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Subjektive Aneignungspraktiken digitaler Technologien und die zugrunde liegenden Gerechtigkeitsansprüche der Beschäftigten

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Veröffentlicht/Copyright: 29. Dezember 2017
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Arbeit
Aus der Zeitschrift Arbeit Band 26 Heft 3-4

Zusammenfassung

Mit der Digitalisierung der Arbeitswelt wird die Frage nach einer humanen Gestaltung von Arbeit neu diskutiert. Der Beitrag zeigt anhand einer empirischen Fallstudie zur Implementierung eines digitalen Warenwirtschaftssystems („Shelvesfit“) in einem Handelskonzern, wie sich hierdurch Arbeitsinhalte verändern und ob – und wenn ja, wie – damit subjektive Ansprüche an „gute Arbeit“ verletzt werden. Als „gute Arbeit“ werden dabei jene Arbeitsbedingungen verstanden, die den Filialbeschäftigten in ihrer Selbsteinschätzung ein angemessenes Maß an Handlungsautonomie gewährleisten (das kann also auch heißen: keine Handlungsautonomie), um ihre Selbstansprüche an erfolgreiches Beraten und Verkaufen zu erfüllen. Die empirischen Befunde zeigen, dass die subjektiven Ansprüche der Beschäftigten an die Einführung der digitalen Technologie durchaus in Widerspruch geraten können mit den organisational intendierten Funktionen der Technologie, die Filialbeschäftigten sich die Technologie aber auf eine Art und Weise aneignen, dass sie das subjektiv als notwendig wahrgenommene Maß an professionellem Handlungsspielraum bewahren oder zurückgewinnen können, um in ihrer Wahrnehmung erfolgreich beraten und verkaufen zu können. Der Beitrag zeigt damit auch auf, wie eine kritische Arbeitsforschung in ihrer Analyse „guter Arbeit“ auch die subjektiven Ansprüche der Beschäftigten einbeziehen kann.

Abstract

In the context of digitization of work, the question of work humanization and humane work design is currently being discussed anew. This paper presents an empirical case study concerning the implementation of a digital warehouse management system (“Shelvesfit”) in a retail group. The study investigates how this digital system changes the work content in the stores, whether this results in a violation of subjective demands for “good work” and if so, in what way. “Good work” is here understood as work conditions granting the store employees a subjectively adequate degree of autonomy–in order to meet their own claims to act as successful customer consultants and salespersons. (Since this is a subjectively adequate degree it might range from a high autonomy to hardly any autonomy at all.) The empirical findings show that employees’ subjective demands can definitely come into conflict with the technological functions as they are intended by the organization. However, they also show that store employees appropriate this technology in a way that permits them to keep or win back the subjective degree of professional autonomy that permits them to act, in their own view, as successful customer consultants and salespersons. These findings are helpful to find a way how critical work research can integrate the subjective demands of employees into the analysis of “good work.”

Danksagung

Ich bedanke mich bei den beiden anonymen GutachterInnen, den HerausgeberInnen dieser Zeitschrift sowie Frank Seiß für ihre kritischen Rückfragen an frühere Fassungen des Manuskripts, ihre wertvollen Anregungen sowie Empfehlungen zur Präzisierung der Argumentation.

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Published Online: 2017-12-29
Published in Print: 2017-12-20

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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