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Transfer und Transformation Alte Bücher – lebendige Daten – ein Vierteljahrhundert CERL

  • Claudia Fabian

    Bayerische Staatsbibliothek, Abteilung Handschriften und Alte Drucke, Ludwigstr. 16, D-80539 München

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Published/Copyright: July 2, 2021

Zusammenfassung

Alte Bücher – das schriftliche kulturelle Erbe – haben bis heute überlebt und wirken. Sie haben Transfer und Transformation als Objekte erlebt und in vielerlei Hinsicht dank ihrer vielfältigen Inhalte ermöglicht. Einen epochalen Wandel erlaubte ihnen das digitale Zeitalter. Alte, ortsfeste Bestandskataloge werden zu Datenbanken, Originale werden digitalisiert. Es entstehen Daten in Datenstrukturen, die sich ihrerseits wandeln, entwickeln und vernetzen, lebendige Daten also. Das Consortium of European Research Libraries ist als Gemeinschaft in diesem Zeitenwechsel entstanden. Es widmet sich jenen Herausforderungen des kulturellen Erbes, die durch Öffnung und Vernetzung der Daten, vor allem aber der bestandshaltenden Institutionen und interessierten Forschung den alten Büchern zeitgemäße Wirkung verleihen, Transfer und Transformation in diesem sehr speziellen Bereich ermöglichen und begleiten.

Abstract

Early books – the written cultural heritage – have survived and continued to be important today. As physical objects they have experienced transfer and transformation which has been triggered in many ways through their rich and diverse content. The digital age has heralded a fundamental transformation: traditional, collection-based catalogues have become databases and the books are digitised. Data are created in data structures which in turn change, develop, and network as living data. The Consortium of European Research Libraries was founded in the early years of digital transformation. It is dedicated at a European level to the challenges and opportunities for cultural heritage and for making best use of the opening up and networking of data. It enables the co-operation of heritage institutions and researchers by increasing the contemporary value of cultural heritage today, and promoting transfer and transformation in this very special field.

1 Für Elmar Mittler in Verbundenheit

Eine Festveranstaltung anlässlich eines 80. Geburtstags legt nichts näher, als über Vergangenes, Ruhmreiches zu sprechen. Genau das will der Gefeierte und zugleich will er es vermeiden. Mit eleganterem Gegenwartsbezug als durch die Betrachtung „Transfer und Transformation“ kann man das fast nicht hinkriegen.

Abb. 1 CERL-Logo
Abb. 1

CERL-Logo

2 Das Consortium of European Research Libraries: Altbestand als kulturelles Erbe Europas

Für diesen Beitrag habe ich ein Lieblingsthema gewählt, das mich seit den ersten Jahren meiner bibliothekarischen Laufbahn mit Elmar Mittler zusammengebracht hat: CERL, das Consortium of European Research Libraries,[1] eine zwar kleine, aber fachspezifisch hochrangig auf alte Bücher (bis ca. 1830), das kulturelle Erbe, fokussierte europäische, ja internationale Kooperation von Bibliotheken mit einschlägigen Sammlungen. CERL wurde zwischen 1990 und 1994[2] in einer Aufbruchs- und Umbruchsphase auf Initiative einzelner „Großer“ gegründet, getragen von der Idee von Öffnung, Zusammenarbeit, Zusammenwachsen, gemeinsamer Geschichte, gemeinsamer Kultur in Europa, aber auch dem Erkennen eigener Defizite, die es durch gemeinsames Handeln zu überwinden gilt.[3] Die Öffnung des Ostens schuf dafür neue Bedarfe und bot unerhörte Chancen, Repräsentanten dieser Länder waren und sind aktiv in CERL. Über den internationalen Austausch in der IFLA, die Standardbildung in Datenformaten, Zeichensätzen, Regelwerken, über den für das wissenschaftliche Bibliothekswesen Europas weit angesetzten Verbund in LIBER[4] hinaus, wollten und wollen die fast 300 Mitglieder von CERL[5] den gemeinsamen und doch so verteilten „Altbestand“ nicht nur transferieren, sondern auch durch ihren Zusammenschluss transformieren. Sie wollten gemeinsam etwas Spezifisches fördern und zeigen. Dafür nehmen sie bis heute Geld in die Hand, Mitgliedsbeiträge, eine Förderung durch die EU gelang nur punktuell für einzelne Projekte.[6] Die kurze Geschichte des Consortiums mit seinen verschiedenen, fachlich orientierten Gremien und der hier betreuten Produkte zeigt deutlich, wie sich Strukturen und Prioritäten mit der Zeit nachfrageorientiert verschieben, die von vielen bereitgestellten Daten es andererseits erlauben, diese sich verändernden Wege mitzugehen – im Realismus und Pragmatismus des Machbaren einerseits und des Gefragten andererseits. Vieles, was von Anfang an erdacht und gewünscht war, hat sich bis heute nicht realisiert, manches ist durch den technischen Wandel nicht mehr nötig oder erscheint nicht mehr prioritär, anderes wartet auf neue Möglichkeiten des Machens oder des Finanzierens, wirft noch immer oder immer neu die gleichen Fragen auf oder stößt an dieselben Grenzen. Aufgaben, Nutzen und Ziele im Bereich kulturelles Erbe zeitgebunden wahrzunehmen und umzusetzen ist zugleich Markenzeichen und Zukunftssicherung von CERL.[7]

Abb. 2 CERL – Venn-Diagramm
Abb. 2

CERL – Venn-Diagramm

Schaufenster des gemeinsamen Handlungswillens, der Bereitschaft, auch unorthodoxe Wege zu gehen, des gesunden Pragmatismus zu nehmen und bereitzustellen, was man bekommt, sind die frei zugängliche und nutzbare Heritage of the Printed Book Database (HPB) und der seit 1999 gepflegte CERL Thesaurus.[8]

Die HPB enthält Ende 2020 über 8 Millionen Aufnahmen für Drucke von 1450 bis etwa 1830. Die Nachweise stammen aus mehr als 50 Datenquellen aus 21 Ländern, Verbundkatalogen, lokalen Katalogen, Spezialkatalogen, retrospektiven Nationalbibliografien. Der CERL Thesaurus hatte Ende 2020 über 1,4 Millionen Normdatensätze für Personen, Drucker/Verleger, Orte und Körperschaften, die für die Erschließung von Drucken bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine Rolle spielen und aus einschlägigen Normdateien oder Erschließungsprojekten stammen. Anders als in der HPB wird hier angestrebt, Aufnahmen für gleiche Entitäten zusammenzuführen. Die Daten sind untereinander und nach außen vernetzt, so sind die CERL Thesaurus Identifier auch in Wikidata. Eine spezielle Provenienzsuche ist möglich.

HPB und CERL Thesaurus lassen in ihren Erfolgen und Datenvolumina, aber auch im Unvollkommenen die breite Streuung, vielfache Erschließung, mithin Bedeutung und die unglaublich komplexen Eigenschaften und Herausforderungen des kulturellen Erbes wunderbar erkennen und sind nachgerade Spiegel der Komplexität von Transfer und Transformation.[9] Sie lassen erkennen, wie alte Bücher Europas in dieser immer noch wachsenden Zusammenschau sich institutionenübergreifend öffnen und neu kontextualisieren, wie sie in einen globalen Prozess der Digitalisierung eingebettet sind, der sich zwar kontinuierlich wandelt, aber erst am Anfang steht.

Bei der Gründung von CERL war das Vorbild die USA – mit ihren zwei großen wissenschaftlichen Verbundkatalogen, von denen es heute nur noch „Worldcat“ gibt, speziell auch der English Short Title Catalog (ESTC)[10] und der – heute von CERL gehostete – Incunabula Short Title Catalogue (ISTC), der mit seinen zitierfähigen Identifikationsnummern für jede Ausgabe und einer CD-ROM mit Bildern ein sehr modernes Produkt war. Der Urgedanke, mit der HPB einen Worldcat für Alte Drucke, einen europaweiten Verbundkatalog nach dem Vorbild des ISTC, der weltweit Be- stände einer Ausgabe zuordnet, einen wachsenden hochwertigen Datenbestand in einer gemeinsamen Datenstruktur vor allem für die Katalogisierung, die Datennachnutzung und den Nachweis dieses besonderen und schwierigen Materials im Sinn eines Census bereitzustellen, hat sich sukzessive gewandelt. Die Datenbank wächst und musste sich unterschiedlichen Erschließungsniveaus und Heterogenitäten stellen.[11] Dafür gewannen Normdaten immer mehr Bedeutung. Der in Göttingen seit 1999 aufgebaute – nach dem Vorbild der deutschen Personennamendatei (PND) bzw. Gemeinsamen Körperschaftsdatei (GKD) – erfundene CERL Thesaurus sollte zunächst das Retrieval in dem heterogenen Datenbestand der HPB erleichtern; heute ist er ein Informationstool eigenen Rechts und wachsender Dynamik und Vernetzung.[12]

Ging es CERL zunächst neben grenzüberschreitender Fremddatennutzung für die Erschließung des Altbestands vorrangig um Retrieval, eine Zusammenschau der europäischen Drucke über politische Grenzen, Sammlungsgrenzen, Unterschiede zwischen Nationalbibliografien und Katalogen, unbekannten Spezialbeständen und gut erschlossenen Großbeständen aus Ost- und Westeuropa, so traten ab 2003 neben den ausgabenorientierten Erstansatz immer differenziertere Anforderungen zur Nutzung und Ausgestaltung der exemplarspezifischen Erschließung.[13] Das Interesse an bestandsübergreifendem Nachweis von Provenienzen prägt seither auch den CERL Thesaurus und zeigt sich im 2018 entstandenen Provenance Digital Archive (PDA), das gehostet von Arkyves das Einstellen und den Zugriff auf Bildmaterial zu Provenienzen erlaubt.[14]

Der Blick auf die Überlieferung weitete sich seit 2003 auf Handschriften, deren übergreifende Suche über ein Portal[15] ein anspruchsvolles technisches Verfahren erprobte, das sich nicht wirklich bewährte und dieses Jahr geschlossen wurde – was jedoch keine Abwendung von dem überlieferungsgeschichtlich heute die Drucke korrelierenden Handschriften bedeutet.

Der Konnex zur Forschung vertiefte sich einmal mehr aus Projekten der Inkunabelforschung. Mit MEI (Material Evidence of Incunabula) wurde eine technische Infrastruktur für Forschungsprojekte an den ISTC bzw. die HPB angedockt, was für den Umgang und das Hosting weiterer Forschungsdaten Modellcharakter haben kann.[16] Heute wendet man sich wieder den Fragen der bibliografischen Qualität bzw. dem Anspruch des „Clustern“ von Daten zu, aber nicht mehr im Sinn von Homogenisierung, sondern im Hinblick auf die Definition von Normdaten und Identifiern, die in der Welt der Linked Open Data eine immer größere Rolle spielen.[17]

CERL hat mit seinen umfassenden, altbestandsspezifischen Produkten eine große Ausgangsbasis, die es in zeitgemäßer Form nicht nur in der bibliothekarischen Welt, sondern auch direkt in der nicht nur von dieser abhängigen, sondern mit dieser unmittelbar verbundenen Forschungswelt der Digital Humanities zu nutzen gilt.[18] Die speziellen Daten, die CERL aus vielen Quellen sammelt, aggregiert und aufbereitet, stehen nun offen und nutzbar zur Verfügung. Eine große Herausforderung ist auch hier, die Nachnutzung nicht nur technisch qua Infrastrukturmaßnahmen attraktiv zu machen, sondern darüber hinaus aus dieser Nutzung generiertes neues Wissen, das sich ebenfalls in Daten ausdrückt, an diese Struktur anzubinden.

Abb. 3 CERL-Projekte
Abb. 3

CERL-Projekte

3 Alte Drucke und ihre Erschließung als Showcase für Transfer und Transformation

Geht es CERL vermeintlich um etwas spröde und altmodisch Bibliothekarisches wie Katalogisierung – und noch verzopfter: von alten Büchern, die also noch nicht mal ihre Berechtigung aus den dringenden Bedarfen für die aktuelle Literaturversorgung der jungen Forschergeneration ableiten, so sind sowohl die Altbestände wie auch ihre Erschließung optimale Demonstrationsobjekte für Transfer und Transformation. Sie sind eng mit ihrer Überlebens- und Überlieferungsgeschichte verbunden. Jedes dieser alten Bücher ist in einen heute noch namhaften Kontext eingebettet, hat auf verschiedenen Wegen Jahrhunderte überdauert und damit schon Nachhaltigkeit, Dynamik und Erhaltenswürdigkeit erwiesen. Alte Bücher dienen nicht nur der Überlieferung von Inhalten, Texten, Bildern, Tabellen, Noten, Karten ... mithin der Dokumentation und dem Fortschritt von Wissen und Kultur. Sie haben eine individuelle und/oder sammlungsorientierte Überlieferungsgeschichte. Allein schon als Objekte sind sie außerordentlich vielfältig in ihrer Aussagekraft und Würdigung, die neuerdings auch materialwissenschaftliche Analysen umfasst.

Transfer und Transformation lässt sich in vielem am Objekt selbst darstellen, mit seinem Einband, handschriftlichen Notizen, Vorbesitzereinträgen, mit seinen Wunden – wie fehlenden Blättern – und Ergänzungen wie eingeklebten Fragmenten, Kolorierungen, Sammelbänden und weiteren Merkmalen, die die Forschung heute beflügeln, die man bei einem modernen Buch meist keines Blicks würdigt oder gar als Benutzerbeschädigungen ahndet.

Die Geschichte und Rezeption dieser Bücher schlägt sich aber auch über die Jahrhunderte in der Rezeption durch die Forschung, aber auch in Katalogen, Verzeichnissen, Bibliografien, verschiedenen Textcensus und prosopografischen Nachschlagewerken wider, oft kurzen Notizen, oft hoch gelehrten Werken. Die eher vernachlässigte Geschichte der Erschließung gehört wesentlich zur Geschichte der Überlieferung und kann im Zeitalter der Metadaten an Interesse gewinnen.[19]

4 Alte Drucke als lebendige Daten der Forschungsdateninfrastruktur

Als Nischenthema fordert das „Alte Buch“ heute zu Konsortialaktivitäten heraus und profitiert von diesen, ist es doch in seinen Aspekten höchst differenziert und jeder bestandshaltenden Bibliothek wichtig, aber in der Regel keine alleinige oder stets prioritäre Verantwortung. Das fachliche Zusammenwirken und der Austausch wie CERL ihn mit vielen einschlägigen Experten bietet, erlaubt diese Herausforderungen angemessenen qualitätsvoll und nachhaltig wirksam zu bewältigen, denn: unabhängig von allen finanziellen und strategischen Prioritäten sind wir als Gedächtnisinstitutionen stolz auf das kulturelle Erbe und seiner Zukunft verpflichtet.

Damit sind wir beim Punkt „lebendige Daten“. Der einschneidende Medienwandel um die Jahrtausendwende – die Digitalisierung – erlaubte gerade für alte Bücher eine signifikante Transformation. Die Digitalisierung wurde von den Bibliotheken sehr früh, sehr gezielt, sehr umfassend als Chance begriffen und ergriffen. Seit den 1980er-Jahren – also der Frühzeit der EDV – findet sie für das Kerngeschäft der Katalogisierung bzw. mit dem angemesseneren Begriff: Erschließung Anwendung. Auf die im Hinblick auf effiziente Datenübernahme orientierte Erfassung der Zeitschriften und Neuerwerbungen folgte rasch die Konversion der konventionellen, analogen Kataloge. Die EDV hielt auch Einzug bei den retrospektiven Nationalbibliografien: sehr früh für den ISTC – und ESTC –, bereits angereichert mit digitalen Bildern von Schlüsselseiten für VD 17, dann nach einer Konversion von Grundwerk und Karten-Supplement auch für das VD 16. Das VD 18 ist schließlich von der Genese her bereits als digitale Bibliothek konzipiert.[20]

Neben die maschinenlesbaren Titelaufnahmen trat der Aufbau von Normdateien, zu erinnern ist hier an die Wurzeln der PND in der Altbestandskonversion.[21] Sukzessive etablierten sich die bibliothekarischen Services, OPAC, Bestell- und Ausleihsysteme, Dokumentliefersysteme in der Datenwelt. Gleichberechtigt neben eine elektronische Ersterschließung traten nun mögliche und erforderliche kontinuierliche Datenverbesserungen und -erweiterungen, aber auch Format- und Zeichensatzänderungen und -erweiterungen, Schnittstellendefinitionen, Datentransfers aus übergeordneten oder in abgeleitete Systeme, all dies bedarf eigener, kontinuierlicher Pflege.

Anders als bei den statischen konventionellen Katalogen, wo jede Änderung und Ergänzung ein Problem war, sind die maschinenlesbaren Aufnahmen lebendige und sehr muntere Daten. Gerade im Bereich der Alten Drucke erlaubt dies für neue Fragestellungen differenziertere, neue Erschließungsverfahren. Der Altbestand kann nun in vielfältiger Form und ständiger Migration die Grenzen nicht nur der bestandshaltenden Institutionen, sondern auch ihrer Systeme und Datenbanken überschreiten. Als Linked Data können sie sich heute im semantischen Netz verbinden und vernetzen und damit – dem Lesen des Originals vergleichbar – eine zweite wichtige Brücke zwischen Bibliothek und Wissenschaft schlagen. Wer einen Eindruck von dieser Datenwelt erhalten möchte, kann die HPB mit Gewinn auch zur Datenpaläontologie des Altbestands befragen oder als gemeinsame Basis weiterer Transformationen nutzen.[22]

Zu einer weiteren Öffnung und noch größeren Datenwelt trägt seit der Jahrtausendwende die Digitalisierung der Originale bei. Hier war der Altbestand aus konservatorischen und rechtlichen Gründen von Anfang an privilegiert. Google interessierte sich für alte Bücher! Zunächst reine Bildwiedergabe erlauben heute Optical Character Recognition (OCR) oder Handwritten Text Recognition (HTR) die Generierung von immer besseren Volltexten, Named Entity Recognition (NER) das Erkennen und Definieren von Entitäten, die ihrerseits wiederum in Verbindung mit Normdaten treten können. Gleichzeitig macht die Bildsuche Fortschritte und ergänzt das traditionell textorientierte Retrieval.

Dank des frühen und umfassenden Einsatzes der EDV verfügen die Bibliotheken heute über erprobte, erlebte Erfahrungen im vielfältigen Handling digitaler Daten, über beeindruckende digitale Repositorien, die es nun genauso zu öffnen gilt wie einst die Altbestandsmagazine. Leben, Lebendigkeit, Transformationsfähigkeit und Transferbedürfnisse der digitalen Sammlungen sind eine eigenständige Größe, Herausforderung und Chance in der von den Bibliotheken aufgebauten und mit großer Expertise betreuten digitalen Informationsinfrastruktur. Unter dem Vorzeichen der Digital Humanities wird sie immer mehr wieder gemeinsames Anliegen von Bibliothek und jeder buchbasierten Wissenschaft. Zur Rolle von Daten in der Forschungstradition der Geisteswissenschaften können und müssen Bibliotheken wesentlich beitragen. Das geht über Data Curation hinaus, ist aber ohne Data Curation nicht denkbar. Die neuen Ansätze der nationalen Forschungsdateninfrastrukturen (NFDI) lassen Ausmaß und Dynamik dieses stetigen Transformationsprozesses erahnen.

5 CERL – Vorläufer und Zukunftsweiser für Forschungsinfrastrukturen

In diesem durch die Digitalisierung ermöglichten, durch die bibliothekarischen Modelle und Strukturen realisierbaren und gezielt geförderten und nunmehr laufenden und als kontinuierlich zu verstehenden Prozess der Transformation von Katalogen zu Daten und auch des Transfers der Originale in Daten spielen Kooperationen, zentrale Datenbanken, Standardisierung von Strukturen und Daten, Institutionen übergreifendes Zusammenwirken entscheidende Rollen. Internationalisierung, Öffnung, Überwindung von Silogrenzen prägen und motivieren diese Transformationsprozesse auf den verschiedensten Ebenen und in unterschiedlichen Gruppierungen.[23]

Für Alte Drucke und Handschriften spielt in diesem großen Konzert seit über einem Vierteljahrhundert, ja eigentlich 30 Jahren, das Consortium of European Research Libraries in einer ganz spezifischen Form mit Inhalten, die das Potenzial haben, die Zeiten zu überdauern, eine Mittler-Rolle. CERL mag so einen Eindruck von der Zukunft der Bibliotheken in der Datenverwaltung und Datenvermittlung zukünftiger Forschungsumgebungen vermitteln: Sie geschieht kooperativ, virtuell, d. h. auch losgelöst vom Bestand, transnational, domänenspezifisch. Sie bedarf der Expertise und basiert auf Vertrauen und Öffnung. Sie ist personengebunden, konkret, vielfach vernetzt und offen.

CERL ist erfolgreich und zukunftssicher, wenn und insofern es die zeitgebundenen, jeweils fortschrittlichen und kooperativen Methoden und Bedarfe der Erschließung des kulturellen Erbes aufgreift und verschiedene, auch nationale Aktivitäten in einer europäischen Kooperation, einem Consortial-Ansatz überhöht. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass viele Gründungsmitglieder von CERL sich hohen Alters in guter Gesundheit und mit ungebrochenem Engagement Transfer und Transformation ihrer Gründung begleiten. Dabei wissen sie und alle hier Involvierten, wie sehr CERL vor allem auf die angewiesen ist, die das Potenzial der hier gesammelten Daten und Strukturen, die Idee der Vernetzung und des Kooperativen als Dynamik und Zukunftsorientierung verstehen und durch ihre Expertise, ihre Finanzierung und ihre Begeisterung, dem unverzichtbaren Motor von Kooperation und Transformation, zu erhalten und zu fördern bereit sind.

Über den Autor / die Autorin

Dr. Claudia Fabian

Bayerische Staatsbibliothek, Abteilung Handschriften und Alte Drucke, Ludwigstr. 16, D-80539 München

Literaturverzeichnis

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Online erschienen: 2021-07-02
Erschienen im Druck: 2021-07-01

© 2021 Claudia Fabian, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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  27. Wilson, Emma Annette: Digital Humanities for Librarians. Lanham; Boulder; New York; London: Rowman & Littlefield, 2020. XIX, 227 S. ISBN 9781538116456 (Paperback), $50
  28. Ernst, Fischer (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 3: Drittes Reich und Exil. Teil 3: Exilbuchhandel/ Supplement 2, vollst. überarb. Aufl. Berlin, Boston: Verlag De Gruyter, XXI, 639 S., Großformat, gebunden, 159,95 €
  29. Klosterberg, Brigitte (Hrsg.): Historische Schulbibliotheken. Eine Annäherung. (Hallesche Forschungen: 56). Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen Halle, 2021. XXV, 222 S., 21 Abb. ISBN 978-3-447-11479-0; ISS 0949–0086, 52,00 €
Downloaded on 8.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bfp-2021-0016/html
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