Die „Varusschlacht” in ihren Kontexten. Eine kritische Nachlese zum Bimillennium 2009
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Dieter Timpe
Zusammenfassung
Ausgehend von einer kritischen Durchsicht der anlässlich des Bimillenniums der römischen Niederlage im Jahr 9 n. Chr. erschienenen Monographien, Sammelbände und Kataloge ergibt sich ein unübersichtlicher Befund. Das Interesse an der Schlacht im Kontext der Geschichtskultur speist sich aus verschiedenen Quellen, darunter den aufsehenerregenden Funden von Kalkriese. Diese Funde haben allerdings die methodischen Probleme, das Ereignis angemessen zu rekonstruieren, zu erklären und historisch einzuordnen, eher noch vermehrt, da die wachsende Zahl relevanter Daten kaum noch mit gleichmäßiger Kompetenz überschaut, gewichtet und verknüpft werden kann. Angesichts der stetigen Bemühungen um die Deutung der archäologischen Befunde muss gleichwohl betont werden, dass ohne die literarische Überlieferung die Spuren der Ereignisse im Boden weitgehend stumm und ohne Kontext blieben; sie hätten ohne die auf jenen Nachrichten beruhende Tradition auch nie größeres Interesse geweckt. Die Frage nach dem Schlachtort muss weiterhin als offen betrachtet werden. Selbst wenn die Funde in Kalkriese mit dem Geschehen des Jahres 9 n. Chr. zu verbinden wären, ist der Verlauf der Vernichtung des Varusheeres nicht genau zu bestimmen. Schließlich wird der historische Kontext beleuchtet, darunter besonders die Ziele, Mittel und Erfolge der römischen Politik in Germanien, die möglichen Gründe für den Aufstand sowie dessen Stellenwert im historischen Prozess insgesamt. Insgesamt erwies sich die Einschätzung des Tiberius als tragfähig: Große Kriege und Aufstände blieben in den folgenden Jahrzehnten aus, die Kaiser konnten sich entscheiden, die germanischen Dinge entweder laufen zu lassen oder in Germanien Kriegsruhm zu suchen. Dass Germanien nicht romanisiert wurde, ist nicht gleichbedeutend mit einem Scheitern der römischen Politik.
Abstract
A critical examination of the most important monographs, edited books and exhibition catalogues which were published on the occasion of the bimillennium of the Roman defeat in the year 9 A.D. brings forth some foggy results. The interest in the battle as it′s expressed through many manifestations of recent public history comes from different sources, including the sensational findings at Kalkriese. These findings, however, have increased the number of methodological problems which impede all efforts toward an appropriate reconstruction, interpretation and putting into context of the battle-event, since the sheer mass of relevant data can no longer be surveyed and synthesized without exceeding the competence of a single scholar. When considering the tremendous work on the archeological findings one has nevertheless to stress that without literary tradition the unearthed remains of the battle-field would be silent and disjointed. In addition, they would never have stirred up so much public interest. The question where the battle took place must be left open. Even if the findings in Kalkriese were to be connected with the events of the year 9 A.D., the precise course of the destruction of the legions is not exactly to be determined. Eventually, the historical context is lighted up, especially the purposes, means and results of Roman policy in Germania as well as the possible reasons for the uprising and its importance to the historical process in all. Alltogether the judgement of Tiberius turned out to be sound: big wars and uprisings didn′t take place in following decades, so the Roman emperors could decide to keep things on a long lead either or to search military fame in Germania. The fact that Germania did not become romanized is not synonymous with a failure of the Roman policy.
© by Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Würzburg, Germany
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