Weithin dürfte als unkontrovers angenommen werden, dass sich in den germanischen Sprachen die Markierung eingebetteter Deklarative von der eingebetteter Polaritäts-interrogative unterscheidet. Subordinierende Konjunktionen des dass-Typs (deutsch dass, niederländisch dat, isländisch að, schwedisch att, etc.) finden im ersteren Fall Verwendung, diejenigen des ob-Typs (deutsch ob, niederländisch of, isländisch ef/hvort, schwedisch om, etc.) sind für den zweiten Fall vorgesehen. Ebenso ist bekannt, dass die Deklarativmarkierer fähig sind, in den Interrogativbereich einzudringen, wenn Kombinationen wie ofdat (ndl.) (Zwart 2011: 10) oder hvort að (isl.) (Thráinsson 2007: 450) vorliegen, während die Möglichkeit vollständiger Substitution bisher ausgeschlossen werden konnte (* ob >> dass).
Gegen die gerade angeführte Beschränkung ist jedoch in jüngster Zeit ein Gegenbeispiel aus dem Thüringischen ins Feld geführt worden (Bacskai-Atkari 2022: Beispiel (35); wo Schallert et al. 2018: 24 zitiert werden, die wiederum auf das „Thüringische Wörterbuch“ verweisen), das hier in (1) wiedergegeben wird.[1]
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(1) |
ich soll frägn, daß sie heint zu uns kommen |
Ein genauerer Blick legt jedoch nahe, dass (1) keine „eingebettete Polaritätsfrage […] alleine eingeleitet durch dass“ [Übersetzung HMG] (Bacskai-Atkari 2022) enthält. Aus Sicht der Grammatik liegt mit dem zweiten Teilsatz in (1) weder eine semantische Frage (vgl. Bäuerle und Zimmermann 1991) noch ein interrogativer Satztyp vor. Vielmehr denotiert der dass-Satz in (1) was Ginzburg und Sag (2000: 3.2.4) ein „Resultat“ (engl. „outcome“) nennen, d. h. eine für die Zukunft anvisierte Situation. Dieser ontologische Typ wird standardmäßig durch Infinitive oder konjunktivische „Deklarative“ realisiert, die syntaktisch entweder als Komplemente geeigneter Prädikate oder als adverbielle Finalsätze fungieren.
Um nun die gerade skizzierte Alternative in eine Analyse von (1) umzumünzen, muss noch die Komplexität des enkodierten Sprechakts berücksichtigt werden. Es handelt sich nämlich um den – u. U. „performativen“ – Bericht von der einen Frageakt involvierenden Sprecheraufgabe, eine (indirekte) Aufforderung auszuführen. Daher rührt die auf subtile Weise nicht-kanonische Art der Satzverknüpfung. Somit lässt sich sagen, dass der dass-Satz entweder Komplement einer „komplexen“ Verbüberlagerung (engl. „blend“) darstellt, dergestalt dass fragen irgendwie bitten inkorporiert. Hier wäre letzteres für die Lizenzierung von dass verantwortlich. Oder es liegt ein adjungierter Finalsatz vor, der eine intransitive Matrix modifiziert. Aufgrund bekannter Mechanismen morphologischer Einebnung (und allgemeiner Vermeidung einfacher Konjunktive in der gesprochenen Sprache) kann kommen in (1) als indikativisch angesehen werden. Der Konjunktiv würde in einer direkten Übersetzung ins Latein auftauchen (ut hodie ad nos veniant), bzw. in englischen Gegenstücken im Singular (in order that she come to us today).
Selbstverständlich müssen unabhängige Kriterien herangezogen werden, um die hier angerissene(n) Kontroverse(n) beizulegen. Standardtests für Interrogativität, wie das Auftreten negativer Polaritätselemente und der Partikel denn, scheinen im Fall von (1), wie in (2) zu sehen, zu scheitern.
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(2) |
a. * ich soll frägn, daß sie je zu uns kommen |
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b. * ich soll frägn, daß sie denn heint zu uns kommen |
Beide Beispiele wären akzeptabel, wenn dass durch ob ersetzt würde. Die Existenz von dass-Interrogativen im Thüringischen muss daher zumindest als äußerst fraglich gelten.
Literatur
Bacskai-Atkari, Julia. 2022. “Clause Types (and Clausal Complementation) in Germanic.” in Oxford Research Encyclopedia of Linguistics, herausgegeben von Mark Aronoff. Oxford: OUP.10.1093/acrefore/9780199384655.013.978Search in Google Scholar
Bäuerle, Rainer, und Thomas Ede Zimmermann. 1991. „Fragesätze.“ S. 333–348 in Semantik: Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung, herausgegeben von Arnim von Stechow und Dieter Wunderlich. Berlin: De Gruyter.10.1515/9783110126969.5.333Search in Google Scholar
Ginzburg, Jonathan, und Ivan Sag. 2000. Interrogative Investigations. Stanford, CA: CSLI Publications.Search in Google Scholar
Lösch, Wolfgang, Rainer Petzold, Frank Reinhold und Susanne Wiegand. 1991–1999. Thüringisches Worterbuch. I. Band. A–D. Berlin: Akademie Verlag.Search in Google Scholar
Schallert, Oliver, Alexander Dröge, und Jeffrey Pheiff. 2018. “Doubly-Filled COMPs in Dutch and German. A Bottom-Up Approach.” lingbuzz/003979.Search in Google Scholar
Thráinsson, Höskuldur. 2007. The Syntax of Icelandic. Cambridge: CUP.10.1017/CBO9780511619441Search in Google Scholar
Zwart, Jan-Wouter. 2011. The Syntax of Dutch. Cambridge: CUP.10.1017/CBO9780511977763Search in Google Scholar
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