"Viele sind berufen, aber wenige auserwählt". Geschichtstheorie, Politik und sittlicher Kosmos bei Johann Gustav Droysen
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Andreas Greiert
Zusammenfassung
Fraglos hat Johann Gustav Droysen in seiner "Historik" ein methodisch geregeltes Verfahren für die historische Erkenntnis vorgelegt. Fraglich bleibt jedoch, ob dieser besonderen Grundlegung einer historischen Methodik ein allgemeingültiger Status zugesprochen werden kann. Bei dieser Auffassung steht der Traditionszusammenhang einer noch gegenwärtigen institutionellen Praxis der Geschichtswissenschaft zu derjenigen Droysens im Vordergrund. In der vorliegenden Untersuchung rückt stattdessen eine mediale Bedeutung der modernen Geschichtswissenschaft ins Zentrum des Erkenntnisinteresses: ihre zu jeder Zeit hochproblematische politische und ideologische Funktion. Bei dieser kritischen Lesart wird deutlich, dass bereits Droysens geschichtstheoretische Reflexionen die zeitgenössisch bestehenden politischen Ordnungsstrukturen legitimieren. Durch seine konsequente Einbindung der Geschichtserkenntnis in die einmal bestehende ´sittliche´ Praxis ergreift Droysen ausdrücklich Partei für die überlieferte konstitutionelle Standesherrschaft und weist neu aufgekommene demokratische Ansprüche zurück. Eine generelle Anschlussfähigkeit seines historischen Erkenntnisverfahrens muss vor diesem Hintergrund äußerst fragwürdig erscheinen.
Abstract
With his "Historik", Johann Gustav Droysen has unquestionably presented an admirably well-reasoned method of historical perception. However conclusive the line of reasoning may appear, Droysen′s draft nevertheless presents a particular foundation of historical method that cannot per se claim universal validity. Whoever asserts this claim, though, emphasizes continuity between the topical practice of the science of history and the one at Droysen′s time. Instead of this, the present study focuses on a medial meaning of science of history: its at any time highly problematical, inevitably political and ideological function. This critical reading elucidates that and how already Droysen′s reflections on the theory of history authorize the contemporary social and political structures of public order. The crucial incidence is to be seen in a reflexive connection that Droysen establishes between truth and plausibility, reducing both of them to the dazzling category of "Sittlichkeit". Meaning as well morality as decent respectability, this central category causes a consequent integration of theoretical cognition of history in the historical practical reality, having once come into existence. By that means affirming the temporary Prussian caste-feeling and explicitly rejecting arising democratic demands, an over-historical or even common signification of Droysen′s theory of history appears extremely questionable.
© by Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Hamburg, Germany
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