Rezensierte Publikation:
Wilson, Emma Annette: Digital Humanities for Librarians. Lanham; Boulder; New York; London: Rowman & Littlefield, 2020. XIX, 227 S. ISBN 9781538116456 (Paperback), $50
Beim vorliegenden Werk Digital Humanities for Librarians (2020) von Emma Annette Wilson handelt es sich um die erste Monografie mit dem Ziel, ein grundlegendes Lehrbuch für Digital Humanities im Kontext von Bibliotheken und der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu sein. Es richtet sich insbesondere an Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die entweder schon im Gebiet der Digital Humanities tätig sind, sogenannte Digital Humanities Librarians, an Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die stärker in diesem Bereich tätig werden wollen, sowie an Masterstudierende der Bibliothekswissenschaften im Kontext von Seminaren, die einer Einführung in die Digital Humanities gewidmet sind. Die Autorin, Dr. Emma Annette Wilson, ist momentan Assistant Professor am Department of English der Southern Methodist University (Dallas, Texas). Sie habe zuvor, wie sie wiederholt betont, mehr als vier Jahre erfolgreich das Digital Humanities Center der University of Alabama geleitet (Tuscaloosa, Alabama) und in diesem Zeitraum die Aktivitäten des Centers ausgebaut.[1] Das Buch baue auf diesen Erfahrungen auf.
Das Buch ist zielführend in drei Teile gegliedert: Teil 1 „What is Digital Humanities?“, Teil 2 „The Digital Part of Digital Humanities“ und Teil 3 „The Human Part of Digital Humanities“. Teil 1 beinhaltet „What is Digital Humanities“ (Kapitel 1), „Who is Doing Digital Humanities“ (Kapitel 2) und „Library Models for supporting Digital Humanities“ (Kapitel 3). Teil 2 ist in fünf Kapitel untergliedert: „Metadata for Digital Humanities“ (Kapitel 4), „Creating Digital Exhibitions, Archives, and Databases“ (Kapitel 5), „Text Encoding with the Text Encoding Initiative (TEI) and the Music Encoding Initiative (MEI)“ (Kapitel 6), „Digital Mapping“ (Kapitel 7) und „Computational Text Analysis; or Big Data for Digital Humanities“ (Kapitel 8). Teil 3 rundet das Bild mit weiteren fünf Kapiteln ab: „Outreach for Digital Humanities“ (Kapitel 9), „Who is on My Team? Collaborators in Digital Humanities“ (Kapitel 10), „Project Management for Digital Humanities“ (Kapitel 11), „Managing Humans in Digital Humanities Projects“ (Kapitel 12) und „Managing Data in Digital Humanities Projects“ (Kapitel 13). Es enthält außerdem eine ausführliche Bibliografie und einen Index und es gibt eine begleitende Webseite.[2]
Dem ersten Teil ist ein „Preface“ vorangestellt, in dem die Zielsetzung und Zielgruppe des Buchs näher umschrieben werden. Es erklärt die Zielsetzung der Autorin, mit diesem Buch Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ein Lehrbuch an die Hand zu geben, um führende Rollen in Digital-Humanities-Projekten einzunehmen. Sie seien für diese prädestiniert, weil zu ihren Stärken Teamfähigkeit und Projektmanagementkenntnisse zählten, die bei vielen Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern weniger ausgeprägt seien. Außerdem brächten sie viele fachliche und technische Fähigkeiten mit sich, die in Digital-Humanities-Projekten eine wichtige Rolle spielten, z. B. Kenntnisse über Metadaten, Standardisierung und LZA, die Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern ebenso fehlten. In diesem Kapitel offenbart sich aus Sicht der Rezensentin eine Schwäche des Buches, die sich im weiteren Verlauf durchzieht: Die Autorin unterscheidet fast nur zwischen Digital Humanities Librarians und Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern (faculty), wobei erstere aufgrund ihrer Ausbildung besonders dazu qualifiziert seien, eine führende Rolle bezüglich der technischen Umsetzung und des Projektmanagements einzunehmen und weitere entsprechend für die fachliche Führung. Digital Humanists existieren auf der Fachbereichsebene in diesem Modell offenbar nicht. Auch die bibliothekarische Zielgruppe ist dem Anschein nach sehr spezifisch, nämlich Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit einem fachlichen Abschluss in den Geisteswissenschaften, die ein Digital Humanities Center leiten oder eine ähnliche Struktur an einer Bibliothek aufbauen. Dies ist wahrscheinlich dem Hintergrund der Autorin geschuldet bzw. entspricht durchaus der Realität an amerikanischen Forschungsbibliotheken, zählt aber z. B. in Europa beziehungsweise im deutschen Sprachgebiet zurzeit zu den Ausnahmen.[3] Ansonsten enthält dieses Kapitel eine Übersicht über einleitende und weiterführende Ressourcen für Digital Humanities im breiteren Sinne und speziell für Bibliothekarinnen und Bibliothekare sowie eine Zusammenfassung aller Kapitel.
Schauen wir nun genauer in den Inhalt der einzelnen Teile. Teil 1 „What is Digital Humanities?“ bietet eine pragmatische Arbeitsdefinition des Begriffs „Digital Humanities“ aus bibliothekarischer Sicht und der Rolle von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in Digital-Humanities-Projekten, so dass diese ihre speziellen Qualifikationen einbringen können, ohne dass dabei ihr Anteil durch die Principal Investigators übersehen bzw. bei Präsentationen und Publikationen unter den Tisch fallen gelassen wird (ein wichtiges Thema, nicht nur für Bibliothekarinnen und Bibliothekare, das wiederholt im Buch thematisiert wird, Stichwort: „invisible work in Digital Humanities“).[4] Außerdem werden in diesem Teil verschiedene Modelle vorgestellt, wie Bibliotheken in Digital-Humanities-Aktivitäten involviert sind, wobei hier das amerikanische Digital-Humanities-Center-Modell an einer Bibliothek bzw. die spezifische Funktion eines Digital Humanities Librarians im Mittelpunkt steht.
Teil 2 widmet sich dem „Digital Part of Digital Humanities“ und umfasst Kapitel zu verschiedenen DigitalHumanities-Methoden und -Forschungsgebieten. Es wird hauptsächlich auf Metadaten, digitale Ausstellungen, TEI und MEI sowie des Weiteren auf digitale Kartierungsmethoden (GIS) und maschinelle Textanalysemethoden (Big Data) eingegangen. Diese Kapitel zeigen anhand illustrativer Beispiele Stärken bibliothekarischer Unterstützung für Digital-Humanities-Projekte auf, insbesondere im Bereich (Meta)Datenmanagement. Interessant sind auch die Querverbindungen zum Bereich Digital Humanities in der Lehre, z. B. durch den Aufbau digitaler Ausstellungen und Sammlungen im Rahmen von Kursen. Auch die Ausführungen zu TEI sind relevant, wenn auch etwas unausgewogen im Vergleich zu MEI. Insgesamt bleiben die Ausführungen in diesem Teil meist an der Oberfläche und sind aus Sicht der Rezensentin für ein Lehrbuch zu unterschiedlich aufgebaut und gewichtet. Irritierend wirken die zahlreichen Zwischenkommentare, dass die Leserinnen und Leser, nachdem sie sich kurz mit den – teilweise – recht komplexen Technologien vertraut gemacht haben, diese dann sozusagen als Expertinnen und Experten Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern vorschlagen und gemeinsam mit ihnen umsetzen sollen.
Teil 3 „The Human Part of Digital Humanities“ ist vor allem Outreach- und Projektmanagement-Aspekten sowie dem Datenmanagement in Digital-Humanities-Projekten gewidmet. Outreach für die Digital Humanities bedeutet im Kontext des Buches vor allem, dass Digital Humanities als Dienstleistung der Bibliothek verkauft wird. Abgesehen davon sind diese Ausführungen aber auch relevant für alle, die Digital-Humanities-Forschungsmethoden breiter in den Geisteswissenschaften, z. B. im Rahmen einer Universität oder außeruniversitären Forschungseinrichtung, etablieren wollen. Auch werden hilfreiche Hinweise für die Organisation von Workshops und anderen Events (wie Brown-Bag-Lunches und Projekttreffen) gegeben. Andere wichtige behandelte Aspekte sind der Aufbau, die Zusammenstellung und Leitung von Digital-Humanities-Projektteams und die Etablierung von Projektstrukturen, die sicherstellen, dass alle Teammitglieder gleichwertig in den Projekterfolg einbezogen werden und eine sinnvolle Ressourcenplanung und Vorgehensweise etabliert wird. Außerdem werden Herausforderungen, „Stolperfallen“ und Lösungsstrategien behandelt. Das letzte Kapitel zum Datenmanagement ist löblich, weil es die Wichtigkeit dieses Aspekts unterschreibt, bietet jedoch kaum über allgemeine Hinweise hinausgehende Informationen zu speziellen Herausforderungen des Datenmanagements in den Digital Humanities.
Insgesamt ist die Praxisperspektive der Autorin einerseits sehr zu begrüßen, andererseits hat sie jedoch auch zu einem Bias in den Ausführungen geführt, weil – vielleicht durchaus unbewusst – von ähnlichen Bedingungen und Kontexten (Digital Humanities Librarian als Leiterin oder Leiter eines Digital Humanities Centers) bei den Leserinnen und Lesern ausgegangen wird. Auch sind die Tool- und Ressourcenübersichten zentriert auf nordamerikanische Projekte und Initiativen, und es fehlen Hinweise auf große europäische Digital-Humanities-Infrastrukturen wie CLARIN oder DARIAH. Die im Buch enthaltenen Übungen erscheinen mit einigen Anpassungen in Lehr- und Weiterbildungskontexten brauchbar. Auch der Inhalt der begleitenden Webseite scheint relevant für die Leserinnen und Leser, wenn auch etwas mager im Vergleich dazu, wie oft diese im Buch beworben wird. Sie besteht zum Zeitpunkt des Schreibens der Rezension aus einigen Linklisten und sechs circa zwei bis zehnminütigen Videos; die Sektionen „Teaching Examples“ und „Blog“ waren bis auf eine Ankündigung leer.
Die Stärken des Buches liegen in der Beschreibung traditioneller Digital-Humanities-Bereiche, in den Bibliotheken schon längere Zeit unterstützend tätig sind, Aspekte wie GIS oder computionelle Textanalyse werden eher oberflächlich behandelt. Es gibt jedoch meist Hinweise auf vertiefende Ressourcen. Insbesondere ist bedauerlich, dass Aspekte wie die FAIR-Prinzipien und Openness als inzwischen breit etablierte Handlungsgrundlagen bibliothekarischer Aktivitäten weitestgehend außen vor bleiben.
Das vorliegende Buch „Digital Humanities for Librarians“ ist trotz dieser Kritik relevant als Lehrbuch für (zukünftige) Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die ihre Tätigkeiten im Bereich Digital Humanities ausbauen und Beiträge zu interdisziplinären Projektteams leisten wollen, die über reine Dienstleistungen hinausgehen. Es ist für diese Zielgruppe ein guter Einstiegspunkt in die Materie, weil es „Lust auf mehr“ macht. Es sollte deutlich sein, dass bibliothekarische Aktivitäten im Bereich Digital Humanities nur von Erfolg gekrönt sein können, wenn sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare intensiv mit den Potenzialen und Herausforderungen der Digital Humanities auseinandersetzen und sich vertiefte Kenntnisse relevanter Technologien und Konzepte aneignen, die über die Inhalte des Buches hinausgehen. Vor allem Teil 3 (Outreach und Projektmanagement) könnte auch relevant für Digital-Humanities-Koordinatorinnen und -Koordinatoren ohne bibliothekarischen Hintergrund sein, wenn diese sich über die spezifische Ansprechweise des Buches (sehr gezielt mit „you“ an Bibliothekarinnen und Bibliothekare als Haupttriebfedern der Digital Humanities an Universitäten) hinwegsetzen können.[5]
© 2021 Ulrike Wuttke, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
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