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Ein Jahr Erstcheck NS-Raubgut für Öffentliche Bibliotheken

  • Norman Köhler

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Published/Copyright: April 4, 2023
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Abstract

The article presents the two-year research project “Initial check Nazi-looted materials in public libraries” / „Erstcheck NS-Raubgut für Öffentliche Bibliotheken“, which aims to examine and assess the old collections of participating public libraries from eight German states regarding Nazi-looted materials. The findings obtained during the first year of work on the research project will be outlined.

Seit Januar 2022 läuft ein vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg gefördertes, zweijähriges Projekt, das bundesweit Öffentliche Bibliotheken bei der Prüfung ihrer Bestände auf NS-Raubgut unterstützt. Das Vorhaben wird als Kooperation zwischen dem Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv) und dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt. Grundlage des Projekts ist eine 2017 von der Kommission für Provenienzforschung und Provenienzerschließung des dbv durchgeführte Umfrage an Öffentliche Bibliotheken bezüglich Altbeständen. Mit Altbeständen ist in Bezug auf NS-Raubgut Bibliotheksgut mit einem Druck- oder Entstehungsdatum vor dem 8. Mai 1945 gemeint.

Im laufenden Projekt werden Bestände von 15 Öffentlichen Bibliotheken aus acht Bundesländern untersucht. Die Bandbreite reicht dabei von Einrichtungen mit zahlenmäßig geringem Altbestand (z. B. die Stadtbücherei Altena und die Kreisfahrbücherei des Landkreises Celle in Eschede) bis hin zu Bibliotheken mit über 100.000 Bänden (z. B. die Münchner Stadtbibliothek). Die Umfrage ergab in Hinsicht auf die teilnehmenden Einrichtungen, dass die Herkunft der Bestände oft unbekannt, in etwa der Hälfte der Fälle jedoch durch erste Verdachtsmomente belastet erscheint.

Die Projektplanung sieht eine etwa dreiwöchige Bearbeitungszeit für die jeweiligen Einrichtungen vor. Sie besteht aus einer Woche vorbereitender Recherchen, einem etwa eine Woche dauernden Besuch in den Institutionen mit Recherche in Zugangsunterlagen (falls vorhanden) und Untersuchung von Exemplaren durch Autopsie, sowie einen etwa ein- bis zweiwöchigen Abschnitt für Nachrecherchen zu den ermittelten Provenienzen und die Dokumentation der Ergebnisse durch Erstellung eines standardisierten Dossiers. Natürlich können die Gegebenheiten vor Ort eine Anpassung des Prozederes notwendig machen. Prinzipiell soll der gewählte Projektablauf dazu führen, dass den teilnehmenden Einrichtungen möglichst wenig Aufwände entstehen. Lediglich die Vor- und Nachbereitung, sowie in gewissem Rahmen die Begleitung während der einzelnen Bibliotheksbesuche durch eigenes Personal sollte von den Institutionen gewährleistet werden.

Im ersten Projektjahr wurden acht Öffentliche Bibliotheken aus fünf Bundesländern einem Erstcheck auf NS-Raubgut unterzogen. In Niedersachsen betraf dies die Kreisfahrbücherei des Landkreises Celle in Eschede. In Nordrhein-Westfalen wurden die Stadtbibliothek Aachen, die Stadtbücherei Altena, die Stadt- und Landesbibliothek Dortmund und die Germania Judaica – Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums e.V. untersucht. In Rheinland-Pfalz konnte die erste Spurensuche in der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier verwirklicht werden. In Sachsen schließlich fand der Erstcheck in der Abteilung Altbestand der Christian-Weise-Bibliothek Zittau statt. Eine Auswahl der Provenienzmerkmale der im ersten Projektjahr untersuchten Einrichtungen bzw. deren Vorgängereinrichtungen ist am Ende des Beitrags zu finden.

Nach einem Jahr Projektlaufzeit gibt es bereits eine Fülle von Erkenntnissen und Erfahrungen, die hier kurz zusammengefasst werden.

In der Stadtbücherei Altena und der Kreisfahrbücherei des Landkreises Celle in Eschede konnte jeweils der gesamte Altbestand durchgesehen werden, in Altena etwa 1.300 und in Eschede 1.089 Bände. Weder in Altena noch in Eschede konnten Provenienzmerkmale ermittelt werden, die mit einem möglichen NS-verfolgungsbedingten Entzug von Bibliotheksgut in Zusammenhang stehen. In Eschede war der untersuchte Altbestand zudem nahezu deckungsgleich mit einem Bücherbestand von NS-Schrifttum der ehemaligen Kreisbücherei Celle, einer Vorgängereinrichtung der Kreisfahrbücherei.[1]

Bezüglich der Zugangsunterlagen von Einrichtungen des Typs Volksbücherei (Stadtbücherei Altena, Kreisfahrbücherei des Landkreises Celle sowie die nach 1945 aus Zusammenschlüssen von eher wissenschaftlich aufgestellten Stadtbibliotheken und am Ort ebenfalls ansässigen Volksbüchereien entstandenen Einrichtungen in Aachen, Dortmund, Lübeck und Zittau) ist festzuhalten, dass sich in den vorhandenen Zugangsunterlagen der Volksbüchereien (Aachen, Altena, Dortmund) kein Hinweis auf NS-Raubgut ermitteln ließ. Zudem sind die Materialien in der Regel sowohl als Zu-, als auch als Abgangsbücher zu betrachten, die den generellen Charakter der Volksbüchereien als Gebrauchsbibliotheken unterstreichen. Daher lassen sich nur selten Exemplare mit einem Druckjahr vor 1946 aus den früheren Volksbüchereien in den heutigen Öffentlichen Bibliotheken finden.

Für zwei Grenzbibliotheken (Aachen und Trier) lässt sich nach Beginn des zweiten Weltkrieges der vermehrte Erwerb von Literatur bezüglich des westlich vorgelagerten Grenzgebietes (Aachen-Maasland, Trier-Luxemburg) in den von Deutschland besetzten Benelux-Staaten nachweisen. Die stichprobenartige Untersuchung der entsprechenden Zugänge ergab jedoch keine Verdachtsfälle.

Auch in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund lässt sich der nur wenige Exemplare umfassende Zugang von in Frankreich als Geschenk erworbenen Titeln nachweisen. Davon ist lediglich noch ein Buch in der Bibliothek vorhanden, dass keinen Hinweis auf vorherige Besitzer enthält. Für die Dortmunder Bibliothek sind in den Zugangsbüchern zudem die Schenkung eines 1933 aus dem Beruf entfernten jüdischen Kinderarztes (1935 als Geschenk verbucht) und Schenkungen des Dortmunder Bibliotheksdirektors Paul Wahl (1892–1954) von August 1942 bis März 1943 nachweisbar. Die Zuwendungen Wahls standen vermutlich in Verbindung mit seiner bekannten Tätigkeit für den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg[2]. Mit den schweren Zerstörungen des Gebäudes der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund während der alliierten Luftangriffe vom Mai 1943, sowie vom Mai und Oktober 1944, sind die entsprechenden Exemplare dieser zwei Zugänge höchstwahrscheinlich vernichtet worden.[3]

Eine Sonderstellung unter den untersuchten Bibliotheken nimmt die Germania Judaica – Kölner Bibliothek für die Geschichte des deutschen Judentums e. V. ein. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg 1959 gegründet und hat damit als einzige Bibliothek daher keine Zugänge aus den Jahren 1933–1945 bzw. den unmittelbaren Nachkriegsjahren zu verzeichnen. Dennoch finden sich in einigen Exemplaren der Germania Judaica Provenienzhinweise auf bekannte Fälle von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Bibliotheksgut. Zum Teil stammen die Bände aus jüdischen Institutionen (z. B. die Wiener Holocaust Library, das Leo-Baeck-Institut und die Jewish Cultural Reconstruction), die nach dem Zweiten Weltkrieg Empfänger von Büchern aus den alliierten Sammeldepots (z. B. das Offenbach Archival Depot) waren. Die Germania Judaica erwarb diese Bücher vor allem in den 1960er und 1970er Jahren. Für andere Zugänge mit verdächtigen Provenienzen ist der Provenienzverlauf bisher nicht ermittelbar und eine abschließende Klärung, ob es sich um NS-Raubgut handelt, nicht möglich.

Im Altbestand der Christian-Weise-Bibliothek Zittau befindet sich ein Buch aus der Bibliothek des jüdischen Bankiers Victor Klemperer Edler von Klemenau. Dessen Bibliothek wurde 1938 nach der Emigration von Klemperers beschlagnahmt und dem Gau Sachsen übertragen. Nach Zittau gelangte das Buch über eine weitere Beschlagnahme, allerdings aus der Nachkriegszeit. Zwischen 1947 und 1951 gelangten beschlagnahmte Bücher einer Sammlung „Jentsch“ in die Christian-Weise-Bibliothek. Bei „Jentsch“ handelt es sich um den Zittauer Georg Jentsch (1908–1968), der als SS-Angehöriger in der NS-Zeit auch das Kulturreferat des Gaues Sachsen leitete.[4]

Im zweiten Projektjahr wird der Erstcheck in Einrichtungen der Bundesländer Baden-Württemberg (Stadtbibliothek Reutlingen, Hegau-Bibliothek Singen und Stadtbibliothek Ulm), Bayern (Münchner Stadtbibliothek, Stadtbücherei Hof, Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg – Historisch-Wissenschaftliche Stadtbibliothek Nürnberg) und Thüringen (Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt) stattfinden.

Das im bisherigen Projektverlauf bewährte und von allen Beteiligten sehr positiv empfundene niederschwellige Verfahren zum Erstcheck soll nach Möglichkeit über eine im Juni zu beantragende Projektverlängerung weiteren Einrichtungen offenstehen. Gesucht werden Interessierte, die selbst keine Kapazitäten für eine Antragstellung und Projektdurchführung haben bzw. deren zu prüfende Altbestände angesichts des bisherigen Kenntnisstandes oder aber des Umfangs kein eigenes Projekt rechtfertigen würden.

Öffentliche Bibliotheken mit entsprechenden Beständen, aber auch kleinere Einrichtungen mit ähnlichen Bedürfnissen sind eingeladen, die Vorteile eines Erstchecks durch einen erfahrenen Provenienzforscher zu nutzen. Natürlich freuen wir uns besonders über Teilnehmende aus weiteren Bundesländern, angesichts zu erwartender Synergieeffekte bei Einrichtungen aus bereits untersuchten Regionen sind auch diese sehr willkommen.

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Kontakt:

Projekt-Website: https://hu.berlin/NS-Raubgut-OB

Abb. 1a und 1b: Provenienzmerkmale der Stadtbücherei Altena.
Abb. 1a und 1b: Provenienzmerkmale der Stadtbücherei Altena.
Abb. 1a und 1b:

Provenienzmerkmale der Stadtbücherei Altena.

>Abb. 2a bis 2c: Provenienzmerkmale der Vorgängereinrichtungen der Fahrbücherei des Landkreises Celle.
>Abb. 2a bis 2c: Provenienzmerkmale der Vorgängereinrichtungen der Fahrbücherei des Landkreises Celle.
>Abb. 2a bis 2c: Provenienzmerkmale der Vorgängereinrichtungen der Fahrbücherei des Landkreises Celle.
>Abb. 2a bis 2c:

Provenienzmerkmale der Vorgängereinrichtungen der Fahrbücherei des Landkreises Celle.

Abb. 3a bis 3d: Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Lübeck und deren Vorgängereinrichtungen.
Abb. 3a bis 3d: Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Lübeck und deren Vorgängereinrichtungen.
Abb. 3a bis 3d: Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Lübeck und deren Vorgängereinrichtungen.
Abb. 3a bis 3d: Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Lübeck und deren Vorgängereinrichtungen.
Abb. 3a bis 3d:

Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Lübeck und deren Vorgängereinrichtungen.

Abb. 4a und 4b: Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Trier.
Abb. 4a und 4b: Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Trier.
Abb. 4a und 4b:

Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Trier.

About the author

Norman Köhler

Norman Köhler

Published Online: 2023-04-04
Published in Print: 2023-03-31

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 23.4.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2023-0027/html
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