Editorial
„Digitalisierung“ hieß das Schwerpunktthema in unserem Heft 26/1 (2017), und natürlich zieht sich dieses Thema durch fast alle Ausgaben der ARBEIT, denn die digitale Transformation lässt kaum einen Aspekt der Arbeit unberührt. Aber ist dieser unscharfe, techniklastige Ausdruck eigentlich geeignet, den umfassenden Wandel begrifflich zu fassen? Schon damals wurde das in mehreren Beiträgen skeptisch betrachtet. In einer neueren Veröffentlichung, die Mascha Will-Zocholl in diesem Heft vorstellt, schlagen die Kolleginnen und Kollegen des SOFI in Göttingen vor, den Plural zu benutzen und von „Digitalisierungen“ zu reden.
Wie unser aktuelles Heft zeigt, gibt es aber auch sehr verschiedene Möglichkeiten, sich der digitalen Transformation in der Arbeitsforschung und Arbeitsgestaltung zu nähern. Eher technikoptimistische Veröffentlichungen postulieren gern, dass „die Digitalisierung“ nicht nur Arbeit wegrationalisiert, sondern auch neue Arbeitsplätze schafft. Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber was bedeutet das für die beruflichen Lebensgeschichten der Arbeitenden?
Diese Frage stellen sich Peter Kels, Kai Dröge, Leila Gisin und Marina Abbas in ihrem Beitrag „Digitale Disruption und biografische Verarbeitung. Vom Umgang mit Karrieretransitionen im Kontext wissensintensiver Berufsfelder“. Auf der Basis narrativer Interviews beleuchten sie detailliert, welche biografischen Brüche Beschäftigte in drei wissensintensiven Berufsfeldern (Journalismus, Finanzen und IT) erleben und wie sie ihre beruflichen Laufbahnen in Reaktion darauf gestalten. Sie plädieren dafür, die arbeitssoziologische Diskussion über die Subjektivierung von Arbeit „um eine Perspektive zu ergänzen, die auf die Subjektivierung des beruflichen Scheiterns, der biografischen Brüche und Transitionen blickt“ (299).
Sozialstatistisch hingegen betrachten Steffen Niehoff und Hajo Holst in ihrem Beitrag „Digitalisierung, soziale Klasse und Corona. Berufliche Ungleichheiten in der Organisation des pandemiebedingten Homeoffice“ den technikgetriebenen Schub, den die Corona-Pandemie in der medienvermittelten Flexibilisierung des Arbeitsorts ausgelöst hat: Sie untersuchen die klassenspezifischen Chancen, die Möglichkeiten des Homeoffice zu nutzen. Dabei stützen sie sich auf das klassentheoretische Modell von Daniel Oesch, das neben vertikalen auch horizontale Differenzierungen aufnimmt, und nutzen einen Mixed-methods-Ansatz, der Daten aus Erwerbstätigenbefragungen des Arbeitswelt-Monitors „Arbeiten in der Corona-Krise“ mit qualitativen Interviews kombiniert. Im Ergebnis stellen sie fest, dass die Klassenlage nicht nur den Zugang zum Homeoffice und das Ausmaß des Arbeitens von zu Hause wesentlich bestimmt, sondern auch die Chancen, gute Arbeit unter guten arbeitspolitischen Bedingungen zu leisten.
Volker Hielscher wirft in seinem Artikel „Interaktionsarbeit in asymmetrischen Kommunikationssituationen“ Fragen der Arbeitsgestaltung im Sozialsektor auf, und dies an einem konkreten Fall: asymmetrischen Kommunikationssituationen in der Betreuung neurologisch erkrankter Personen, die aufgrund von Sprech- oder Sprachstörungen nur unter erschwerten Bedingungen ihre Wünsche und Bedüfnisse kommunizieren können. Hier sind die Beschäftigten darauf angewiesen, die Interaktionsfähigkeit ihrer Klient:innen erst herzustellen, häufig mit dem Mittel der technisch unterstützten Kommunikation. Das führt zu hohen Anforderungen an ihre Interaktionsarbeit. Sie benötigen Ressourcen an Zeit und Kompetenzen, die in die Ausgestaltung der Arbeit einfließen sollten.
Christine Gerber und David Wandjo schließlich wenden sich in ihrem Beitrag „Auswirkungen von COVID-19 auf arbeitsvermittelnde Plattformen und Ressourcen der Pandemiebewältigung“ einem Feld zu, das in den letzten Jahren eine regelrechte Forschungskonjuktur erlebte: der medial vermittelten Plattformarbeit. Sie untersuchen, wie sich die Pandemie auf diese Plattformunternehmen auswirkte, wo es „Krisengewinner“ und „Krisenbewältiger“ gab und welche Strategien und Ressourcen sie im Umgang mit der Krise einsetzten. Es geht ihnen um Faktoren der Resilienz, die das „Coping“ in der Krise ermöglichen.
Ein ganz anderes Thema behandelt unsere zweite Rezension von Karin Sardadvar: die Reinigungsarbeit in der „Underworld“ der Firmen, die am teuren Potsdamer Platz in Berlin residieren. Denn die glänzende Fassade braucht Arbeit in ihren Kellergeschossen, die die Infastruktur am Laufen hält: Jana Costas hat sie teilnehmend beobachtet. Hier spielen sich „Dramen der Würde“ ab.
Dies ist der erste Jahrgang, den wir dank des vom Verlag DeGruyter entwickelten Modells „Subscribe to Open“ im Open Access veröffentlichen konnten. Wir hoffen, dass das auch 2024 der Fall sein kann; das hängt davon ab, ob weiterhin ausreichend bezahlte Abonnements aufrechterhalten werden. Wir bitten darum: Bleiben Sie uns gewogen, helfen Sie mit, die gewachsene öffentliche Sichtbarkeit unserer interdisziplinären wissenschaftlichen Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik sicherzustellen! Dass technische Innovation nicht funktioniert ohne menschliche Arbeit und ihre Erforschung, haben auch die wissenschaftsfördenden Institutionen längst erkannt ‒ und daher braucht die Arbeitsforschung Publikationen, die so barrierefrei wie möglich aufzufinden und zu nutzen sind, und das heißt heute vor allem: im Internet zugänglich sind. Denn auch die Landkarte der wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat sich unter dem Einfluss der Digitalisierung(en) in ungeahntem Ausmaß verändert.
© 2023 Redaktion, publiziert von De Gruyter
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.
Artikel in diesem Heft
- Frontmatter
- Editorial
- Artikel
- Digitale Disruption und biografische Verarbeitung
- Digitalisierung, soziale Klasse und Corona
- Interaktionsarbeit in asymmetrischen Kommunikationssituationen
- Auswirkungen von Covid-19 auf arbeitsvermittelnde Plattformen und Ressourcen der Pandemiebewältigung
- Rezensionen
- Jana Costas: Dramas of Dignity. Cleaners in the Corporate Underworld of Berlin
- Klaus-Peter Buss, Martin Kuhlmann, Marliese Weißmann, Harald Wolf, Birgit Apitzsch (Hg.): Digitalisierung und Arbeit. Triebkräfte, Arbeitsfolgen, Regulierung.
- Gutachterinnen und Gutachter für die ARBEIT im Jahr 2022/2023
- Inhaltsverzeichnis des 32. Jahrgangs (2023)
Artikel in diesem Heft
- Frontmatter
- Editorial
- Artikel
- Digitale Disruption und biografische Verarbeitung
- Digitalisierung, soziale Klasse und Corona
- Interaktionsarbeit in asymmetrischen Kommunikationssituationen
- Auswirkungen von Covid-19 auf arbeitsvermittelnde Plattformen und Ressourcen der Pandemiebewältigung
- Rezensionen
- Jana Costas: Dramas of Dignity. Cleaners in the Corporate Underworld of Berlin
- Klaus-Peter Buss, Martin Kuhlmann, Marliese Weißmann, Harald Wolf, Birgit Apitzsch (Hg.): Digitalisierung und Arbeit. Triebkräfte, Arbeitsfolgen, Regulierung.
- Gutachterinnen und Gutachter für die ARBEIT im Jahr 2022/2023
- Inhaltsverzeichnis des 32. Jahrgangs (2023)