Allgemeiner politischer und historischer Briefwechsel
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Herausgegeben von:
Leibniz-Forschungsstelle Hannover der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen beim Leibniz-Archiv der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Hannover
Rezensionen
Zu den bisherigen Themen tritt jetzt in größerem Umfange der kirchenpolitische Briefwechsel mit dem Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels. Leibniz’ Stellung am hannoverschen Hofe ist unter dem neuen Herzog, Ernst August, unsicherer geworden, zumal die technischen Versuche im Harz den fürstlichen Auftraggeber enttäuschen und nochmals vorgebrachte Pläne für Verbesserungen in der Staatsverwaltung nicht den erhofften Widerhall finden. Die Mittel zur Anschaffung von Büchern werden drastisch gekürzt. Eine Möglichkeit, 1681 in diplomatischer Mission an einer Reichsversammlung in Frankfurt am Main teilzunehmen, läßt Leibniz ungenützt vorübergehen.
Im Briefwechsel mit Gelehrten erscheinen genealogische Themen, Vorboten für einen entscheidenden Wechsel in der Existenzgrundlage. Der Briefwechsel mit Otto Mencke (Leipzig), dem Herausgeber der Acta Eruditorum, führt zu langjähriger enger Zusammenarbeit. Auch Veit Ludwig von Seckendorff erscheint nun unter den Korrespondenten. Gleichzeitig bemüht sich Leibniz – abermals vergeblich – um eine ehrenvolle Berufung an den Wiener Hof, und zwar als Reichshofrat.
Der Prioritätsstreit um die Entdeckung der Infinitesimalrechnung beginnt mit höflicher Abgrenzung gegen Ansprüche, die Ehrenfried Walther von Tschirnhaus geltend gemacht hat (N. 392), Newton wird noch nicht als der gefährlichere Rivale erkannt. Leibniz’ Briefwechsel mit führenden Gelehrten Europas läßt ihn die geistige Enge seines Milieus schmerzlich empfinden.
Mit diesem Band wurde eine neue Textdarbietung in den Bänden eingeführt. Die Überlieferungsgeschichte, Erläuterungen und – falls erforderlich – ein Variantenapparat sind den betreffenden Stücken beigegeben. Außer dem Personenverzeichnis vervollständigen nun zusätzlich ein Korrespondenten-, Schriften- und Sachverzeichnis den Registerteil der Bände.
Der Briefwechsel über historische Themen erweitert sich um erdgeschichtliche Fragen der Welfenlande, die Leibniz später in der „Protogaea“ im einzelnen untersucht. Das folgenreichste biographische Ereignis im Berichtszeitraum ist Leibniz’ Ernennung zum Leiter der Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel. Die Berichterstattung der Mitarbeiter während seiner Abwesenheit vermittelt Einblicke in Einzelheiten von Leibniz’ Arbeit und Leben.
Beeinträchtigt wird der Briefwechsel dadurch, daß Alterskrankheit und der Verlauf des Krieges am Rhein den Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels zwingen, seine Berichterstattung abzubrechen. Mit dem gebildeten und feinsinnigen Fürsten unterhielt Leibniz über viele Jahre eine umfangreiche Korrespondenz, ihm konnte er seine geheimsten Wünsche anvertrauen.
Die Korrespondenz dokumentiert Leibniz’ steigendes Interesse an sprachhistorischer Forschung, aber auch seine Weiterbeschäftigung mit dem Kraft- und Substanzbegriff.
Der urgeschichtliche Vorspann zur braunschweig-lüneburgischen Geschichte, die „Protogaea“, wird fertiggestellt. Leibniz muß sich selbst um den schwierigen Vertrieb seines völkerrechtlichen „Codex juris gentium diplomaticus“ kümmern. Fragwürdige Hypothesen über die Etymologie des Germanen-Namens bringen ihn zur Erklärung seiner eigenen Thesen. Bösartig-simplifizierende Satiren rufen eine Rezension hervor, in der Leibniz Maßstäbe für politische Satiren aufstellt. Auch eine eigene politische Satire mit dem Motto "Fas est et ab hoste doceri" wird von ihm versandt.
Leibniz, der nun fünfzig Jahre alt geworden ist und ein Tagebuch zu führen beginnt, liefert uns in einigen großen Briefen und Denkschriften Darstellungen seiner wissenschaftlichen und kulturfördernden Arbeiten und Überlegungen. Der Aufenthalt van Helmonts in Hannover führt zu philosophischen Briefgesprächen mit der Kurfürstin Sophie und ihrer Nichte Elisabeth Charlotte von Orléans. Die Binär-Mathematik in ihrer Ausdeutungsmöglichkeit als Analogie zum christlichen Schöpfungsglauben beschäftigt Leibniz in seinem Neujahrsbrief an den Herzog Rudolf August und seinem letzten Brief an den China-Missionar Grimaldi. Historisch-politische und juristische Ausarbeitungen nehmen in der Vorphase des europäischen Friedensschlusses vor allem zur Sicherung der hannoverschen Anwartschaft auf den englischen Thron und zur Anerkennung der Neunten Kur Stellung. Von Wien aus erkundet der Nachfolger des Bischofs von Wiener Neustadt Möglichkeiten, die Reunionsverhandlungen wieder aufzunehmen. Unvermindert intensiv bleiben die historischen Forschungen und die Vorbereitung von Quellenpublikationen. Für sprachgeschichtliche Studien findet er in dem Schweden Sparwenfeld einen Gesprächspartner, der ihm von seiner Reise durch Europa und Nordafrika auf den Spuren der Goten berichtet.
Nach dem Tod des Kurfürsten Ernst August, dessen Lebensbeschreibung Leibniz verfaßt, übernimmt sein Sohn Georg Ludwig die Regierung in Hannover. Wiener Intriguen gegen die geplante Heirat der hannoverschen Prinzessin Wilhelmine Amalie mit dem kaiserlichen Thronfolger wehrt Leibniz erfolgreich durch ein genealogisches Gutachten ab und unterstützt damit die Pläne, durch diese verwandtschaftliche Beziehung die Anerkennung der hannoverschen Kurwürde voranzubringen. Der spanische Erbfolgekrieg wirft seine Schatten in Leibniz' Korrespondenz voraus. Die innerprotestantischen Unionsgespräche unter Einbeziehung Englands sowie die Bemühungen um eine Reunion mit den Katholiken werden fortgesetzt. Auf Leibniz' Betreiben beschließt die theologische Fakultät Helmstedt die Anerkennung des päpstlichen Primats jure divino. Unter den sprachwissenschaftlichen Themen ist der Erhalt von Vaterunsern in permischer, wogulischer und samojedischer Sprache hervorzuheben. Der Plan, ein Observatorium in Berlin zu errichten, gibt Anlaß für den Beginn der Korrespondenz mit Hofprediger Jablonski.
Die 475 Briefe von und an Leibniz im Zeitraum Oktober 1698 bis April 1699 (198 von Leibniz geschriebene, 275 an ihn gerichtete Briefe und zwei Drittstücke) dokumentieren das breite Spektrum der wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten und Interessen des Universalgelehrten. Den größten Raum nimmt die Korrespondenz zur Kirchenvereinigung ein, die Leibniz (zusammen mit G. W. Molanus) von lutherischer Seite sowohl mit der katholischen Kirche (Bossuet und Buchhaim) als auch mit den Brandenburger Reformierten (D. E. Jablonski) voranzutreiben sucht. Daneben ist Leibniz mit der Herausgabe eines Gedenkbandes für den verstorbenen ersten hannoverschen Kurfürsten beschäftigt, führt seine Forschungen zur Welfengeschichte fort, ist als Gutachter zu rechtshistorischen Fragen tätig und nimmt Anteil an der Korrespondenz zwischen Kurfürstin Sophie und ihrer Nichte Elisabeth Charlotte von Orléans. Als wacher Beobachter der europäischen Politik verfolgt Leibniz den entstehenden Konflikt um die Spanische Erbfolge und die Vorboten des Nordischen Krieges. Weitgespannt ist auch die Korrespondenz, die Leibniz über die nova litteraria im Bereich der Philosophie, Mathematik, Philologie, Sprachwissenschaft und Geschichte auf dem laufenden hält und mit der er gleichermaßen Anregungen und Hilfestellungen für andere Mitglieder der Gelehrtenrepublik gibt.
Die 430 Briefe von und an Leibniz zeigen den Universalgelehrten in einer kritischen Phase seines Lebens. In der république des lettres – deren Innenleben und Funktionieren hier bis in die Details verfolgt werden kann – ist er auf der Höhe seines Ruhmes. Das dokumentiert die weitgespannte Korrespondenz mit den Gelehrten und Gebildeten Europas, in der Nova literaria aus den Wissenschaften (vor allem Philosophie, Theologie, Mathematik, Sprach- und Geschichtswissenschaft) ebenso zur Sprache kommen wie Erfindungen, Naturereignisse und die europäische Politik im Vorfeld von Nordischem Krieg und Spanischem Erbfolgekrieg. Aber mit dem beginnenden Prioritätsstreit sieht Leibniz seine Position bedroht; seine Antwortstrategie auf den Angriff auf seine Infinitesimalmathematik bildet einen Schwerpunkt des Bandes. Einen weiteren stellt die Arbeit für das Welfenhaus, insbesondere an der Hausgeschichte, dar, wobei sich nicht nur Formen der Informationsbeschaffung und -verarbeitung detailliert beobachten lassen, sondern auch erste Anzeichen für die spätere Degradierung in Hannover aufscheinen. Ungetrübt bleibt aber das Verhältnis zu Kurfürstin Sophie; das philosophische Gespräch mit ihr und ihrer Tochter, Kurfürstin Sophie Charlotte von Brandenburg, nimmt ebenfalls breiten Raum im Band ein. Schließlich ist die Korrespondenz zur Kirchenreunion – sowohl mit Vertretern der katholischen als auch der reformierten Kirche – zu nennen, weiterhin zur Kalenderreform und zur Helmstedter Universität.
Dieser Band mit insgesamt 392 Briefen beginnt und endet jeweils mit Informationen über Reisen, die Leibniz nach Wien führen – beide Reisen geheim angetreten, die zweite darin so erfolgreich, dass sie erst bei der Bearbeitung der Briefe dieser Edition aufgedeckt werden konnte. Damit sind bereits zwei Charakteristika dieses Bandes angesprochen, der Leibniz zum einen häufig fern von Hannover (insgesamt ca. 6 Monate) zeigt und zum anderen in seinem Bestreben, eigene Wege zu gehen und dabei gelegentlich Spuren zu verwischen – dies vor allem vor dem Hintergrund zunehmender Schwierigkeiten am hannoverschen Hofe und insgeheim, mit großer Intensität betriebener Bemühungen um eine Anstellung im Dienste des Kaisers. Zusammen mit einem zeitweiligen Stocken der Korrespondenz ergeben sich daraus sonst eher ungewöhnliche Lücken und Unklarheiten in der Biographie; als Nebenergebnis der Bearbeitung der Briefe dieses Zeitraums konnten diverse biographische Details festgestellt bzw. korrigiert werden. Die hier vorgelegte Korrespondenz zeigt hauptsächlich den im politischen Raum agierenden Leibniz, der mit seinen Vorschlägen zur Kirchenreunion bis in die unmittelbare Umgebung des Kaisers vordringt und seine Stimme zu drei politischen Großereignissen dieses Zeitraums erhebt: zur Auseinandersetzung um das spanische Erbe, zu den Verhandlungen um die Regelung der englischen Sukzession und zur preußischen Königskrönung. Zwar gelingt es Leibniz nur auf Umwegen und erst Monate später, seine Huldigung für Friedrich I. in Berlin vorzubringen (wobei die wohl verworfenen Entwürfe auch seine prekäre Position als Untertan eines fremden Hofes spiegeln), aber seine Schrift zur Verteidigung der kaiserlichen Rechte am spanischen Erbe findet sogleich Interesse am Wiener Hof; und in die Sukzessionserörterungen Braunschweig-Lüneburgs ist er einbezogen als „Fachreferent“ der Kurfürstin Sophie wie gelegentlich als Interpret ihrer Position gegenüber der englischen Seite. – Geschieht dies noch unter Einsatz seiner gelehrten Kontakte, so treten diese insgesamt dann etwas zurück. Zu erwähnen sind jedoch die umfangreichen Briefe an die jesuitischen China-Missionare und die Korrespondenz mit dem Präsidenten der Académie des Sciences in Paris (jeweils mit skizzenhafter Darstellung der eigenen Ideen, insbesondere im mathematischen Bereich), der weitere Aufbau der Berliner Sozietät der Wissenschaften im Zusammenwirken mit den Brüdern Jablonski sowie der gemeinsam mit Helmstedter Professoren erarbeitete Plan zur Reorganisation dieser Universität, der den Welfenhöfen vorgelegt, aber wohl erst Jahre später und nur teilweise verwirklicht wurde. Außenwirkung erzielt Leibniz in diesem Zeitraum in der république des lettres durch seine Sozietätspräsidentschaft und vor allem durch die Weiterverwertung seiner gelehrten Kontakte im Monathlichen Auszug, einer Zeitschrift, die, von seinem Mitarbeiter Eckhart herausgegeben, unter Leibniz’ Regie steht und zum Teil direkt aus seinen Korrespondenzen schöpft. Nicht nur damals wurde sie häufig ihm selbst zugeschrieben; durch die Erschließung der Briefwechsel lässt sich jetzt zumindest teilweise die Autorschaft an einigen Texten eindeutig klären. Demgegenüber stehen die Korrespondenzen um die Acta eruditorum, die Leibniz erneut in seiner Tätigkeit als Berater und Rezensent dieses Journals zeigen. Von den Korrespondentenbriefen sind vor allem die umfangreichen Berichte über den englischen Buchmarkt hervorzuheben, die Leibniz aus London erhält.
Die gelehrte Korrespondenz bestimmt u. a. die Auseinandersetzung mit J.-B. Bossuet über die Konfessionen und Leibniz’ Reaktion auf die figuristischen Thesen des Chinamissionars J. Bouvet. Die Quellenforschung zur Welfengeschichte tritt etwas zurück. Nicht selten sind es seine Korrespondenten, die Leibniz zu bedeutsamen Stellungnahmen anregen: In diesem Band steht dafür C. D. Koch mit seinen Proben aus Tasso und besonders Aristoteles’ Metaphysik. Daneben ist die Routine der neu gegründeten Sozietät der Wissenschaften und die Werbung neuer Mitglieder relativ ausführlich dokumentiert. Doch bringt gerade der allgemeine Briefwechsel kulturhistorisch Interessantes, von den Reiseberichten des jungen A. Fontaine über Leibniz’ Schilderung einer Petronius-Inszenierung zum Karneval 1702 bis zu einem der seltenen Berichte über Kontakte der griechisch-orthodoxen mit der anglikanischen Kirche.
Mitte Januar 1702 aus Berlin nach Hannover zurückgekehrt, erhält Leibniz bereits Anfang April eine erneute Einladung der preußischen Königin in die Sommerresidenz Lietzenburg. Leibniz kann jedoch erst Anfang Juni dorthin aufbrechen und besucht auf dem Wege Herzog Anton Ulrich, der während der Besetzung seines Landes am 19./20. März geflohen war und nunmehr nach Wolfenbüttel zurückgekehrt ist. Die lange, sich ein Jahr hinziehende Abwesenheit von Hannover hat eine dichte Korrespondenz – insbesondere mit Kurfürstin Sophie und dem hannoverschen "Journalisten" G. Guidi – zur Folge, in der neben häuslichen und lokalen Angelegenheiten in Hannover aktuelle Ereignisse des Spanischen Erbfolgekrieges und des Nordischen Krieges die beherrschenden Themen sind. Durch M. J. von der Schulenburg, der als Generalleutnant in der Armee Augusts des Starken die Niederlage gegen Karl XII. von Schweden bei Kliszów (19. Juli) hautnah erlebt, wird Leibniz aus erster Hand über die militärische Lage in Polen informiert. In Berlin sucht Leibniz mit neuen Finanzierungsprojekten (Seidenziehung und "Feuerspritzen") die nur schleppend in Gang kommenden Aktivitäten der Sozietät der Wissenschaften voranzubringen; außerdem widmet er sich weiterhin der innerprotestantischen Kirchenunion, verfasst ein wohlwollend aufgenommenes Gutachten für Friedrich I. in dessen Streit mit dem Haus Nassau-Diez um die Oranische Erbschaft und sucht nochmals Licht in die undurchsichtige Affäre um den Goldmacher J. F. Böttger zu bringen. Mit der "Lettre touchant ce qui est independant des Sens et de la Matiere", welche die Kernaussagen der "Nouveaux essais sur l’entendement humain" vorwegnimmt, erläutert Leibniz Königin Sophie Charlotte die Grundpositionen seiner eigenen Philosophie und verteidigt diese im Disput mit dem in Lietzenburg weilenden John Toland gegen dessen sensualistische Einwände.
Dass der Band mit insgesamt 451 Stücken ausnahmsweise ein ganzes Jahr umfasst, kommt nicht von ungefähr. Leibniz’ Korrespondenz ist weniger dicht als in den Vorjahren; er selbst sieht sich geradezu abgeschnitten von „nova literaria“. Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur; die von ihm selbst angeführten gesundheitlichen Probleme dürften (auch wenn sie ihn von nun an bis zu seinem Lebensende begleiten werden) nur eine Nebenrolle gespielt haben. Vor allem sehen wir Leibniz in diesem Jahr, das er zu fast gleichen Teilen an den Höfen zu Berlin/Lietzenburg und Hannover/Herrenhausen verbringt, in einem fruchtbaren, absorbierenden Schaffensprozess. Einbezogen in die philosophischen Dispute am Hofe der preußischen Königin, und auch nach der Rückkehr nach Hannover im Dialog mit ihr gibt er mehreren Vorträgen (darunter der zunächst für diesen Hof bestimmten „Méditation sur la notion commune de la justice“) Schriftform. Auch die Auseinandersetzung mit John Locke (und ebenso mit François Lamy) nimmt, in den Briefen gespiegelt, Gestalt an. Aus dem Austausch mit dem Chinamissionar Bouvet über anscheinende Parallelen zwischen dem binären Zahlensystem und den Hexagrammen des Yijing erwächst der „Essay d’une nouvelle sciences des nombres“. Auch wenn die welfische Hausgeschichte fast nur in den Briefen des Amanuensis Eckhart präsent ist, kündigt sich eine wesentliche Vorleistung dazu an: die Quellenedition „Scriptores rerum Brunsvicensium“, deren Konkretisierung den Band hindurch zu verfolgen ist. Hemmend auf den Austausch in der Gelehrtenrepublik dürfte sich auch die Tagespolitik ausgewirkt haben, insbesondere die beiden großen europäischen Kriege. Der Spanische Erbfolgekrieg bringt Einschränkungen des Briefverkehrs mit sich; zusammen mit dem (3.) Nordischen Krieg steht er bei Leibniz und vielen Korrespondenten im Zentrum des Interesses. In der ersten Jahreshälfte lässt sich seine Information zum politischen Geschehen minutiös verfolgen anhand der Berichte, die ihm durch eine hannoversche Nachrichtenagentur zukommen – zusammen mit Mitteilungen vom Geschehen am dortigen Hofe. Damit bietet der Band reiches Quellenmaterial zur hannoverschen Hof- und Stadtgeschichte. Leibniz selbst ist interessierter Beobachter des politischen Geschehens und agiert gelegentlich aus dem Hintergrund: wie mit einer anonymen Polemik für die Rechte des neuen habsburgischen (Gegen-)Königs in Spanien oder der Verteidigung unglücklichen militärischen Agierens Braunschweig-Lüneburgs im Spanischen Erbfolgekrieg gegenüber westeuropäischen Korrespondenten. Eine kleine Rolle kommt ihm zu bei der Aussöhnung zwischen den Welfenhöfen und der Beseitigung von Differenzen zwischen Hannover und Berlin. In den Augen manches Korrespondenten schwankt Leibniz zwischen diesen beiden Herren. Tatsächlich – dies lässt der Band deutlich erkennen – gelten seine (nach außen gut verschleierten) Wechselabsichten einem anderen Hof, dem sächsisch-polnischen Augusts II. In diesem Zusammenhang steht auch eines der großen Projekte, das fortan verfolgt wird: die Seidenzucht. Leibniz versucht sie nicht nur im Kurfürstentum Sachsen, sondern gleichzeitig auch in Brandenburg zu etablieren – sein spätes Diktum von seiner Freiheit von jeglicher territorialen Bindung quasi vorwegnehmend.
In den Zeitraum des Bandes fallen bedeutende Ereignisse wie der Tod der preußischen Königin Sophie Charlotte am 1. Februar 1705 und der Beginn der Korrespondenz mit Wilhelmine Caroline von Brandenburg-Ansbach, der späteren englischen Königin. Bis in den April hinein sondiert Leibniz die Möglichkeit, in den Dienst des Berliner Hofes zu treten, die sich im Winter 1704/05 zu eröffnen schien. Auch ein Wechsel nach Dresden, wo er König August II. im Dezember 1704 seinen Plan für eine Sozietätsgründung vorstellte, bleibt für ihn keineswegs nur ein Gedankenspiel. In den politischen Abschnitten der Korrespondenzen geht es um Fortschritte und Gefahren im Konflikt mit den expandierenden Mächten Frankreich im Spanischen Erbfolge- und Schweden im Nordischen Krieg sowie um die hannoversche Sukzession auf den britischen Thron und damit die Absicherung einer protestantischen Erbfolge in England. Die gelehrten Teile der Korrespondenzen umfassen ein weites Themenfeld von Altertums- und Sprachwissenschaften über Mathematik bis zur Suche nach historischen Quellentexten und deren Vorbereitung für den Druck in Leibniz’ Scriptores rerum Brunsvicensium. Etwas mehr als 80 Prozent der 465 Briefe werden in dem Band erstmals veröffentlicht.
Leibniz’ Briefwechsel wird 1705/06 vor allem von den politischen und militärischen Großereignissen bestimmt, über deren Verlauf sich Leibniz informieren lässt und zu denen er eigene Einschätzungen an seine Korrespondenten weitergibt: Zum Spanischen Erbfolgekrieg, zum Nordischen Krieg und zu der Aussicht des Hauses Hannover auf die Thronfolge in England. Um letztere zu forcieren und eine Einladung der Kurfürstin Sophie nach England zu erzwingen, entwirft und publiziert er im Namen von Rowland Gwynne ein Pamphlet, das in London jedoch das genaue Gegenteil bewirkt und im dortigen Parlament zum Skandal wird. Im Bereich der Philosophie greift Leibniz in die zwischen J. Le Clerc und P. Bayle geführte Diskussion um das Werk von R. Cudworth, The true intellectual system of the Universe, 1678, mit seiner Considération sur les principes de vie, et sur les natures plastiques, ein. Im August 1705 erreicht Leibniz’ Korrespondenz mit den China-Missionaren (J. Bouvet, J. de Fontaney, Ch. Le Gobien, A. Verjus, C. Visdelou) einen letzten Höhepunkt. Der Austausch mit dem Pariser Oratorianer J. Lelong widmet sich weiterhin nebeneinander Bibel-Bibliographie und dem Streit um die Anwendbarkeit des Differentialkalküls.
Die Monate von Mai bis Dezember 1706 sind geprägt von Ereignissen auf dem diplomatischen Parkett der in der Großen Allianz im Spanischen Erbfolgekrieg verbundenen Höfe wie auf den Kriegsschauplätzen von Spanien bis zum Baltikum. Eine Wende im Nordischen Krieg findet mit dem Einmarsch schwedischer Truppen in Sachsen allerdings mitten im Reich statt. Das widersprüchliche Agieren Polen-Sachsens nach Abschluss des Friedens von Altranstädt im September 1706 wirkt auf die Zeitgenossen befremdlich. In den Juni 1706 fällt nicht nur der Besuch einer englischen Gesandtschaft in Hannover mit Urkunden zur hannoverschen Sukzession. Mitte des Monats wird auch der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm mit Hannovers Kurprinzessin Sophie Dorothea verlobt. Die Korrespondenz spiegelt Leibniz' politische, auch kirchenpolitische Initiativen in Richtung des Londoner wie des Berliner Hofes. Im weiten Spektrum seiner gelehrten Korrespondenz nimmt das Buchwesen großen Raum ein. Die Berliner Sozietät erhält mit ersten Beiträgen zu den Miscellanea Berolinensia neue Impulse. Der Historiker Leibniz ist mit den Scriptores rerum Brunsvicensium und den Annales Imperii präsent.
Die Korrespondenz steht zunächst im Zeichen der über Erwarten reibungslos verlaufenden, noch im Frühjahr abgeschlossenen englisch-schottischen Unionsverhandlungen. Weit mehr Raum noch beansprucht der Spanische Erbfolgekrieg. Leibniz selbst ist während mehr als der Hälfte des Berichtszeitraums von Hannover abwesend: Bis Ende Mai noch hält er sich in Berlin und Umgebung auf und reist dann mit zahlreichen Zwischenstationen durch den mitteldeutschen Raum zurück nach Hannover, wo er erst Mitte Juni eintrifft, um bereits im September wieder für mehrere Wochen über Wolfenbüttel Richtung Kassel unterwegs zu sein. Leibniz überlässt seinem Gehilfen und Angestellten J. F. Hodann den Hausstand und widmet sich vor allem Angelegenheiten der Berliner Sozietät. Daneben pflegt er weiterhin eine große Anzahl von Korrespondenzen mit einer breit gefächerten thematischen Vielfalt. Unter den neu gewonnenen Briefpartnern sind Ch. Ancillon und J. A. Fabricius hervorzuheben.