Home Technology Kopplung von MBSE und Verhaltenssimulation für die Auswertung von Fabrikkonzepten
Article Open Access

Kopplung von MBSE und Verhaltenssimulation für die Auswertung von Fabrikkonzepten

Mit RFLP und ereignisorientierter Simulation zu einer frühen Fabrikkonzeptbewertung
  • Philip Satwan

    Philip Satwan, M. Sc., studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der RWTH Aachen. Seit Ende 2022 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systemarchitekturen in der Luftfahrt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg.

    EMAIL logo
    , Yassine Ghanjaoui

    Yassine Ghanjaoui, M. Sc., studierte Flugzeugbau an der HAW Hamburg. Seit 2021 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systemarchitekturen in der Luftfahrt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg.

    , Jörn Biedermann

    Prof. Dr.-Ing. Jörn Biedermann studierte Flugzeugbau an der HAW Hamburg. Er promovierte an der TU Braunschweig und leitet seit 2024 die Abteilung Integrierte Kabine und Industrialisierung am Institut für Systemarchitekturen in der Luftfahrt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg.

    and Björn Nagel

    Dr. Björn Nagel studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Braunschweig. Er wurde an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg promoviert und ist seit 2017 Gründungsdirektor des Instituts für Systemarchitekturen in der Luftfahrt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg.

Published/Copyright: December 26, 2025

Abstract

Die Entwicklung von Fabrikkonzepten erfordert die Integration vieler Disziplinen unter steigenden Produktionsanforderungen. Diese Arbeit stellt einen modellbasierten Ansatz vor, der die RFLP-Methodik anwendet, um bereits in frühen Entwicklungsphasen Verhaltenssimulationen durchzuführen. So lassen sich für frühe, abstrakte Konzepte industrielle Kennzahlen wie Zeit und Energieverbrauch sowie das Systemverhalten abschätzen. Die Methode ermöglicht eine strukturierte und durchgängige Herleitung, Bewertung und Simulation von Konzeptvarianten.

Abstract

The development of factory concepts requires the integration of many disciplines amid increasing production demands. This paper presents a model-based approach that applies the RFLP methodology to enable behavioural simulations in the early stages of development. This allows industrial metrics such as time and energy consumption as well as system behaviour to be estimated even for early, abstract concepts. The method enables structured and consistent derivation, evaluation and simulation of concept variants.

Einleitung

Steigende Anforderungen an Klimaneutralität, Produktionsraten und Wettbewerbsfähigkeit machen eine Transformation der Luftfahrtindustrie notwendig [1]. Die Konzeption von Fabrikkonzepten die diesen Anforderungen gerecht werden erfordert dabei die frühe Integration verschiedener Disziplinen wie Flugzeugdesign und Prozessplanung [2, 3, 4, 5, 6]. Traditionelle Planungsprozesse sind sequenziell und berücksichtigen das Fabrikkonzept erst nach Produktfinalisierung [5, 7, 8]. Einflüsse von Produkt auf Produktion sind so spät sichtbar und nur schwer zu ändern [2, 5]. Ein aktueller Lösungsansatz zur Verknüpfung beider Domänen ist die Anwendung des modellbasierten Systems Engineering (MBSE) [8, 9, 10]. MBSE gilt als vielversprechend, da es durch digitale Modelle eine abstrakte Darstellung des Gesamtsystems erlaubt und Rückverfolgbarkeit unterstützt [2, 9, 10]. Besonders die Kombination von MBSE mit ereignisorientierter Simulation (eng. Discrete-Event Simulation – DES) bietet Potenzial, um auch das Systemverhalten bei der Bewertung zu berücksichtigen [11]. Es fehlt jedoch eine etablierte Methode zur strukturierten Herleitung, Bewertung und Simulation des Fabrikverhaltens in frühen Konzeptionsphasen [3, 4]. Ziel der Arbeit ist daher ein MBSE-Ansatz, der eine frühe Analyse von Fabrikkonzepten durch die Abschätzung industrieller Kennzahlen ermöglicht. Der Mehrwert der Methode besteht in der früheren Verfügbarkeit erster Abschätzungen über das dynamische Verhalten eines Fabrikkonzeptes, um eine frühe, strukturierte und produktabhängige Fabrikkonzeptbewertung zu unterstützen.

Stand der Technik

Der Einsatz von MBSE für eine konkurrente Entwicklung von Produkt und Produktionssystem wurde beispielsweise durch Sinnwell, Ghanjaoui & Mantwill, sowie Stoffels & Vielhaber untersucht [2, 10, 12]. Diese Ansätze enthalten dabei auch das Systemverhalten als wichtige Teilkomponente der Methodik, jedoch beschränken sie sich auf eine abstrakte Modellierung und nicht auf die Einbindung früher abstrakter Verhaltenssimulationen. Gemeinsam haben diese Ansätze, dass sie MBSE als das Grundgerüst für eine strukturierte Modellierung für vielversprechend halten [2, 10, 12]. MBSE bietet eine formalisierte Methode zur ganzheitlichen Modellierung und Bewertung komplexer Systeme [5, 12]. Die Modellierung wird oft mit der Systems Modeling Language (SysML) [13] durchgeführt, da sie Elemente, Eigenschaften und Beziehungen eines Systems formalisiert darstellen kann [14]. Für die strukturierte Ableitung von Lösungen wird die „Requirement, Functional, Logical and Physical“ (RFLP)-Methode oft verwendet [9, 15, 16]. Diese schränkt den Lösungsraum schrittweise von Anforderungen bis zu spezifischen Lösungsvarianten ein. Dabei werden aus den Anforderungen die zugehörigen Systemfunktionen abgeleitet, aus den Systemfunktionen deren logische Gruppierung und schlussendlich wird für jede logische Gruppierung eine physische Lösung ausgewählt [8, 9, 15, 17]. Diese Modelle sind jedoch oft statisch und können dynamische Verhaltensweisen nicht abbilden [5, 18]. Hier setzt die DES an, die ein System als Abfolge von Ereignissen simuliert. Die Anwendung von DES für Produktionssystemkonzepte wurde bereits untersucht [4, 11, 19], aber eine Integration in ein ganzheitliches MBSE-Framework für die frühe Konzeptphase von Fabriken fehlt bislang.

Methodisches Vorgehen

Wie kann MBSE zur strukturierten Herleitung und Simulation von Fabrikkonzepten beitragen, um industrielle Leistungskennzahlen bereits in der Konzeptphase abschätzen zu können?

Um diese Frage beantworten zu können, werden folgende Anforderungen an die Methodik gestellt:

  1. A1: Die Methodik soll die Verknüpfung industrieller Anforderungen mit einem zugehörigen Fabrikkonzept ermöglichen.

  2. A2: Die Methodik soll Kennzahlen für Fabrikkonzepte abschätzen können.

  3. A3: Die Methodik soll eine Simulation des Systemverhaltens bieten.

  4. A4: Die Methodik soll eine vereinfachte Visualisierung des Systemverhaltens ermöglichen.

Um diese Anforderungen umzusetzen, wurde der in Bild 1 dargestellte Ansatz entwickelt. Hierbei wird in einem Systemmodell jeder Schritt der RFLP-Methodik modelliert. Die RFLP-Schritte sind an eine mathematische Modellierung gebunden, die industrielle Kennzahlen abschätzt. Durch eine ereignisorientierte Simulation innerhalb des Systemmodells kann das dynamische Systemverhalten abgebildet werden. Für die Modellierung des Systemmodells wird die standardisierte Modellierungssprache SysML gewählt, da sie in der Literatur für die Modellierung von komplexen Systemen weit verbreitet ist [10, 13]. Um eine Verknüpfung mit dem Produkt zu gewährleisten werden Flugzeugentwurfsdaten an das Systemmodell übermittelt, wie z. B. die Kabinenlänge oder die Anzahl an Spanten. Als Dateiformat für die Flugzeugentwurfsdaten wird dafür ein „Common Parametric Aircraft Configuration Schema“ (CPACS) Datensatz verwendet. CPACS ist eine hierarchische Sammlung an Parametern im XML-Format, um ein bestimmtes Flugzeug möglichst vollständig zu beschreiben [20]. Durch die Einbindung industrieller Stakeholder werden industrielle Anforderungen an das Systemmodell übergeben. Dabei sind die Stakeholder über das Systemmodell kontinuierlich in den Prozess integriert.

Bild 1 Darstellung der der hier verwendeten Methodik zur Kopplung von RFLP und ereignisorientierter Simulation
Bild 1

Darstellung der der hier verwendeten Methodik zur Kopplung von RFLP und ereignisorientierter Simulation

Anwendungsbeispiel und Implementierung

Zur Veranschaulichung der Methodik werden ein exemplarisches luftfahrtspezifisches Anwendungsbeispiel vorgestellt und seine technische Umsetzung beschrieben.

Anwendungsfall

Die Methodik soll für einen beispielhaften Anwendungsfall der Auslegung einer Flugzeugmontagelinie vorgestellt werden. Die Prozesse innerhalb der Montagelinie orientieren sich an aktuellen Ausrüstungs- und Kabinenmontagen. Der Startpunkt ist dabei der leere Flugzeugrumpf, in den Fußbodenstruktur, Fußbodenplatten, Isolierung, Belüftungssysteme, Gepäckablagen, Seitenverkleidungen, Deckenverkleidungen und Sitze eingebaut werden. Es wurde angenommen, dass die Gepäckablagen zusammen mit

Systemkomponenten auf einem Großmodul vormontiert werden können [23]. Diese Annahme erlaubt es eine Vormontage in die Modellierung zu integrieren, um einen komplexeren Anwendungsfall zu betrachten. Um die Modellierung nicht auf ein spezifisches Flugzeug zu beschränken, wurde die Anzahl der Bauteile in Abhängigkeit der Kabinenspante parametrisiert. Dabei wurde ein Schmalrumpfflugzeug angenommen. So lautet zum Beispiel die Formel für die Anzahl Fußbodenplatten nFP:

(1) nFP=nSP137

Dabei ist nSP die aus dem Flugzeugentwurf vorgegebene Anzahl an Kabinenspanten. (nSP – 1) berechnet die vorliegende Anzahl der Felder zwischen zwei Spanten, auch Spantfelder genannt. Für ein Schmalrumpfflugzeug wurde vereinfacht angenommen, dass eine Fußbodenplatte drei Spantfelder lang ist und sieben Fußbodenplatten in der Breite Platz finden.

Implementierung

Für die SysML-Modellierung ist die Software Cameo Systems Modeler (CSM) von Dassault Systems gewählt worden [21]. CSM ist in der Industrie weit verbreitet und erlaubt die mathematische Modellierung und Simulation von Modellen mithilfe der Cameo Simulation Toolkit Erweiterung [22]. Um die industriellen Stakeholder zu simulieren, fanden für den Anwendungsfall interne Workshops statt, die das Ziel hatten, Anforderungen aus der Sicht verschiedener Stakeholder zu sammeln. Die Sammlung an Anforderungen wurde priorisiert und innerhalb von CSM modelliert. Der RFLP-Methodik folgend wurden daraus Funktionen abgeleitet, die die Montagelinie erfüllen soll. Die Wahl von logischen Gruppierungen aus den Funktionen ermöglicht viele Permutationen und Ansätze und hat große Auswirkungen auf die physische Lösung. Um möglichst diverse Vorschläge in Betracht zu ziehen, wurden hier wieder Workshops durchgeführt, die in mehreren Konzepten resultierten. Basierend auf der Erfüllung der Anforderungen wurde ein Montagelinienkonzept gewählt und in CSM modelliert. Die vereinfachte, logische Sicht des Konzeptes innerhalb von SysML ist in Bild 2 dargestellt: Hierbei entsprechen die mittig horizontal angeordneten blauen Blöcke den Hauptstationen und die außen angeordneten grünen Blöcke Bereitstellungsflächen für die Stationen, in die jeweils auch eine Vormontage integriert wurde. Die Verbindungen modellieren den Materialfluss zwischen den Stationen und auch zur übergeordneten Fabrik. Für dieses Konzept wurde die physische Sicht durch die mathematische Modellierung des Systemverhaltens umgesetzt. Dafür wurde jeder Prozess einer Ressource zugewiesen und eine ressourcenabhängige Prozesszeit angenommen. Basierend auf diesen Inputs können dann Kennzahlen pro Prozess ermittelt werden. Hierbei wurde sich auf Zeit in Stunden, Energieverbrauch in kWh, Kosten in Cent und CO2-Emissionen in Gramm CO2 beschränkt. Deren vereinfachte mathematische Formulierung lautet:

Bild 2 Logische Sicht des gewählten Montagelinienkonzeptes für das Anwendungsbeispiel, modelliert mit Cameo Systems Modeler
Bild 2

Logische Sicht des gewählten Montagelinienkonzeptes für das Anwendungsbeispiel, modelliert mit Cameo Systems Modeler

(2) KPIZeit=t(Ressource)ProzessnProduktenRessourcen
(3) KPIEnergie=KPIZeitP(Ressource)Nennleistung
(4) KPIKosten=KPIEnergieKEnergiekosten
(5) KPICO2=KPIEnergieEF(Ressource)

Dabei handelt es sich bei den Prozesszeiten t(Ressource)Prozess, der Nennleistung RessourceNennleistung und dem Emissionsfaktor EF(Ressource) um ressourcenabhängige Kennzahlen. Der Ausdruck nProdukte beschreibt die Anzahl der herzustellenden Produkte für den aktuellen Prozess, während nRessourcen die Anzahl der Ressourcen darstellt, die dem Prozess zugewiesen wurden. Der Emissionsfaktor ergibt sich aus dem deutschen Strommix (400 g/kWh), die Energiekosten aus einer konservativen Annahme für Industriebetriebe (20 ct/kWh).

Ergebnisse und Diskussion

Im Folgenden werden die Resultate der Simulation des Montagelinien‑Konzepts präsentiert und im Kontext der gestellten Anforderungen diskutiert.

Ergebnisse

Die Simulation des Montagelinienkonzeptes ergibt Kennzahlenwerte, die auf Gesamtlinienebene bis zur Rückverfolgung zum einzelnen Prozess ausgegeben werden können. Diese Rückverfolgbarkeit unterstützt die Entwicklung von Linienvarianten. Dies ist in Bild 3 für exemplarische Eingangsparameter zu sehen: Links wurden die Prozesse auf vier Hauptstationen verteilt. Hierbei ist deutlich, dass Station B die längste Zeit benötigt und sich negativ auf die Taktzeit auswirken wird. Durch die Rückverfolgung der Stationsdauer auf die enthaltenen Prozesse kann eine Montagelinienvariante abgeleitet werden in der Station B auf die zwei Stationen B1 und B2 verteilt wird. Diese Variante kann in SysML umgesetzt und bewertet werden, um virtuell zu validieren, dass sowohl die Taktzeit als auch die Auslastung der Stationen durch das neue Konzept verbessert wird.

Bild 3 Vergleich der Prozesszeit pro Station für zwei Montagelinienkonzeptvarianten
Bild 3

Vergleich der Prozesszeit pro Station für zwei Montagelinienkonzeptvarianten

CSM erlaubt die Visualisierung des dynamischen Systemverhaltens durch die Programmierung einer grafischen Benutzeroberfläche (GUI). So kann mithilfe einer passenden GUI während der Simulation zum Beispiel mitverfolgt werden, wann eine Station ruht, weil sie auf eine andere warten muss. Bild 4 zeigt eine beispielhafte GUI für den vorliegenden Anwendungsfall. Hierbei werden pro Station und auf Gesamtlevel der Energieverbrauch geplottet, sämtliche industriellen Kennzahlen ausgegeben und durch Ampeln visualisiert, ob die Station gerade arbeitet.

Bild 4 Visualisierung der Kennzahlen während der Simulation durch eine GUI innerhalb von Cameo Systems Modeler
Bild 4

Visualisierung der Kennzahlen während der Simulation durch eine GUI innerhalb von Cameo Systems Modeler

Erfüllung der Anforderungen an die Methodik

Durch die strukturierte Vorgehensweise nach der RFLP-Methodik ergibt sich die schrittweise Ableitung eines Fabrikkonzeptes innerhalb des Systemmodells, verknüpft mit den industriellen Anforderungen. Damit ist Anforderung A1 erfüllt. Die mathematische Modellierung des Systemverhaltens, besonders im Hinblick auf die industriellen Kennzahlen Zeit, Energie, Kosten und CO2- Emissionen ist innerhalb von CSM realisiert worden. Basierend darauf konnte mithilfe von CSM und des Cameo Simulation Toolkits das Systemverhalten als eine DES modelliert, simuliert und visualisiert werden. Dies erfüllt die Anforderungen A2, A3 und A4. Damit zeigen die Ergebnisse, dass die Methodik in der Lage ist, die gestellten Anforderungen umzusetzen.

Diskussion

Die vorgestellte Methodik zeigt, dass sich industrielle Kennzahlen bereits in frühen, abstrakten Konzeptphasen abschätzen lassen. Auch wenn eine direkte Validierung mit industriellen Daten derzeit noch aussteht, so sind die Ergebnisse konsistent mit etablierten Ansätzen aus der Literatur. So wurde die frühe Konzeptunterstützung mithilfe von RFLP auch durch Li et al. [9] untersucht und als vielversprechend eingestuft. Ebenfalls stellten Li et al. [16] den Nutzen von RFLP für die Prozessplanung in einer Endmontagelinie dar. Batarseh et al. [11] zeigten bereits den Vorteil der Verknüpfung von SysML mit DES-Ansätzen für ein elektrisches System und Brovkina et al. [4] zeigten den Vorteil eines MBSE-basierten Ansatzes zur automatisierten Verknüpfung von Produktionsplanung mit virtueller Validierung. Damit kann die Methodik als plausibles Explorationswerkzeug bewertet werden, das den Variantenraum strukturiert erschließt und eine belastbare Grundlage für nachgelagerte Validierungen bietet. Ein zentraler Mehrwert der Methodik liegt dabei in der strukturierten Modellierung von Anforderungen bis hin zu physischen Lösungen. Damit kann nicht nur die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Stakeholdern verbessert werden, sondern auch die Herleitung und frühe Bewertung von Konzeptvarianten durchgängig gestaltet werden. Die Integration mathematischer Modellierung und DES innerhalb des Systemmodells ermöglicht es, sowohl analytische Kennzahlen als auch dynamisches Verhalten abzubilden. Dies erlaubt die flexible Kombination beider Ansätze je nach gewünschtem Detaillierungsgrad und unterstützt so die Entscheidungsfindung. Gleichzeitig sind einige Einschränkungen und Herausforderungen neben der Validierung durch industrielle Daten zu berücksichtigen. Zum einen erfordert die Erstellung eines detaillierten MBSE-Modells einen initialen zeitlichen Modellierungsaufwand, der mit der Komplexität des Systems skaliert. Hier gilt es, die Modellierung so weit wie möglich zu standardisieren oder zu automatisieren. Zum anderen wurde die Ressourcenallokation zu Prozessen manuell durchgeführt, obwohl es sich dabei um ein Optimierungsproblem handelt. Hier gilt es, die notwendige Fidelität der Methodik kritisch gegen den nötigen Rechenaufwand abzuwägen.

Zusammenfassung und Ausblick

Die steigenden Anforderungen an Klimaneutralität, Produktionsraten und Wettbewerbsfähigkeit in der Luftfahrtindustrie erfordern neue Ansätze für die gemeinsame Entwicklung von Produkt und Fabrik. Herkömmliche sequenzielle Planungsprozesse kommen hier an ihre Grenzen, da Einflüsse des Produkts auf das Fabrikkonzept erst spät sichtbar werden. Daher wurde in dieser Arbeit eine Methodik auf Basis des MBSE in Verbindung mit der RFLP-Methode und DES vorgestellt. Hierdurch können Fabrikkonzepte bereits in frühen Planungsphasen strukturiert hergeleitet, hinsichtlich industrieller Kennzahlen wie Zeit und Energieverbrauch bewertet und ihr Systemverhalten simuliert werden. Sowohl Modellierung als auch Simulation erfolgen mit SysML in Cameo Systems Modeler. Die Anwendung der Methodik zeigt deren Fähigkeit, den Designraum produktabhängiger Fabrikkonzepte bereits in der Konzeptphase systematisch zu erkunden. Dies stellt einen Mehrwert gegenüber nachgelagerten Bewertungsansätzen dar. In einem nächsten Schritt soll die Validierung der Ergebnisse anhand realer Produktionsdaten vorangetrieben werden. Zukünftige Arbeiten sollen sich darauf konzentrieren, die Skalierbarkeit der Methode von Fabrikkonzepten auf das Design von Produktionssystemen bzw. Produktionsnetzwerken zu erforschen, um eine ganzheitliche Entwurfsfähigkeit zu ermöglichen. Ebenfalls soll zum einen die Anbindung an externe Optimierungs- und 3D-Simulationswerkzeuge für eine vertiefte Konzeptbewertung und zum anderen die Nutzung von domänenspezifischen Ontologien für eine verbesserte Automatisierung bzw. Modularisierung der Methodik betrachtet werden.


Hinweis

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen von den Mitgliedern des ZWF-Advisory-Board wissenschaftlich begutachteten Fachaufsatz (Peer Review).



Tel.: +49 (0) 402 489641-309

Funding statement: Diese Arbeit wurde in Teilen unterstützt durch das Green Aviation Technologies (GATE) Projekt prepAir – Nachhaltige Flugzeugrumpfindustrialisierung – Fokusbereich 3: Logistik und Fabrikplanung, gefördert durch die Hamburgische Investitions- und Förderbank.

Über die Autoren

Philip Satwan

Philip Satwan, M. Sc., studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der RWTH Aachen. Seit Ende 2022 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systemarchitekturen in der Luftfahrt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg.

Yassine Ghanjaoui

Yassine Ghanjaoui, M. Sc., studierte Flugzeugbau an der HAW Hamburg. Seit 2021 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systemarchitekturen in der Luftfahrt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg.

Prof. Dr.-Ing. Jörn Biedermann

Prof. Dr.-Ing. Jörn Biedermann studierte Flugzeugbau an der HAW Hamburg. Er promovierte an der TU Braunschweig und leitet seit 2024 die Abteilung Integrierte Kabine und Industrialisierung am Institut für Systemarchitekturen in der Luftfahrt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg.

Dr. Björn Nagel

Dr. Björn Nagel studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Braunschweig. Er wurde an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg promoviert und ist seit 2017 Gründungsdirektor des Instituts für Systemarchitekturen in der Luftfahrt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg.

Literatur

1 Formentini, G.; Bouissiere, F.; Cuiller, C.; Dereux, P.-E.; Favi, C.: CDFA Method: A Way to Assess Assembly and Installation Performance of Aircraft System Architectures at the Conceptual Design. Research in Engineering Design 33 (2022) 1, S. 31–52 DOI:10.1007/s00163-021-00378-510.1007/s00163-021-00378-5Search in Google Scholar PubMed PubMed Central

2 Sinnwell, C.: Methode zur Produktionssystemkonzipierung auf Basis früher Produktinformationen: Ein Beitrag zur Integration von Produktionssystemplanung und Produktentwicklung unter Einsatz des MBSE. Dissertation, Universität Kaiserslautern, Kaiserslautern 2020Search in Google Scholar

3 Grundig, C.-G.: Fabrikplanung: Planungssystematik – Methoden – Anwendungen. Carl Hanser Verlag, München 2018 DOI:10.3139/978344645401910.3139/9783446454019Search in Google Scholar

4 Brovkina, D.; Riedel, O.: Konzept für die automatisierte Planung von Montagesystemen. In: Verl, A.; Röck, S.; Scheifele, C. (Hrsg.): Echtzeitsimulation in der Produktionsautomatisierung. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2024, S. 229–247 DOI:10.1007/978-3-662-66217-5_1410.1007/978-3-662-66217-5_14Search in Google Scholar

5 Donelli, G.; Nagel, B.: Systems Engineering Holistic Approach for Aircraft, Manufacturing and Supply Chain Concurrent Design. University of Naples, Naples 2025Search in Google Scholar

6 Halfmann, N.; Krause, D.; Umlauft, S.: Assembly Concepts for Aircraft Cabin Installation. In: Proceedings of the ASME 2010 10th Biennial Conference on Engineering Systems Design and Analysis, July 12–14, 2010, Istanbul, Turkey, S. 733–739 DOI:10.1115/ESDA2010-2481610.1115/ESDA2010-24816Search in Google Scholar

7 Pralet, C.; Roussel, S.; Polacsek, T.; Bouissière, F.; Cuiller, C.; Dereux, P.-E.; Kersuzan, S.; Lelay, M.: A Scheduling Tool for Bridging the Gap Between Aircraft Design and Aircraft Manufacturing. In: Proceedings of the International Conference on Automated Planning and Scheduling 28 (2018) 1, S. 347–355 DOI:10.1609/icaps.v28i1.1391010.1609/icaps.v28i1.13910Search in Google Scholar

8 Roussel, S.; Polacsek, T.; Chan, A.: Assembly Line Preliminary Design Optimization for an Aircraft. In: Proceedings of the 29th International Conference on Principles and Practice of Constraint Programming (CP 2023), S. 32:1–32:19 DOI:10.4230/9PIcs.CP.2023.3210.4230/9PIcs.CP.2023.32Search in Google Scholar

9 Li, T.; Lockett, H.; Lawson, C.: Using Requirement-Functional-Logical-Physical Models to Support Early Assembly Process Planning for Complex Aircraft Systems Integration. Journal of Manufacturing Systems 54 (2020), S. 242–257 DOI:10.1016/j.jmsy.2020.01.00110.1016/j.jmsy.2020.01.001Search in Google Scholar

10 Ghanjaoui, Y.; Mantwill, F.: Kopplung von Produkt und Produktion: Ein Ansatz zur Verbesserung der kollaborativen Entwicklung in der Luftfahrtindustrie. wt – Werkstatttechnik online 115 (2025) 6, S. 498–506 DOI:10.37544/1436-4980-2025-06-13210.37544/1436-4980-2025-06-132Search in Google Scholar

11 Batarseh, O.; McGinnis, L. F.: SysML to Discrete-Event Simulation to Analyze Electronic Assembly Systems. Society for Computer Simulation International (2012), S. 357–364Search in Google Scholar

12 Stoffels, P.; Vielhaber, M.: Methodical Support for Concurrent Engineering Across Product and Production (System) Development. In: DS 80-4 – Proceedings of the 20th International Conference on Engineering Design (ICED 15) Vol 4: Design for X, Design to X, Milan, Italy, 27-30.07.2015, S. 155–162Search in Google Scholar

13 Friedenthal, S.; Moore, A.; Steiner, R.: A Practical Guide to SysML – The Systems Modeling Language. Elsevier, Amsterdam 2015 DOI:10.1016/C2013-0-14457-110.1016/C2013-0-14457-1Search in Google Scholar

14 Chan, A.; Pires, A. F.; Polacsek, T.; Roussel, S.: The Aircraft and Its Manufacturing System: From Early Requirements to Global Design. In: Franch, X.; Poels, G.; Gailly, F.; Snoeck, M. (Hrsg.): Advanced Information Systems Engineering. Springer International Publishing, Cham 2022, S. 164–179 DOI:10.1007/978-3-031-07472-1_1010.1007/978-3-031-07472-1_10Search in Google Scholar

15 Pohl, K.; Hönninger, H.; Achatz, R.; Broy, M.: Model-based Engineering of Embedded Systems: The SPES 2020 Methodology. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg 2012 DOI:10.1007/978-3-642-34614-910.1007/978-3-642-34614-9Search in Google Scholar

16 Li, T.; Ding, X.; Lockett, H.; He, L.; Ye, B.; Li, S.: A Systems Engineering Framework that Integrates Aircraft Final Assembly Design Activities. In: Krob, D.; Li, L.; Zhang, X.; Yao, J.; Guo, M. (Hrsg.): Complex Systems Design & Management. Springer International Publishing, Singapore 2023 DOI:10.1007/978-981-99-6511-3_510.1007/978-981-99-6511-3_5Search in Google Scholar

17 Bernijazov, R.; Dumitrescu, R.; Hanke, F.; von Heißen, O.; Kaiser, L.; Tissen, D.: AI-Augmented Model-Based Systems Engineering. ZWF 120 (2025) 1, S. 96–100 DOI:10.1515/zwf-2024-012310.1515/zwf-2024-0123Search in Google Scholar

18 Polacsek, T.; Roussel, S.; Bouissiere, F.; Cuiller, C.; Dereux, P.-E.; Kersuzan, S.: Towards Thinking Manufacturing and Design Together: An Aeronautical Case Study. In: Proceedings of the 36th International Conference, ER 2017, Valencia, Spain, November 6–9, 2017, S. 340–353 DOI:10.1007/978-3-319-69904-2_2710.1007/978-3-319-69904-2_27Search in Google Scholar

19 Lu, R.; Sundaram, S.: Manufacturing 3: Manufacturing Process Modeling of Boeing 747 Moving Line Concepts. In: Yücesan, E.; Chen, C.-H.; Snowdon, J. L.; Charnes, J. M. (Hrsg.): Proceedings of the 2002 Winter Simulation Conference. San Diego 2002, S. 1041–1045 DOI:10.1145/1030453.103060310.1145/1030453.1030603Search in Google Scholar

20 Alder, M.; Moerland, E.; Jepsen, J.; Nagel, B.: Recent Advances in Establishing a Common Language for Aircraft Design with CPACS. Aerospace Europe Conference, Bordeaux, France 2020. Online unter https://elib.dlr.de/134341/1/AEC2020_174.pdf [Abruf am 09.09.2025]Search in Google Scholar

21 Casse, O.: SysML in Action with Cameo Systems Modeler. ISTE Press, London 2017 DOI:10.1016/C2016-0-00866-510.1016/C2016-0-00866-5Search in Google Scholar

22 Nigischer, C.; Bougain, S.; Riegler, R.; Stanek, H. P.; Grafinger, M.: Multi-Domain Simulation Utilizing SysML: State of the Art and Future Perspectives. Procedia CIRP 100 (2021), S. 319–324 DOI:10.1016/j.procir.2021.05.07310.1016/j.procir.2021.05.073Search in Google Scholar

23 Ghanjaoui, Y.; Satwan, P.; Biedermann, J.; Nagel, B.: Model-based Assembly Process Planning for Flexible Aircraft Cabin Architectures. CEAS Aeronautical Journal 15 (2024) 4, S. 1145–1156 DOI:10.1007/s13272-024-00773-310.1007/s13272-024-00773-3Search in Google Scholar

Online erschienen: 2025-12-26
Erschienen im Druck: 2025-12-20

© 2025 Philip Satwan, Yassine Ghanjaoui, Jörn Biedermann und Björn Nagel, publiziert von De Gruyter

Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 1.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/zwf-2025-1161/html
Scroll to top button