Protestantische Theologie und Politik in der DDR
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Detlef Pollack
and Hedwig Richter
Zusammenfassung
Der Aufsatz bietet den ersten konsistenten Überblick über den Wandel der politischen Positionen der protestantischen Theologie in der DDR. Mit Hilfe von Anregungen aus der Cambridge School der Ideengeschichte geht der Text der Frage nach, inwieweit die ostdeutsche evangelische Theologie Resistenzpotential gegenüber dem politischen Anpassungsdruck des SED-Regimes aufzubringen vermochte. Dabei widersprechen die Autoren der in der Forschung verbreiteten Auffassung, die Protestanten hätten die Theologie in obrigkeitstreuer Tradition einmal mehr den neuen Verhältnissen angepasst. Vielmehr lässt sich ein deutlicher Bruch nach 1945 erkennen, eine jahrelang anhaltende Kritik an der atheistischen Regierung und ein theologisches Ringen um ein angemessenes Obrigkeitsverständnis. Erst äußere Anlässe brachten die Kirchen dazu, ihre fundamentalkritische Theologie Zug um Zug aufzugeben. Dazu gehört die Zementierung der deutschen Teilung, die den Rückhalt der ostdeutschen Kirchen in der gesamtdeutschen EKD schwächte, oder auch die Ungleichheit in der Verteilung der Machtmittel, die die Kirchen an den Staat auslieferten. Neben diesen strukturellen Gründen benennen die Autoren ideelle Motive wie die Kritik an der Institution EKD, durch die sich die jüngeren Theologen von der älteren Generation ablösen wollten. Einflussreich waren auch internationale ökumenische Diskurse, die seit den siebziger Jahren den Kapitalismus zunehmend kritisch und den Sozialismus entsprechend positiv einordneten. Obwohl die wenigen verbliebenen Christen sich immer wieder unangepasst verhielten, ließ sich die Theologie insgesamt mehr und mehr zur Rechtfertigung des Anpassungsweges einspannen. Nicht sie bestimmte die politische Haltung. Vielmehr gaben äußere Faktoren die theologischen Positionsbestimmungen der Kirche vor.
Abstract
The article offers the first coherent outline of the East German Protestant theology′s attitude towards politics. The authors raise the question, in which ways Protestant theology responded to the new socialist state. Is it possible to regard the history of religious thought in the GDR as a product of the existence of the socialist state? To address these questions the essay turns to the approach of intellectual history, famously known as the Cambridge School, which situates ideas within their contexts. The authors disagree with the well-known perception that Protestants after the Second World War once more readjusted their theology to the new situation. Rather, it is argued here that after 1945, there was an apparent break. Theologians criticized the atheistic government, and argued about an adequate understanding of authority. In fact, only external events made the churches give up their oppositional theology step by step. These events were for example the end of hopes that the unification of Germany might occur in the near future, a realization which weakened the backing of East German churches in the all-German EKD, or the overwhelming power of the East German authority, that extradited the churches to the totalitarian state. Next to such structural reasons the authors name cultural motives for the theological adjustment. These include for example criticism of the institution EKD, that was uttered by younger theologians in order to dissociate themselves from the older generation. The international ecumenical discourses were also very influential: since the seventies these ecumenical ideas displayed increasing scepticism towards capitalism and openness towards socialism. Altogether the protestant theology was more and more used as an instrument for justifying the way of adaption to the socialist regime. In conclusion, it was not theology that defined the political position of Protestantism, but rather – as this article tries to show – external parameters that shaped Protestant theology.
© by Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Münster, Germany
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