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Der „Out-of-the-box-Open-Access-Verlag“

Barrierefreies Publizieren unter eigener Regie. Der Hochschulverlag ohne Personalaufwand aus dem Baukasten. Eine vom BMBF geförderte Alternative zur klassischen Publikation in Fremdverlagen
  • Ralf Biesemeier

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Published/Copyright: December 4, 2019
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Abstract

Wer im universitären Bereich Dissertationen, Abhandlungen oder jegliche andere Art von wissenschaftlichen Publikationen ohne Hürden zugänglich machen will, kommt an dem Thema „Open Access“ nicht vorbei. Wer zudem Wert darauf legt, dass Open Access-Publikationen mit entsprechender Sichtbarkeit und damit einhergehender Relevanz auch im Handel zugänglich gemacht werden, mit entsprechenden Leistungen und dem Renommee eines wissenschaftlichen Verlags, sollte sich das Konzept von readbox unipress einmal genauer anschauen. Über den Dienstleister kann ohne großen Kosten- oder Personalaufwand ein eigener Hochschulverlag etabliert werden. Die anfallenden Verwaltungstätigkeiten wickelt die Hochschule über den „unipress publisher“, eine speziell entwickelte Publikationsplattform ab. Auch und insbesondere durch das jahrelang aufgebaute Know-How des Anbieters in Sachen Metadatenmanagement für mehr Sichtbarkeit und Relevanz ist diese Lösung eine interessante Alternative zu reinem „Book-on-Demand“ und Veröffentlichungen bei „klassischen“ Wissenschaftsverlagen.

Abstract

There is no way around the subject of open access when it comes to publishing doctoral dissertations, scientific papers, or any other kind of academic publications in barrier-free ways. If visibility, relevance and availability of open access publications in commercial contexts also play a role including the services and reputation of conventional academic publishers, one should consider the possibilities readbox unipress has to offer. The service provider allows to build up a genuine university press environment without much extra costs or personnel expenses. Administrative tasks are handled via ‘unipress publisher’, a special publication platform developed by the provider. Years of accumulating know-how in terms of metadata management to enhance the visibility and relevance of publications is a further plus and an interesting alternative to ‘book-on-demand’ solutions or traditional publishing by academic publishing houses.

Zugegeben - eine etwas sperrige Überschrift, mit jeder Menge plakativer Begriffe aus dem Angelsächsischen. Jedoch lässt sich das Projekt, um welches es in diesem Artikel geht, genauso zusammenfassen: Wer auch für Monografien 100 % Open Access wünscht, der macht es einfach selbst. Zum Beispiel mit dem „unipress publisher“ als standardisierte, integrierte und offene Plattform für den eigenen Hochschulverlag.

Wie das funktioniert, wie es dazu kam, wer „readbox unipress“ ist und was unter dem Projekt im Detail zu verstehen ist, das lässt sich am einfachsten durch eine Rückblende beschreiben:

Vor rund drei Jahren war das Team noch Teil von „Monsenstein & Vannerdat“ in Münster, einem der ersten Anbieter für Book-on-Demand in Deutschland. Das Kerngeschäft lag im klassischen Self Publishing. Auch wissenschaftliche Titel gab es im damaligen Programm durchaus, diese wurden allerdings direkt von den Autoren über die MV-Plattform veröffentlicht. Ein Peer Review gab es nicht. Schließlich sah sich das Unternehmen als Dienstleister und nicht als Verlag und besaß keinerlei Rechte an den jeweiligen Werken, abgesehen vom einfachen Nutzungsrecht zum Druck und Vertrieb im Handel. Genau hier liegt übrigens der große Nachteil bei Veröffentlichungen über einen Book-on-Demand-Dienstleister. Ein klassischer Verlag verfügt exklusiv über die Rechte eines Werks und kann derart abgesichert in eine professionelle Herstellung und effektive Werbung investieren. Er hegt ein großes wirtschaftliches Interesse an dessen Erfolg und sorgt somit für eine möglichst hohe Sichtbarkeit. Im Umkehrschluss sperrt sich ein Verlag gegen jede gewinnschmälernde parallele Verbreitung, z. B. kostenlos über den Bibliotheksserver - womit wir schon bei dem Stichwort „Open Access“ angelangt sind.

Es gibt also offensichtlich einen Bedarf für Publikationsmöglichkeiten, die „Open Access-zentriert“ sind und eine Alternative zwischen klassischem Book-on-Demand und einer Verlagsveröffentlichung bieten. So entstand der Kontakt zu Dr. Eric W. Steinhauer, der 2006 für die Universitätsbibliothek Ilmenau auf der Suche nach einer effektiven Alternativlösung zur Veröffentlichung wissenschaftlicher Inhalte war. Er benötigte einen Dienstleister, der flexibel genug war, auf die teils sehr individuellen Wünsche der Veröffentlichenden einzugehen und ein Produkt liefern konnte, dass in puncto Qualität den Bibliotheksansprüchen vollauf genügte.

Das aus dieser Idee entwickelte Konzept besteht bis heute fort und ist der Kern des Angebots von readbox unipress: Eine Hochschule, die Interesse an barrierefreien Publikationen hat, installiert ihren eigenen Hochschulverlag, inzwischen auf Basis einer standardisierten, cloudbasierten Infrastrukturplattform, über die alle anfallenden Tätigkeiten, die herstellerisches, verlegerisches und auslieferungstechnisches Know-how verlangen, aber auch das Rechnungs- und Mahnwesen und die Honorarausschüttung an die Autoren - sofern erwünscht - gesteuert und vom Dienstleister (in diesem Fall readbox unipress) ausgeführt werden. Alles über definierte, standardisierte und automatisierte Workflows, die die Zusammenarbeit zwischen Autoren / Herausgebern, dem Hochschulverlag und dem Dienstleister effizient, mit hoher Qualität und nicht zuletzt kostengünstig gestalten. Für die Hochschule kann dadurch der eigene Verlag - salopp ausgedrückt - zur „One-man (oder one-woman) -show“ werden. Inhaltlich zeichnet allein der Hochschulverlag verantwortlich, nicht der angebundene Dienstleister.

Apropos Dienstleister: Definitionsgemäß handelt es sich dabei um jemanden, den man für die Erledigung eines Auftrags bezahlt. Wie kann es dann sein, dass für Publikationen in manch einem Verlag viel Geld bezahlt werden muss, die Entscheidungsgewalt für oder gegen Open Access aber nicht beim Auftraggeber - also dem Zahlenden - liegt? Transparenz im Angebot und den Prozessen spielt eine wesentliche Rolle: Bei readbox unipress sind alle Dienstleistungen für „den eigenen Hochschulverlag“ modular gestaltet. Bestehende oder neu gegründete Verlage entscheiden, welche Leistungen wir als Dienstleister in welchem Umfang übernehmen. Auch Schriftenreihen sind als kleinste Ausbaustufe möglich. In diesem Fall stellen wir als Dienstleister die ISBN, die Gründung eines eigenen Verlags ist dabei nicht notwendig.

Durch die hohe Automationsfähigkeit der Prozesse in der zur Verfügung gestellten Infrastruktur sind die Kosten für eine Publikation sehr gering: Oftmals ist schon die Vergütung der VG Wort (sofern ein Wahrnehmungsvertrag abgeschlossen wurde) ausreichend, um die Grundkosten zu decken. Zusätzliche Leistungen wie Satzarbeiten oder Umschlaggestaltung werden individuell im Rahmen der Projektanlage beauftragt. Die Bücher selbst werden on Demand gedruckt und gebunden, und zwar nur in der Menge wie sie benötigt werden. Wünschen weder Verlag noch Autor eigene Exemplare, fallen keine weiteren Kosten an. Bücher, die an den Buchhandel bzw. an den Endkunden verkauft werden, werden allein über den Ladenpreis finanziert. Das Vorhalten einer Auflage entfällt. In einem Wissenschaftsverlag kann es gut und gerne das Zehnfache kosten. Oder mehr.

Dennoch erfolgt auch die Veröffentlichung über unsere Dienstleistungen in einem „waschechten“ Verlag - unter der Flagge und mit dem Renommee der Hochschule mit kurzen und preiswerten und vor allen Dingen barrierefreien Publikationswegen und eigener Programmatik. Selbst Dissertationen lassen sich auf diese Weise sofort und kompromisslos publizieren, idealerweise hybrid - auf dem eigenen Repositorium und parallel als Buch in jedweder Ausstattung im Handel.

Die Einzigartigkeit und der Wert dieses Konzeptes wurde auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erkannt und gewürdigt: Durch eine Open Access-Fördermaßnahme konnte das Konzept in den vergangenen zwei Jahren zu einer agilen Verlagssoftware entwickelt werden, dem „unipress publisher“. Die Verfügbarkeit einer wissenschaftlichen Publikation über den Buchhandel ist - im Vergleich zur reinen Präsenz auf dem Repositorium - zwar bereits ein großer Schritt in die richtige Richtung, sprechen wir aber vom Ziel eines „Do it yourself Open Access-Verlags” als ernsthafte Alternative zu den bestehenden wissenschaftlichen Publikationsmöglichkeiten, so ist der „unipress publisher“ nun die Plattform, mit der dieses Ziel realisierbar ist.

Belletristische Verlage definieren ihren Erfolg auf monetärer Basis, auch klassisch ausgerichtete Wissenschaftsverlage müssen wirtschaftlich denken und sind auf Verkäufe angewiesen. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass viele dieser Publikationen vom Forschenden in nicht unerheblicher Höhe finanziert werden, oftmals sogar, denn der Staat bezahlt die Forschung, der Autor die Veröffentlichung und die Bibliotheken kaufen die Bücher mit öffentlichen Mitteln … Open Access hingegen stellt den freien, öffentlichen Zugang zu allen wissenschaftlichen Veröffentlichungen vor jedwedes ökonomische Interesse. Das A und O ist hier vielmehr die Auffindbarkeit, die Sichtbarkeit. Deren Stärkung wird gerne zum Alleinstellungsmerkmal der etablierten Verlage erklärt. Zu Recht, denn die Verbreitung von Informationen benötigt - genau wie die Herstellung eines Buchs - jede Menge Know-how. Hier geht es in erster Linie um die Titelmeldung, die Eintragung in die passenden Kataloge und eine Optimierung der Katalog- und Metadaten, um eine möglichst hohe Auffindbarkeit und Sichtbarkeit zu ermöglichen. Da es gerade in Deutschland wenige Standards gibt, stellt die Diversität der Titel- und Katalogmeldungen eine weitere Schwierigkeit dar. Ein(e) einzelne(r) Autor*in - und selbst ein kleiner Hochschulverlag - können diese Hürden nur schwerlich überwinden, der Aufwand ist schlichtweg zu groß. Besonders bei Monografien, bei denen das Werk für sich alleine steht und nicht wie bei Artikeln in Periodika zusammengefasst werden, die alleine dadurch eine gute Sichtbarkeit erreichen.

Unser Bestreben war, die Vorteile einer typischen Open Access-Publikation (schnell und pragmatisch, in der Regel aber nur elektronisch) mit denen einer Printausgabe in einem Verlag zu verbinden (aufwändiger, kostenintensiver, aber mit hohem Renommee) und das notwendige Hintergrundwissen zur Optimierung der Sichtbarkeit in Form passender Werkzeuge derart abzubilden, dass sowohl Autor*innen als auch „unerfahrene“ Hochschulverlage vollkommen unabhängig von herkömmlichen Strukturen ein hochwertiges Ergebnis erzielen können. Ziel war eine Plattform, die die Anlage und Verwaltung neuer (Buch)projekte übersichtlich gestaltet, durch die einzelnen Schritte einer solchen Veröffentlichung vom Manuskript zum fertigen Produkt führt und dabei bereits alle Metadaten „sammelt“. Und genau hier liegt die eigentliche Stärke des „unipress publishers“. Es gibt zahlreiche Print-on-Demand-Dienstleister, die Autoren und Herausgeber professionell und preiswert an das Ziel bringen. Hier konnten und wollten wir das Rad nicht neu erfinden. Auch wenn unsere Plattform in der Standardkonfiguration an einen Druckdienstleister angebunden ist, der die ISO-Normen für langzeitlagerungsfähige Druckerzeugnisse und das gängige Farbmanagement unterstützt, so kann der publisher jederzeit und über Standard- und individuelle Schnittstellen an andere Dienstleister und Auslieferungen angebunden werden. Der publisher ist im Grunde eine Universalschnittstelle zu Herstellung (die drucktechnische Aufarbeitung durch Fachkräfte im Hintergrund), Buchhandel (über digitale und analoge Auslieferung) und Kataloge. Er spricht die Sprache der Druckindustrie (OneFlow / PrintOS Site Flow, FOGRA-Standards), des Buchhandels (ONIX) und der Bibliotheken (Marc21).

Besonders der letzte Punkt hat uns ein gehöriges Stück Arbeit gekostet. Schon während der Entwicklungsphase durften wir auf das Know-how manch eines Universitätsverlages zurückgreifen, der bereits seit Jahren mit uns zusammenarbeitet und geduldig das Projekt „unipress publisher“ live getestet und somit auch mitgestaltet hat. Viele Verlage haben sich in der Vergangenheit über den Marc21-Service der DNB beholfen, die dieses einheitliche Austauschformat mit einem ausgeklügelten Mapping zum Beispiel aus der ONIX generieren kann. Ein Mapping alleine genügt jedoch nicht, denn die Stärken dieses Formats liegen ja gerade in den bibliografischen Datensätzen, die das ONIX-Format nicht unterstützt.

Unser Ziel war und ist es, Open Access einfacher zu gestalten, preiswerter und vor allen Dingen schneller. Und am eigenen Campus durch die Installation eines eigenen Hochschulverlags. Außerdem hat es uns gereizt, den Gegnern dieser „Bewegung“ ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen und aufzuzeigen, dass trotz allen „Geheimwissens“ und der etablierten Netzwerke althergebrachter Verlagshäuser eine qualitativ gute Publikation - elektronisch, rein analog oder am besten hybrid - sehr wohl in eigener Regie möglich ist. Und kostengünstig.

Im Grunde ist das wie bei den Selfpublisher*innen im Belletristikbereich. Hier zeigt sich schon lange, dass man sein Publikum auch auf eigene Faust erreichen kann. Vor allen Dingen, wenn man auf die richtigen Dienstleister zurückgreifen kann. Alle wissen, dass Verlage und deren Leistungen ihre Berechtigung haben. Aber uns geht es um die volle Barrierefreiheit, um Chancengleichheit unter den Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Publikationen. Auch wenn diese nicht immer das Zeug zum Bestseller haben.

About the author

Ralf Biesemeier

Ralf Biesemeier

Published Online: 2019-12-04
Published in Print: 2019-12-01

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 19.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2020-0013/html
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