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Nachruf auf André-Jean Arnaud (1936–2015)

  • Pierre Guibentif
Published/Copyright: August 19, 2016
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Am 25. Dezember 2015 ist André-Jean Arnaud im Alter von 79 Jahren gestorben. Wir verdanken ihm einen Beitrag von außerordentlicher Bedeutung zum Aufbau der Rechtsoziologie und der Forschung zum Recht im weiteren Sinne. Für diejenigen, die näher mit ihm zusammengearbeitet haben, verkörperte er sozusagen diese Aufbaubewegung.

In den 1970er Jahren veröffentlichte er mehrere inzwischen vielzitierte Bücher im Bereich Recht und Gesellschaft, unter anderem: Essai d’analyse structurale du Code civil français (1973), Les juristes face à la société (1975) und Clefs pour la justice (1977). Im Zuge der Vorbereitung eines weiteren Bandes, Critique de la raison juridique I: Où va la sociologie du droit? (1981), gründete er die Arbeitsgruppe Cercle de sociologie et nomologie juridiques – Cercle de cordialité, welche französischsprachige Vertreterinnen und Vertreter der Rechtssoziologie und Rechtsphilosophie aus Frankreich, Belgien, Kanada, Nordafrika und der Schweiz versammelte. Die Arbeiten dieser Gruppe, sowie das tatkräftige Mitwirken seiner Freunde Jacques Commaille und François Ost, bildeten die Grundlage einer beeindruckenden Reihe von wissenschaftlichen Unternehmen, insbesondere die Gründung der Zeitschrift Droit et Société im Jahr 1985 und, unter demselben Titel, einer Bücherreihe (Librairie générale de droit et de jurisprudence, seit 1991), sowie die Veröffentlichung eines Dictionnaire encyclopédique de théorie et sociologie du droit (1988, 2.. Auflage 1993).

Arnauds Anliegen war es von Anfang an, diese französischsprachige Arbeitsdynamik mit der breiteren Entwicklung des Feldes „Recht und Gesellschaft“ auf internationaler Ebene zu verbinden. Deshalb übernahm er die Veranstaltung des RCSL Treffens 1985 in Aix-en-Provence und beteiligte sich als Mitautor der abschließenden Gesamtbetrachtungen zu Developing Sociology of Law an der 1991 von Vincenzo Ferrari herausgegebenen globalen Bestandsaufnahme der Rechtssoziologie. Dies war aber auch der Grund, weshalb er zusagte, als es 1988 darum ging, die wissenschaftliche Leitung des neuen International Institute for the Sociology of Law in Oñati zu bestellen. Genauer genommen bestand damals die Herausforderung darin, einen neuen Typ der globalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit zu erfinden und in der Praxis umzusetzen. Das organisatorische Konzept des Instituts, welches 2014 sein 25. Gründungsjahr feierte, hat sich inzwischen bewährt. Die von André-Jean Arnaud während seiner Amtszeit 1988-1991 ergriffenen Initiativen haben es in einem entscheidenden Maß geprägt.

In den Jahren nach Oñati gab Arnaud der französischsprachigen Forschung zum Recht einen neuen Impuls, indem er die Association Droit et Société und – im Rahmen des Centre National de la Recherche scientifique – ein Réseau Européen Droit et Société gründete. Eine beachtenswerte Leistung dieses Réseau war es, Ende der 1990er Jahre, neben der Veranstaltung von zahlreichen Treffen und einer intensiven Herausgebertätigkeit, eine Informations-Website zur weltweiten Forschung im Bereich Recht und Gesellschaft zu entwickeln. Damals eine Pionierleistung, welche erst in jüngster Zeit durch den neuen wissenschaftlichen Blog der Zeitschrift Droit et société ersetzt wurde.

Außerhalb der Frankophonie war André-Jean Arnaud vorwiegend in Brasilien tätig, der Heimat seiner Frau Wanda Capeller, die auch über Jahrzehnte seine Gefährtin im wissenschaftlichen Wirken war. Dort hat er sich für die Diskussion der Folgen der Globalisierung eingesetzt. So wurde ihm der UNESCO Lehrstuhl „Human Rights and Violence: Government and Governance“ anvertraut, sowie die Leitung des MOST-UNESCO Programme on Economic Globalization and Mercosur Law. Früchte dieser Unternehmen waren unter anderem der von seinen Kollegen lang erwartete zweite Band der Critique de la raison juridique: Gouvernants sans frontières. Entre mondialisation et post-mondialisation (2003), ebenso wie ein Dicionário da Globalização (Rio de Janeiro, 2006), und sein letztes Buch: La gouvernance, un outil de participation (2014).

André-Jean Arnaud zeigte auch reges Interesse für die deutschsprachige Rechtssoziologie. Mit Volkmar Gessner verband ihn eine gemeinsame Leidenschaft für das Projekt des Onãti-Instituts, in dessen Gründungsprozess Gessner eine entscheidende Rolle spielte. Auch faszinierte ihn Niklas Luhmanns Systemtheorie des Rechts. Wenn er dieser auch grundsätzlich kritisch gegenüberstand, begrüßte er doch den innovativen Impuls, den sie in seiner Sicht auf die Raison juridique der Spätmoderne ausübte. So kam es zur Zusammenstellung einer umfangreichen Sondernummer der Zeitschrift Droit et Société, mit Beiträgen von Niklas Luhmann, Hubert Rottleuthner, Thomas Raiser, Volkmar Gessner und Armin Höland (Droit et Société Nr. 11/12, 1989). Dies führte zu einer Einladung von Niklas Luhmann nach Oñati im Juli 1990, und, auf der Grundlage des dort von Luhmann gehaltenen Vortrages, zur Veröffentlichung einer der ersten in französischer Sprache verfassten Einführungen in dessen Werk (Niklas Luhmann observateur du droit, 1993). Nach Luhmanns Hinschied veranlasste Arnaud in enger Zusammenarbeit mit Gunther Teubner die Herausgabe von zwei zusammenhängenden Sondernummern von Droit et Société und der vorliegenden Zeitschrift für Rechtssoziologie (Zeitschrift für Rechtssoziologie 21 (1), 2000, Die Rückgabe des zwölften Kamels und Droit et Société Nr. 47, 2001, Aux racines sociales du droit : variations autour de quelques thèmes luhmanniens).

Als außerordentlich energischer wissenschaftlicher Unternehmer hat André-Jean Arnaud das Gefüge unseres Feldes dauerhaft geprägt. Auch hinterlässt er wissenschaftliche Baustellen, welche auf entscheidende Fragen unserer Zeit zielen. Diese Leistung wurde 2015 durch die Verleihung des Adam Podgòrecki Preises des Research Committee on Sociology of Law gewürdigt. Seine Schriften fordern uns dazu heraus, die praktische Rolle des rechtssoziologischen und rechtsphilosophischen Wissens neu zu überdenken, in Zeiten tiefgreifender Wandlungen der Governance-Strukturen auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene; und in der Planung unserer wissenschaftlichen Arbeit, sowohl auf theoretischer wie auf empirischer Ebene, der Erfassung von sozialen Kräften und Dynamiken den Vorrang zu geben, jenseits der Strukturen, ohne welche diese Kräfte zwar nicht zustande kämen, deren Auf- und Umbau jedoch immer wieder Kraftakte erfordern. Dazu zitierte er gerne Antonio Machado: „Se hace camino al andar.

Die dialektische Beziehung zwischen Institution und kreativem Wirken hat André-Jean Arnaud nicht nur in seinen wissenschaftlichen Schriften zu erfassen versucht, sondern er hat sie auch intensiv erlebt. Ein Erlebnis, welches er es stets verstand, allen – und es waren deren nicht wenige –, die mit ihm zusammenlebten und arbeiteten, überzeugend zu vermitteln.


Anmerkung:

Überarbeitete und ergänzte Fassung von „Remembering André-Jean Arnaud“, RCSL-Newsletter, Winter 2015-2016.


Online erschienen: 2016-8-19
Erschienen im Druck: 2016-8-1

© 2016 by De Gruyter

Downloaded on 22.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/zfrs-2016-0012/html
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