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Zur Eschatologie des Sozialismus. Hendrik de Mans Beitrag zum Konzept der "säkularen Religion"

  • Matthias Oppermann
Veröffentlicht/Copyright: 2. Februar 2011
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Historische Zeitschrift
Aus der Zeitschrift Band 292 Heft 1

Zusammenfassung

Das Konzept der "säkularen" oder "politischen Religion" ist seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts eines der wichtigsten Mittel zur Interpretation totalitärer Ideologien. Zugleich ist es seit einiger Zeit auch selbst Gegenstand der ideengeschichtlichen Forschung. Der belgische Soziologe Hendrik de Man ist in dieser Beziehung bisher nicht beachtet worden. Dabei hat er mit seiner 1926 erschienenen Schrift "Zur Psychologie des Sozialismus" einen der Hauptvertreter dieses Paradigmas nachhaltig beeinflußt, nämlich Raymond Aron. Schon vor Aron oder Eric Voegelin, dem anderen wichtigen Vertreter dieses Deutungsmusters, verglich De Man den marxistischen Sozialismus mit einer Religion. Aus seiner Sicht war der Sozialismus der Arbeiter keine Folge ihres Klassenbewußtseins, sondern entstand aus einer mit der Hoffnung auf ein besseres Leben verbundenen "eschatologischen Gefühlslage". Diese Gefühlslage, die er nicht grundsätzlich negativ bewertete, war vom Kommunismus für zweifelhafte Zwecke mißbraucht worden. Wenngleich der reformistische Sozialist De Man den marxistischen Sozialismus kritisierte, konnte er sich selbst niemals von seinen antiliberalen Vorurteilen lösen. Das ließ ihn im Jahr 1940 sogar die nationalsozialistische Herschafft über Europa begrüßen, denn in ihr sah er den Anfang vom Ende der bürgerlich-kapitalistischen "Pluto-Demokratien" (Vilfredo Pareto). Gleichwohl hat er mit seinen Büchern über den Sozialismus wichtige Ansätze zum Verständnis totalitärer Ideologien geliefert, die trotz seiner folgenschweren, in seiner Soziologie angelegten politischen Fehlsichtigkeit immer noch von Nutzen sein können.

Abstract

Since the 1930s the concept of "secular" or "political religion" is one of the most important means to interpret totalitarian ideologies. At the same time it has become a subject of the history of ideas itself. Belgian sociologist Hendrik de Man has not been studied in this respect until today. Yet he influenced with his 1926 book "Zur Psychologie des Sozialismus" one of the imminent proponents of the paradigm of "secular religion", namely Raymond Aron. Already before Aron and Eric Voegelin, the other important scholar on this field, discovered this pattern of interpretation, De Man compared Marxist socialism to a religion. In his view the workers′ socialism was not to be seen as a consequence of their conscience of class but followed from a kind of "eschatological emotional state" expressing the hope for a better life. This emotional state, which De Man did not judge negatively in principle, had been exploited by communism for dubious purposes. Although reformist socialist De Man criticized Marxist socialism he could not abandon his own anti-liberal prejudices. The consequence was that in 1940 he regarded the national-socialist domination of Europe as a good thing because he saw it as the beginning of the end of the bourgeois-capitalist "pluto-democracies" (Vilfredo Pareto). Nevertheless he provided by his books on socialism important starting points for the interpretation of totalitarian ideologies. Despite De Man′s political misjudgments these starting points are still of great scientific value.

Published Online: 2011-02-02
Published in Print: 2011-02

© by Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Potsdam, Germany

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