Rezensierte Publikation:
John W. I. Lee, The First Black Archaeologist. A Life of John Wesley Gilbert. 2022 Oxford University Press Oxford, 978-0-19-757899-5, € 33,80
John Wesley Gilbert (1863–1923) war der erste afroamerikanische Archäologe und ein Wegbereiter für die Integration Schwarzer in die akademische Welt. Geboren in Georgia, in den letzten Jahren der Sklaverei in den Vereinigten Staaten, erhielt er seine Ausbildung am Paine College in Augusta, Georgia, einer von methodistischen Kirchen gegründeten Hochschule für afroamerikanische Studierende. Später studierte er an der Brown University in Rhode Island, wo er 1888 als erster Afroamerikaner einen Abschluss machte. Seine akademische Laufbahn führte ihn nach Griechenland, wo er, wiederum als erster Afroamerikaner, an der American School of Classical Studies in Athen studierte.
Während seines Aufenthalts in Griechenland nahm Gilbert an den amerikanischen Ausgrabungen in Eretria teil und erstellte einen topographischen Plan der Stadt. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten wurde er Professor am Paine College, wo er Fächer wie Griechisch, Latein, Deutsch und Theologie unterrichtete. Neben seiner akademischen Arbeit engagierte sich Gilbert in der methodistischen Kirche und unternahm 1911 eine Missionsreise nach Belgisch Kongo.
Lee legt mit seiner Arbeit eine Biographie von Gilbert vor, welche sich auf disparate Quellenzeugnisse verlassen muss, die Lee aufgespürt und umsichtig interpretiert hat. Lee behandelt das Leben von Gilbert, sieht es aber durch das Prisma dessen Ausbildung als Klassischer Philologe und Archäologe. In insgesamt zehn Kapiteln präsentiert er Gilbert, von der Geburt als Sklave bis zu seinem Tod als hochrespektierter Professor und methodistischer Geistlicher. Er ordnet dieses in die Zeit unmittelbar nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) ein und in das Bestreben, afroamerikanischen Bürgern Bildung zugänglich zu machen. Bemerkenswert ist dabei, dass Gilbert nicht, wie es etwa Booker T. Washington vertrat, vor allem über praxisnahe, technische Ausbildung Bildung zugänglich gemacht werden sollte, sondern Gilbert die Liberal Arts inklusive des Studiums der Alten Sprachen einforderte und diesen Weg auch selbst mit herausragenden Leistungen beschritt. Lee kann anschaulich nachzeichnen, wie Gilbert mit besonderer Anstrengung sich Respekt erarbeitete und so eine koexistentielle akademische Anerkennung erwarb. Dies gelang ihm auch in Athen an der amerikanischen Schule, doch geht Lee auch nicht über den alltäglichen Rassismus hinweg, dem Gilbert vor allem seitens amerikanischer Weißer ausgesetzt war. Insgesamt zeichnet Lee ein differenziertes Bild der Zeit, in der es ernsthafte Bestrebungen für Kooperation sowie soziale Gleichheit gab, die auch aus dem kirchlichen Milieu, hier den methodistischen Kirchen, vorangetrieben wurde. Allerdings gab es Dissens über die Geschwindigkeit der sozialen Gleichstellung, und Gilbert gehörte eher zu den moderaten Vertretern, die pragmatisch Rücksicht auf die zunehmenden rassistischen Ressentiments von Teilen der weißen Bevölkerung nahmen.
Für die Altertumswissenschaften besonders spannend ist, wenn Lee aufzeigt, wie das Erlernen der Alten Sprachen im Bildungskanon als Schlüssel zur Gleichstellung afroamerikanischer Bevölkerung verstanden wurde. Ebenfalls bemerkenswert ist der Aufenthalt von Gilbert in Athen, wo er Wilhelm Dörpfeld traf und zur Beerdigung von Heinrich Schliemann ging. Gilbert, der viele Sprachen beherrschte, erlebte in Athen eine kosmopolitische Gesellschaft, in der seine Hautfarbe eine weniger prominente Rolle spielte als in den Vereinigten Staaten. Diese kooperativen Akzeptanzerfahrungen machten ihn vielleicht konzilianter als andere Bürgerrechtler wie W. E. B. Du Bois. Die von John W. I. Lee verfasste Biographie ist eine gelungene Würdigung des außergewöhnlichen Lebens von John Wesley Gilbert und verdient eine breite Leserschaft – auch in Europa, wo Fragen akademischer Diversität noch zu wenig Beachtung finden.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.
Articles in the same Issue
- Frontmatter
- Aufsätze
- Das Ende des Aufstiegs? Die Idee von einer „Abschließung des Ritterstandes“ neu gedacht
- „Kosmopolitischer Idealismus“ und „nationale Realpolitik“ Aspekte der Sicherheitspolitik der deutschen Liberalen zur Mitte des 19. Jahrhunderts
- Adenauer und die Kernwaffen. Neue Antworten auf alte Probleme
- Privatrechtsgeschichte als Imperiengeschichte. Neue Wege zur Rechtsgeschichte des Habsburgerreichs
- Rezensionen
- John W. Arthur, Beer. A Global Journey through the Past and Present. Oxford, Oxford University Press 2024
- Christian Alexander Neumann (Ed.), Old Age Before Modernity. Case Studies and Methodological Perspectives, 500 BC – 1700 AD. Heidelberg, Heidelberg University Publishing 2023
- Birgit Aschmann / Klaus Herbers, Eine andere Geschichte Spaniens. Schlüsselgestalten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Köln, Böhlau 2022
- Giacomo Bonan / Katia Occhi (Eds.), Environment and Infrastructure. Challenges, Knowledge and Innovation from the Early Modern Period to the Present. (Studies in Early Modern and Contemporary European History, Vol. 6.) Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Christian Jansen / Oliver Janz, Geschichte Italiens. Vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Stuttgart, Kohlhammer 2023
- Christof Dipper, Die Entdeckung der Gesellschaft. Sattelzeit in Europa, 1770–1850. Berlin, Vergangenheitsverlag 2023
- Rainer Nicolaysen (Hrsg.), Hamburger Historikerinnen und Historiker im Gespräch. Interviews mit Gabriele Clemens, Hans-Werner Goetz, Frank Golczewski, Arno Herzig, Franklin Kopitzsch und Barbara Vogel. Göttingen, Wallstein 2024
- Frank Bernstein, Vergessen als politische Option. Zur Einhegung interner Konflikte in der Antike. Stuttgart, Steiner 2023
- John W. I. Lee, The First Black Archaeologist. A Life of John Wesley Gilbert. Oxford, Oxford University Press 2022
- Silvia Castelli / Ineke Sluiter (Eds.), Agents of Change in the Greco-Roman and Early Modern Periods. Ten Case Studies in Agency in Innovation. (Euhormos. Greco-Roman Studies in Anchoring Innovation, Vol. 4.) Leiden, Brill 2023
- Aaron Gebler, Die Verwendung und Bedeutung von Losverfahren in Athen und im griechischen Raum vom 7. bis 5. Jahrhundert v. Chr. (Hamburger Studien zu Gesellschaften und Kulturen der Vormoderne, Bd. 27.) Stuttgart, Steiner 2024
- Madalina Dana, La correspondance grecque privée sur plomb et sur tesson. Corpus épigraphique et commentaire historique. (Vestigia. Beiträge zur alten Geschichte, vol. 73.) München, Beck 2021
- Julian Wünsch, Großmacht gegen lokale Machthaber. Die Herrschaftspraxis der Seleukiden an den Rändern ihres Reiches. (Philippika. Altertumswissenschaftliche Abhandlungen, Bd. 164.) Wiesbaden, Harrassowitz 2022
- Panayiotis Christoforou, Imagining the Roman Emperor. Perceptions of Rulers in the High Empire. Cambridge, Cambridge University Press 2023
- Angela Hug, Fertility, Ideology, and the Cultural Politics of Reproduction at Rome. (Impact of Empire, Vol. 45.) Leiden, Brill 2023
- Brenda Longfellow / Molly Swetnam-Burland (Eds.), Women’s Lives, Women’s Voices. Roman Material Culture and Female Agency in the Bay of Naples. Austin, TX, University of Texas Press 2021
- Isidor Brodersen, Das Spiel mit der Vergangenheit in der Zweiten Sophistik. (Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge, Bd. 86.) Stuttgart, Steiner 2023
- Steve Mason, Jews and Christians in the Roman World. From Historical Method to Cases. (Ancient Judaism and Early Christianity, Vol. 116.) Leiden, Brill 2023
- Brouria Bitton-Ashkelony / Martin Goodman (Eds.), Essays on Jews and Christians in Late Antiquity in Honour of Oded Irshai. (Cultural Encounters in Late Antiquity and the Middle Ages, Vol. 40.) Turnhout, Brepols 2023
- Tabea L. Meurer / Veronika Egetenmeyr (Eds.), Gallia docta? Education and In-/Exclusion in Late Antique Gaul. Tübingen, Mohr Siebeck 2023
- Lucy Grig, Popular Culture and the End of Antiquity in Southern Gaul, c. 400–550. Cambridge, Cambridge University Press 2024
- Peter Brown, Journeys of the Mind. A Life in History. Princeton, NJ, Princeton University Press 2023
- Johannes Preiser-Kapeller, Der lange Sommer und die kleine Eiszeit. Klima, Pandemien und der Wandel der Alten Welt von 500 bis 1500 n. Chr. (Globalhistorische Skizzen, Bd. 38.) Wien, Mandelbaum 2021
- Christoph Mauntel, Die Erdteile in der Weltordnung des Mittelalters. Asien – Europa – Afrika. Stuttgart, Hiersemann 2023
- Józef Dobosz, The Church and Cistercians in Medieval Poland. Foundations, Documents, People. (East Central Europe, 476–1795, Vol. 2.) Turnhout, Brepols 2023
- Frank-Michael Kaufmann (Hrsg.), Glossen zum Sachsenspiegel-Landrecht. Petrinische Glosse. (Monumenta Germaniae Historica. Fontes Iuris Germanici Antiqui, Bd. 11.) Wiesbaden, Harrassowitz 2021
- Katherine Ludwig Jansen, Peace and Penance in Late Medieval Italy. Princeton, NJ, Princeton University Press 2020
- Volker Leppin, Ruhen in Gott. Eine Geschichte der christlichen Mystik. München, Beck 2021
- Susanne Thürigen, Turm, Spiegel, Buch. Astronomische Tischuhren in Süddeutschland zwischen 1450 und 1650. (Object Studies in Art History, Bd. 6.) Berlin/Boston, De Gruyter 2022
- Daniel Bellingradt / Anna Reynolds (Eds.), The Paper Trade in Early Modern Europe. Practices, Materials, Networks. (Library of the Written Word, Vol. 89.) Leiden, Brill 2021
- Joachim Fichtel, Die Zwickauer Propheten. Nicolaus Storch und die radikale Reformation. Leipzig, Leipziger Universitätsverlag 2023
- James R. Fichter, Tea. Consumption, Politics, and Revolution, 1773–1776. Ithaca, NY, Cornell University Press Services 2023
- Jeremy Adler, Goethe. Die Erfindung der Moderne. München, Beck 2022
- Eduardo Posada-Carbó / Joanna Innes / Mark Philp (Eds.), Re-imagining Democracy in Latin America and the Caribbean, 1780–1870. Oxford, Oxford University Press 2023
- Daniel Ristau, Die Familie Bondi und das „Jüdische“. Beziehungsgeschichte unter dem bürgerlichen Wertehimmel, 1790–1870. (Bürgertum. NF., Bd. 22.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
- Hans-Joachim Hoffmann, Johann Anton Joseph Hansen (1801–1875). Ein streitbarer Trierer Theologe und seine Anstöße zu Reformen in Kirche, Staat und Gesellschaft. Münster, Aschendorff 2023
- Katrin Brösicke, Kulturkontakt Krieg. Spanienbilder deutschsprachiger Teilnehmer am spanischen Unabhängigkeitskrieg 1808–1814. 2., durchges. und korr. Aufl. (Krieg in der Geschichte, Bd. 116.) Paderborn, Schöningh 2023
- M. Talha Çiçek, Negotiating Empire in the Middle East. Ottomans and Arab Nomads in the Modern Era, 1840–1914. Cambridge, Cambridge University Press 2023
- Jennifer C. Snow, Mission, Race, and Empire. The Episcopal Church in Global Context. New York, Oxford University Press 2024
- Saskia Coenen Snyder, A Brilliant Commodity. Diamonds and Jews in a Modern Setting. Oxford, Oxford University Press 2023
- Kevin Kenny, The Problem of Immigration in a Slaveholding Republic. Policing Mobility in the Nineteenth-Century United States. Oxford, Oxford University Press 2023
- Alexander Sievers, Die Ökonomisierung der Kartografie. Kartenhandel im 19. Jahrhundert in Deutschland. (Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Beih. 31.) Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Gundula Gahlen, Nerven, Krieg und militärische Führung. Psychisch erkrankte Offiziere in Deutschland (1890–1939). (Krieg und Konflikt, Bd. 17.) Frankfurt am Main, Campus 2022
- Ew. Kaiserlichen und Königlichen Majestät alleruntertänigster Diener (Bearb.), „Ew. Kaiserlichen und Königlichen Majestät alleruntertänigster Diener“. Briefe Georg Ernst Hinzpeters an Kaiser Wilhelm II. aus den Jahren 1897–1906. Edition und Kommentar von Georg Schneider. (Sonderveröffentlichung des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg e. V., Bd. 27.) Bielefeld, Verlag für Regionalgeschichte 2023
- Antonio Scaglia, Max Weber – Der revolutionäre Wandel zur Moderne. Nichtlegitime Herrschaft und Demokratisches Charisma. Berlin, Duncker & Humblot 2024
- Stefan Berger / Philipp Müller (Eds.), Dynamics of Emigration. Émigré Scholars and the Production of Historical Knowledge in the 20th Century. Oxford, Berghahn 2022
- Hans-Peter Ullmann, Kontrolle und Beratung. Der deutsche Rechnungshof im Wechsel der politischen Systeme des 20. Jahrhunderts. Göttingen, Wallstein 2021
- Pepijn Corduwener, The Rise and Fall of the People’s Parties. A History of Democracy in Western Europe since 1918. Oxford, Oxford University Press 2023
- Dennis Werberg, Der Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten. Eine Veteranenorganisation und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus. (Zeitalter der Weltkriege, Bd. 25.) Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Günter Erbe, Nicolaus Sombart. Utopist, Libertin, Dandy. Köln, Böhlau 2023
- Jens Wehner, „Technik können Sie von der Taktik nicht trennen“. Die Jagdflieger der Wehrmacht. (Krieg und Konflikt, Bd. 15.) Frankfurt am Main, Campus 2022
- Stefanie Palm, Fördern und Zensieren. Die Medienpolitik des Bundesinnenministeriums nach dem Nationalsozialismus. (Veröffentlichungen zur Geschichte der deutschen Innenministerien nach 1945, Bd. 7.) Göttingen, Wallstein 2023
- Andrea Erkenbrecher, Oradour und die Deutschen. Geschichtsrevisionismus, strafrechtliche Verfolgung, Entschädigungszahlungen und Versöhnungsgesten ab 1949. (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 126.) Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Jutta Braun, Politische Medizin. Das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR 1950 bis 1970. Göttingen, Wallstein 2023
- Luiz Guilherme Burlamaqui, The Making of a Global FIFA. Cold War Politics and the Rise of João Havelange to the FIFA Presidency, 1950–1974. Übers. von John Ellis-Guardiola. (RERIS Studies in International Sport Relations, Vol. 1.) Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Louis Howard Porter, Reds in Blue. UNESCO, World Governance, and the Soviet Internationalist Imagination. Oxford, Oxford University Press 2023
- Erik Linstrum, Age of Emergency. Living with Violence at the End of the British Empire. Oxford, Oxford University Press 2023
- Jane Freeland, Feminist Transformations and Domestic Violence Activism in Divided Berlin, 1968–2002. (British Academy Monographs.) Oxford, Oxford University Press 2022
- Stephen Brooke, London, 1984. Conflict and Change in the Radical City. Oxford, Oxford University Press 2024
- Michael Hecker / Bärbel Friedrich, Die ostdeutschen Universitäten im vereinten Deutschland. Eine Erfolgsgeschichte in Ost-West-Perspektive. Halle, Mitteldeutscher Verlag 2023
- Eingegangene Bücher
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