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Jana Costas: Dramas of Dignity. Cleaners in the Corporate Underworld of Berlin

  • Karin Sardadvar
Published/Copyright: November 16, 2023
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Costas Jana Dramas of Dignity. Cleaners in the Corporate Underworld of Berlin. Cambridge: Cambridge University Press 2022, 220 Seiten. ISBN: 978-1-108-47584-6, € 79,95


Der Potsdamer Platz ist ein großer, moderner Platz in zentraler Lage in Berlin, der in seiner jetzigen Form von international bekannten Architekt*innen gestaltet wurde, erklärt die Autorin Jana Costas zu Beginn ihres Buches. Er ist demnach als Mikrostadt konzipiert – mit Wohnungen, Einkaufszentrum, Büros, Gastronomie. Ein Platz, der, schreibt Costas, ähnlich gestaltet auch in vielen anderen Städten liegen könnte. Unsichtbar bleibt unter der imposanten Oberfläche des Potsdamer Platzes indes, was sich in den Kellergeschossen der schicken Gebäude befindet. Dorthin nimmt Costas ihre Leser*innen in ihrer Forschung mit. Buchstäblich im Untergrund liegen die Arbeitsplätze jener Menschen, die die Infrastruktur des hochpreisigen Potsdamer Platzes am Laufen halten: Arbeitskräfte im Service-Bereich wie Sicherheitspersonal, Müllwerker*innen und Reinigungskräfte.

In dieser „Unterwelt“ („underworld“) hat Jana Costas, Professorin an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), eine ethnografische Studie durchgeführt. Sie verschaffte sich Zugang zu jenem Reinigungsunternehmen, das zum Studienzeitpunkt den Gebäudereinigungsauftrag am Potsdamer Platz hatte, und arbeitete über einen längeren Zeitraum in der Gruppe der Reinigungskräfte mit. Die Forscherin wurde dabei als Assistentin des bestehenden Reinigungspersonals eingesetzt. So konnte sie verschiedene Beschäftigte auf unterschiedlichen Touren und Reinigungseinsätzen begleiten. Dabei war sie transparent als Forscherin eingeführt, die sich für die Arbeit der Personen im Feld interessiert.

Costas startete ihre Feldarbeit nach eigenen Angaben mit dem ehrlichen Interesse daran, was es bedeutet, als Reiniger*in zu arbeiten und zu leben – eine enger gefasste Forschungsfrage hatte sie zunächst nicht, schreibt die Wissenschaftlerin im Anhang (167). Entstanden ist aus diesem Feldaufenthalt eine beeindruckende ethnografische Studie, die die Autorin gekonnt in ein gut lesbares, spannendes und erhellendes Buch gegossen hat. Costas gelingt eine „dichte Beschreibung“ des Mikrokosmos Potsdamer Platz im Sinne von Clifford Geertz: eine dichte Beschreibung des Alltags, der Tätigkeiten, der Interaktionen und der Beziehungen von Reinigungskräften in der „Unterwelt“ des Platzes – und des Verhältnisses dieser Welt zur „Oberwelt“ („upperworld“) aus Kund*innen, Manager*innen, Büroangestellten und anderen Gebäudenutzer*innen.

Kernstück der Analyse ist, was Costas titelgebend als „dramas of dignity“ bezeichnet: „In the case of the cleaners, these two sides of dignity are often in tension: cleaners seek to derive a sense of worth from their work, yet when they interact with others, they are often denied respect and recognition“ (8). Solche „Dramen der Würde“ spielen sich ab, wenn Reinigungskräfte von anderen Gebäudenutzer*innen wie Luft behandelt werden, oder aber, wenn sie von Kund*innen überwacht und zurechtgewiesen werden. Die Dramen werden verschärft dadurch, dass es vom beschäftigenden Unternehmen diesbezüglich wenig Rückhalt gibt. Und schließlich kommen Dramen hinzu, die sich innerhalb der Belegschaft selbst zutragen: Ausgrenzung und Abwertung von Kolleg*innen, Distinktion im Sinne Pierre Bourdieus, ausdrücklicher Rassismus. Es handelt sich um eine diverse Belegschaft, die kein gemeinsames Klassenverständnis teilt und wenig Motivation dazu hat, sich als Gruppe zu betrachten oder zu organisieren (100, 150).

Das Buch beginnt mit einer Einleitung und gliedert sich in sechs inhaltliche Hauptkapitel: In Kapitel 1 geht es um die „corporate micro-city“ Potsdamer Platz. Hier beschreibt Costas die Architektur und den Zweck des Ortes sowie die Platzierung der Reinigungskräfte im Untergeschoss des Komplexes. In Kapitel 2 stellt die Forscherin vier Reinigungskräfte mit deren unterschiedlichen Lebenskontexten und biografischen Wegen in die Branche vor. Diese vier Charaktere kommen in den weiteren Kapiteln immer wieder vor, was der ethnografisch dichten Beschreibung zugutekommt. In Kapitel 3 befasst sich die Autorin damit, wie es ist, mit Schmutz zu arbeiten. Sie schildert – das ist ein spezifischer Zugang dieses Buchs – nicht nur die ekelhaften, scham- und stigmabesetzten, sondern ebenfalls die freudvollen und stolzerfüllten Aspekte der Arbeit. In Kapitel 4 gibt Costas Einblick in die Allianzen und Feindschaften in der Belegschaft, die, wie erwähnt, auch klassenbezogene Distinktion und rassistische Abwertung im Arbeitsalltag umfassen.

In Kapitel 5 schildert Costas das Aufeinandertreffen von „underworld“ und „upperworld“. Kund*innen und Nutzer*innen des Potsdamer Platzes behandeln Reinigungskräfte, mit Erving Goffman gesprochen, als „non-persons“, sodass die Begegnungen im Alltag die Würde der Beschäftigten stark beschädigen. In Kapitel 6 zeigt Costas, dass die Unsichtbarkeit der Reinigungskräfte nur das halbe Problem ist (145): Denn gleichzeitig werden sie umfassend beobachtet und überwacht – einerseits von Kund*innen und Gebäudenutzer*innen, andererseits von Überwachungskameras auf dem Gelände und vom Sicherheitspersonal auf dem Platz. Es folgt Kapitel 7, das Costas’ zentrale Erkenntnisse zusammenfasst. Hier wird nochmals auf den Punkt gebracht, worin die „dramas of dignity” des Buchtitels bestehen (149): „Cleaners turn to their work to find dignity, yet it is here where their dignity is easily undermined. Others are all too ready to deny them the place in society they seek to attain.“ Am Ende des Buches steht ein Appendix, in dem die Wissenschaftlerin methodische und ethische Aspekte ihrer Forschung und des Aufenthalts im Feld reflektiert sowie von den Rückmeldungen an das Unternehmen CleanUp (Pseudonym) und dem Rückzug aus dem Feld erzählt. Es handelt sich um ein sehr ergiebiges Kapitel, ergänzt durch einige veranschaulichende Fotos aus der Feldarbeit, das aus meiner Perspektive gerne noch ausführlicher ausfallen hätte können.

Kritisch positioniert sich Costas auf Basis ihrer Ergebnisse zum arbeitssoziologischen Konzept „dirty work“: Es trage dazu bei, die Arbeit weiter zu stigmatisieren, und lasse zu wenig Raum für die Erfahrungen der Beschäftigten selbst, kritisiert die Autorin. Denn wie Costas im Feld herausfindet, ist bei der Arbeit zwar der Geruch oft unerträglich und der Umgang mit hartnäckigem Schmutz, Körperausscheidungen oder toten Tauben bringt sie an ihre Grenzen. Gleichzeitig ist die Arbeit mit Schmutz aber nicht nur unangenehm und verabscheuenswert. Es gibt auch Aspekte der Freude, des Stolzes, des Sinns und des Erfolgs – Aspekte, die, um Costas Argumentation zusammenzufassen, das Konzept „dirty work“ kaum erfasst (79). Die Reinigungsarbeit als „dirty work“ zu fassen verengt die komplexe Arbeitsrealität demnach zu stark auf das Stigma.

Costas ist ein durchweg lesenswerter und den Forschungsstand ausgesprochen bereichernder Beitrag zur Arbeitsforschung, zu aktuellen Anwendungen der Ethnografie und zum Feld der Reinigungs- und Dienstleistungsarbeit gelungen. Der Lesefluss und die inhaltliche Nachvollziehbarkeit sind aus meiner Sicht sehr gut. Als Leserin und als Forschende hätte ich noch mehr Informationen über die methodische Vorgangsweise – etwa die Analysemethoden und den Feldzugang – sowie über die ethischen Aspekte der Feldforschung und Veröffentlichung aufschlussreich gefunden. Am Ende des Buchs werden diese Themen, wie oben gesagt, in selbstreflexiver Weise sehr gewinnbringend, aber eher kurz angesprochen. Wichtige und gehaltvolle Schlüsse und Bezüge sind mitunter in den Fußnoten „versteckt“. Das Literaturverzeichnis ist reichhaltig – in Bezug auf den gegenstandsbezogenen Forschungsstand hat es ein paar Lücken – und verweist auf viele klassische Vertreter*innen ethnografischer und interpretativer Forschung.

Costas’ Buch leistet des Weiteren einen anschaulichen Beitrag zum großen Thema sozialer Ungleichheit in wohlhabenden Industriestaaten. Denn die Reinigungsbranche ist einerseits ein Sektor, in dem Menschen mit eingeschränkten Chancen auf dem Arbeitsmarkt niederschwellig (wieder) Arbeit finden können (159), wie die Forschung in diesem Bereich verschiedentlich gezeigt hat. Damit können sie die wichtige Integrationsfunktion der Erwerbsarbeit erfahren, wie sie prominent etwa Marie Jahoda im Laufe des 20. Jahrhunderts beschrieben hat. Andererseits kommt in der Reinigungsarbeit, wie Costas’ und andere einschlägige Arbeiten zeigen, deutlich zum Ausdruck, wie ein neues Verständnis von Dienstleistungsarbeit, das sich beispielsweise auch bei Lebensmittel-Fahrradbot*innen, in der Live-in-Betreuung oder in der informellen Beschäftigung von Reinigungskräften im Privathaushalt manifestiert, symbolische und strukturelle Ungleichheiten in der Gesellschaft spiegelt.

Das Buch ist inzwischen unter dem Titel Im Minus-Bereich – Reinigungskräfte und ihr Kampf um Würde im Suhrkamp-Verlag auch auf Deutsch erschienen (Übersetzung: Richard Barth, Stephan Gebauer und Michael Müller, 280 Seiten, ISBN: 978-3-518-12792-6, € 20).

Published Online: 2023-11-16
Published in Print: 2023-11-25

© 2023 Karin Sardadvar, publiziert von De Gruyter

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