Rezensierte Publikation:
Dunkhase, Jan Eike: Provinz der Moderne. Marbachs Weg zum Deutschen Literaturarchiv. Stuttgart: Klett-Cotta, 2021. 429 S., 39 Abb., fest geb. ISBN 978-3-608-96446-2. 35,00 €
Die Formulierung des Buchtitels kann man als ein klug gewähltes Stilmittel, als eine contradictio in adiecto bezeichnen. Es geht darum, wie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der tiefsten schwäbischen Provinz Schritt für Schritt eine heute international renommierte wissenschaftliche Institution zu entwickeln begann. Dazu noch auf einem Gelände, das ursprünglich Schelmengrüble genannt wurde, die heutige Schillerhöhe. Mit Eichendorff könnte man sagen „Triffst du nur das Zauberwort“, die Zauberwörter waren „Schiller“ und „Marbach“. Nicht ohne Ironie spricht der Autor von „einem anderen Zauberberg“.
Jan Eike Dunkhase ist Historiker, hat in Heidelberg und Jerusalem studiert und in Berlin promoviert. Von 2015 bis 2018 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA). Seit 2021 ist er in gleicher Funktion am Arbeitsbereich Geschichtstheorie der Universität Bielefeld tätig. Während seiner Marbacher Zeit widmete er sich der bis dato noch nicht vorhandenen Geschichten des DLA und zwar im Rahmen des Projekts „Das Pantheon der deutschen Literatur“, das auf noch weitgehend unerschlossene Quellenbestände zurückgreifen sollte. Der seinerzeitigen Projektbeschreibung ist zu entnehmen, dass dabei „die allgemeinen historischen Ereignisse und gesellschaftlichen Prozesse wie auch die literatur-, kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Veränderungen“ mit einzubeziehen waren. Mit der nun vorliegenden Publikation liegt nun wohl das Ergebnis vor. Sie ist keineswegs nur Lokalgeschichte, auch nicht nur klassische Ereignis- oder Institutionengeschichte, sondern vor allem Ideengeschichte.
Dunkhase folgt nicht einem engen chronologischen Korsett der Faktizität der Ereignisse, sondern arbeitet in neun Abschnitten Schwerpunkte heraus. Er wählt für die Kapitel originell formulierte Überschriften wie zum Beispiel „Schillers Schwaben“, „Museum in dürftiger Zeit“, „Dichter und Führer“ oder „Weimar des Westens“. Wie es sich gehört, möchte man sagen, steht am Anfang der „Riese von Marbach“, Schiller, gefolgt von der folgenreichen Forderung Wilhelm Diltheys nach „Archiven für Litteratur“ (!) aus dem Jahr 1889. In diesem „Ergebnis einer Denkbewegung“ des 19. Jahrhunderts“ liegt der Ansatz zu einer neuen Memorialkultur und zu Dunkhases „ideengeschichtlicher Betrachtung“, mit einem Wort auf einer neuen methodologischen Grundlage.
Ab den späten 1880er-Jahren begann die erste Gründungsphase mit Schillerverein und Schillermuseum, befördert durch die Stilisierung Schillers zum „Dichter der Deutschen“ und seine weit verbreitete Popularität.[1] Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg spricht Dunkhase vom „Museum in dürftiger Zeit“, beginnend mit der Ressourcenknappheit bis zum fast völligen Stillstand während der NS-Zeit trotz „Dichterkultur und Kulturpolitik“ und trotz der unsäglichen Schrift von Hans Fabricius Schiller als Kampfgenosse Hitlers von 1932. Bezeichnend ist wohl, dass der „Führer“ bis 1940 fünfunddreißig Mal in Weimar war, der Schillerhöhe aber keinen Besuch abstattete. Vielleicht kann die späte Abneigung Hitlers gegen den Dichter des „Wilhelm Tell“ und des „Don Carlos“ zur Erklärung herangezogen werden. Zu vermuten ist auch, dass dabei die Konkurrenz Weimar – Marbach eine Rolle gespielt hat. Von der Gründung des Goethe-Archivs 1885, später Goethe- und Schiller-Archiv, bis zu den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen Literatur in Weimar lässt sich die Rivalität wie ein roten Faden verfolgen, nach 1945 ein „Systemkonflikt“, wie ihn Dunkhase treffend nennt.
Im Verlauf seiner Ausführungen weist Dunkhase immer wieder darauf hin, dass der Erfolg Marbachs dem Einfluss bedeutender Persönlichkeiten zu verdanken war. Hier findet er sozusagen einen Mittelweg zwischen Struktur- und Ereignisgeschichte. Um Beispiele zu bringen: Es handelt sich von politischer Seite um König Wilhelm II. von Württemberg oder Theodor Heuss. Nicht zu vergessen wäre auch der Marbacher Stadtschultheiß Traugott Haffner (1853–1903), der die „Pflege des Schillerkultus“ als „Teil einer umfassenden Infrastrukturpolitik“ verstand (S. 36). Von Seiten der Wirtschaft erwies sich der Bankier und Mäzen Kilian von Steiner (1833–1930) als treibende Kraft. Was die inhaltliche Seite betrifft, die Weiterentwicklung zum Deutschen Literaturarchiv, stehen Erwin Ackerknecht (1880–1960) und Bernhard Zeller (1919–2008) an erster Stelle. Ackerknecht war jahrzehntelang einflussreicher Volksbibliothekar in Stettin gewesen und nach seiner Flucht von 1945 bis 1954 Direktor der Schiller-Nationalmuseums. Ihm kommt das Verdienst zu, den schwierigen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg gemeistert zu haben, wenngleich er an der „kulturpolitischen Rückständigkeit“ der Institution nichts zu verändern vermochte. Marbach „neu erfunden“ wurde nach den Worten Dunkhases durch den Erwerb des Verlagsarchivs von Cotta 1952, die Konstituierung des DLA 1956 und die Berufung Bernhard Zellers als seinem Direktor 1955. Es war der Übergang zu einer neuen Epoche und der Beginn eines unglaublichen Aufschwungs, so dass man mit dem Autor von einer zweiten Gründung sprechen kann. „Getoppt“, wie man heute zu sagen pflegt, wurde diese Entwicklung 2009 durch den Erwerb der Suhrkamp-Archive, der den Bestand um ein Viertel vermehrte. Er bot die Chance, „um in Marbach die Globalisierung zu proben“. Das ist aber nicht mehr Thema des Buchs, das mit der Eröffnung des Archivneubaus 1972 schließt. Mit diesem Jahr sieht Dunkhase die Jahre des Aufbaus beendet und den Beginn eines neuen Transformationsprozesses. Seither ist ein halbes Jahrhundert verstrichen. Man darf gespannt sein, wann die Zeit gekommen sein wird, einen erweiterten Rückblick zu wagen. Dunkhase hat Maßstäbe gesetzt, an denen ein nachfolgender Historiograf gemessen werden wird.
Dem Anspruch, nicht nur eine Institutionen- sondern zugleich eine Ideengeschichte zu präsentieren, ist Dunkhase auch in stilistischer und sprachlicher Hinsicht gerecht geworden. Bei aller wissenschaftlichen Gründlichkeit und allem Bemühen um größtmögliche Objektivität der Geschichte, „wie es eigentlich gewesen ist“, bereitet die Lektüre Vergnügen, nicht zuletzt durch gekonnte, oft ungewohnte, aber treffende Formulierungen.
Einen Hinweis verdient auch der Bildteil. Von den immerhin 39 klug ausgewählten Abbildungen hätte man sich noch mehr gewünscht. Der umfangreiche Anhang umfasst allein 80 Seiten Anmerkungen, des Weiteren folgen 12 Seiten eines Personenregisters.
Wer diese Geschichte des DLA durch die Sicht zweier Protagonisten ergänzen möchte, sei auf folgende Publikationen hingewiesen. Von Bernhard Zeller liegen seine Marbacher Memorabilien vor. Der „kopernikanischen Wende“ vom National- zum Literaturmuseum der Moderne ab 1960 hat Paul Raabe, der Kurator der spektakulären Expressionismus-Ausstellung von 1960, den dritten Band seiner vierbändigen Erinnerungen gewidmet.[2]
© 2021 Peter Vodosek, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
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