Abstract
This paper analyzes the specific linguistic situation of print media in German language abroad based on the example of the “Batschkaer Spuren”, a regional newspaper of the German minority in Hungary. The goal is a linguistic assessment of the current manifestations of the used media language regarding its typological structures and fundamental characteristics. Additionally, journalistic possibilities and types of procedures, specifically with regards to regionalisms (informed by local dialects), multilingualism, and inter- as well as transculturality are discussed.
The study identified a spectrum of minority-specific patterns und types of linguistic composition with highly variable characteristics of German. The analyzed linguistic practices of the newspaper show a type of dynamic multiliteracy that in itself causes an emergence of new patterns. The majority of findings can be attributed to multilingual or language-contact induced phenomena on different levels: from word to text/discourse (the text routines are occasionally influenced by the contact language Hungarian). The other central aspect of the analyzed text world lies in the regionalisms that are influenced by local dialects. The complete picture is determined by heterogeneity and inconsistency and presents itself as a mixture of linguistic and stylistic forms. Especially noteworthy is the established conflict between orality and scribality i.e., between a “language of proximity” and a “language of distance”. Hence, the analyzed newspaper articles present a large quantity of forms and structures of every-day written language that metaphorically can be termed “Parlando texts”.
1 Einleitung und Zielsetzung
Obwohl die Titelzahl der auslandsdeutschen Printmedien trotz eines deutlichen – dem internationalen Positionsverlust der deutschen Sprache geschuldeten – Rückgangs immer noch im Tausenderbereich liegt, geraten sie nur sporadisch ins Blickfeld der Forschung. Speziell linguistische Untersuchungen zur Sprache dieser Presseorgane gelten sogar als ausgesprochene Rarität. Der vorliegende Aufsatz ordnet sich in eine Reihe von medienlinguistischen Beiträgen des Autors ein (siehe Földes 2020, 2021, 2022), die sich der Eruierung verschiedener sprachlicher, kommunikativer und kultureller Facetten deutschsprachiger Zeitungen in mittel- und osteuropäischen Mediensystemen widmen.
Diese explorativ-interpretative Studie verfolgt zwei zentrale Ziele. Sie soll im Allgemeinen einen theoriegeleiteten empirischen Beitrag zur linguistischen Erfassung von Aspekten der deutschen Mediensprache im nicht-deutschsprachigen Ausland leisten und im Besonderen eine Erschließung ihrer paradigmatischen Strukturen und aktuellen signifikanten Merkmale – am Material einer ungarndeutschen Regionalzeitung – vornehmen. In diesem Rahmen wird indirekt auch hinterfragt, wie das Makrophänomen Kultur in seiner raumspezifischen mehrsprachigkeitsdominierten Ausprägung vor Ort auf die journalistischen Handlungssysteme und -formen abfärbt.
Das inhaltliche und logistische Konzept der Untersuchungen greift auf ein Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Erfurt mit dem Titel „Deutsche Mediensprache im Ausland – am Beispiel der deutschen Minderheitenpresse in Mittel- und Osteuropa“ zurück. Es handelt sich um ein dreijähriges Drittmittel-Projekt vom 01.04.2019 bis 31.03. 2022, das dankenswerterweise von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert wird. Die Leitung liegt in den Händen des Verfassers dieses Beitrags, Mitwirkende sind Frau Uschi Schmidt, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin, sowie Germanistik-Kolleg(inn)en in Russland, Kasachstan, Ungarn, Polen, Rumänien, der Ukraine und der Slowakei; das sind ausgewählte Länder, die noch über eine nicht unerhebliche deutsche Presselandschaft verfügen. Hinzu kommt eine wechselnde Anzahl wissenschaftlicher Assistentinnen in Erfurt. Dem Internet-Auftritt des Projekts unter www.pressesprache.de sind weitere Informationen zu entnehmen.
2 Objekt und Methoden der Untersuchung
Aus dem umfangreichen Projektfundus sei an dieser Stelle ein ungarndeutsches Regionalblatt thematisiert, nämlich die „Batschkaer Spuren“ (im Weiteren: BS) mit dem Untertitel „Ungarndeutsche Nachrichten aus Baje/Baja“. Die Batschka ist eine auch – und früher zu einem erheblichen Maße – von sog. Donauschwaben bewohnte Region in Mittel- bzw. Südosteuropa, wobei der südliche (und größte) Teil seit 1920 zu Serbien gehört und sich in drei Bezirke der autonomen Provinz Wojwodina (serbisch: Vojvodina) unterteilt, während der nördliche Teil in Ungarn, im Komitat Batsch-Kleinkumanien (ungarisch: Bács-Kiskun) in Ungarn verbleiben konnte. Zur topographischen Verortung der Batschka siehe die Karte im Anhang. Baje (auch Frankenstadt genannt, ungarisch: Baja), eine Stadt an der Donau mit ca. 37.000 Einwohnern, ist das kulturelle Zentrum der Nordbatschka. Die 2005 gegründete Zeitung wird von der „Gemeinnützigen Stiftung für die Ungarndeutschen in der Batschka“ herausgegeben und erscheint vierteljährlich in einem Umfang von 40 bis 50 Seiten. Die Auflagenhöhe beträgt 450, außerdem ist die BS kostenlos im Internet abrufbar. Das Redaktionsteam besteht aus ehrenamtlich engagierten Lokalpatrioten der deutschen Minderheit; als Spiritus Rector gestaltet und koordiniert Alfred Manz, Gymnasiallehrer am Ungarndeutschen Bildungszentrum in Baje/Baja, an dem er deutsche Sprache und Literatur sowie Volkskunde unterrichtet – mit Unterstützung seiner Gattin, der Hochschullehrerin Dr. Monika Jäger-Manz – von der Entstehung über den Druck bis hin zum Vertrieb alle Phasen der Zeitungsproduktion.
Die Datengrundlage zu diesem Aufsatz bilden sämtliche Ausgaben zwischen 2013 und 2020, das sind 33 Hefte mit einem Gesamtumfang von 1.532 Seiten (der Jahrgang 2018 bestand ausnahmsweise nicht nur aus vier Heften, sondern auch eine „Jubiläumsausgabe Nr. 50“ kam dazu). Für die auf induktiven Methoden fußenden theoriebasierten Betrachtungen hat sich der kognitiv und soziolinguistisch bedingte Salienz-Begriff als operable Kategorie und anwendbares Analysekonzept erwiesen. Salienz als Aufmerksamkeit erzeugende Eigenschaft von Objekten wird im Allgemeinen z.B. von Parkinson (2014: 92) und in der Linguistik von Auer (2014: 8–12) erläutert. Vereinfachend könnte man auch von „Auffälligkeiten“ sprechen. Viele Salienzfälle lassen sich unter fremdheitswissenschaftlicher Perspektive dem Begriff „Xenismus“ zuordnen (siehe Földes 2021: 94). Auf diese Weise soll eine Bandbreite von Ausprägungen einer transkulturellen Schreib- bzw. Textkultur herausgearbeitet werden. Dabei stehen physiologische (visuelle), kognitive und sozio-linguistische Auffälligkeiten im Mittelpunkt, die sich vor dem Hintergrund „Deutschland-deutscher“ Pressesprache feststellen lassen. Dazu stellte operational der Deutschland-deutsche Standard die Bezugsgröße (nicht aber eine Wertprämisse) bereit. Jedoch konnte die Beschreibungskategorie „Auffälligkeit“ nicht in jedem Fall eindeutig und trennscharf eingesetzt werden, da eine gewisse Subjektivität nicht auszuschließen ist. In diesem Sinne wird, wie z.B. bei Rácz (2013: 23 und 43), etwas als salient eingestuft, was so stark von einer Gebrauchsnorm (oder von einer Vergleichsvarietät) abweicht, dass es – hier: für den Explorator – überraschend ist. Ergänzend zum sprachlichen und kulturellen Kompetenzhorizont des Verfassers wurden als Korrektiv mehrere Gewährspersonen mit Deutsch (aus der Bundesrepublik) und Ungarisch (aus Ungarn) als – wie auch immer aufgefasster – „Muttersprache“ konsultiert.
Neben der textinternen Analyse wurden zumindest teilweise auch textexterne Faktoren mit einbezogen. Als zentrale methodische Verfahren dienten dazu (1) die fragestellungsbezogene Kollektion (Sammlung von Vorkommen eines bestimmten Phänomens; „Kollektion“ wird als Strategie und Instrument wie z.B. in der Konversationsanalyse verwendet; vgl. Deppermann 2020: 656), (2) die Typenbildung und (3) die Sequenzanalyse. Die Untersuchung verortet sich grundsätzlich auf einer diskursorientierten Mikroebene, ohne die Makroebene (z.B. Akteure und Netzwerke) genauer einzubeziehen. Die Korpusarbeit stützt sich auf das Prinzip des sog. „Analyseparadigmas“, bei dem, Steyer (2004: 93) folgend, Pressetexte als authentische Sprachausschnitte systematisch auf der Suche vor allem nach regionalitäts- und mehrsprachigkeits- bzw. kontaktbezogenen sprachlichen Phänomenen gesichtet werden. Dieses Vorgehen entspricht etwa dem korpusgesteuerten Ansatz („corpus-driven“) im Sinne von Biber (2015: 196).
3 Salienzen
3.1 Salienzen im Hinblick auf Sprache und Kultur
Die Reichhaltigkeit der erschlossenen Salienz-Fälle lässt sich in der folgenden Übersicht systematisieren, strukturieren und interpretieren. Es wurden mit Hilfe einer Sprachfokussierung primär sprachbezogene und unter Rückgriff auf eine Kulturfokussierung primär kulturbezogene Auffälligkeiten ermittelt.
3.2 Salienzen primär sprachbezogener Natur
Innerhalb dieser Klasse konnten folgende Typen und Subtypen ausdifferenziert werden:
3.2.1 Regionalismen und Archaismen
Es trat eine Anzahl von Austriazismen, Dialektismen und Archaismen hervor, die sich aus den sprach- und kulturhistorischen Konstellationen sowie der sog. „Sprachinsel“-Lage ergeben. Besonders frequente Beispiele sind etwa das süddeutsch-österreichisch-schweizerdeutsche Adverb heuer (Beleg Nr. 1) ʻdieses Jahr, in diesem Jahrʼ (weitere Vorkommen: 33/34; 34/10; 36/15; 38/8; 40/13; 43/32 zweimal; 55/4; 57/27; 59/5; 62/37, wobei die erste Ziffer auf die Ausgabe und die zweite auf die betreffende Seite verweist) und das Substantiv Hotter (Beleg 2, sowie 20 Items, z.B. 36/28) ʻOrtsgemarkungʼ, ʻGemeindeflurʼ, das Ebner (2019: 250) für das Burgenland sowie die Oststeiermark und Gehl (2005: 452) für donauschwäbische Siedlungsgebiete in Ostmittel- und Südosteuropa belegt und dabei auch auf ungarisch határ und rumänisch hotar (ʻGrenzeʼ) verweist. Einige weitere Wortschatzbeispiele sind Kracherl (Beleg 3: 35/26), was im Text in Klammern (ʻLimonadeʼ) erklärt wird, Nachtessen (Beleg 4: 60/29) und Nachtmahl (Beleg 5: 60/29), ʻAbendessenʼ. Bei manchen Belegen dürften neben der Regionalität zusätzlich auch andere, z.B. kontaktsprachliche, Motivationsaspekte eine Rolle gespielt haben, z.B. bei Bizigli (Beleg 6: 31/8), ʻFahrradʼ, da es fast formidentisch auch in der ungarischen Sprache gängig ist: bicikli. Dieses Lexem ist in der Form Bizikel als donauschwäbisches Wortgut auch bei Gehl (2005: 113) gebucht.
Diatopisch markiert ist ferner die Perfektbildung der Verben stehen, liegen und sitzen mit dem temporalen Hilfsverb sein, z.B. sind gestanden (Beleg 7): 46/23, analog 30/12; 36/27, 28; 61/42. Die hochgradige Variabilität des Sprachgebrauchs zeigt sich darin, dass auch haben-Formen reichlich vorkommen: 33/16; 40/4; 41/10; 45/17; 48/41; 49/23; 54/10 zweimal und 58/32.
Für die sog. tun-Periphrasen gibt es sogar zweierlei Belege. Einen Phänomentyp stellt die Verbindung des Hilfsverbs tun mit einem deutschen Vollverb dar:
(8) In Kroatien sind sie zwar politisch gut organisiert, aber viele tun Volkstum eher belächeln. (57/10)
Relevante Wörter und Passagen werden hier in den nummerierten Beispielen (leserorientiert) durch Fettsetzung hervorgehoben. Bei diesem Typ steht das Vollverb im Infinitiv nicht im Vorfeld, sondern bildet die rechte Satzklammer. Diese Konstruktion wird in normativen Grammatiken als „umgangssprachlich“ bewertet; ihr Verbreitungsgebiet liegt eher im Süden des deutschen Sprachraums, vgl. das Grammis (2021) (https://grammis.ids-mannheim.de/fragen/103; Zugriff: 08.11.2021). Der andere Typ hat dieselbe Struktur, ist aber hybrid, indem tun eine Kombination mit einem ungarischen Vollverb eingeht, siehe (9):
(9) Mich tót tész néd izgul, nédamal, wann kniechóch tés Plut láft! (35/38), d.h. ʻMich tut das nicht „izgul“ [aufregen], nicht einmal, wenn kniehoch das Blut läuft!ʼ
Diese Schreibpraxis (Einsatz von Dialekt mit oder ohne Sprachmischung) kann nicht zuletzt als „Enregisterment“ (Terminus nach Johnstone 2016) – als semiotischer Prozess mit sozialen Bedeutungen – gedeutet werden. Ferner wird aus diesem Beispiel ersichtlich, dass die Notation dialektaler Sprachformen, die im regionalen Minderheitenkontext einen Bezugsrahmen für die Identität darstellen, in den BS nicht immer fachkundig geschieht. In Beleg (9) steht z.B. einmal tész und einmal tés, sodass die Textprodukte manchmal Rätsel aufgeben, ob den einzelnen Buchstaben – sogar innerhalb ein und desselben Wortes – der im Deutschen oder im Ungarischen übliche Lautwert zuzuordnen ist.
3.2.2 Sprachkontaktinduzierte Salienzen
Diese Großgruppe setzt sich aus Belegen zusammen, die hinsichtlich ihres Ursprungs als Folge arealer Sprachkontakte (Transfer oder Nachahmung von Elementen, Strukturen und Modellen der Kontaktsprache Ungarisch) zu explizieren sind.
3.2.2.1 Sprachkontaktphänomene explizit
Die sprachkontaktbezogenen Salienzen dieser Subgruppe stellen einen materiellen Transfer des Zeichenkörpers (des Signifikanten) aus der Kontaktsprache Ungarisch dar, wodurch funktional die Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit medial inszeniert wird, z.B. in Beleg (20). Zum einen findet man im Datenkorpus Einzellexeme, die zur Erzeugung eines ungarisch geprägten (donauschwäbischen) Kolorits beisteuern sollen, wie vitézrend (Beleg 10: 31/17), korrekt: Vitézi Rend (ʻHeldenordenʼ, ʻOrden des Standes der Tapferenʼ) als höchste staatliche Auszeichnung im Ungarn der Zwischenkriegszeit; Kolbász (Beleg 11: 59/23 ʻ(Brat-)Wurstʼ) oder kulák (Beleg 12: 46/41 und 42 ʼwohlhabender Bauerʼ). Die Variabilität hinsichtlich der Integration dieser transferierten Substantive offenbart sich auch in ihrer Schreibung: Einige dieser Substantive werden mit einer Majuskel, andere mit einer Minuskel geschrieben. Ebenfalls schwankend wird das eigentlich ungarische Lexem szállás (ʻHerberge, Lager, zeitweilige Unterkunft für Mensch und Tierʼ) wiedergegeben: Szalasch (Beleg 13: 31/8 zweimal); Szallasch (Beleg 14: 36/26), im Plural die Sallaschen (Beleg 15: 34/23) zur Markierung der Fremdheit hier in Anführungszeichen, jedoch in 57/15 (Beleg 16) ohne. Gehl (2005: 852–853) lemmatisiert die Variante Salasch und gibt zu bedenken, dass mittelhochdeutsch zalas ʻHerbergeʼ ein alter Transfer ins Ungarische ist, womit er eine Rückentlehnung in die donauschwäbischen Dialekte annimmt. Ganze Wortgruppen sind ebenfalls präsent wie Matyi bácsi (Beleg 17: 40/45 ʻOnkel Matyi [Matthias]ʼ) und Hanzi Bácsi (Beleg 18: 35/39, ʻOnkel Hansiʼ). In Ungarn können (vor allem ältere) Männer auch außerhalb der eigenen Verwandtschaft ʻOnkelʼ genannt werden. Die hohe Nennstärke des nominalen Phraseologismus Malenkij Robot ist nicht zu übersehen, der mittlerweile – als grundlegender Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses – zu den identitätssensiblen kulturellen Schlüsselwörtern der Ungarndeutschen gehört (und typologisch deshalb eigentlich auch den kulturbezogenen Salienzen, siehe Abschnitt 3.3, zugerechnet werden könnte). Diese Nominalphrase russischer Provenienz (korrekt: маленькая работа, transliteriert: malen’kaja rabota) stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und bedeutet auf Deutsch ʻkleine Arbeitʼ. Sie umschreibt die Deportation von Hunderttausenden Donauschwaben, die mit Gewalt aus dem Karpatenbecken in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit in Gulag-typische Straf- und Arbeitslager verschleppt wurden; also eine Nachwirkung transgenerational vermittelter, verschleppungs- und unterdrückungsbedingter Traumata (siehe Földes 2020: 39):
(19) Wie man in dem Text lesen kann, war meine Urgroßmutter sehr glücklich, dass sie nicht zu „malenkij robot“ gehen musste. (33/8)
Die Formvarianten Malenkij robot, Malenkij Robot, malenkij robot, malenki Robot, malenki-robot kamen im Analysekorpus insgesamt 59-mal vor: Malenkij robot: 30/9; 33/8; 40/25; 45/18; 49/9; 50/12 zweimal, 16 dreimal, 34; 51/12 viermal; 54/6; 58/17; Malenkij Robot: 37/12; 38/4, 10; 40/45, 41/3 zweimal; 54/8; 58/17 dreimal, 59/29 zweimal; 62/6 dreimal; malenkij robot: 33/8; 37/7; 38/8; 39/13; 40/45; 41/8, 14; 45/44; 46/36, 42; 47/26, 29; 64/6; 61/6; malenki Robot: 38/41; 48/39; 50/9; 54/6, 14, 18; 56/15; 58/18; 62/6 dreimal; malenki-robot: 62/6 und Malenkij Frondienst 54/25 – dieser Beleg gehört allerdings schon in die Gruppe der semi-expliziten Sprachkontaktphänomene (siehe Abschnitt 3.2.2.2). In einigen Belegen werden ganze satzwertige Konstruktionen oder noch längere Segmente aus dem Ungarischen in den deutschen Text integriert, siehe Beleg (20).
(20) Noch zwei Stationen. „Nézd már Józsi, hogy van felöltözve az a lány!“ [ʻSchau mal, Józsi, wie jenes Mädchen gekleidet ist!ʼ]. Die mittelaltrige Frau, die gerade eingestiegen ist, beschwert sich bei ihrem Mann über die Kleidung der heutigen Jugendlichen auf Ungarisch. „Asszony, a szád helyett inkább azt a nagy valagadat járasd, üljünk le!“, [ʻDu, Frau, statt deinen Mund, solltest Du lieber deinen großen Arsch bewegen, setzen wir uns!ʼ] versucht der Mann seine nörgelnde Frau etwas ungeduldig und unhöflich zum Hinsetzen zu verweisen. (35/29)
3.2.2.2 Sprachkontaktphänomene semi-explizit
Diese Phänomengruppe besteht aus hybriden Konstruktionen mit deutschen und ungarischen Elementen, wie in den Belegen (21) bis (24).
(21) Wildschweinpörkölt (41/11 etwa: ʻWildschweingulaschʼ),
(22) Gockelpörkölt (39/27 etwa: ʻHahngulaschʼ),
(23) Levente-Jugend (56/12), Levente-Truppe (30/12) (Levente war eine paramilitärische Jugendorganisation zwischen den zwei Weltkriegen),
(24) Sallaschleute (34/23 zweimal, vgl. Belege 14–16).
3.2.2.3 Sprachkontaktphänomene implizit
Diese Objektkategorie nimmt mit ihrem Anteil von über 90 Prozent quantitativ mit Abstand den größten Raum ein. Bei ihr erfolgt kein Transfer von Sprachmaterial, sondern nur das Konzept wird übertragen. Folglich werden bei diesen coverten Transferenzerscheinungen im Wesentlichen Inhalte (Muster) der Bezugssprache Ungarisch mit Redemitteln der deutschen Sprache realisiert. Diese – meist zufällig, gelegentlich aber intentional eingesetzte – bilinguale Praktik erscheint zweisprachigen Personen häufig als effizient und ökonomisch, da sie ein bereits vorhandenes Bezeichnungsmuster der einen Sprache einfach auf die andere übertragen (vgl. Földes 2005: 190 und 2021: 88).
3.2.2.3.1 Lexik
Der Komplex ʻWortschatzʼ (einschließlich der Aspekte von Semantik) bietet zahlreiche und mannigfaltige kontaktinduzierte Erscheinungsformen vor allem monolexematischen Typs.
Ein Teil der Auffälligkeiten resultiert aus der ungleichen semantischen Struktur deutscher und ungarischer Lexeme, besonders oft aus dem unterschiedlichen Bedeutungsumfang, z.B.
(25) Wir haben viele Erfahrungen, dass im Zeitalter vor dem 19. Jahrhundert die Altersangabe nicht immer pünktlich war, es gab häufig eine Differenz von mehreren Jahren. (39/12)
Der Gebrauch des Adjektivs pünktlich erklärt sich wohl damit, dass im Ungarischen im Vergleich zum Deutschen eine Unterspezifizierung vorliegt: Dem Wort pontos(an) kann im Deutschen sowohl pünktlich als auch genau entsprechen. Außerdem wäre der Hauptsatz auf folgende Weise weniger auffällig: Unsere Erfahrungen zeigen, [...].
(26) Ein Buch, das in keiner selbstbewussten Hajoscher Familie vom Regal fehlen dürfte! – gemeint war: sollte. (33/28)
In Beleg (26) fällt das vermutlich als ungarische Transferenz zu interpretierende modale Hilfsverb dürfte auf; ein bundesdeutscher Textproduzent hätte sich wahrscheinlich für sollte entschieden. (Außerdem wäre im Deutschland-deutschen Sprachgebrauch die Präpositionalphase im Regal passender.)
Die eklatantesten Fälle liefern die sog. falschen Freunde des Übersetzers:
(27) Laut dem Akademiker Csaba Pléh arbeitet Ferenc Kiefer in sechs Sprachen und schreibt über sechs Sprachen (55/23 zweimal – analog auch in 30/6).
Im Deutschen bezeichnet das Substantiv Akademiker grundsätzlich eine Person mit Hochschulabschluss. Allerdings buchen einige Sprachlexika (z.B. Dudenredaktion 2019: 122) auch die Nebenbedeutung ‚Mitglied einer Akademie‘, aber mit dem Vermerk „nach russ. akademik = Akademiemitglied“ und mit der Kennzeichnung „selten“. In der Diskurswelt Deutschlands scheint das Wort gleichsam nur in der obigen Hauptbedeutung üblich zu sein. Sein ungarisches Gegenstück akadémikus hingegen bezieht sich auf ein Akademiemitglied, vor allem auf ein Mitglied der hoch angesehenen Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Der Schreiber stützt sich auf eine formale Ähnlichkeit in der phonologischen Struktur des Wortpaars Akademiker und akadémikus und generiert eine semantische „Kontrastnivellierung“ (Terminus im Sinne von Henn 1978: 142), was praktisch einen Fauxami verursacht. Ein weiteres Beispiel für die weitgehende Varianz der Sprachverwendung in den BS ist, dass Akademiker auch in der standarddeutschen Bedeutung verwendet wird: 35/8; 46/21, 29 innerhalb eines Artikels fünfmal und 54/22.
Weitere kontaktbedingte Korpusdaten mit Wortschatzrelevanz sind u.a. Studienbuch (Beleg 28: 57/31) in der Bedeutung ‚Sammelband‘ (wohl in Anlehnung an ungarisch tanulmánykötet, wörtlich „Studienband“); die Formulierung das Lernen kommt mir zugunsten (Beleg 29: 46/41, nach ungarisch javamra válik) – hier wäre zugute unauffällig; überlebte mehr Herzinfarkte (Beleg 30: 58/19 nach ungarisch több), gemeint war: mehrere usw. Sprachkontaktbedingte semantische Salienzen zeigen sich im Umgang mit dem qualifizierenden Adjektiv eigenartig, das nach dem Muster des ungarischen Pendants sajátos neutral oder gar mit positiver Konnotation verwendet wird, während es im deutschen Standard eine negativ-kritische Note hat. Beispiele: eigenartige Farbe (Beleg 31: 61/38, 41) im Sinne von ‚besondere Farben‘, weiterhin eigenartige Mundart (Beleg 32: 32/3 und 37/11); eigenartige Geschichte (Beleg 33: 37/16); eigenartige Form eines Lehrpfades (Beleg 34: 44/4) usw. Es konnten im Datenpool insgesamt 30 Vorkommen dieser Art nachgewiesen werden. Schließlich sei noch das Substantiv Alumni in der Bedeutung ʻSchulabgänger, Absolventen einer Schuleʼ gelistet (Beleg 35: 43/2, 3 dreimal; 52/34, 55/33, 51; 56/22, 29; 58/2), z.B. Alumni-Schüler (Beleg 36: 35/31) (an dieser Stelle sei auch die nicht-kanonische Pluralbildung Alumnis (56/22) erwähnt), wohingegen man im deutschen Sprachraum mit Alumni Ehemalige von Hochschul-einrichtungen bezeichnet.
3.2.2.3.2 Ausdruck
In Bezug auf den Ausdruck bzw. das Prägungsmuster liefern die BS eine Reihe von kontaktsprachlich hervorgerufenen Besonderheiten:
(37) Katharina Jelky geb. Plaschka starb am 19. Juli 1760, nur 34 Jahre alt. (39/10)
Auf Ungarisch wäre die mit dem Beleg gleichartige Formulierung mindössze 34 évesen durchaus geläufig, in einem bundesdeutschen Medientext hätte es hingegen mit nur 34 Jahren geheißen.
(38) Die geplante Erscheinung unserer nächsten Nummer: September 2014. (35/42)
Hier geht es um das Erscheinen; eine im Deutschland-Deutschen unmarkierte Variante wäre etwa die folgende: Unsere nächste Ausgabe erscheint im September 2014.
Einige weitere einschlägige Beispiele: Nach einer paarminutigen Haussuche (Beleg 39: 39/37), Alternativvorschlag: nach kurzer Suche; und Was haben Sie von diesem Gymnasium bekommen […]? (Beleg 40: 56/4), Alternative: Was hat Ihnen dieses Gymnasium gegeben?
3.2.2.3.3 Formelhafte Sprache
Auf dem Gebiet des figurativen bzw. formelhaften Sprachgebrauchs sind unterschiedliche Prägungstypen zu registrieren.
(41) Wenn wir in der Schule sind, können wir besser arbeiten, aufpassen, aber zu Hause kannst du Pause halten, wenn du willst. (60/32)
Pause halten geht offenbar auf die analoge ungarische Wortgruppe szünetet tart zurück; die im deutschen Sprachraum gängige Kollokation ist: Pause machen.
(42) Besonders darum, weil der Historiker oft geneigt ist, nur auf das Ganze, auf die großen Prozesse zu achten, die Geschehnisse aus der Sicht der großen Politik zu beurteilen, obwohl man weiß, dass der Teufel oft in den Details steckt: Die kleinen, örtlichen Dinge funktionieren nach anderer Logik. (59/10)
Hier ließ sich der Textproduzent ebenfalls von einem ungarischen Muster (az ördög a részletekben rejlik) inspirieren; dem Standarddeutschen würde die Singular-Form entsprechen, also der Teufel steckt im Detail.
(43) Ich empfehle Ihnen das Buch Quellen zur Geschichte der Deutschen in Ungarn aus gutem Herzen, hoffentlich werden sich viele von Ihnen in dieser wertvollen Veröffentlichung gründlich vertiefen. (59/12)
Statt der Kontamination aus guten Herzen (nach ungarisch jó szívből) hätte sich mit gutem Herzen oder aus voll(st)er Überzeugung angeboten.
3.2.2.3.4 Wortbildung
Auf diesem Gebiet fallen manche im Standarddeutschen nicht vorgesehenen Wortbildungskonstruktionen auf:
(44) umsonste Tode. (58/19)
Auch hier ist ein gleichartiges ungarisches Muster zu vermuten: hiábavaló halálok, im Sinne von ʻTode, die umsonst warenʼ.
(45) Bei seinen Gemälden bemüht er sich, die völkische Kultur authentisch, möglichst perfekt darzustellen. (37/14–15)
Als Modell diente anscheinend die ungarische Adjektiv-Substantiv-Wortgruppe népi kultúra, gemeint war: Volkskultur.
3.2.2.3.5 Grammatik
Kontaktsprachlich bedingte morphologische und syntaktische Besonderheiten konnten zahlreich ermittelt werden. Einer der festgestellten Typen liegt in der Artikelverwendung. In vielen Belegen treten Definitartikel auf, wo in Deutschland-deutschen Texten Nullartikel stünden:
(46) Einige Schüler sorgten mit lustigen Mundartgeschichten für die gute Laune. (55/11)
Ein vergleichbarer Fall ist: in die Mode kam (Beleg 47: 56/4). In wiederum anderen Belegen operiert der Textprodozent mit einem Nullartikel, setzt also keinen unbestimmten Artikel ein: für die Vögel Futterhaus gebaut (Beleg 48: 46/41) oder Ich habe deutsche Fachsprachenprüfung abgelegt (Beleg 49: 56/4).
In Bezug auf den Umgang mit dem Numerus liegen auch Belege vor, z.B. in den Alltagen (Beleg 50: 46/22; 48/34; 49/27, 28 zweimal; 51/28, 28) – nach der Vorlage der Pluralverwendung im Ungarischen: a mindennapokban.
Die größte Salienzgruppe konstituierte sich hinsichtlich des Präpositionsgebrauchs, z.B. auf die Liste abstimmen (Beleg 51: 57/6, 7) im Sinne von für; auf die Meldeadresse postalisch versenden (Beleg 52: 57/5) im Sinne von an; das Rad der Geschichte mit 70 Jahren zurückgedreht (Beleg 53: 46/23): im Sinne von um 70 Jahre; in einer Tageszeit (Beleg 54: 39/41) im Sinne von zu; und schließlich ein in hohem Maße verbreitetes Item: im Friedhof (Beleg 55: 40/45, analog: 33/10, 40; 35/39; 42/4 zweimal, 11; 44/27; 51/35) im Sinne von auf.
Auffällig ist zudem die Verwendung von Präpositionalphrasen des Typs viele von den Gästen (Beleg 56: 42/41) statt einer Nominalphrase (viele Gäste). In Beleg
(57) wird man auf die wohl durch das Ungarische beeinflusste Kasuswahl aufmerksam (a jövő nemzedékeknek [...] rámutat):
(57) Es soll der kommenden Generationen [sic!] auf ihre Herkunft hinweisen […]. (58/43)
In Beleg (58) ist die Satzgliedstellung anzusprechen:
(58) Ihre Pferde führten sie zu den Brunnen […]. (39/28)
Eindeutiger wäre die Version Sie führten ihre Pferde zu den Brunnen, wobei die mit der Satzgliedstellung in Beleg (58) übereinstimmende Version im Ungarischen nicht zweideutig wäre: A lovaikat a kutakhoz vezették.
3.2.2.3.6 Stilform
Vor allem springen dem Betrachter bei BS-Artikeln Schwankungen stilistischpragmatischer Art sowie eine wenig ausgeprägte Differenzierung der Textsorten und Textsortenvarianten ins Auge. Aufgrund der bescheidenen Produktionsbedingungen können sich die Beiträge selten durch Formulierungsbravour auszeichnen und vermitteln mitunter den Eindruck etwa eines Schulaufsatzes. Insgesamt kann man den BS eine wenig abwechslungsreiche Stilgestaltung mit einer z.T. schwerfälligen Ausdrucksweise attestieren. Überdies stößt der Explorator auf verschiedene punktuelle Auffälligkeiten z.B. im Bereich der Wortsemantik bzw. infolge des stilistisch-pragmatischen Wertes einzelner Lexeme in der Wortstilistik, z.B. in einer formellen Würdigung: Sie war eine ganz begabte Direktorin (Beleg 59: 52/10).
Beleg (60) beinhaltet eine etwas ungewöhnlich anmutende Formulierung:
(60) Um den Leuten für gesundes Trinkwasser zu sorgen, entschloss man sich in die Tiefe zu bohren, um die reine, gesunde Wasserader zu erreichen, […]. (57/25)
Bei dieser Beleggruppe sind Sprachkontaktszenarien nur indirekt anzunehmen: Die Auffälligkeiten dürften auf die eher ungarisch geprägten Textsortenkompetenzen bzw. -routinen und die bescheidene Praxis der Textproduzenten im Verfassen (standard)deutscher Medienprodukte zurückzuführen sein. Denn dieses Pressedeutsch ist eigentlich nicht die genuine Sprache der vorrangig deutsch-dialektal und ungarisch sozialisierten Ungarndeutschen.
3.2.2.3.7 Text und Diskurs
In Hinsicht auf die Textbildung bzw. -gestaltung können signifikant komplexe – mehr oder weniger verfestigte – kommunikative Musterbildungen der Kontaktsprache und diesbezügliche Mischformen diagnostiziert werden. Beispielsweise sind die Texte in hohem Maße durch unverbundene parataktische Strukturen gekennzeichnet, wie dies im Ungarischen usuell ist (z.B. Beleg 61: die Artikel in 55/9, 17, aus Umfangsgründen wird auf die Wiedergabe der ganzen Passagen verzichtet) und Aufzählungen werden meist asyndetisch einfach durch Kommata verknüpft (z.B. Beleg 62: 57/15–16).
Beleg (63), den man fast nur bei Kenntnis der ungarischen Sprache verstehen kann, soll die wenig professionell wirkende Textgestaltung illustrieren:
(63) Wie großen Spaß den Schülern gemacht hat, mal auf anderer Art und Weise über Heilmethoden, Küchengeräte, Berufe, Tracht (um nur einige zu erwähnen) Informationen zu bekommen, indem sie diese in abwechslungsreicher, spielerischer Form selber erschlossen, beweisen die beigelegten Fotos. (39/39)
Eine optimierte Version könnte lauten: Die (beigelegten) Bilder beweisen, wieviel Spaß die Schüler dabei hatten, sich die Informationen über Heilmethoden, Küchengeräte, Trachten und Berufe (um nur einige zu nennen) in abwechslungsreicher und spielerischer Form selbst zu erschließen.
Es zeigte sich, dass kontaktinduzierte sprachliche und kommunikative Einflüsse nicht nur punktuell (z.B. semantisch oder syntaktisch), sondern auch hinsichtlich der Makrostruktur und der kommunikativen Grundhaltung auftreten. Denn Diskurstraditionen sind als kulturelles und sprachliches Wissen tief verwurzelt.
3.2.2.3.8 Graphie
Selbst auf der Ebene der Graphie ließen sich kontaktsprachliche Beeinflussungen nachweisen. Zu den Beispielen gehört die durchgehende Kommasetzung vor der koordinierenden Konjunktion sowie (Beleg 64: 31/23, 33, 40 usw.) – analog zum ungarischen Pendant valamint, der Einsatz von Bindestrichen statt von bis oder Komma in Ausdrücken wie mit 2–4 Beiträgen (Beleg 65: 33/25) und nach vielenvielen Jahren (Beleg 66: 49/43), aber auch die Kleinschreibung des Doktortitels dr. Tamás Kosóczki (Beleg 67: 36/28, ähnlich auch: 32/30; 37/4, 8; 41/13; 46/7; 49/6; 51/42; 52/42; 53/41; 54/45; 55/45; 56/45; 57/40; 58/4).
3.2.2.3.9 Gebrauchsfrequenz
In diese Objektkategorie gehören sozusagen unauffällig auffällig – wohl kontaktsprachlich induzierte – Bevorzugungen einer von mehreren möglichen Varianten; es sind also vom Deutschland-Deutschen abweichende Frequenzmuster.
Überzufällig oft tritt z.B. das Substantivlexem Pädagoge (Beleg 68) im Sinne von ʻLehrerʼ mit nicht weniger als 80 Items im Korpus auf. Im Hintergrund dürfte sich eine zwischensprachliche semantische Asymmetrie, nämlich der unterschiedliche Bedeutungsumfang dieses Wortes in der deutschen und der ungarischen Sprache verbergen. Während im Deutschen die Berufsbezeichnung Lehrer allgemein eine Person beschreibt, die an einer Schule unterrichtet, differenziert das Ungarische weiter: Lehrer in der Primarstufe heißen tanító und die in der Sekundarstufe tanár. Um die Komplikation dieser Unterscheidung zu vermeiden, greift man häufig auf Pädagoge als gemeinsamen Nenner zurück.
Einem ungarischen Muster folgend bedient man sich in den BS auch des Substantivs Programm (Beleg 69) mit hoher Frequenz in der Bedeutung ʻVorstellungʼ, ʻAufführungʼ, ʻDarbietungʼ, ʻAngebotʼ usw.; es gab dafür im Belegmaterial 284 Items.
Sätze mit einer w-Frage plus auch (immer) und oft noch einem Nebensatz (als indirekte Fragesätze) kommen im Korpus nicht vor, vielmehr bevorzugen die Textproduzenten ganz eindeutig die auch im Ungarischen gängigen Strukturen mit egal, was/wie etc.:
(70) Egal, für welche Spendenhöhe Sie sich entscheiden, Sie leisten einen wichtigen und hochgeschätzten Beitrag zur Einrichtung und Instandhaltung der Ulmer Schachtel in Baja. (62/36)
Weitere gleichartige Formen und Vorkommen sind: Egal wo: 30/39; 32/15; Egal, ob: 32/14; 37/36; 39/39; 42/31; 44/9; 44/38; 45/25; 51/22; Egal, wie: 39/12, 39/30; 47/14; 57/11; Egal, in welch(er/em): 39/22; 53/10; 60/4; 61/8; Egal, für welche(s/n): 44/7; 45/4; 46/4; 48/3; 48/3; 49/3; 50/4; 51/3; 52/39; 53/38; 54/42; 55/42; 56/42; 57/37; 58/43; 59/40; 60/40; 61/42; 62/36; Egal, was: 48/20 und Egal, welche(s): 51/32. Alternative Satzbaupläne wie für welche Spendenhöhe Sie sich auch entscheiden,… sind also nicht belegt.
3.2.3 Verfremdungen
In diesem Block handelt es sich um Verfremdungsprozesse (z.B. Kontrastverschiebung oder -übertreibung, die aus einem unsicheren Umgang mit der deutschen Standardsprache resultieren, etwa Übergeneralisierung von Gebrauchsnormen bzw. -konventionen des Sprachsystems), bei denen Sprachkontaktmechanismen nicht anzunehmen sind.
Die Bandbreite der Belegtypen ist recht groß und erfasst alle Sprachebenen, was an dieser Stelle lediglich durch einige wenige Beispiele illustriert wird:
(71) Zum guten Schluss [als Kontamination von zu guter Letzt und zum Schluss] waren wir die letzten zwei Tage im Jugendcamp. (39/37)
Einige weitere Beispiele sind: Säcke mit der Getreide (Beleg 72: 60/28), weitere drei Abgeordneten (Beleg 73: 58/5), den […] fix und fertigen […] Gesetzesentwurf (Beleg 74: 30/5) usw. Außerdem kommen als stilistische Schnitzer oft Wortwiederholungen vor, beispielsweise findet man in vier nacheinander folgenden Sätzen konnte(n) (Beleg 75: 54/16).
3.2.4 Flüchtigkeitsfehler
Diesen Typ bilden Fehlleistungen, die nicht wegen mangelnden Wissens oder Könnens, sondern aus Unachtsamkeit passiert sind; solche kommen auch in Presseprodukten im deutschen Sprachraum vor. Aus der Vielzahl der Belege soll nur einer hervorgehoben werden, bei dem das Reflexivpronomen hinter wir fehlt:
(76) Müde vom Tag freuten wir auf unsere Sabaria- Vadása Pension. (35/23)
3.3 Salienzen primär kulturbezogener Natur
3.3.1 Xenismus als Beschreibungsinstrument
Eine Fokussierung auf Kultur hat ergeben, dass eine Reihe von Auffälligkeiten nicht direkt sprach-, sondern primär kulturbezogener Provenienz ist, die sich unter Rückgriff auf das Konstrukt „Xenismus“ analytisch ergründen lassen. Darunter wird im vorliegenden Beitrag als Nominaldefinition verbale, visuelle oder akustische sprachliche und/oder kulturelle – intendierte oder ungewollte – synchron interpretierte ‚Fremdartigkeit‘ im Sinne von Fremdheitssignalen verstanden. Ihr Verstehen setzt ein Zusammenspiel von Äußerungsinformation und Kontextinformation voraus (vgl. Földes 2022: 137).
3.3.2 Realienbezeichnungen
Die BS-Artikel bringen eine große Zahl von Realienbezeichnungen verschiedener Art, die meist unkommentiert verwendet werden, sodass sie für nicht-ungarndeutsche Rezipienten nicht oder nicht ganz verständlich sind, z.B. CBA (Beleg 77: 42/ 13): der Name einer ungarischen Supermarktkette; Oberstufe und Unterstufe der Grundschule (Beleg 78: 58/34): Sekundarstufe I und Primarstufe der achtklassigen allgemeinbildenden Schule; und akademischer Doktortitel (Beleg 79: 55/23): wissenschaftlicher Titel, den die Ungarische Akademie der Wissenschaften verleiht.
3.3.3 Historisches, Traditionen, Rituale des Alltags
Mit der Metonymie Trianon (Name für Schlösser im Park von Versailles) wird der dort unterschriebene Friedensvertrag von Trianon angedeutet, der 1920 den Ersten Weltkrieg formal beendete und völkerrechtlich zwei Drittel des Territoriums Ungarns verschiedenen Nachbar- und Nachfolgestaaten zuteilte. So findet man Formulierungen wie nach Trianon (Beleg 80: 33/29), Trianon-Ungarn (Beleg 81: 34/ 11), gegen Trianon erziehen (Beleg 82: 34/11), Trianongrenzen (Beleg 83: 57/15), die zu Trianon führenden historischen Zusammenhänge (Beleg 84: 60/3) usw.
Zu den weiteren Beispielen gehören u.a.: Danach bekam ich meinen Stundenplan, […] (Beleg 85: 42/22) – im deutschen Sprachraum gibt es an Universitäten, zumindest in philologischen Fächern, offiziell keinen „Stundenplan“; haben eine Hochschule oder Universität absolviert (Beleg 86: 39/23) – in Deutschland sind Hochschule und Universität Synonyme, sodass hier die disjunktive Konjunktion oder auffällt; das Kompositum Nationalitätenbildung (Beleg 87: 42/16, 56/3) im Sinne von ‚Ausbildung in ungarndeutschen Bildungseinrichtungen‘ dürfte sich nur für Eingeweihte erschließen.
Mit 315 Items führt in der Datenbasis die Ulmer Schachtel (Beleg 88: z.B. 56/ 25, siehe auch Beleg 70) die Häufigkeitsliste an. Mit diesem nominalen Phraseologismus bezeichnet man ein aus Nadelhölzern gebautes flaches Flussschiff, mit dem im 18. Jahrhundert ein großer Teil der Donauschwaben nach Ungarn einwanderte.
3.3.4 Gendersprachliche Aspekte
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass wenig und inkonsequent gegendert wird, z.B. Schülerinnen und Schüler, aber in demselben Text Pädagogen (Beleg 89: 57/45) oder Schülerinnen und Schüler, jedoch in demselben Text SchülerInnen (Beleg 90: 52/33), analog auch Schüler vs. Tänzerinnen (Beleg 91: 42/17). Auffällig ist ferner, dass zu einer mit dem (generischen) Maskulinum gestalteten Überschrift Schüler haben das Wort (Beleg 92: 30/36) das Bild eines Mädchens gehört (auch: 30/37; 30/38; 35/33).
Man kann der Sprache der BS einen kunterbunten Gendermix attestieren: einen Mix aus Gendern, Nicht-Gendern und uneinheitlich Gendern. Dieses niedrige Maß an Sensibilität für sprachbezogene Geschlechterfragen hängt in sprachlicher Hinsicht vermutlich nicht zuletzt damit zusammen, dass die Kontaktsprache Ungarisch kein Nominalgenus-System hat und in kultureller Hinsicht damit, dass in der Öffentlichkeit in Ungarn das Thema der Gleichstellung von Frauen (und Männern) keine so prominente und intensive Rolle einnimmt wie im Deutschland der Gegenwart.
3.3.5 Kontextualisierung und Perspektivierung
In den BS-Beiträgen lässt sich auch eine spezifische Standortgebundenheit festmachen, da textuelle Manifestationen zuweilen Blickrichtungen auf Realitäten und deren Einordnung nahelegen bzw. reflektieren. Denn jeder Sprachträger ist fester Teil seiner eigenen Diskurskultur, er sammelt Erfahrungsstrukturen und gewinnt entsprechende Wissensbestände, die dann – oft unreflektiert – in den Formulierungsroutinen und den Bedeutungen ihren Niederschlag finden. Beispielsweise zeigt sich eine besondere Perspektivierung darin, dass Ungarndeutsche – so auch in den BS-Artikeln – unter Vaterland (Beleg 93: 34/11; 43/19; 44/21 usw.) regulär Ungarn verstehen, während sie mit Mutterland (Beleg 94: 34/3; 40/17; 44/16 usw.) Deutschland meinen.
3.3.6 Interlinguale und/oder interkulturelle Intertextualität
BS-Beiträge sind oft nicht nur mit dem deutschsprachigen Kulturraum transtextuell verbunden. Da kein Bedeutungselement – so auch kein Text – innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist, kann man am Material der BS-Artikel mannigfaltige Erscheinungsformen des Komplexphänomens Intertextualität offenlegen: (1) zum einen intralingual, also innerhalb der deutschen Sprache, wobei sie (a) intrakulturell (mit Bezugnahme auf einen anderen deutschsprachigen Text aus der eigenen deutschen (Minderheiten-)Kultur) und (b) interkulturell (mit Bezugnahme auf einen deutschsprachigen Text aus einer anderen – in diesem Fall: der ungarischen – Kultur) auftreten und zum anderen (2) interlingual, also zwischen Deutsch und Ungarisch, wobei hier drei Subtypen (a) intrakulturell, (b) interkulturell und (c) transkulturell möglich sind (Földes 2020: 50–51). Ein interlinguales interkulturelles ungarischdeutsches Interkulturalitätsexemplar kann man z.B. in Beleg (95) identifizieren:
(95) „Die Schwaben sind mit einem Bündel gekommen, sie sollen auch mit einem Bündel gehen“, so hieß es damals in der berüchtigten Rede von Imre Kovács […] (37/34), analog: 30/10; 38/16; 42/3, 8; 47/7 und 52/6.
Dieser im Zeitungstext nicht erläuterte Intertextualitätsfall ist den Rezipient(inn)en, die mit dem inhaltlich-kulturellen Background nicht vertraut sind, wohl kaum verständlich. Konstruktives Textverhalten setzt doch vorhandene intertextuelle Bezüge zum Verständnis voraus. Als Prätext dient hier der berüchtigt gewordene Ausspruch von Imre Kovács, einem bekannten Politiker der Nationalen Bauernpartei, der in der Ausgabe vom 10. April 1945 der Zeitung „Szabad Szó“ die im Phänotext (95) enthaltene Forderung gestellt hat, also die Vertreibung der Ungarndeutschen nach Deutschland mit vollständiger Vermögenskonfiszierung (Földes 2022).
4 Irrtümer, Widersprüche und Inkonsequenzen
Schließlich konnte bei der Auseinandersetzung mit den BS-Pressetexten auch eine Palette von inhaltlichen, redaktionellen und typographischen Fehlern, Mängeln und Inkonsequenzen registriert werden. Als Illustrationsbeispiele seien aus der Vielfalt lediglich einige wenige Beispiele hervorgehoben.
(96) Wien ist […], der Bürgermeister heißt Michael Haupt (43/37).
Dagegen stand zu dem Zeitpunkt (2015) Michael Häupl als Oberbürgermeister an der Spitze der österreichischen Hauptstadt.
Als zweites Beispiel sei darauf hingewiesen, dass bei der Transkription der Dialekttexte und -einschübe in unterschiedlichen Texten unterschiedlich verfahren wird, aber typisch ist, wie dies auch sonst bei Ungarndeutschen verbreitet vorkommt, dass dominant die Phonem-Graphem-Beziehungen des Ungarischen (und nicht des Deutschen!) zugrunde gelegt werden (z.B. 56/20, 21 vs. 35/37; 42/9, 11). Außerdem ist die Reihenfolge der Vor- und Nachnamen inkonsequent (z.B. 35/34, 42; 57/6, 7; 61/27), ferner fällt gelegentlich ein unschöner Drucksatz auf (etwa große Wortzwischenräume wegen fehlender Worttrennung am Zeilenende (z.B. 56/19).
5 Zusammenfassende Überlegungen
Festzuhalten ist, dass die Sprache der BS – ähnlich zu anderen deutschen Minderheitenpublikationen (vgl. Földes 2020, 2021, 2022) – weder wie die bundesdeutsche noch wie die ungarische Pressesprache ist: Andere Produktionsbedingungen und Rezeptionsmuster sowie andere publizistisch-kommunikative Funktionen im Kontext lokaler Kommunikation führen zu einem anderen linguistischen Profil mit spezifischen Handlungs- bzw. Bewertungserwartungen und - konventionen. Es konnte eine Palette minderheitenspezifischer kommunikativer Grundmuster und sprachlicher Gestaltungsformen mit hoch variablen Ausprägungen des Deutschen identifiziert werden. In der analysierten schriftkulturellen Praxis der BS tritt eine Form von – auch Emergenzen generierender – Mehrschriftlichkeit (im Sinne von Riehl 2018: 188) auf, wobei Mehrschriftlichkeit hier im Sinne von multiliteracy zu verstehen ist, also der Beherrschung von mehreren Sprachen im schriftsprachlichen Ausdruck. Anders als Mehrschriftigkeit (vgl. Erfurt 2017: 24), bei der es um unterschiedliche Schriftsysteme geht und bei welcher der Biliteralismus einen Sonderfall bezeichnet. Dabei kann man sich grundsätzlich fragen, ob diese Texte von mehrfacher Literalität zeugen oder lediglich einen literaten Ausbau in unterschiedlichen skribalen Formen (vgl. Maas 2008: 478) aufweisen. Auf jeden Fall lässt sich ein interkulturelles Spannungsfeld mit interkulturellen Texten konstatieren, wobei die Sprache unzweifelhaft Deutsch ist, während das soziokulturelle Umfeld mit ihren Kulturmustern eine allgemeine ungarische und eine spezifische ungarndeutsche regionale Couleur aufweist, sodass z.B. die Frames in der BS-Textwelt oft ungarisch oder ungarndeutsch induziert sind. Als Ergebnis entstand ein kulturasymmetrisches „Grenzgänger“-Blatt mit einem spezifischen (interkulturellen) Interdiskurs.
Die Mehrheit der Befunde lässt sich als mehrsprachigkeits- bzw. sprachkontaktinduzierte Phänomene auf verschiedenen Ebenen explizieren: vom Wort bis zum Text/Diskurs (die Textroutinen sind z.T. ungarisch beeinflusst). Wenn der Intertextualitätsbegriff etwas radikaler aufgefasst wird, liegt hier eine Art Systemreferenz (typologische Intertextualität) im Sinne einer Textmusterreferenz etc. vor. Aufgrund ihrer „quasi Korrektheit“ (diese liegt vor, wenn ein Text als Ganzes insgesamt nicht den typischen Erwartungen eines einsprachigen Deutschsprechenden an einen bestimmten Texttyp entspricht, obschon der Text grammatisch durchaus korrekt ist und die Sätze eigentlich logisch miteinander verbunden sind (vgl. Papp 1972: 27–30)) vermitteln viele BS-Artikel den Eindruck einer Translationese (vgl. zum Begriff Rutherford 2005) oder – um einen weniger normativ klingenden Terminus zu nehmen – eines dritten Kodes (third code, vgl. Granger 2018: 185). Der Text ist ja nicht lediglich ein wohlgeordnetes Gebilde aus sprachlichen Zeichen, sondern auch ein Netzwerk aus sozialen Systemen: aus Kultur und Kulturtechniken. Folglich ist Intertextualität zugleich als ein „Dialog mit der Kultur, das Einspielen von Texten der Vergangenheit in einen ‚neuen‘ textuellen Zusammenhang“ aufzufassen (Lachmann 1990: 11). Es ist in diesem Zusammenhang auf die besondere Verfasstheit der Sprach- und Text(sorten)-kompetenz der Textemittenten im Bereich konzeptual-schriftlicher Fähigkeiten in der deutschen Standardsprache hinzuweisen, die sich aus ihrer mehrsprachigkeits- und dialektgeprägten Sprachbiographie ergeben. Transfers sprachlicher Kompetenzen aus der omnipräsenten Kontaktsprache Ungarisch (und teilweise aus der ungarndeutschen Dialektsphäre) beziehen sich offenbar gleichsam auf etliche Facetten ihrer Textkompetenz im Sinne von Riehl und Blanco López (2019: 310) wie Weltwissen (Diskurswissen, Kontextwissen), Routinewissen (Schreibkonventionen, Grammatik), makrostrukturelles Wissen (Textmusterwissen), das Wissen über Leseradäquatheit und die Kenntnis von textmusterspezifischen Gestaltungsmustern.
Als Gesamtbild entsteht Heterogenität und Uneinheitlichkeit: eine Mixtur an Sprach- und Stilformen. So stößt man z.B. einerseits auf überlange Sätze (z.B. 30/5: 14 Zeilen lang), andererseits wirken Texte, als wären sie in „leichter Sprache“ verfasst (z.B. die Informationen zur Wahl der Minderheitenselbstverwaltungen in Ausgabe 57/7). Zudem wird der Leser oft mit Auffälligkeiten hinsichtlich situativer und textfunktionaler Passung konfrontiert. Ein weiteres Merkmal besteht in der Emotionalisierung, der Affektmarkierung (z.B. emotionalisierende Metaphorik; frame-evozierende Elemente), die z.B. dank einer sog. journalistischen Basisstrategie (siehe Klein 2014: 349) entsteht, Beispiel: häufige Verwendung von unser, wir etc. Diese Phänomene können auch mit dem sog. involvement als Position des Textverfassers gegenüber dem Material bzw. den Lesern interpretiert werden (Tannen 1982: 17): Es geht um die Involviertheit des Schreibers in das, was er schreibt, er agiert sozusagen affektiv. Nach Chafe (1982: 45 und 48) dient diese Strategie dazu, Distanz aufzulösen, und bietet vielfältige Möglichkeiten, sich im Diskurs zu beteiligen und miteinander zu verbinden.
Die durchgeführte Analyse zeigt, dass die Pressetextformen in Fluss geraten und dabei eine Textsortenfusion stattfindet: Es gibt oft keine klare Unterscheidung zwischen berichts- und meinungsorientierten Beitragsformen. Da der Duktus häufig evaluativ ist und auf wertende Sprache zurückgreift, wird hier ein Gegensatz zwischen Informationsjournalismus und Meinungsjournalismus deutlich: Die BS tragen als eine Art Milieupresse Merkmale von „Gesinnungspublizistik“ mit Parteinahme für die deutsche Minderheit. Inhaltlich ist ein thematisches Heranrücken an die Rezipienten mit starkem Fokus auf bestimmte (vor allem lokale, regionale und allgemeine ungarndeutsche) Themenkategorien charakteristisch. Das ist nicht verwunderlich, da die Artikel in Minderheitenmedien auch als kulturabhängige mächtige soziale Werkzeuge zur permanenten Erzeugung und Festigung einer ethnisch-kulturellen Identität dienen.
Bemerkenswert ist das festgestellte besondere Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit bzw. von Nähe- und Distanzkommunikation. Somit bieten die BS-Artikel in erheblichem Maße Formen und Strukturen schriftlicher Alltagssprache, die metaphorisch als „Parlando-Texte“ bezeichnet werden können, also als ein „textuelles Strickmuster zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ (Nussbaumer und Sieber 1994: 320). Das heißt, sie zeigen, wenngleich sie in geschriebener Form und deshalb nicht ganz identisch erscheinen, Charakterzüge der gesprochenen Sprache (wie Dialogizität, Vertrautheit mit dem Partner, Sprunghaftigkeit, Parataxen, freie Themenentwicklung und Affektivität). Parlando als textuelles Phänomen soll nach Sieber (1998: 191) grundsätzlich ein Gefühl von Vertrautheit erzeugen, eine entsprechende Grundstimmung vermitteln und die affektive Verhaltenskomponente bei den Rezipient(inn)en ansprechen. Im Dilemma, ob es sich im BS-Mediendiskurs mehrheitlich um intendierte Parlando-Phänomene handelt oder ob diese eher aus den erwähnten Kompetenzaspekten bzw. der mangelnden Routine im Verfassen standarddeutscher Texte in verschiedenen journalistischen Textsorten seitens der ungarndeutschen Textproduzenten resultieren, scheint Letzteres wahrscheinlicher zu sein.
Im Ganzen kann man dem porträtierten ungarndeutschen Presseformat ein charakteristisches Profil sowohl mit regionalem als auch mit transkulturellem Charme mit ausgesprochener Lesernähe, wobei Plaikner (2013: 50) zur Bestimmung des Konzepts ‚Lesernähe’ ein dreisäuliges Modell aus örtlicher Nähe, Alltagsnähe und Interaktion entwickelt hat, und Adressatenorientierung bescheinigen: Die dialekt- und die sprach- bzw. kulturkontaktbezogenen Ausprägungen erhöhen das pragmatische Potenzial der Texte und verleihen ihnen ein authentisches Flair. Somit erfüllen sie auch eine Signalfunktion.

Topographische Verortung der Batschka.
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© 2022 Csaba Földes, published by De Gruyter
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