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Die Bibliotheca Biblica der Herzogin Elisabeth Sophie Marie

Ein Beitrag zur Sammlungsgeschichte der Herzog August Bibliothek (HAB)
  • Stephan Bialas-Pophanken

    Dr. Stephan Bialas-Pophanken

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Published/Copyright: April 4, 2023
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Zusammenfassung

Die Bibel-Sammlung der Herzogin Elisabeth Sophie Marie von Braunschweig-Lüneburg zählt zu den bedeutendsten Nachlässen aus deutschen Fürstenhäusern im 18. Jahrhundert. Anhand der Überlieferungsgeschichte dieser Spezialbibliothek wird ersichtlich, inwieweit Sammlungs-, Provenienz- und detaillierte Quellenforschung einander bedingen und ergänzen können. Diese parallele, „interdisziplinäre“ Betrachtungsweise ermöglicht es, den Bestand der Kollektion zum Zeitpunkt der Übergabe an die Wolfenbütteler Bibliothek zu rekonstruieren und Ungenauigkeiten zu berichtigen. Handschriftliche Eintragungen in durchschossenen Büchern – auch oder gerade, wenn sie mehreren Personen und unterschiedlichen Zeiten zugehören – können besonders ergiebige Zeugnisse historischen Geschehens und damit von erheblicher Relevanz für das Verständnis bibliotheksgeschichtlicher Entwicklungen sein.

Abstract

The Bible collection of Duchess Elisabeth Sophie Marie of Brunswick-Lüneburg is one of the most precious estates from princely houses in 18th-century Germany. The history of this special library shows that collection history, provenance and source research are interdependent and complement one another. This “interdisciplinary” perspective allows to reconstruct the original collection’s stock at the time of arrival at the Wolfenbüttel Library, and to rectify inaccuracies. Handwritten entries in interleaved books – especially by different persons at different times – are rich testimonies to historical events and highly relevant for a better understanding of the library’s history and development.

1 Eine Bibliothek aus Bibliotheken

Es ist eine ganz besondere Fügung, dass die sechs Bände des berühmten Bücherradkatalogs, den Herzog August d. J. (1579–1666) konzipiert und großenteils eigenhändig geführt hat, vollständig erhalten sind. So kennen wir heute nicht nur Bestand und Umfang der einzigartigen Sammlung, sondern wissen auch, wie kontinuierlich ihr Besitzer den Zuwachs der Bibliothek plante und betrieb.[1]

Solch beständigen Fortschritt hat die Bibliotheca Augusta später selten erfahren. Im Gegenteil: Krieg, damit verbunden drohende Zerstörung und finanzielle Not, unzureichende materielle und personelle Ausstattung, bauliche Probleme, aber auch die freiwillige Abgabe von Büchern an andere Institutionen begründeten eine relativ ungleichmäßige Entwicklung bis hinein ins 20. Jahrhundert.

Eine deutliche Zunahme des Bibliotheksbestandes ergab sich jeweils dann, wenn ihm – durch Erwerb oder Schenkung – größere sogenannte „Gelehrtenbibliotheken“, aber auch andere ursprünglich als private Bibliotheken angelegte Sammlungen von Mitgliedern des fürstlichen Hauses Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel zugeführt wurden.

So verbuchte die heutige Landesbibliothek in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts eine bedeutende Bestandsvermehrung, als innerhalb von weniger als 50 Jahren über 30.000 Bände und etwa 450 Handschriften aus nachgelassenen „Fürstenbibliotheken“ übernommen wurden, was die Bibliotheksmitarbeiter vor extreme, kaum zu bewältigende Herausforderungen hinsichtlich der (Ein-)Ordnung der neu hinzugekommenen Bücher stellte. Ganz abgesehen von den mit dem Transport tausender Bände aus Blankenburg, Bevern, Braunschweig, den Residenzen in Vechelde oder der unmittelbaren Wolfenbütteler Umgebung (Schloss Antoinettenruh), aber auch aus dem fernen Potsdam verbundenen logistischen Schwierigkeiten.

Für die meisten der diversen Büchersammlungen, die zunächst voneinander getrennt aufbewahrt wurden, um später größtenteils in die Mittlere Aufstellung überführt zu werden, wurden von Bibliothekaren und Hilfsbibliothekaren Kataloge angefertigt, so dass allein in den 1760er Jahren über zwei Drittel dieser Bestände handschriftlich verzeichnet wurden.

Der Umfang der jeweiligen Sammlungen ist aufgrund der Kataloge und einzelner, meist von der Hand Georg Septimus Andreas von Prauns (1701–1786) stammender Notizen[2] vermeintlich bis auf die letzte Ziffer bestimmbar. So gibt das Handbuch der historischen Buchbestände[3] sehr genaue Zahlen an, ohne auf ihre Herkunft einzugehen, die aber offensichtlich weitgehend auf Heinemanns Darstellung zur Geschichte der Wolfenbütteler Bibliothek[4] beruhen. Indes nennt auch dieser keine Quelle(n).

Die Kataloge wurden in der Regel möglichst bald nach Ankunft der Bücher und Handschriften in Wolfenbüttel angelegt, wie die Datumsangaben auf Deck- und Titelblättern verraten. Die Abfassung oblag in der Regel dem Bibliothekssekretär Karl Johann Anton von Cichin (1723–1793).

Soweit heute noch ersichtlich, existierten zum Zeitpunkt der Übergabe an die Wolfenbütteler Bibliothek nur in wenigen Fällen detaillierte Bestandsverzeichnisse. Das betraf etwa die Sammlung(en) von Herzog Ludwig Rudolph (1671–1735) sowie seiner Gemahlin Christine Luise (1671–1747), die von Heinrich Christian Käse (1671–1746) und später von Praun bereits in Blankenburg akribisch geordnet und verzeichnet worden waren.[5]

Auch die genaue Anzahl der Titel oder Bände wird nur ausnahmsweise im Katalog selbst[6] angegeben. Zudem sind die Einträge zwar in einigen Katalogen durchnummeriert, in anderen jedoch nicht, was die Zählung erschwert. Die Frage, ob die Auszählung im Einzelfall durch den Bearbeiter selbst oder erst später durch den verantwortlichen Bibliothekar erfolgte, ist nicht ad hoc zu beantworten, bliebe gegebenenfalls fernerer Untersuchung vorbehalten.

Beim flüchtigen Blick auf die Katalog-Einträge fällt Cichins Bemühen um sorgfältige und bibliographisch möglichst korrekte Erfassung der vorhandenen Titel auf. Doch trotz der Gewissenhaftigkeit des Bearbeiters stolpert der Betrachter bei genauerer Prüfung über systematische Unebenheiten.[7] Auch divergiert der Umfang der Einträge in den verschiedenen Katalogen z. T. beträchtlich, was sicher als Hinweis auf die jeweils zur Verfügung stehende Zeit und damit als Indiz für die mitunter (zu?) eilige Erledigung der anstrengend-monotonen und daher ungeliebten Arbeit zu deuten ist.

Vor diesem – aus überlieferungsgeschichtlicher Perspektive betrachtet – problematischen Hintergrund ist die Übernahme vorgeblich „exakter“, tatsächlich aber unzuverlässiger und nur mit beträchtlichem Aufwand überprüfbarer Bestandszahlen in gedruckte Quellenverzeichnisse zumindest fragwürdig. Und aus diesem Umstand ein Plädoyer für die Beschränkung auf durch Autopsie gesicherte bzw. lediglich ungefähre Angaben abzuleiten, zweifellos bedenkenswert.

2 Eine Bibel-Sammlung zieht um

Auch im Zuge der folgenden Darstellung, die sich speziell der frühen Überlieferungsgeschichte der Bibel-Sammlung der HAB und den Umständen ihrer Überführung aus dem Besitz der Herzogin Elisabeth Sophie Marie in den Bestand der Wolfenbütteler Bibliothek widmet, wird ersichtlich, wie tückisch die Handhabung vermeintlich verbürgter Daten sein kann. Doch davon später.

Im September 1764 vermachte die verwitwete Herzogin Elisabeth Sophie Marie von Braunschweig-Lüneburg (1683–1767), 1710 in dritter Ehe mit dem Erbprinzen und späteren Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel (1662–1731) vermählt, ihre bedeutende Kollektion von Bibeldrucken aus vier Jahrhunderten der Bibliotheca Augusta.

Abb. 1: Porträt der Herzogin Elisabeth Sophie Marie zu Braunschweig-Lüneburg, undatiert (ca. 1715–1720), Christoph Hermann Francke (1665–1729) zugeschrieben, heute im Bibelsaal der HAB.
Abb. 1:

Porträt der Herzogin Elisabeth Sophie Marie zu Braunschweig-Lüneburg, undatiert (ca. 1715–1720), Christoph Hermann Francke (1665–1729) zugeschrieben, heute im Bibelsaal der HAB.

Die Schenkung unterschied sich in manchen Aspekten von anderen Vermächtnissen. Zum einen geschah die Übertragung bereits zu Lebzeiten der Spenderin. Zum anderen handelte es sich um eine theologische Spezialbibliothek mit einem konkreten Sammelschwerpunkt. Eine weitere Besonderheit bestand darin, dass bereits ein gedruckter Katalog[8] existierte, der vom Braunschweiger Intimus[9] der Herzogin erstellt worden war und einen großen Teil der Sammlung verzeichnete.

Welche Bedingungen die Fürstin an das Legat knüpfte, erfahren wir aus einem Schreiben des regierenden Herzogs Karls I. (1713–1780) an Johann Andreas Septimus von Praun vom 26.09.1764.[10] Karl teilte seinem Archiv- und Bibliotheksdirektor mit, Elisabeth Sophie Marie habe „bey geschehener Aufräumung Ihres Bücher Saales, resolviret, die Ihnen zugehörige kostbare und zahlreiche Bibel Samlung, mit Inbegrif der Repositorien welche von Mahoni Holtz sind, der großen Bibliotheck in Wolfenbüttel zu schenken; jedoch mit der Bedingung, daß solche in ein ápartes Cabibet verwahret, über den Eingang deßelben deero portrait, und unter solches die inscription, ‚daß diese Samlung von Ihnen der Bibliothec zum immerwährenden Andenken verehret worden‘ gesetzet werden solle.“[11]

Während Karl selbst seiner Verwandten versprochen habe, dies „ins Werck richten zu laßen“, so wolle Praun „zu vörderst in dortiger Bibliothec ein à partes Cabinet hiezu aussuchen, und hiernächst Selbst hieher nach Braunschweig kommen, um darüber sowohl mit der Frau Hertzogin […] als auch mit dem Hof-Prediger Knoch wegen des ein packens und transports dergestalt Abrede zu nehmen.“[12]

Parallel dazu benachrichtigte der Herzog Prauns leitenden Mitarbeiter in Wolfenbüttel, den Bibliothekar Christian Brandan Johann Hugo (1725–1804): „Es wird die hiesige Bibel Samlung […] an Ihn abgeliefert, und damit Morgen der Anfang gemacht werden. Er wird solche also annehmen, und sie hiernächst dergestalt placiren, als es der Vice Cantzler von Praun […] anordnen wird.“[13]

Was den künftigen Standort der Sammlung betraf, verließ sich Herzog Karl auf die Bibliotheksmitarbeiter. Von diesen wurde schließlich eines der beiden „cabinets“ auf der unteren Etage, gegenüber dem Eingang zur Rotunde, favorisiert, „um die BibelSamlung von der verwittweten Fr. Hertzogin durchlaucht darinnen aufzustellen: Vor der thür kan eine schwartze tafel gehangen, u. darauf mit goldnen buchstaben eine convenable inscription gesetzet werden. Innen kommt das portrait von Ihro Durchlaucht zu hangen.“[14]

Mit der Abfassung der lateinischen „inscription“ wurde der Rektor des Wolfenbütteler Gymnasiums Jakob Friedrich Heusinger (1719–1778) betraut. Einen Entwurf derselben sandte Hugo bereits am 10. Oktober an Praun. Der Bibliothekar hatte diesem Schreiben „allenfalls eine französische Uebersetzung beigefügt“ und bemerkt, „es würde sehr gut seyn, wenn selbige gedruckt würde, da dann der Mahler weit besser damit fertig werden wird, als wenn er sich nach einem geschriebenen Modell richten muß.“[15] Der Herzog war mit Heusingers Arbeit zufrieden, ließ Praun wissen, er „approbire solche hiemit, und wolle Er dafür sorgen, daß dieselbe dergestalt über das Cabinet gesetzet werde. Die Frantzösische Uebersetzung habe Ich hier behalten, um sie Hochgedachter Frau Hertzogin zu zeigen“.[16]

Dem „portrait“ der Fürstin wies Karl anlässlich einer etwa zwei Jahre später durchgeführten persönlichen Visite, die der Inspektion der bis dato durchgeführten Bau- und Reparaturmaßnahmen diente, schließlich „den Platz über der Thür“ im „BibelCabinet“[17] zu. Ob die Ausführung des Gemäldes (oder die Reproduktion eines früheren Stichs?) je realisiert wurde oder mit dem Tod des Modells möglicherweise auch das Projekt starb, ist indes unklar; die heute bekannten Porträts der Herzogin tragen deutlich frühere Datierungen.

3 Kompetenz und Passion

Zweifellos war die Berufung Georg Ludolph Otto Knochs an den Braunschweiger Hof ein Glücksfall für die Bibel-Sammlung. Er verantwortete den Aufbau und die systematische Erweiterung der im Schloss[18] aufgestellten Bibliothek Elisabeth Sophie Maries, die am Ende ihres Lebens aus nahezu 5.000 Bänden bestand, wovon etwa ein Viertel zur Bibel-Sammlung gehörte. Als in Wittenberg gebildeter Theologe, ausgewiesener Bibelkenner, eifriger Korrespondent und Netzwerker war er für diese Aufgabe prädestiniert. Zudem stand er der Herzogin in intellektueller Hinsicht nahe, war wie diese ein entschiedener, aber moderater Verfechter der evangelischen Lehre eher irenischen als hitzigen Gemüts.[19]

Die Sammlung verdankte Knochs Expertise und seinen gelehrten Verbindungen Popularität und beständigen Zuwachs. Parallel zur Veröffentlichung des Katalogs[20] lieferte der Theologe zwischen 1750 und 1754 auf nahezu 1.000 Seiten Historisch-Critische Nachrichten von der Braunschweigischen Bibel-Sammlung, in denen er die Exemplare ausführlich beschrieb. Er vermittelte seiner Patronin zudem immer wieder den Ankauf anderer, kleinerer Sammlungen wie der berühmten Kollektion des Hamburger Theologen Johann Georg Palm (1697–1743).[21]

Abb. 2: Kupfer zu Georg Ludolph Otto Knochs Katalog der Bibliotheca Biblica mit Bildnis und Initialen der Herzogin sowie dem Porträt Martin Luthers.
Abb. 2:

Kupfer zu Georg Ludolph Otto Knochs Katalog der Bibliotheca Biblica mit Bildnis und Initialen der Herzogin sowie dem Porträt Martin Luthers.

Abb. 3: Titelblatt des 2. Stücks von Knochs Historisch-Critischen Nachrichten.
Abb. 3:

Titelblatt des 2. Stücks von Knochs Historisch-Critischen Nachrichten.

Den Grundstock ihrer Bibliothek und auch der Bibel-Sammlung legte die geborene Prinzessin von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Norburg allerdings bereits Jahrzehnte vor der Bekanntschaft mit ihrem späteren Bibliothekar. Die in ihren Besitz gelangten Bücher stammten zunächst noch aus familiärer Überlieferung.[22] Später kennzeichnete sie diese zunehmend durch persönliche Besitzeinträge und erweiterte den Fundus mit großem Sachverstand, nahm auch Bücher aus der (weniger umfangreichen) Bibliothek ihres Gatten, des Herzogs August Wilhelm, in ihre Sammlung auf.[23]

Es liegt nahe, den Ursprung für das intellektuelle Interesse und die Leidenschaft fürs Sammeln in den Erfahrungen am Wolfenbütteler Hofe zu suchen, wohin es die fünfjährige Prinzessin verschlug, nachdem die beiden ältesten Söhne Herzog Augusts d. J., Anton Ulrich (1633–1714) und Rudolf August (1627–1704), übereingekommen waren, gemeinsam die Vormundschaft für die Vollwaise zu übernehmen. Dass auch die schleswig-holsteinischen Verwandten in Gottorf, mit denen sich die spätere Herzogin lebenslang eng verbunden fühlte, ein ähnliches kulturelles Verständnis pflegten, kam dieser Vorliebe entgegen.[24]

Wie viele andere „Fürstenbibliotheken“ war auch die Bibliothek und speziell die Bibel-Sammlung Elisabeth Sophie Maries ein Ort, an dem sich das Bedürfnis nach Wissen mit jenem nach Repräsentation verband. Die Aufstellung und Zugänglichkeit der Bücher ermöglichte der Herzogin die Kommunikation und den gelehrten Austausch mit Theologen, Philosophen, Schriftstellern, Künstlern und Laien, wovon auch der überlieferte Band mit stammbuchähnlichen Eintragungen ihrer Besucherinnen und Besucher aus zweieinhalb Jahrzehnten (von September 1737 bis Juli 1762) zeugt.[25] Und die detaillierte Kenntnis der Heiligen Schrift und der Geschichte der christlichen Religion verliehen der Hausherrin ausreichend Wissen und Selbstbewusstsein, um sich auch unter hochgebildeten Gästen als prima inter pares verstehen zu können.

4 Ein Katalog und viele Zahlen

Mit Blick auf die frühesten Eintragungen in das erwähnte Gästebuch dürfen wir der Bibel-Sammlung spätestens seit 1737 den Status einer eigenständigen Spezialbibliothek zubilligen. Das Gros der Kollektion wurde in den folgenden anderthalb Jahrzehnten angeschafft. Knochs Katalog verzeichnet 1752 mit – laut Inhaltsverzeichnis – „Summa Summarum 987“ Nummern bereits etwa vier Fünftel des Gesamtbestandes, darunter elf Handschriften: neun lateinische und zwei französische.[26]

Abb. 4: Titelblatt des Katalogs der Bibel-Sammlung.
Abb. 4:

Titelblatt des Katalogs der Bibel-Sammlung.

Als Knoch 1764 im Auftrag seiner Prinzipalin in Verhandlungen mit dem regierenden Herzog wegen der Überlassung der Bibel-Sammlung trat, stellte der Katalog das einzig existierende Bestandsverzeichnis dar. Da die Sammlung aber seit dem Druck erheblich angewachsen war, waren Ergänzungen und Korrekturen nötig. Dass der Verfasser die neu hinzugekommenen Bibeln bereits in einem separaten Verzeichnis festgehalten hatte, wissen wir aus seinem Briefwechsel mit Praun.[27] Möglicherweise beschäftigte ihn auch der Gedanke an eine neue, vermehrte Auflage; es sind jedoch keine entsprechenden Pläne überliefert.

Zwei der von Knoch nach Wolfenbüttel gesandten Exemplare[28] der Bibliotheca Biblica sind mit zahlreichen handschriftlichen Eintragungen versehen, die aber erst nach vollzogener Übergabe der Bücher vor Ort vorgenommen wurden und im Wesentlichen von der Hand Christian Brandan Johann Hugos stammen. Dessen Annotationen sind elementarer Teil der Überlieferung. Verlässliche Aussagen darüber, wie viele und welche Titel im Herbst 1764 (oder später) tatsächlich nach Wolfenbüttel transferiert wurden, sind nur unter Berücksichtigung dieser Änderungen, Kommentare und Nachträge zu treffen. Sie werden daher im Folgenden parallel zu anderen Quellen ausgewertet. Dabei wird u. a. auch ersichtlich werden, warum und worin sich überlieferte Zahlenangaben in Bezug auf den Umfang der Sammlung unterscheiden.

Nach einer ersten, flüchtigen Durchsicht der Bücher hatte der Bibliothekar seinen Vorgesetzten bereits Ende September 1764 vermelden können:

„Bei Nachzelung der Hochfürstlichen Bibel-Sammlung, welche den 28sten September 1764. in hiesige Bibliothec abgeliefert worden, haben sich gefunden:

450. Folianten

237 Quartanten

423. Octav- und Duodez-Bände

Summa 1110 Stück.

salvo errore calculi

C. B. J. Hugo

Ausser dem Bibel-Schatze finden sich auch unter obiger Sammlung Lexica Biblica, Commentatores, Paraphrases, Exegetica Biblica und dergleichen. p“.[29]

Doch ob Hugo nun richtig gerechnet hatte oder nicht – zwei Wochen darauf waren diese Angaben bereits überholt, denn Knoch hatte offenbar am Grauen Hof etwas gründlicher aufgeräumt und erlaubte sich nun, „hiebey noch einen mit Bibeln angefülleten Coffre zu übersenden, die bey der ersten übereilten Einpackung, in einem dunkeln Winkel, übersehen waren“. Bei dieser Gelegenheit kündigte er zugleich an: „Das Verzeichniß derer seit 1752 angekauften Bibeln, soll künftige Woche ohnfehlbar nachfolgen“.[30]

Leider ist das „Verzeichniß“ selbst nicht überliefert. Hugo dürfte es nach Einarbeitung der neuen Stücke in das von ihm benutzte durchschossene Exemplar, die er etwa ein Jahr später abschließen konnte, für überflüssig gehalten und vernichtet haben. In seinem in anderer Hinsicht sehr aufschlussreichen Brief an Praun vom 24.10.1765 erwähnte er es nicht:

„Eur. Excellenz

überreiche hiebei unterthänig zu hochgefälliger Einsicht ein Exemplar von dem gedruckten Verzeichniß der Bibel-Sammlung, welches ich zum Gebrauch für die Bibliothec mit Papier in Folio durchschiessen und binden lassen. Hoch-Dieselben werden darin geneigtest bemerken:

  1. Ganz zu Anfang ein Verzeichniß der Classen, in welche nunmehro diese Bibel-Samlung nebst den übrigen dazugehörigen Büchern, verteilet und rangiret worden, nebst Bemerkung, wie viel Stück in jeder Classe befindlich sind.

  2. Diejenigen Bibeln, welche ich unter dieser Sammlung gefunden, in dem gedruckten Catalogo aber nicht befindlich sind, und vermuthlich ex post zugekaufet worden, und zwar eine jede an dem Orte, wo sie der Classe und Ordnung nach in dem gedruckten Verzeichniß stehen müste.

  3. Die Nummern derjenigen Bibeln welche in Bibliotheca Augusta, Ludoviciana[31] pp bereits vorhanden sind, so am Rande bemerket ist.

  4. Die Nummern, welche diese ganze Sammlung, so wie sie anitzo stehet, bekommen, und unter welchen sie also zufinden sind, welche zum Unterscheid, mit roter Dinte beigefügt sind.

  5. Am Ende sub rubro: Appendix III. pag: 189 seqq ein Verzeichniß der Bücher, so keine Bibeln sind, und doch mit dieser Sammlung anhero gekommen.

  6. ferner sub robro: Appendix IV. pag: 204 seqq Ein Verzeichniß der Bücher, welche hin und wieder bei Bibeln angebunden sind, und in dem gedruckten Catalogo nicht bemerket worden.

  7. Noch pag: 218 seqq Ein Verzeichniß von denjenigen Bibeln, welche in dem gedruckten Catalogo zwar stehen, jedoch bei der genauesten Nachsicht sich nicht gefunden haben und also nicht mit überkommen sind. Endlich und

  8. pag: 224 seqq Die Nummern der Bibeln in ihrer jetzigen Ordnung, nebst Bemerkung, wo eine jede dieser Nummer[n] in dem Catalogo zu suchen und zu finden ist.

den 24sten October 1765.

unterthänig C. B. J. Hugo p“

Dabei hatte sich in „Summa totius Bibliothecæ Biblicæ“ zwischen Herbst 1764 und Herbst 1765 ein Zuwachs um etwa 50 Bände auf insgesamt 1.161 ergeben, wie das von Hugos Hand stammende aktualisierte Bestandsverzeichnis, der Conspectus Bibliothecae Biblicae, uti nunc disposita est, ausweist.[32]

Interessanterweise gibt Praun in einer späteren Auflistung[33] der in den Bibliotheksräumen der Rotunde unterzubringenden Bestände fürs „Cab. III.“, das für die „Bibliotheca Biblica v. der H. Elis. Soph. Mar.“ reserviert war, eine Anzahl von nun 1.183 Büchern an.

Wie die Vergleiche zeigen, besitzen diese Zahlen schon deshalb nur bedingt Aussagekraft, weil sie sich jeweils nur auf einen begrenzten Zeitraum oder sogar nur einen bestimmten Zeitpunkt beziehen lassen. Und paradoxerweise ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die vermeintlich exaktesten Daten am unzuverlässigsten sind. Das kann verschiedene Gründe haben, Rechenfehler inklusive.

Auch der Katalog der Bibliotheca Biblica ist im Übrigen nicht fehlerfrei. Wenn wir berücksichtigen, welch geringe Hilfsmittel Knoch vor nahezu 250 Jahren zur Verfügung standen, um etwa unvollständige Drucke zweifelsfrei zu datieren oder bestimmte Ausgaben zu identifizieren, ist seine Arbeit kaum hoch genug einzuschätzen. Allerdings gestattete sich der Verfasser auch die eine oder andere Nachlässigkeit bei der Zählung und Nummerierung der verzeichneten Drucke. So entsprechen die 987 Nummern der Bibliotheca Biblica zwar vorgeblich ebenso vielen Bänden. Bedauerlicherweise ist aber dieses Prinzip in einigen Fällen nicht konsequent beibehalten worden: der Vergleich mit den heute noch im Bestand der HAB befindlichen Exemplaren der Provenienz Elisabeth Sophie Marie ergibt immerhin eine zweistellige Zahl von Abweichungen.[34]

5 Der Conspectus

Im Folgenden wenden wir uns den Prinzipien der (Neu-)Aufstellung der Bücher zu, die Hugo in seinem Schreiben an Praun vom 24. Oktober 1765 (s. oben) ausführlich erläuterte. Sie sind anhand des handgeschriebenen Conspectus Bibliothecae Biblicae, den der Bibliothekar dem durchschossenenen Exemplar voranstellte, gut nachvollziehbar.

Hugo folgte dabei weitestgehend Knochs Klassen-Systematik, arbeitete aber die von seinem Vorgänger noch vor der Drucklegung vorgenommenen Ergänzungen[35] ein. Aus den auf mehrere Systemstellen verteilten lateinischen Manuskripten bildete er eine selbständige „Classis“, die er an den Anfang des Conspectus stellte. Die darauf folgenden polyglotten, hebräischen, griechischen, „orientalischen“ und lateinischen Bibeln firmierten – wie bei Knoch – als jeweils eigene Klasse; die kleine Zahl jiddisch-deutscher Bibeln schlug Hugo kurzerhand den hebräischen zu.

Die Einteilung in altfränkisch-angelsächsich-germanische, sodann vorreformatorische und seit Beginn der Reformation gedruckte deutsche Bibeln, die bei Knoch die Systemgruppe „IX.“ mit Untergruppen „A.“ bis „H.“ gebildet hatten, übernahm Hugo im Wesentlichen, formte daraus aber mehrere eigene „Classis“, veränderte die Reihenfolge ihrer Anordnung leicht und fasste Unitarier, Wiedertäufer und Spiritualisten – gemeinsam mit den „Biblia Hollandica“ (!) – in einer Klasse zusammen.

Ferner bildeten bei Hugo nun „Italica“ und „Rhaetica“ eine gemeinsame Systemgruppe, ebenso die iberischen Sprachen, während französische und englische Bibeln jeweils unter sich bleiben durften. Die verschiedenen slawischen Sprachen wurden mit dem Ungarischen (!) einer „Classis“ zugeordnet; schließlich bildeten die Sprachen Nordeuropas einschließlich des Grönländischen eine gemeinsame Abteilung.

Die Anzahl der Klassen veränderte sich nur unwesentlich: statt 20 Systemgruppen bei Knoch waren es bei Hugo nun 19. Die Zahl der Bände gab Hugo in seiner Übersicht mit nun „Summa Bibliorum“ 1.027 an (davon 412 im Format Folio, 209 in Quart, 406 in Octav bzw. Duodez), wobei er jene „Bücher, so keine Bibeln sind, und doch mit dieser Sammlung anhero gekommen“,[36] bereits herausgerechnet hatte. Deren Zahl bezifferte er auf 134,[37] was die Summe von nun insgesamt 1.161 Bänden ergab.

Tatsächlich finden sich im durchschossenen Band „am Rande“ mit brauner Tinte geschriebene Annotationen in Bezug auf jene „Bibeln welche in Bibliotheca Augusta, Ludoviciana pp bereits vorhanden sind“, die teilweise nähere Erläuterungen zum betreffenden Exemplar enthalten, häufig aber lediglich die jeweilige Signatur im vorhandenen Bestand angeben. Und vor, über oder unter den (alten) Nummern des gedruckten Katalogs sind von Hugos Hand „mit roter Dinte“ jene (neuen) Nummern eingetragen, „welche diese ganze Sammlung, so wie sie anitzo stehet, bekommen, und unter welchen sie also zufinden sind“. Außerdem hat der Bibliothekar an diversen Stellen von ihm vorgenommene Umordnungen mit der Anmerkung „Inseratur“ und dem folgenden Verweis auf die ursprüngliche Systemstelle gekennzeichnet und zusätzlich vermerkt, welche Stücke offenbar fehlten.[38]

Den wesentlichsten Ertrag stellt die Einarbeitung und bibliographische Beschreibung derjenigen Bibeln dar, die „in dem gedruckten Catalogo […] nicht befindlich sind, und vermuthlich ex post zugekaufet worden, und zwar eine jede an dem Orte, wo sie der Classe und Ordnung nach in dem gedruckten Verzeichniß stehen müste“. Zu diesem Zwecke ließ Hugo nach jedem bedruckten Blatt (2 Seiten) ein weiteres – leeres – Blatt und am Ende jeder Abteilung weitere leere Blätter einbinden, auf denen er die Neuzugänge verzeichnete.[39] Teilweise nutzte er für seine Eintragungen auch Lücken zwischen den einzelnen Nummern bzw. Freiraum unterhalb des gedruckten Textes.

Auf weiteren zusätzlich eingebundenen Blättern am Ende des Katalogs fügte Hugo mehrere Nachträge an:

  1. Ein Verzeichnis der 134 „Bücher, so keine Bibeln sind, auch darunter nicht wol gerechnet werden können“. Diese wurden, auch wenn sie ursprünglich „mit dieser Sammlung anhero gekommen“ waren, aussortiert und später in die Mittlere Aufstellung integriert.

  2. „Allerlei Bücher“, d. h. insgesamt 48 Titel, „welche hin und wieder bei Bibeln angebunden sind, und in dem gedruckten Catalogo nicht bemerket worden“. Die Einträge wurden jeweils mit einem Verweis auf die Katalog-Nummer des Drucks versehen, dem sie angebunden waren.

  3. Ein „Verzeichniß von Bibeln, welche in der gedruckten Bibel-Sammlung angefüret iedoch nicht mit überkommen sind.“

  4. Eine Liste „der Bibeln in ihrer jetzigen Ordnung, nebst Bemerkung, wo eine jede […] in dem Catalogo zu suchen und zu finden ist“, den Conspectus Numeralis Bibliothecæ Biblicæ.

6 „Deficit“

Das „Verzeichniß von Bibeln, welche in der gedruckten Bibel-Sammlung angefüret iedoch nicht mit überkommen sind“, umfasst insgesamt 37 Einträge und weist zahlreiche Änderungen bzw. (teilweise zurückgenommene) Streichungen auf. Nachdem Hugo nämlich zunächst alle von ihm vermissten Stücke darin aufgenommen und überdies im gedruckten Katalog jeweils vor der betreffenden Nummer – ebenfalls „mit roter Dinte“ – durch den Hinweis „deficit“, „Deficit“ bzw. „deficiant“ gekennzeichnet hatte, fanden sich einige der vakanten Exemplare doch noch an, was zu den Berichtigungen führte. Doch sind auch die „Korrekturen letzter Hand“ nicht ganz korrekt.

Dass der Bibliothekar schließlich etwas den Überblick verlor, ist jedoch alles andere als verwunderlich. Abgesehen von dem nachgelieferten „Coffre“ mit den zuächst „übersehenen“ Bibeln hatte er von Knoch weitere Nachträge in Gestalt von mehreren beschriebenen Zetteln erhalten, auf denen jener neben detaillierten bibliographischen Informationen zu einigen Exemplaren[40] auch Hinweise zu denjenigen, die „nicht mit überkommen sind“, gesammelt hatte. Hugo ließ sie in das durchschossene Exemplar vorn zwischen Motto und Inhaltsverzeichnis bzw. am Ende zwischen zwei Seiten der Liste mit den vakanten Stücken einbinden.[41]

Auf der Vorderseite des Zettels mit Knochs Anmerkungen zu offensichtlich fehlenden Stücken findet sich eine Aufzählung von 12 Titeln, die großenteils überliefert und heute in der Regel Teil der Mittleren Aufstellung sind.[42] Mindestens ein Exemplar[43] gehört heute noch zum Bestand der Bibel-Sammlung; bei zwei anderen überlieferten Bänden[44] ist die Provenienz unsicher. Möglicherweise handelte es sich bei den 12 Drucken um den Inhalt des „Coffre“ bzw. eines Teils desselben.

Was Knoch an Hugo im Hinblick auf das Fehlen mancher Bibeln und die jeweilige Ursache dafür schrieb, ist interessant und aufschlussreich genug, um es an dieser Stelle ausführlicher zu zitieren:[45]

„Pag. 2. n. 8. […] hat dazumahl in einer auswärt. auction sollen erstanden werden, es blieb aber zurück, und betrog meine Hofnung, es ist aber wo ich nicht irre, in der Bibliothec des Carolini.“[46]

„4. n. 43. hat der Herr OberCammerd. Heydenreich[47] zu praenumeriren vergeßen.“

„9. n. 12. ist einmahl als eine dublette[48] verschencket, weil Beyde einzeln da sind.“

„41. n. 9. Haben Durchl. Herz. zu sich genommen.“[49]

„153. n. 18. 19. 20. Diese Stücke kommen Ihnen künftig zu gute“[50]

„Wohin aber die übrigen kleinen Stücke als

35. n. 23.

58. n. 76

92. n. 35.

94. n. 44

97. n. 68

102 n. 102.

112. n. 161.

122. n. 225.

175. n. 4.[51]

hingekommen sind, das begreife ich nicht. Ich glaube aber, daß die Soldaten,die alles in Körben hinunter getragen haben, ein und andres eilig ergriffen haben.

Was sich noch außer dem gedruckten Catalogo, und geschriebenem Supplemento gefunden, dis ist kurz vorher erst angeschaffet, ehe die Verschenkung vorging, und alß in Eile zu bemerken, vergeßen, solches mögen Sie denn pro recompensatione rechnen.“[52]

In den allermeisten Fällen sind Hugos Aufzeichnungen und gegebenenfalls spätere Ergänzungen und Berichtigungen korrekt und damit sehr hilfreich beim Versuch, den Bestand der Bibel-Sammlung zum Zeitpunkt der Übergabe an die Wolfenbütteler Bibliothek möglichst genau zu rekonstruieren. Die wenigen Ungenauigkeiten zeigen aber zugleich auch, dass in Bezug auf die vermutete Zuverlässigkeit exakter Zahlen vorsichtige Zweifel angebracht sind.

7 Die Bibel-Sammlung als Teil der Bibliotheca Augusta

Wie oben beschrieben, war mit der Entscheidung Elisabeth Sophie Maries, ihre Sammlung der Wolfenbütteler Bibliothek zum Geschenk zu machen, die Angelegenheit für die Bibliotheksangestellten wie auch den regierenden Herzog nicht erledigt. Die Bedingungen der Herzoginwitwe zu erfüllen, beschäftigte die Beteiligten noch mehrere Jahre. Außerdem sind die Bemühungen – sowohl Knochs als auch Prauns und Hugos –, das einmal angepackte heiße Eisen so lange als möglich weiter zu schmieden, unverkennbar.

Es ist davon auszugehen, dass nur ein Bruchteil der in dieser Angelegenheit geführten Korrespondenz überliefert ist – vom mündlichen Austausch ganz abgesehen. Doch auch die wenigen Anhaltspunkte, die sich aus den erhaltenen Dokumenten ergeben, zeigen, dass die Erschließung und potentielle Vermehrung der Sammlung noch für einige Zeit Gegenstand des Interesses und der Tätigkeit der handelnden Personen war.

So kam der Ermittlung bisher nur unzureichend erfasster bibliographischer Details offenbar besondere Aufmerksamkeit zu.[53] Parallel dazu wurden neu akquirierte Drucke eingearbeitet[54] und Verhandlungen wegen möglicher Erwerbungen geführt, die der Vervollständigung der Sammlung dienen sollten.[55]

Es hat den Anschein, als habe nach dem Tod der Herzogin (und vielleicht auch nach der schlechten Erfahrung mit der Kopenhagener Kollektion) die Intensität, mit der die Bibliothek die Erweiterung der Bibel-Sammlung betrieb, deutlich nachgelassen. Zudem beanspruchten die zahlreichen Zugänge weiterer „Fürstenbibliotheken“ die Arbeitskraft der Bibliotheksmitarbeiter.

Das Exemplar der Bibliotheca Biblica, das sich Johann Christian Brandan Hugo „zum Gebrauch für die Bibliothec mit Papier in Folio durchschiessen und binden“ ließ, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Bestandsverzeichnis genutzt, in das die neuerworbenen Bibeldrucke handschriftlich aufgenommen wurden. Weder unter der Leitung Otto von Heinemanns[56] oder Gustav Michsacks[57] noch unter der Ägide Heinrich Schneiders[58] oder Wilhelm Herses[59] ist das Projekt einer Neukatalogisierung ernsthaft angegangen worden. Erst unter dem Direktorat Erhart Kästners[60] wurde – zum erstenmal seit 1752 – wieder ein aktueller Katalog der Bibel-Sammlung erstellt.[61]

So können wir heute zwar die Anschaffung vieler Drucke nachvollziehen, besitzen aber nur wenige Informationen darüber, wie sich die Bestandszahlen innerhalb bestimmter Zeiträume konkret entwickelt haben. Fest steht, dass auch die Bibel-Sammlung von Verkäufen der echten oder vermeintlichen Dubletten betroffen war, auch wenn sich das im Einzelfall schwer nachweisen lässt.

Anhand der Eintragungen in Hugos „Handexemplar“ wissen wir z. B., dass anlässlich von Revisionen, die vor allem dazu dienten, Mehrfachexemplare und damit potentielle Verkaufskandidaten aufzuspüren, auch der Bestand der Bibel-Sammlung überprüft worden sein muss. Ob das schon für das ausgehende 18. Jahrhundert gilt, konnte bisher nicht ermittelt werden. Die von Ebert 1823 veranlasste Inspektion ergab, dass einige Exemplare nun nicht mehr vorhanden waren.[62] Als Ende der 1850er Jahre unter Ludwig Conrad Bethmanns Leitung (1812–1867) erneut nach Dubletten gefahndet wurde, fehlte mindestens ein weiteres Exemplar.[63]

Spätestens unter dem Direktorat Paul Raabes (1927–2013) wurde die systematische Erschließung der Bibel-Sammlung als bedeutendes Desiderat (an)erkannt. Leider kamen jedoch auch dessen Mitte der 1980er Jahre angestellte ernsthafte „Überlegungen“[64] letztlich nicht über das Stadium der Planung hinaus. Sowohl inhaltliche Beschreibung als auch Provenienzerfassung blieben auch in der Folgezeit auf sporadische Einzeluntersuchungen[65] beschränkt, von einer durchgängigen autoptischen Katalogisierung der Sammlung ganz zu schweigen.

8 Was geschah mit den Exemplaren Elisabeth Sophie Maries?

Im Zuge von Recherchen zur Rekonstruktion der ehemaligen Bibliothek der Herzogin Elisabeth Sophie Marie wurde auch die Bibel-Sammlung im Jahr 2021 einer vollständigen Sichtung unterzogen. Ziel war es u. a. zu ermitteln, wie viele der in den 1760er Jahren an die Bibliotheca Augusta übergebenen Bücher überliefert sind, wie hoch ihr Anteil an der Gesamtzahl ist und welche Titel – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr Teil der Sammlung sind. Dazu wurde mit Hilfe einer Kopie des durchschossenen Exemplars[66] handschriftlich eine provisorische Konkordanz erstellt, die im Wesentlichen aus Verweisen zwischen der gedruckten Bibliotheca Biblica und den aktuellen Bestandssignaturen besteht.

Es wurden („salvo errore calculi“) insgesamt 784 Bände, die eindeutige Herkunftsvermerke[67] aufweisen, gezählt. Sie verteilen sich auf 675 Ausgaben. Daneben sind etwa 60 weitere Ausgaben mit großer Wahrscheinlichkeit der Provenienz Elisabeth Sophie Marie zuzuordnen.[68]

Mindestens 775 Bände davon (in 671 Ausgaben) sind identisch mit den im gedruckten Katalog bzw. den handschriftlichen Nachträgen zur Bibliotheca Biblica aufgeführten Titeln.

Weitere Exemplare aus dem früheren Besitz der Herzogin sind in andere Bestandsgruppen übergegangen: ca. 150 Bände mit etwa 180 Titeln sind heute Teil der Mittleren Aufstellung, vier Bände tragen eine Augusteer-Signatur und mindestens zehn Bände gehören zum in der Vergangenheit ausgesonderten und nun peu à peu wieder eingearbeiteten bzw. (noch) unkatalogisierten Fundus.[69] Ein Band mit zwei Stücken wurde in der Sammlung mit Helmstedter Drucken aufgefunden.[70]

Innerhalb der Bibel-Sammlung, die heute nahezu 1.700 Ausgaben in etwa 2.300 Bänden umfasst, bildet der Anteil von Drucken aus dem ehemaligen Besitz ihrer Begründerin noch immer nahezu die Hälfte. Insgesamt zählen – unter Berücksichtigung der oben dargestellten Schwierigkeiten „korrekter“ Zählung – etwas mehr als drei Viertel der ursprünglich zur Sammlung gehörenden Bücher nach wie vor zum Bestand der Wolfenbütteler Bibliothek.

Abb. 5: Bibel-Sammlung der HAB, 2°-Teil (Ausschnitt).
Abb. 5:

Bibel-Sammlung der HAB, 2°-Teil (Ausschnitt).

Die HAB verdankt den Großteil der besonders wertvollen und ältesten Bibeln dem noch in Braunschweig angelegten Grundstock der Sammlung. So entstammen etwa 30 Titel aus dem 15. und nahezu 400 Titel aus dem 16. Jahrhundert der ehemaligen Bibliotheca Biblica. Unter den Drucken des 17. Jahrhunderts sind die Bücher dieser Provenienz im Verhältnis zur Gesamtzahl durchschnittlich, unter jenen des 18. Jahrhunderts unterdurchschnittlich vertreten.

Etwa 45 Prozent der überlieferten Bibeln aus dem früheren Besitz der Herzogin sind deutschsprachig (auch niederdeutsch), etwa 15 Prozent lateinisch. Neben den anderen antiken Sprachen (einschließlich polyglotter Drucke) sind das Französische (ca. fünf Prozent) und Niederländische (ca. 3,5 Prozent) relativ häufig vertreten, alle anderen Sprachen nur sporadisch.

Über den Verbleib bestimmter Exemplare, die früher nachweislich zum Bestand der Bibliotheca Augusta gehörten, aber heute nicht mehr vorhanden oder auffindbar sind, wissen wir wenig. Zwar besitzen z. B. sowohl die Bibliothek der Universität Braunschweig als auch die Braunschweiger Stadtbibliothek Bücher, die ehemals im Besitz Elisabeth Sophie Maries gewesen sein müssen[71] und vermutlich zu jenen gehörten, die auf Initiative Herzog Karls I. den Mitte des 18. Jahrhunderts gegründeten akademischen Institutionen in Braunschweig übereignet und später an Folgeeinrichtungen abgegeben wurden. Außerdem profitierte neben dem Collegium Carolinum[72] besonders das 1754 gegründete Herzogliche Kunst- und Naturalienkabinett von solcherart Überlassungen: So ist in der Kupferstichsammlung bzw. der Bibliothek des heutigen Naturhistorischen Museums eine dreistellige Zahl naturwissenschaftlicher Werke und Reisebeschreibungen aus dem früheren Besitz der Herzogin nachweisbar. Jedoch befinden sich darunter eben keine Drucke aus der Bibel-Sammlung.

Der Verlust von etwa 250 bis 300 Bänden seit den 1760er Jahren dürfte größtenteils auf die Veräußerung von Bibeln an Institutionen oder Privatpersonen zurückzuführen sein. Aus Knochs bzw. Hugos handschriftlichen Aufzeichnungen wissen wir, dass die Herzogin selbst das eine oder andere Buch „als eine dublette verschencket“ oder „zu sich genommen“[73] hat. Dagegen ist uns z. B. nicht bekannt, in welchem Umfang Bücher aus der Bibel-Sammlung im Rahmen von Karl Philipp Schönemanns geplanter „Doubletten“-Versteigerung[74] angeboten und eventuell abgegeben wurden, da das „Verzeichniß“ natürlich keine Exemplardaten wie Provenienzvermerke o. ä. enthält.

Neben den von Christian Brandan Johann Hugo zunächst separierten und später in die Mittlere Aufstellung integrierten „Lexica Biblica, Commentatores, Paraphrases, Exegetica Biblica“ – darunter im Übrigen durchaus Bibelausgaben, nämlich etwa Bilderbibeln bzw. Bibeln für Kinder[75] – und den wenigen in die Augusteeer-Aufstellung überführten Exemplaren wurden bei der Sichtung der historischen Bestände einige offenbar als unbrauchbar oder überflüssig angesehene Stücke aus der Bibel-Sammlung[76] aufgefunden. In manchen Fällen handelt es sich eindeutig um Dubletten, in anderen um beschädigte und / oder unvollständige Exemplare. Gut erhaltene, als wertvoll erachtete Zweit- oder Dritt-Exemplare wurden nicht grundsätzlich ausgesondert.[77] Dabei fällt auf: Je kleiner (und platzsparender) das Format, desto häufiger wurden mehrfach vorhandene Ausgaben aufgenommen bzw. verblieben in der Bibel-Sammlung.

Auf welch nützliche, wenngleich zweifelhafte Art nicht (mehr) brauchbare oder benötigte Alte Drucke auch Verwendung finden können, lässt sich an einem vielbändigen Werk aus dem Nachlass Elisabeth Sophie Maries beispielhaft zeigen, auch wenn dieses nicht Teil der Bibel-Sammlung war. Es ist jedoch im handschriftlichen Katalog ihrer Bibliothek verzeichnet.[78] Von den dort aufgeführten 21 Bänden des Theatrum Europaeum aus dem Jahre 1643[79] sind nur Band 12–21 erhalten. Die ersten elf Bände des Werkes wurden offensichtlich ausgesondert, da sie mehrfach vorhanden waren, und statt ihrer die Exemplare aus der Bibliothek von Herzog Ferdinand Albrecht d. Ä. (1636–1687) aufgestellt. Aber was geschah mit ihnen?

Sie wurden offensichtlich makuliert. Die stabilen, mit Pergament bezogenen Papiereinbände wurden dagegen einer „alternativen“ Nutzung zugeführt. So sind die „Aktendeckel“ des Konvoluts aus dem HAB-Bibliotheksarchiv (BA) II, 205 nichts anderes als der Einband von Band 6 des Theatrum Europaeum; weitere (Ein-)Bände sind analog im Gebrauch.[80] Ob mit dem einen oder anderen Band aus der früheren Bibel-Sammlung der Herzogin Ähnliches geschah, wissen wir nicht. Es ist zumindest nicht auszuschließen.

9 Vorbesitzer

Auch wenn es heute nicht mehr möglich ist, den Ausbau der Sammlung zu Lebzeiten der Herzogin im Einzelnen zu rekonstruieren, so liefern die Bücher selbst doch wertvolle Anhaltspunkte in Bezug auf die Bestandsentwicklung. So enthalten viele von ihnen eindeutige Hinweise auf Vorbesitzer(innen).

Insbesondere die durch Georg Ludolph Otto Knoch vermittelte Erwerbung mehrerer privater Büchersammlungen führte zu teilweise beträchtlichen Zuwächsen. Quantitativ weniger ins Gewicht fallen dagegen Bücher mit privat-familiärem oder besonderem persönlichen Bezug. Die Exemplare mit Provenienzvermerken des Vaters bzw. des Vormunds[81] hielt Elisabeth Sophie Marie ebenso in Ehren wie das Buch-Geschenk, das ihr Herzog August Wilhelm etwa ein halbes Jahr nach ihrer Heirat gemacht hatte[82]. Und nachdem ihr eine Bekannte – wohl aus Rücksichtnahme auf den Gatten erst etwa drei Wochen nach dessen Tod – ein Buch aus dem früheren Besitz des Erbprinzen Adolph August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön (1680–1704), ihres ersten Ehemannes, zugeschickt hatte, bewog sie Herzog Karl dazu, dieses Exemplar zu erwerben, um es in ihre Sammlung aufnehmen zu können.[83]

Unter den angekauften Sammlungen sticht zweifellos jene des Hamburger Theologen Johann Georg Palm hervor. Sie umfasste insgesamt etwa 350 Titel, darunter eine Vielzahl griechisch-lateinischer Bibeldrucke des frühen 16. Jahrhunderts sowie Martin Luthers und seiner Mitstreiter Übersetzungen von 1522 bis zur deutschsprachigen Gesamtausgabe 1534, denn Palms eigenes Interesse hatte speziell der Geschichte von Luthers Übertragung des Alten und Neuen Testaments ins Deutsche gegolten.[84] Der Nachlass enthielt aber u. a. auch eine Reihe von Inkunabeln und seltene fremdsprachige Drucke etwa in englischer oder niederländischer Sprache sowie den einzigen rätoromanischen Text[85] der Bibliotheca Biblica.

Eine große Zahl der aus der Palmschen Sammlung stammenden Exemplare lässt sich heute in der Bibel-Sammlung, ein kleinerer Teil in der Mittleren Aufstellung der HAB nachweisen. Insgesamt etwa 150 Bände, darunter viele aufwendig gebundene Groß-Formate, tragen sowohl das Exlibris Elisabeth Sophie Maries als auch ein aufgeprägtes „P.“ auf dem Rücken-Etikett, das auf den früheren Besitzer verweist. Vermutlich hat die Herzogin diese Exemplare gemeinsam mit anderen Drucken aus ihrer Bibliothek einbinden lassen; möglicherweise sind aber auch nur einzelne Titelschilder neu angebracht oder ergänzt worden. Eine ganze Reihe von Exemplaren, die sich durch Vergleich mit dem Palmschen Catalogus Bibliothecae Theologicae Selectioris sowie Knochs Verzeichnis der Bibliotheca Biblica als eindeutig aus Palms Nachlass herrührend identifizieren lassen, besitzen dieses doppelte Provenienzmerkmal jedenfalls nicht (mehr?), sondern nur das Exlibris der Herzogin. Es handelt sich dabei häufig um relativ schmale und unscheinbare oder um lädierte Bände ohne oder mit beschädigtem Titelschild.

Mit dem Erwerb der weniger umfangreichen, aber gleichfalls bedeutenden Sammlung des zuletzt in Hannover ansässigen Pfarrers Johann Heinrich Schmid(t) (1690–1741) komplettierte die Herzogin die eigene Kollektion.[86] Auch Schmidt hatte sein Hauptaugenmerk auf Luthers Übersetzung gerichtet; seine Sammlung enthielt viele Bibeln aus den frühen 1520er Jahren, darunter drei Exemplare des „Septembertestaments“. Auf die Herkunft der Bücher deutet in der Regel ein „S.“ auf dem Titelschild; mindestens 37 Bände im Bestand der HAB sind auf diese Weise gekennzeichnet.

Auch der seit 1739 ebenfalls in Hannover als Schuldirektor tätige Philologe Johann Ludolf Buenemann (1687–1759) sammelte Bibeln. Da sein Nachlass 1760 versteigert wurde, liegt die Vermutung nahe, dass die etwa zwei Dutzend Exemplare, die sich nachweislich im Besitz der Herzogin befunden haben und die sie mit einem „B.“ auf dem Etikett versehen ließ, bei dieser Gelegenheit erworben wurden. Lt. Knochs Historisch-Critischen Nachrichten[87] hatte sich Buenemann aber bereits vorher von einem Teil seiner Bibliothek, darunter mehreren Inkunabeln, zugunsten der herzoglichen Sammlung getrennt. Den überwiegenden Teil der Buenemannschen Bücher bildeten Bibel-Drucke in verschiedenen antiken Sprachen, meist in Latein. Aber aus seinem Besitz stammen etwa auch der einzige lettische Druck[88] der Bibliotheca Biblica sowie Werke auf Spanisch und Syrisch.

Wenngleich die Bibel-Sammlung vom Ankauf dieser mehr oder weniger großen (Teil-)Bibliotheken besonders profitierte, haben die Herzogin und ihr Bibliothekar Knoch doch die Mehrzahl der Bücher aus anderen Quellen bezogen, nämlich „aus kleinen Bücherauctionen zu Hamburg, Celle, Hannover und Braunschweig, imgleichen aus den Händen gewisser hohen Standes- und Privatpersonen“.[89] Viele, vor allem die exklusiver gebundenen und wertvoller anmutenden Exemplare tragen kaum Spuren etwaiger Vorbesitzer(innen). Andere sind ausweislich der Provenienzvermerke durch mehrere Hände gegangen. Einige Personen, denen die Sammlung etliche besondere Stücke verdankt, seien hier noch genannt.

Mindestens vier Drucke, die sich heute im Bestand der HAB befinden, waren zuvor zwischenzeitlich im Besitz von Heinrich Philipp Guden(ius) (1676–1742), zuletzt Konsistorial- und Kirchenrat sowie Generalsuperintendent des Fürstentums Lüneburg-Celle, darunter z. B. eine Londoner Holy Bible aus dem Jahr 1706.[90] Eines der Exemplare ging offensichtlich nach Gudens Tod ins Eigentum Johann Georg Palms über; möglicherweise sind auch die übrigen Bände auf diesem Wege an die Herzogin gekommen.

Johann Conrad Dove (1677–1742) war Pfarrer an St. Andreas in Braunschweig und als Hofprediger Amtsvorgänger Palms. Er hinterließ der Herzogin mindestens neun Bände mit theologischen Werken: vier davon verblieben dauerhaft in der Bibel-Sammlung; fünf weitere „Bücher, so keine Bibeln sind“, fanden Aufnahme in die Mittlere Aufstellung.

Sechs Bibeln gehörten, bevor sie Teil der herzoglichen Sammlung wurden, Rudolph Anton (von) Seidensticker in Lutterberg[91], darunter ein polnischer und ein dänischer Druck.

Aus dem Nachlass des Wolfenbütteler Vizeoberhofmeisters und Klosterrats Wolf Adam von der Thanne (1663–1714)[92] sind mehrere historische und theologische Werke in die Bibliothek der Herzogin gelangt, mindestens ein Druck[93] auch in die Bibel-Sammlung.

Die zweistellige Zahl an Bibeln, die sich anhand des Exlibris als früheres Eigentum des Schriftstellers und Bibliophilen Zacharias Konrad von Uffenbach (1683–1734) identifizieren lässt, ist zwischenzeitlich im Besitz J. G. Palms gewesen und mit dessen Sammlung nach Braunschweig und schließlich nach Wolfenbüttel gekommen.

Einige besondere Drucke entstammen der hinterlassenen Bibliothek des Theologen Sebastian Edzard(i) (1673–1736), seit 1699 Professor für Logik und Metaphysik am Akademischen Gymnasium in Hamburg: neben einer italienischen[94] und einer französischen[95] auch eine finnische[96] Bibel-Ausgabe sowie eine aus dem Englischen ins Malaiische übertragene Bibel.[97]

Letztere hatte Edzardi selbst erst wenige Jahre zuvor aus dem Nachlass des Kirchenhistorikers und Pfarrers an St. Johannis in Hamburg Nicolaus Staphorst (1679–1731) erworben. Aus dessen früherem Besitz stammen auch mindestens zwei weitere Exemplare, die Aufnahme in die Bibel-Sammlung fanden.[98]

Im Gegensatz zu Edzard und Staphorst werden zwei andere Hamburger Gelehrte in Knochs Historisch-Critischen Nachrichten sogar namentlich genannt. Der Philologe Johann Albert Fabricius (1668–1736), als Professor für Rhetorik und Ethik am Akademischen Gymnasium ein Kollege Edzards, hinterließ u. a. eine seltene Polygotte[99], bei deren ausführlicher Besprechung Knoch den Vorbesitzer rühmt, „dessen unsterblicher eigenhändiger Nahme davor stehet“.[100] Auch des Theologen Johann Hermann Wille (1668–1748), seit 1720 Archidiakon an St. Nicolai in Hamburg, gedenkt Knoch bei der Beschreibung der dreibändigen arabischen Bibel aus dessen früherem Besitz ausdrücklich.[101]

Sofern es sich aufgrund des Umfangs von Gelehrtenbibliotheken lohnte, wurden anlässlich der „kleinen Buchauctionen“ Kataloge gedruckt, die es einer potentiellen Interessentin wie der Herzogin ermöglichten, das Angebot zu prüfen und sich gründlich zu bedenken, bevor sie sich gegebenenfalls zum Kauf entschloss.[102]

Auch die hebräisch-lateinische Ausgabe des Matthäus-Evangeliums aus dem Nachlass des Dichters und Theologen Valentin Ernst Löscher (1673–1749)[103] fand auf diese Weise Eingang in die Bibel-Sammlung. Da der Druck im Verzeichnis von Löschers nachgelassener Bibliothek aufgeführt ist,[104] können wir davon ausgehen, dass er von der Herzogin frühestens 1751 erworben wurde, also parallel zu Knochs Mitteilung der Historisch-Critischen Nachrichten und unmittelbar vor dem Druck der Bibliotheca Biblica.[105]

10 Resümee

  1. Das Gros der heute zur Bibel-Sammlung zählenden Bücher trägt Herkunftsvermerke. Viele besitzen sogar mehrere Einträge, die oft von weitaus weniger prominenten Vorbesitzer(innen) als den oben genannten, also nicht „aus den Händen gewisser hohen Standes- und Privatpersonen“ oder bekannter Gelehrter stammen. Auch sie sind von Belang, denn Sammlungsforschung ist auch Provenienzforschung und mit jeder neu identifizierten Person oder Institution vergrößert und verdichtet sich das Netz an bedeutungsrelevanten Informationen. Insofern bleibt die schon länger erwogene, aber bisher nicht realisierte systematische Erschließung der Wolfenbütteler Bibel-Sammlung einschließlich ihrer vollständigen autoptischen Katalogisierung und der Erfassung aller Herkunftsvermerke ein dringendes Desiderat.[106]

  2. Auch offensichtlich gesicherten Fakten ist zu misstrauen, wenn die ihnen zugrunde liegenden Quellen nicht genannt oder nur unzureichend ausgewertet worden sind. Dass ihre Überprüfung oft mühevoll, langwierig und wenig unterhaltsam ist, entbindet nicht von dieser Pflicht. Das Beispiel der Überführung der Bibel-Sammlung der Herzogin Elisabeth Sophie Marie in den 1760er Jahren macht darüber hinaus ersichtlich, welch zweifelhaften Wert vermeintlich akkurate, „exakte“ Daten besitzen können. Dabei scheinen bis auf die letzte Ziffer genau definierte Zahlen eine höhere Glaubwürdigkeit zu suggerieren als nur ungefähre Angaben.

  3. Unter den überlieferungsgeschichtlich relevanten Fragen ist jene nach der genauen Stückzahl allerdings marginal. Von weitaus größerem Interesse sind die äußeren Umstände der Sammeltätigkeit einschließlich der persönlichen Verhältnisse und der Motivation der beteiligten Personen, die Herkunft und der Verbleib des Sammelguts sowie ggf. die Frage nach der Wiederherstellbarkeit eines früheren Zustandes. Letzteres ist zweifellos das lohnendste Ziel von Sammlungsforschung.

  4. Die Bibel-Sammlung der Herzogin Elisabeth Sophie Marie von Braunschweig-Lüneburg ist – soweit es den Bestand der Herzog August Bibliothek betrifft – rekonstruiert.[107] Ihre detaillierte, vollständige, systematische Erschließung verspräche neue wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der Herkunft und „Biographie“ einzelner Stücke. Darüber hinaus könnte sich ein erweiterter Fokus künftig auf die Verfolgung von Überlieferungsspuren derjenigen Exemplare richten, welche nur zeitweise Teil der Sammlung waren, um auch ihre Geschichte zu erfahren und weiterzuerzählen.

About the author

Dr. Stephan Bialas-Pophanken

Dr. Stephan Bialas-Pophanken

Published Online: 2023-04-04
Published in Print: 2023-03-31

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

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