Zusammenfassung
Die Stadtbücherei Frankfurt am Main macht Kindern und Jugendlichen literaturpädagogische Angebote, bei denen sie ihr kreatives Potenzial entdecken können. Mit einem klaren pädagogischen Ansatz und entsprechenden didaktischen Methoden werden Kindern und Jugendlichen in den Veranstaltungen Literatur und Sprache spielerisch und über eigenes kreatives Schaffen näher gebracht. Für die jugendliche Zielgruppe eignet sich insbesondere Kreatives Schreiben als Form der Auseinandersetzung, die zum Buch hin und über den literarischen Text hinaus führt. Im Programm der Stadtbücherei Frankfurt am Main stehen daher unterschiedliche Konzepte für kreative Schreibaktionen zur Auswahl.
Abstract
The municipal library in Frankfurt am Main offers educational programmes in literary writing for children and young people who’d like to discover their creative potential. Following clear pedagogical goals and using relevant didactic tool kits, the activities are designed to introduce children and young adults to language and literary texts in a playful way through their own creative work. Creative Writing in particular seems to be a very promising form of introducing the target group of young people to be getting interested in books even beyond literary texts. The educational programme of Frankfurt’s municipal library therefore has a great variety of different creative writing activities on offer.
1 Einleitung
Die Stadtbücherei Frankfurt am Main bietet Kindern und Jugendlichen stadtweit einen nahen Zugang zu ihrem umfangreichen Medienangebot. 18 Öffentliche Bibliotheken, die Haltestellen der Fahrbibliothek und über 100 Schulbibliotheken sind über die gesamte Stadt verteilt. Die Ausleihe von Medien ist für Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr kostenfrei.
Jugendliche sind eine besonders anspruchsvolle Zielgruppe für Bibliotheken. Die Stadtbücherei bietet der jungen Zielgruppe neben vielfältigen digitalen Angeboten auch ein eigenes Programm im analogen Bereich. Im Fokus steht dabei „Literacy“, sprich Lese- und Schreibkompetenz, Textverständnis, sprachliche Abstraktionsfähigkeit oder ganz einfach die Vertrautheit mit Büchern.
Denn wer als Jugendlicher komplexe Texte im Sinne von „Literacy“ lesen und verstehen kann, hat später einen deutlichen Vorteil in Bezug auf gesellschaftliche/kulturelle Teilhabe und beruflichen Erfolg. Gleiches gilt für die Fähigkeit, sich schreibend differenziert und kreativ ausdrücken zu können. Die Arbeit mit literarischen Texten und kreatives Schreiben bieten die Möglichkeit, beides zu fördern. Die gedankliche Auseinandersetzung mit Sprache über das eigene kreative Schreiben verschafft Jugendlichen neue Erfahrungen und Kompetenzen. Literatur wird „hautnah“ erlebt, die Bibliothek wird zum Schreiblabor.
Für die jugendliche Zielgruppe sehen wir in der Stadtbücherei Frankfurt daher ein großes Potenzial in literaturpädagogischen Angeboten mit kreativen Schreibaktionen. Veranstaltungen wie „Cliffhanger-Buchshow“, „Schreibparcours & Story Slam“ und „Poesiewolken“ sind beliebte und erprobte Formate.
Allen Aktionen liegen unsere allgemeinen pädagogischen Ziele und didaktischen Methoden zugrunde.
2 Pädagogischer Ansatz
Unser pädagogischer Ansatz basiert auf folgenden Punkten:
Spielend lernen
Wir sind eine Bildungsinstitution, haben aber keinen klassischen Lehrauftrag wie die Schule. Wir sind stattdessen eine kompetente Partnerin für andere Institutionen mit eigenem Konzept und eigenem Profil. Bei uns stehen die spielerische Vermittlung von Inhalten und die positive Erfahrung mit Medien und Geschichten ohne „Ergebnisdruck“ im Vordergrund.
Kinder und Jugendliche als Akteur*innen / Produzent*innen
In unseren Veranstaltungen sind Kinder und Jugendliche von Anfang an als Akteur*innen gefragt. Sie werden angeregt, die Veranstaltungen mit eigenen Gedanken, kreativen Ideen und kreativen Produkten maßgeblich mitzugestalten.
Prozessorientiert / Ergebnis ist zweitrangig
Prozessorientiertes Arbeiten und die damit verbundenen individuellen Erfahrungen während des Machens stehen im Fokus unserer Kreativaktionen. Wir geben nur einen thematischen Rahmen und ggf. Material vor, bei der Umsetzung können die Kinder und Jugendlichen möglichst frei ihren persönlichen Ausdruck finden. Kreative Vielfalt statt Schablone!
Teamarbeit / Wettbewerb untereinander vermeiden
Teamarbeit wird bei uns groß geschrieben. Kinder und Jugendliche lernen die Bibliothek als wettbewerbsfreien Raum ohne „Leistungsdruck“ kennen. Soziale Kompetenz wird gefördert.
3 Didaktischer Ansatz
Buchgespräch / Bildgespräch
Die Buchpräsentation beinhaltet immer das Vorlesen und das Reflektieren über die Texte. Das Gespräch findet während des Vorlesens oder danach statt. Die Kinder und Jugendlichen können hier ihre Gedanken, Meinungen und Interpretationen aktiv einbringen. Bei Bilderbüchern steht das Bildgespräch gleichwertig daneben. Bilder sind in der Kommunikation vor allem bei Jugendlichen wichtiger denn je. Eine ikonische Wende hat stattgefunden weg vom Text hin zum Bild (Stichwort Soziale Medien). Dem tragen wir schon bei den Veranstaltungen mit jüngeren Kindern Rechnung, indem wir über die Bildgespräche Bildkompetenz vermitteln. Die Kinder üben sich im Bilder lesen und interpretieren und erlangen so „Visual Literacy“. Damit verbunden ist eine Auswahl von Büchern mit anspruchsvollen Illustrationen, die zum (Nach)denken anregen.
Einstiegspiele
Der Grundsatz „Spielend lernen“ fängt in den Veranstaltungen der Stadtbücherei Frankfurt schon vor der Buchpräsentation an. Mit einer kurzen spielerischen Aktion wird auf das Buch bzw. ein Thema aus dem Buch neugierig gemacht. Die Kinder und Jugendlichen werden gleich zu Beginn der Veranstaltung selbst kreativ. Das Einstiegspiel greift assoziativ oder konkret Elemente und Strukturen der Geschichte auf. Nach der Buchpräsentation erschließt sich den Teilnehmenden so der Sinn der spielerischen Aktion.

Beispiel Einstiegspiel, Foto: Stadtbücherei Frankfurt am Main.
Das bedeutet, dass Einstiegspiele immer aus dem Buch bzw. der Geschichte heraus entwickelt werden müssen. Mit dieser didaktischen Methode wird die Fantasie angeregt, Interesse geweckt und die Atmosphäre für eine unterhaltsame Veranstaltung bereitet.
Kreativaktion zur Vertiefung
Ein wichtiger Teil unserer Veranstaltungen ist die Fortsetzung der literarischen Inhalte durch eigenes kreatives Gestalten. Die Kinder und Jugendlichen setzen sich individuell mit dem Gehörten bildkünstlerisch, schreibend oder performend auseinander. Die künstlerische Umsetzung spiegelt dabei ästhetisch oder strukturell den literarischen Text wider. Durch solche Kreativaktionen werden auch andere als rein kognitive Fähigkeiten angesprochen.
4 Aktionen zum kreativen Schreiben in der Bibliothek
Eine produktive Art, bei Teenagern und Jugendlichen die Lust am literarischen Text zu wecken, sind Schreibwerkstätten. Beim kreativen Schreiben ist alles erlaubt, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, nur der Autor/die Autorin bestimmt Inhalt und Form. In unseren Schreibwerkstätten lernen die Teilnehmenden die Bibliothek als einen Ort kennen, an dem Literatur zu eigenem Schaffen führt - spielerisch und ohne Bewertung. Zwei Beispiele aus unserem Programm für fünfte bis siebte Klasse zeigen, wie unterschiedlich solche Schreibwerkstätten aussehen können.

Cliffhanger-Buchshow, Foto: Stadtbücherei Frankfurt am Main.
Die Cliffhanger-Buchshow kombiniert eine unterhaltsame Buchvorstellung mit kreativem Schreiben im Stil von Fan-Fiction und dem Web 2.0. Aus zwei Büchern verschiedener Genres werden Passagen vorgelesen, die Lesung endet abrupt jeweils an einer besonders spannenden Stelle. Die Jugendlichen sind nun aufgerufen, ausgehend von einem der beiden Cliffhanger die Geschichte weiter zu erfinden. Sie schreiben ihre Cliffhanger-Fortsetzungen während der Veranstaltung direkt auf unserem (nicht öffentlichen) Blog „Cliffhanger - Schreib’s weiter!“ Auf dem Blog können später andere Jugendliche die Texte über die Kommentarfunktion weiterschreiben. So entstehen Gemeinschaftsgeschichten, die rhizomartig-verzweigt immer weiter wachsen. Der Team-Gedanke ist hier besonders produktiv umgesetzt. Alle können zu der großen Gemeinschaftsgeschichte beitragen, ohne lange Texte schreiben zu müssen. Die Einträge auf dem Blog werden unter Nicknames eingetragen, die Jugendlichen müssen sich nicht als Autoren/Autorinnen outen. Dadurch wird eine mögliche Hemmschwelle für Jugendliche, die z. B. nicht gut deutsch schreiben können, niedrig gehalten.
Anders geartet ist das Angebot Schreibparcours & Story Slam. Hier geht es sowohl um kreatives Schreiben als auch um mündliches Performen. Eine Textcollage aus unterschiedlichen, kurzen Texten vom Wetterbericht bis hin zum Gedicht führt in die Veranstaltung ein. Sie wird am Mikrofon als Slam vorgetragen. Die Jugendlichen durchlaufen dann den Schreibparcours an mehreren Stationen. Jede Station lädt mit einem anderen spielerischen Schreibauftrag zum Verfassen von Miniaturtexten ein. So muss man zum Beispiel beim „Wortsalat“, alle Wörter, die man sich aus der Salatschüssel auf den Teller genommen hat, in seinen Text einbauen. Beim „Geschichten-Cocktail“ zieht man die Zutaten bestehend aus Hauptfigur (z. B. „Strampelhose“), Art der Geschichte (z. B. Gruselstory), Ort der Handlung (z. B. Nordpol), Auslöser der Handlung (z. B. Liebeskummer) aus Schälchen und mixt daraus seine Geschichte. An der Station „Foto-Story“ wird dazu aufgefordert, das Davor und das Danach einer Momentaufnahme zu beschreiben u.v.m.
Alle Schreibaufträge an den Stationen regen einerseits durch konkrete Anweisungen den Schreibprozess an und lassen andererseits Freiraum für Fantasie und die Wahl der Textart und Textlänge. Es entstehen so ganz unterschiedliche kreative Ergebnisse. Zum Abschluss performen die Jugendlichen einen ihrer Miniaturtexte am Mikrofon und erleben, wie viel Spaß der mündliche Vortrag machen kann.
Bei beiden Veranstaltungsangeboten sind wir immer wieder überrascht, wie unbefangen und fantasievoll sich alle Teilnehmenden auf das kreative Schreiben einlassen.
Eine besondere Form des kreativen Schreibens stellt das Verfassen von Gedichten dar. Der spielerische Umgang mit Sprache steht hier noch prägnanter im Fokus. In der Stadtbücherei Frankfurt haben wir den sprachspielerischen Aspekt von Lyrik wörtlich genommen und ein Konzept mit dem Titel „Poesie & Spiele“ entwickelt. Zu Gedichten, Versen, Reimen sind Spielideen entstanden, die einzeln oder in Gruppen in einem Poesie-Spielparcours gespielt werden können. Ein Beispiel aus dem Poesie-Spielparcours, das sich an Jugendliche richtet sind die Poesiewolken. Sie bestehen aus Steckmodulen, die beidseitig mit Worten oder kleinen Wortgruppen aus verschiedenen Gedichten namhafter Poeten beschrieben sind.

Schreibparcours, Foto: Stadtbücherei Frankfurt am Main.
Jedem Gedicht ist eine andere Typografie zugrdnet. Die Wolkenteile werden zufällig oder nach eigenen Regeln zu Poesiewolken zusammengesteckt.
Anschließend lesen die Spieler*innen einzelne Gedichtzeilen aus der Poesiewolke heraus und schreiben sie auf. So entstehen aus „dekonstruierten“ Gedichten bekannter Poeten neue eigene Gedichte, die dadurch immer eine poetische Struktur haben. In den Veranstaltungen mit Jugendlichen wird zunächst mit Poesiewolken in der Gruppe gespielt. Mehrere Poesiewolken werden zusammengesteckt und reihum gegeben. Die Jugendlichen betrachten diese von allen Seiten und schreiben die Zeilen, die sie aus ihrer Wolke herauslesen, in Versen auf eine Papiertischdecke. Schon angefangene Gedichte können weitergeschrieben werden. Sind alle Wolkenteile verarbeitet, werden die entstandenen Gedichte vorgelesen. Im Anschluss an das Spiel mit den Poesiewolken schreiben die Jugendlichen eigene kurze Gedichte und gestalten daraus eigene Poesiewolkenmodule.
Mit Poesiewolken wird die anspruchsvolle literarische Form des Gedichts niedrigschwellig und unterhaltsam vermittelt. Dichten ist einfach gemacht, es gilt: jeder Mensch ist ein Dichter!

Poesiewolken, Foto: Stadtbücherei Frankfurt am Main.
5 Fazit
Die bibliothekspädagogische Arbeit mit Jugendlichen ist intensiv und fordert auch von uns immer wieder Kreativität, Engagement und eine neugierige Unvoreingenommenheit. Belohnt werden wir, wenn junge Menschen in unseren Veranstaltungen auf einmal entdecken, was sprachlich und kreativ in ihnen steckt.
About the author

Tanja Schmidt
© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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