schreibende wie David Vogel anschließt. In deren Texten wird Hebräisch zu einer europäischen Literatursprache, die eine von vielen Zugehörigkeiten der Schreibenden verkörpert, ohne ihre Verwurzelung in anderen kulturellen und literarischen Netzwerken auszuschließen. Für Appelfelds Texte bedeutet dies, dass sie sich in einem literarischen Grenzraum bewegen. Sie sind zweifelsohne in hebräischer Sprache verfasst, doch sie entfalten sich zwischen einem Rückbezug auf die moderne hebräische Literatur in Europa und einer Anknüpfung an das israelische Erzählen. Folglich ist es nicht die Sprache des Schreibenden, die Grenzen überschreitet, denn das Hebräische als Erzählsprache bildet den Rahmen der Erzählungen und nimmt auch andere Sprachen in sich auf, sie wird zu ihrem Medium. Dieses Medium ermöglicht israelischen Leser*innen den Grenzübergang in eine andere Welt. Es ist die hebräische Sprache, die den Weg in fremd-vertraute Sprachwelten eröffnet, die aufgrund der verschwundenen Mehrsprachigkeit des israelischen Lesepublikums andernfalls verschlossen blieben. So zeigt Appelfeld seiner Leserschaft jene Welt, die ihn tief in jüdischer Kultur verwurzelte und deren In-Vergessenheit-Geraten er immer wieder betrauerte. Ähnlich wie der in vielen seiner Erzählungen erwähnte Buber mit der Sammlung chassidischer Geschichten wollte Appelfeld seine Leser*innen hinführen zu den kulturellen Zentren des europäischen Judentums, wenn auch mit anderen Methoden. Durch das Schreiben in hebräischer Sprache möchte Appelfeld Grenzen verschieben und jene zwischen der israelischen Gesellschaft und den Holocaust-Überlebenden beziehungsweise zwischen der israelischen Gesellschaft und der Diaspora durchbrechen. Es ist der kulturelle Reichtum und die Pluralität, die Appelfeld nach Israel bringen möchte und die die Identität seiner Figuren bestimmen.[60] Ein Grund hierfür war die Tatsache, dass die Rehabilitation der Überlebenden unmöglich war, solange man sie nicht zu Wort kommen ließ und die jüdische Kultur der jüngsten Vergangenheit missachtete.[61] Diese Problematik war unmittelbar verknüpft mit der hebräischen Sprache, denn “the search for similarity, according to Appelfeld, has made the Hebrew language shallow and severed it from its roots”.[62] Folglich fordert Appelfeld einerseits die Grenzen der hebräischen Sprache heraus, da er sie als Instrument zur Vermittlung eines ihr nicht immanenten Aspekts jüdischer Kultur und Lebensweise in Europa heranzieht, gleichzeitig ist sie unbestritten seine Literatursprache und damit der Grundstein einer Literatur, die ihren Platz in der israelischen Gegenwart und Zukunft sucht und schließlich findet.

Damit wird deutlich, dass die Versuche, Appelfelds Schreiben in den Kontext deutschsprachiger Dichter*innen und Schriftsteller*innen aus Czernowitz einzureihen, dem Wesen seiner Texte widersprechen. Der kulturelle und anfänglich auch sprachliche Konnex zu Personen wie Rose Ausländer, Paul Celan und Immanuel Weissglas mag sehr ähnlich sein, dennoch ist es problematisch, literaturgeschichtlich allzu enge Verbindungen zu sehen: Diese Dichter*innen haben meist erste Gedichte vor dem Zweiten Weltkrieg verfasst, und vor allem vernachlässigt eine solche Lesart die zentrale Rolle der hebräischen Sprache für Appelfelds Schaffen. Die Lektüre Appelfelds in deutscher Sprache lädt dazu ein, die Tatsache, dass es sich um eine Übersetzung handelt, zu ignorieren. Umgekehrt entsteht auch im Original bei vielen Leser*innen der Eindruck, dass der Text übersetzt wurde, wie wir oben bereits festgestellt haben. Diese Verortung auf der Grenze der Sprachwelten macht die Poetik der Appelfeld’schen Texte aus, doch sie mindert nicht die literarische Bedeutung des Hebräischen, denn diese Sprache allein kann den Bezug zur israelischen Leserschaft herstellen und das Entfremdete wieder in vertraute Worte betten.

7 Schlussbemerkungen

Die feste Verankerung in der hebräischen Sprache und die enge Beziehung zum israelischen Lesepublikum ermöglichen es Appelfeld, eine Literatur des Zwischenraums zu gestalten und jenes Publikum in der vertrauten Sprache über die engen Vorstellungen des Jüdischen im zionistischen Diskurs hinaus zu begleiten. Diese Literatur des Zwischenraums lädt dazu ein, Widersprüche aufzulösen und das sich scheinbar Ausschließende zusammenzuführen. Besonders der deutschen und der hebräischen Sprache kommt hierbei große Bedeutung zu: Die deutsche Sprache prägt den kulturellen Raum und die Weltsicht zahlreicher Figuren, wie wir am Beispiel von Paul und am Rande auch seiner Eltern sehen konnten. Vermittelt wird diese Welt aber über das Hebräische, das so gleichzeitig eine distanzierte Betrachtung ermöglicht, die diasporische Kultur aber auch ins Israelische aufnimmt.

Obwohl Appelfelds Texte nicht im engsten Sinne des Wortes Übersetzungen sind, so entstehen sie doch auf einer Sprachgrenze und damit durch eine Grenzsprache. Diese ist ähnlich natürlich, wie es auch Gloria Anzaldúa für die Grenzsprache der Migrant*innen in den USA reklamierte. Die Charakteristika von Appelfelds Grenzsprache sind allerdings andere, denn sie ist nicht geprägt durch Sprachmischung: Er schreibt ausschließlich auf Hebräisch. Appelfelds Grenzsprache ist daher subtiler, es ist die erzählende Sprache, die andere Sprachräume und -zeiten transportiert und diese so den israelischen Leser*innen in all ihrer Fremdheit im Vertrautsein mit der eigenen Sprache übermittelt.


Corresponding author: Judith Müller, Evangelische Theologie, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Norbert-Wollheim-Platz 1, 60325 Frankfurt am Main, Germany, E-mail:

Erhalten: 2023-05-22
Angenommen: 2024-08-05
Online erschienen: 2024-10-21
Erschienen im Druck: 2024-12-17

© 2024 the author(s), published by De Gruyter, Berlin/Boston

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Downloaded on 5.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/naha-2023-0014/html
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