Startseite Geschichte Bürgerliche Kontinuitäten? Ein Vergleich deutsch-deutscher Selbstbilder und Realitäten seit 1945 Continuities of 'Buergertum′ and 'Buergerlichkeit′. A Comparison of German Self-Images and Realities since 1945
Artikel
Lizenziert
Nicht lizenziert Erfordert eine Authentifizierung

Bürgerliche Kontinuitäten? Ein Vergleich deutsch-deutscher Selbstbilder und Realitäten seit 1945 Continuities of 'Buergertum′ and 'Buergerlichkeit′. A Comparison of German Self-Images and Realities since 1945

  • Cornelia Rauh
Veröffentlicht/Copyright: 25. September 2009
Veröffentlichen auch Sie bei De Gruyter Brill

Zusammenfassung

Bis Anfang der 1990er Jahre hatte unter Historikern Konsens darüber bestanden, daß mit dem langen 19. Jahrhundert auch die Geschichte des deutschen Bürgertums zu ihrem Ende gekommen sei. Als einigermaßen einheitliche politische Kraft, als Sozialformation ebenso wie als kulturprägende Größe schien das deutsche Bürgertum mit dem Ersten Weltkrieg in die Bedeutungslosigkeit entschwunden. Neuerdings jedoch wird vermehrt von einer neuen Bürgerlichkeit, teilweise sogar von einem Neuen Bürgertum gesprochen, das sich seit 1945 wieder formiert habe. Der vorliegende Aufsatz knüpft an diese Überlegungen an und fragt nach Kontinuitäten von Bürgerlichkeit im geteilten Deutschland. Dabei konzentriert sich die Darstellung auf zwei eng miteinander verbundene Problemkomplexe, die zunächst jeweils für die westdeutsche und anschließend für die ostdeutsche Gesellschaft untersucht werden. Zuerst wird nach der Kontinuität bürgerlicher Leitbilder in beiden deutschen Teilgesellschaften gefragt, sodann nach Kontinuitäten oder Relikten des Bürgertums als privilegierter und sich distinguierender Sozialformation. Das führt zu der Beobachtung, daß bürgerliche Leitbilder und bürgerlich-ständische Verhaltensweisen den Nationalsozialismus ebenso wie die Zeit der staatlichen Teilung Deutschlands überdauert haben. Mit einer Sozialformation, die nach ihrer gesamtgesellschaftlichen und kulturellen Stellung und Bedeutung dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts auch nur von ferne ähnelt, haben wir es trotz dieser Leitwerte und Distinktionsbestrebungen dennoch wohl weder in West noch Ost zu tun. Aber hier wie da weisen die gesellschaftlichen Eliten Kulturmuster auf, die deutliche Übereinstimmungen mit den im 19. Jahrhundert anzutreffenden Formen von „Bürgerlichkeit“ zeigen. Insbesondere hinsichtlich familiär tradierter Bildungseinstellungen und Karriereerwartungen sollten sich diese bürgerlichen Überreste als folgenreich erweisen. Die Familie erwies sich nämlich nicht nur als diejenige Institution, welche in Ostdeutschland „die inneren Grenzen der Diktatur absteckte“ (Bessel/Jessen), die Familien waren vielmehr zugleich diejenige Instanz, die der sozialen Nivellierung beider deutschen Gesellschaften Grenzen setzte.

Abstract

Until the early 1900s, there was a consensus among historians that with the long nineteenth century, the history of the German 'Buergertum′ had also come to an end. As a somewhat unified political force, as a social formation, as well as a variable that had a cultural impact, with World War I the 'Buergertum′ seemed to have disappeared into meaninglessness. Of late, however, much is being said about a New Bourgeoisie that has formed once more since 1945. This essay ties in with these considerations and inquires into continuities in the social formation and culture of the former 'Buergertum′ in a divided Germany. The account concentrates on two closely connected sets of problems which will initially be examined for West German and subsequently for East German society, first inquiring into the continuity of models of 'Bürgerlichkeit′ in both German partial societies and then into continuities or relics of the bourgeoisie as a privileged and distinct social formation. This leads to the observation that middle-class examples and middle-class corporate modes of behavior have survived National Socialism as well as the period of the national division of Germany. Despite these defining values and efforts to make a distinction, however, we are not dealing with a social formation either in western or in eastern Germany that in its overall social and cultural significance is even remotely similar to the middle class of the nineteenth century. But both here as well as there, society′s elite exhibit cultural patterns that include distinct analogies with the forms of the middle class encountered in the nineteenth century. These middle-class remnants should prove to be momentous, in particular with respect to traditional family attitudes towards education. The family proved to be not only the institution that “marked out the borders of the dictatorship” in East Germany; in fact, families were at the same time the authority that set limits to the social leveling of both German societies.

Published Online: 2009-09-25
Published in Print: 2008-10

© by Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München, Germany

Heruntergeladen am 16.1.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1524/hzhz.2008.0045/html
Button zum nach oben scrollen