Abstract
German and Turkish differ (slightly) in terms of their grapheme inventories. This leads to variation in the spelling of many Turkish names in German: Either the Turkish letters are used (e. g. the lowercase letters ç, ğ, ı, ş) or integrated alternatives (c, g, i, and s). This article analyses how common Turkish surnames are written in German-language newspaper texts (e. g. Gündoğan vs. Gündogan). It is shown that the use of Turkish letters tends to increase, that ç is used much more frequently than the other letters, and that there are significant differences between the newspapers analysed. The change in favour of the non-integrated variants is then explained (on the basis of metalinguistic comments) with their indexical potential: the non-integrated spelling is typically interpreted as correct and respectful and serves to indicate linguistic knowledge.
1 Einleitung
Namen zeichnen sich in vielen Fällen durch eine bemerkenswerte Formstabilität aus. Dies gilt aus einer diachronen Perspektive vor allem für die Phonologie und die Graphematik: Namen sind deutlich resistenter gegenüber Wandel als Appellative und andere Wortarten. Das zeigt sich z. B. daran, dass lautlicher Wandel, der das Deutsche ansonsten grundlegend verändert hat, keinen Einfluss auf die Phonologie von Namen hatte. So hat beispielsweise die Nebensilbenabschwächung dazu geführt, dass appellativische Simplizia im Deutschen (abgesehen von Fremdwörtern) keine vollvokalischen Nebensilben mehr haben, während diese Strukturen bei Namen nach wie vor häufig anzutreffen sind, s. z. B. Udo, Fulda, Isar usw. Darüber hinaus haben z. B. auch orthografische Reformen üblicherweise keine Relevanz für die Schreibung von Namen, was sich gut an Homonymen veranschaulichen lässt. So wurde aus dem appellativischen Nußbaum der Nussbaum, während der Familienname Nußbaum davon unbeeinträchtigt blieb (s. zu diesen Aspekten z. B. Nübling 2000 und Zimmer 2018: 172–173). Wenn man die Formseite einzelner Namen betrachtet, kann man dem onymischen Bereich (besonders Toponymen und Familiennamen) also durchaus eine gewisse Trägheit attestieren – Variation und Wandel sind eher bei Appellativen zu finden (Nübling 2000: 293).[1]
Allerdings gilt diese Verallgemeinerung nicht ausnahmslos. Es lassen sich Gruppen von Namen identifizieren, die erheblichen Schwankungen unterliegen und deren Verwendung sich diachron ändert. Dies lässt sich besonders dann beobachten, wenn das Onomastikon dank Sprach- und Kulturkontakt erweitert wird (für einen sprachübergreifenden Überblick s. Waldispühl einger.). Sprachliche Merkmale der Namen, die nicht mit dem Kernsystem der aufnehmenden Sprache übereinstimmen, werden übernommen (Transferenz) oder angepasst (sprachliche Integration), woraus Variation und Wandel resultieren.[2] Vor dem Hintergrund der ansonsten typischerweise zu beobachtenden Formstabilität von Namen erscheint dieser Bereich von besonderem Interesse. Darüber hinaus ist die hier zu verzeichnende Variabilität aus einer soziolinguistischen Perspektive hoch relevant, da sie – man denke an Personnenamen – zahlreiche Menschen unmittelbar betrifft. Kaum eine sprachliche Einheit ist für ein Individuum so bedeutsam wie der eigene Name. Hinzu kommt, dass gerade der Gebrauch von Personennamen mit linguistischen Fremdheitsmerkmalen auch gesellschaftspolitische Relevanz hat.
Unterschiede zwischen dem türkischen und dem deutschen Alphabet
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Türkische Buchstaben |
Im Deutschen typischerweise ersetzt durch … |
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Ç |
C |
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Ğ |
G |
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İ |
I |
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Ş |
S |
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ç |
c |
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ğ |
g |
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ı |
i |
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ş |
s |
Dieser Themenkomplex wird in diesem Beitrag näher beleuchtet, indem die Schreibung türkischer Personennamen in deutschen Zeitungstexten analysiert wird. Variation in diesem Bereich resultiert daraus, dass das türkische Alphabet dem deutschen zwar sehr ähnelt, beide Systeme aber nicht gänzlich deckungsgleich sind (s. z. B. Özdil 2017: 97–98).[3] Tabelle 1 sind diejenigen türkischen Buchstaben zu entnehmen, die nicht Bestandteil des nativen Grapheminventars des Deutschen sind (Spalte 1). Diese Buchstaben werden häufig, aber nicht in allen Fällen, durch die deutschen Buchstaben ersetzt, die in Spalte 2 abgebildet sind.
Personennamen werden nun entweder mit den türkischen Buchstaben geschrieben, die sich durch Diakritika von den deutschen Buchstaben unterscheiden (Transferenz) oder mit den Pendants aus dem deutschen Inventar (Integration). Das ist z. B. beim Namen des ehemaligen Kapitäns der deutschen Fußballnationalmannschaft zu beobachten. Gebräuchlich sind in deutschen Texten sowohl die türkische Schreibweise İlkay Gündoğan als auch die integrierte Variante Ilkay Gündogan. Ein Spezifikum dieses Phänomens liegt darin, dass die Schreibung schwankt, auch wenn auf dieselbe Person referiert wird. Das unterscheidet dieses Phänomen von graphematischen Varianten wie Noa vs. Noah, die typischerweise konstant einer referierten Person zugeordnet sind. Deutsche mit einem türkischen Namen variieren hingegen sogar oft bei der Schreibung des eigenen Namens (was aus Interviews hervorgeht, die weiter unten noch einmal kurz angesprochen werden).
Solche Schwankungen betreffen einen erheblichen Teil der Namen in Deutschland. Das zeigt z. B. ein Blick auf die zehn häufigsten türkischen Familiennamen in Deutschland: Yilmaz/Yılmaz, Kaya, Demir, Celik/Çelik, Sahin/Şahin, Yildiz/Yıldız, Yildirim/Yıldırım, Öztürk, Aydin/Aydın, Özdemir (Aydin 2023: 96–99). Von diesen schwankt mehr als die Hälfte. Hinzu kommen zahlreiche Namen mit dem patronymischen Suffix -oğlu (z. B. Demiroğlu, Aydin 2023: 92–93). Die graphematischen Unterschiede korrelieren hier zum Teil mit phonologischen Merkmalen. So wird z. B. -oglu im Deutschen mitunter als [oːglu] realisiert, was den deutschen Graphem-Phonem-Korrespondenz-Regeln entspricht. Im Türkischen wird hingegen kein [g] realisiert ([oːlu]). Darin besteht der Unterschied zwischen den im Türkischen verwendeten Graphemen <g> (hier gilt die gleiche Graphem-Phonem-Korrespondenz wie im Deutschen) und dem als yumuşak ge (‚weiches g‘) bezeichneten <ğ>, dem kein eigener Lautwert zugeordnet ist (s. z. B. Özdil 2017: 98–99). Darüber hinaus gibt es aber auch Unterschiede, die keine lautliche Relevanz haben. So repräsentieren sowohl das deutsche Graphem <I> als auch das türkische <İ> das gleiche Phonem (nämlich /i/; s. z. B. Özdil 2017: 99). Hierbei handelt es sich demnach um einen rein graphematischen Unterschied.[4]
In diesem Beitrag wird nun untersucht, wie türkische Personennamen in deutschen Zeitungstexten verwendet werden, inwiefern ein Wandel zu verzeichnen ist und welche Faktoren die Schreibung beeinflussen. Dabei wird ein korpuslinguistischer Ansatz verfolgt. Datengrundlage und Methode werden in Abschnitt 2 vorgestellt, Abschnitt 3 widmet sich den Ergebnissen. Diese werden anschließend interpretiert, auch unter Heranziehung metalinguistischer Kommentare als weiterem Datentyp. Diese sind aufschlussreich mit Blick auf die Motivationen, die der Verwendung graphematischer Varianten zugrunde liegen können. Der Beitrag endet mit einem Fazit und einem Ausblick auf weitere Forschung in diesem Bereich.
2 Datengrundlage
Für die Analyse des Sprachgebrauchs in deutschen Zeitungen wurde das Deutsche Referenzkorpus (DeReKo) herangezogen (Institut für Deutsche Sprache 2022; s. hierzu z. B. auch Kupietz et al. 2018 und Kupietz, Lüngen & Diewald 2023). In einem ersten Schritt wurden alle Wortformen ermittelt, die im Archiv W-ohneWikipedia-öffentlich – alle öffentlichen Korpora des Archivs W (mit Neuakquisitionen, ohne Wikipedia) enthalten sind und mindestens einen Buchstaben aufweisen, der Bestandteil des türkischen, aber nicht des deutschen Alphabets ist (s. Tabelle 1 oben).[5] Aus der so zusammengestellten Liste wurden die zehn frequentesten Types ausgewählt, die typischerweise als Familiennamen verwendet werden und bei denen die Schwankung wortmedial auftritt. Auf diese Weise wurde ein vergleichsweise homogenes Sample zusammengestellt: Bahçeli, Erdoğan, Güçlü, Gündoğan, Küçük, Perinçek, Pirinçci, Selçuk, Topçu und Yıldırım. Ausgeschlossen wurden durch dieses Vorgehen Types, die typischerweise als Rufnamen verwendet werden (z. B. Ayşe), Vereinsnamen (z. B. Fenerbahçe) und Namen, bei denen Variation (auch) am Wortanfang oder -ende zu beobachten ist (z. B. Koç oder İmamoğlu).[6] Die Untersuchung dieser ebenfalls interessanten Namentypen bleibt künftigen Studien vorbehalten. Gleiches gilt für Namen mit ausschließlich wortmedialem ş – diese weisen im untersuchten Korpus eine geringe Token-Frequenz auf und finden sich deshalb nicht in der Liste der zehn häufigsten Types wieder.
Als Datenquellen wurden drei Zeitungen ausgewählt, die im DeReKo verfügbar sind: Die Welt, die Süddeutsche Zeitung (SZ) und die tageszeitung (taz). Die Wahl fiel auf diese Tageszeitungen, um einen größeren Teil des politischen Spektrums abzudecken (von bürgerlich-konservativ bis linksalternativ). Darüber hinaus hatte diese Entscheidung forschungspraktische Gründe: Daten aus diesen Quellen stehen für einen vergleichsweise großen Zeitraum im DeReko zur Verfügung, für die Mehrheit der Texte sind die Namen der Autor*innen hinterlegt sowie exportierbar und die im Korpus hinterlegten Texte lassen sich mit einer online-Version desselben Textes abgleichen, was für das weitere Vorgehen von Relevanz war (s. unten).
Die zu analysierenden Tokens wurden identifiziert, indem türkische Buchstaben für die Suchanfrage durch Platzhalteroperatoren ersetzt wurden (z. B. Gündo.*an). Gesucht wurde im Korpus dereko-korap-2023-I-beta, das erlaubt, die Namen der Autor*innen zu exportieren.[7] Die exportierten Daten wurden in einem weiteren Schritt von Fehlbelegen bereinigt, z. B. von Passagen, die auf Türkisch verfasst sind und das Adjektiv küçük (‚klein‘) enthalten.
Bei der Bereinigung der Daten wurde außerdem klar, dass offenbar nicht alle türkischen Buchstaben in das Korpus übernommen wurden. So konnten in den Druckfassungen der Zeitungen zahlreiche Stellen mit Diakritika identifiziert werden, die dann in der Korpus-Version des ansonsten identischen Textes nicht mehr auftauchen. Wegen dieser Differenzen können die Korpusdaten bzgl. des hier untersuchten Phänomens nicht als zuverlässig gelten, da nicht zu bestimmen ist, worauf die An- oder Abwesenheit von Diakritika zurückzuführen ist. Da sich hier auch keine Systematik erkennen lässt (z. B. wäre es theoretisch denkbar gewesen, dass Differenzen nur bei bestimmten Quellen zu beobachten sind o. Ä.), konnten die Korpusdaten nicht für die Analyse zugrunde gelegt werden.[8] Sie wurden aber genutzt, um Texte zu identifizieren, die mit Blick auf das hier untersuchte Phänomen aufschlussreich sind. Dabei wurden für alle Korpus-Belege manuell die entsprechenden Textstellen in online-Versionen der Zeitungen identifiziert. Die dort verwendete Schreibung wurde der Analyse zugrunde gelegt. Wenn keine online-Version eines Textes auffindbar war, wurde das entsprechende Token aus der Analyse ausgeschlossen.[9] Gegenstand der Untersuchung ist also weder die im Korpus hinterlegte Variante noch die Druckfassung, sondern die online einsehbare Schreibweise.
Aus der Gesamtmenge der Daten wurde für die Analyse eine Stichprobe gezogen. Dazu wurde der untersuchte Zeitraum zunächst in fünf Zeitabschnitte eingeteilt (Publikationsdatum: vor 2003; 2003–2007; 2008–2012; 2013–2017; 2018–2022). Pro Namentype und Zeitung wurden anschließend maximal 50 Belege pro Zeitabschnitt zufällig ausgewählt und in die Stichprobe aufgenommen. Wenn weniger als 50 Belege pro Namentype, Zeitung und Zeitabschnitt verfügbar waren, wurden sämtliche Tokens berücksichtigt. Ausgeschlossen wurden Belege, bei denen der Name der Autorin/des Autors nicht in den Korpusdaten hinterlegt ist.[10]
Die Datengrundlage enthält Namen, die auf Personen referieren, die in Deutschland leben oder geboren sind (z. B. İlkay Gündoğan), aber auch Namen von Personen ohne einen solchen Deutschlandbezug (z. B. Recep Tayyip Erdoğan). Dies ermöglicht es, die These zu untersuchen, dass dieser Unterschied sich in der Schreibung niederschlägt, indem die Namen von Personen mit Deutschlandbezug häufiger in der integrierten Schreibweise auftreten. Pro Token wurde dafür eine entsprechende Information manuell recherchiert, sodass sie neben weiteren Variablen in einer multifaktoriellen Analyse berücksichtigt werden konnte. Wenn dies nicht möglich war, wurde der entsprechende Beleg ausgeschlossen.
Die finale Stichprobe enthält 2609 Tokens. Die Analyse dieser Daten wird im folgenden Abschnitt erläutert.
3 Datenanalyse
Im Datensatz überwiegt die integrierte Schreibweise. Gleichzeitig ist aber auch die originale Schreibweise frequent vertreten: 1615 von 2616 Tokens (62 %) werden ohne türkische Buchstaben geschrieben. Um zu untersuchen, welche Faktoren diese Schwankung steuern, wurde ein Generalized Linear Mixed Model (GLMM) herangezogen (vgl. hierzu z. B. Baayen 2008: 278–284). Dazu wurde die Software R verwendet (R Core Team 2022) und das Package lme4 (Bates et al. 2015). Dieses Verfahren hat (unter anderem) den Vorteil, dass der Einfluss mehrerer Variablen überprüft werden kann, wobei auch random effects eingebunden werden, was bei nicht unabhängigen Daten von besonderer Bedeutung ist (s. z. B. Winter 2020: 232–234).
Als unabhängige Variablen wurden neben Deutschlandbezug (s. o.) auch Zeitung (Welt vs. SZ vs. taz), Buchstabe (c vs. g vs. i) und Zeitabschnitt aufgenommen.[11] Überprüft wurde, inwiefern diese Merkmale einen Einfluss darauf haben, ob ein Name in seiner integrierten Schreibweise verwendet wird (z. B. Gündogan) oder in der originalen Variante (z. B. Gündoğan). Hierbei handelt es sich demnach um die abhängige Variable. Damit das Verhalten einzelner Autor*innen keinen verzerrenden Einfluss auf das Gesamtergebnis hat, wurde Autor*in als random effect eingebunden ebenso wie die ausgewählten Types (Name). Letzteres soll Aussagen über die zehn in das Sample integrierten Types hinaus ermöglichen.
Zunächst wurde ein maximales Modell berechnet. Das heißt, dass alle potentiell relevanten unabhängigen Variablen integriert wurden. Die entsprechende Modellspezifikation ist in (1) dargestellt.
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(1) |
integriert ~ Zeitung + Zeitspanne + Buchstabe + Deutschlandbezug + (1|Autor.in) + (1|Name) |
Anschließend wurde getestet, welche dieser Faktoren die Modellgüte signifikant verbessern. Das trifft auf die Variablen Zeitung, Zeitspanne und Buchstabe zu, nicht jedoch auf Deutschlandbezug. Letztere wurde deshalb aus dem finalen Modell entfernt.
Das finale Modell ist sehr gut dazu in der Lage, die Ausprägungen der abhängigen Variable korrekt vorherzusagen: Die Accuracy beträgt 0.9651 und liegt signifikant über der No Information Rate von 0.6175 (p < 0.001***). Das unterstreichen auch die weiteren Werte, die zur Beschreibung der Modellgüte herangezogen werden können: C = 0.9901246, r2 marginal: 0.5121288, r2 conditional: 0.9326856. Die Differenz zwischen den r2-Werten zeigt darüber hinaus, dass auch die random effects Autor.in und Name mit Blick auf die Variation relevant sind. Der höchste Wert bei den Variation Inflation Factors liegt bei 6.969253 und damit in dem Bereich, der üblicherweise noch als unproblematisch eingestuft wird (s. zum Thema Multikollinearität z. B. Levshina 2015: 272). Tabelle 2 enthält die Ergebnisse des Modells. Diese werden im Folgenden mithilfe von predictor effect plots veranschaulicht (s. hierzu Fox & Weisberg 2020).
Ergebnisse des GLMM
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Estimate |
Std. Error |
z value |
Pr(>|z|) |
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(Intercept) |
8.1144 |
1.1223 |
7.230 |
4.83e-13 *** |
|
Zeitung |
Referenzlevel: Welt |
|||
|
SZ |
-8.5477 |
1.0025 |
-8.526 |
< 2e-16 *** |
|
taz |
-5.7305 |
0.7059 |
-8.118 |
4.57e-15 *** |
|
Zeitspanne |
Referenzlevel: vor 2003 |
|||
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2003_-_2007 |
-0.5612 |
0.8728 |
-0.643 |
0.5202 |
|
2008_-_2012 |
-0.2840 |
0.8185 |
-0.347 |
0.7287 |
|
2013_-_2017 |
-4.7736 |
0.7411 |
-6.441 |
1.19e-10 *** |
|
2018_-_2022 |
-7.6555 |
0.7902 |
-9.688 |
< 2e-16 *** |
|
Buchstabe |
Referenzlevel: c |
|||
|
Buchstabe g |
5.1769 |
1.3116 |
3.947 |
7.91e-05 *** |
|
Buchstabe i |
4.0886 |
1.6784 |
2.436 |
0.0148 * |
Abbildung 1 veranschaulicht, dass es signifikante Unterschiede zwischen den untersuchten Zeitungen gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine integrierte Variante (z. B. Gündogan) verwendet wird, ist in der Welt mit Abstand am größten. In der SZ kommen die meisten nicht-integrierten Schreibweisen vor (z. B. Gündoğan).

predictor effect plot für Zeitung
Ein Blick auf den effect plot zur Variable Zeitspanne (Abbildung 2) verrät, dass im untersuchten Zeitraum eindeutig ein Wandel stattgefunden hat: die integrierten Varianten werden immer seltener verwendet.

predictor effect plot für Zeitspanne
Darüber hinaus gibt es signifikante Unterschiede zwischen den Buchstaben in der Stichprobe (s. Abbildung 3). Die Wahrscheinlichkeit, dass die integrierte Variante verwendet wird, ist bei ç (vs. c) niedriger als bei ı (vs. i) und ğ (vs. g).

predictor effect plot für Buchstabe
Was hinter diesen Beobachtungen steckt, wird im folgenden Abschnitt diskutiert.
4 Interpretation
Das vielleicht wichtigste Ergebnis der Untersuchung ist, dass es in den letzten Jahren einen Wandel gegeben hat: Während die Verwendung der türkischen Variante zu Beginn dieses Jahrhunderts noch eine absolute Ausnahme darstellte, hat sie sich inzwischen etabliert. Der Frequenzgewinn der nicht-integrierten Variante fällt in den untersuchten Zeitungen und für die verschiedenen Buchstaben unterschiedlich stark aus, er ist aber nicht auf eine bestimmte Quelle oder einen einzelnen Buchstaben begrenzt.
Aus einer innersprachlichen Perspektive ist dieser Befund bemerkenswert. Denn typischerweise wird sprachliches Material, das einer Kontaktsprache/-kultur entstammt, (im Deutschen) konsequent integriert. Das bedeutet, dass linguistische Fremdheitsmerkmale – in der Regel – bei Benutzung in der aufnehmenden Sprache entweder sofort abgelegt werden oder im Laufe der Zeit verloren gehen. So werden z. B. Phoneme (2), Grapheme (3) oder Morpheme (4) abrupt oder graduell durch Pendants aus dem Kernsystem ersetzt (s. z. B. Wegener 2004; Eisenberg 32018: 162–208; Zimmer 2019).
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(2) |
Bon (aus dem Französischen): [bõː] |
> [bɔŋ] |
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(3) |
<yoǧurt> (aus dem Türkischen) |
> <Joghurt> |
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(4) |
penguin{s} (vermutlich aus dem Englischen) |
> Pinguin{e} |
Die Schreibung der türkischen Personennamen im Deutschen läuft diesem oft beschrittenen Pfad (der auch über das Deutsche hinaus weit verbreitet ist, s. z. B. Matras 22020: 188–203) entgegen. Hier fand zunächst eine abrupte Integration statt, indem die türkischen Buchstaben durch Grapheme des deutschen Kernsystems ersetzt wurden. Die originale Schreibweise findet sich kaum bis gar nicht in älteren Texten. Diese Integration wird nun (graduell) rückgängig gemacht: Die Frequenz der Varianten, die nicht dem Kernsystem des Deutschen entstammen, nimmt zu.
Diese Tendenz ist insofern bemerkenswert, als dass sie die typische Entwicklung vom Fremdwort zum Lehnwort, die durch Faktoren wie Analogie motiviert ist, umkehrt. Erklärbar wird dieses Phänomen, wenn man den Untersuchungsgegenstand auch aus einer soziolinguistischen Perspektive betrachtet. Entscheidend ist hier das indexikalische Potential der Varianten (s. zu diesem Konzept z. B. Silverstein 2009; einen guten Überblick verschafft Spitzmüller 2022: 192–194). Dieses tritt sehr deutlich in metalinguistischen Kommentaren zutage. Aufschlussreich ist z. B. die Wikipedia-Diskussionsseite zum Eintrag von İlkay Gündoğan. Hier besprechen Wikipedia-Autor*innen, wie der Name des Fußballers im Wikipedia-Eintrag geschrieben werden sollte (s. (5) und (6)):
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(5) |
Roger (12:43, 15. Apr. 2013): Die Schreibweise „Gündogan“ mag in Verwendung oder „gängig“ sein, sie ist und bleibt falsch. […] |
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(6) |
RonaldH (14:34, 15. Apr. 2013): Die korrekte Schreibweise des Nachnamens, und nur die ist enzyklopädisch relevant, lautet Gündoğan. Siehe beispielsweise auf einem Originaltrikot aus der laufenden Saison. Was irgendgemand bei der Datenerfassung für irgendwelche Fernsehstationen eintippt, ohne die nötigen Sprachkenntnisse zu besitzen, spielt dabei keine Rolle […] |
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:İlkay_Gündoğan
(zuletzt abgerufen am 17.11.23)
Auffällig ist hier zunächst, dass die Verwendung der türkischen Varianten als korrekt eingestuft wird. Das ist durchaus bemerkenswert, da die Beiträge (5) und (6) aus dem Jahr 2013 stammen. Zu diesem Zeitpunkt beträgt der Anteil der Schreibweise Gündogan im untersuchten Sample 100 %. Das bedeutet, dass nach Ansicht der beiden Wikipedia-Autoren die entsprechenden Texte, bei denen es sich um formelle, lektorierte Schriftsprache handelt, ausschließlich eine inkorrekte Variante enthalten. Nun könnte man (bei einer entsprechenden Auffassung des Standards) eine Variante, die stark in lektorierter Schriftsprache dominiert, dem Standarddeutschen zurechnen – woraus geschlussfolgert werden könnte, dass es sich dabei um eine korrekte Schreibweise handelt. Dies ist bei den beiden Wikipedia-Autoren aber nicht der Fall: Die Gebräuchlichkeit der Varianten wird nicht als Kriterium herangezogen. Stattdessen läuft man Gefahr, als Person „ohne die nötigen Sprachkenntnisse“ wahrgenommen zu werden, wenn man die integrierte Variante verwendet. Hier wird das Prestige der türkischen Variante deutlich: Wer diese Schreibweise verwendet, kann sich als gebildet ausweisen; wer sie nicht verwendet, wird mitunter als ungebildet wahrgenommen. Damit weist das hier untersuchte Phänomen deutliche Parallelen mit der Nutzung von gewissen Fremdpluralen auf. So lässt sich z. B. auch bei Cappuccini (vs. Cappuccinos) und Espressi (vs. Espressos) eine Zunahme der nicht-integrierten Variante verzeichnen, die auf das Prestige der originalen Varianten zurückzuführen ist – wer den italienischen Plural verwendet, gibt sprachliches Wissen zu erkennen (und wird deshalb als gebildet, evtl. aber auch als überheblich wahrgenommen; Zimmer 2019). Ähnliches gilt für die nicht-integrierte Schreibweise bei den hier untersuchten Personennamen.
Gleichzeitig wird die türkische Variante von manchen Wikipedia-Autor*innen aber auch kritisch gesehen. Stellvertretend sei hier der folgende Beitrag zitiert:
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(7) |
VerfassungsSchützer (22:12, 27. Mär. 2013): […] Wenn Herr Gündogan sich auf seiner Internetseite mit diesen Zeichen schreibt, um seine türkischen Wurzeln zu unterstreichen, ist das eine Sache. In der Realität gibt es im deutsch-lateinischen Alphabet aber nun mal kein ğ und schon gar kein İ (diesen phonetischen Platz übernimmt ja im Deutschen das normale I, wär also schonmal total sinnfrei diesen turko-lateinischen Buchstaben zu verwenden). Im deutschen Schriftwesen (was ja nun das Medium der Wissensübermittlung ist), benutzt man schlicht und ergreifend diese exotischen Diakritika nicht, siehe Presse, siehe Trikot, siehe Personalausweis. Gündogan ist deutscher Staatsbürger, das Lemma ist korrekt. |
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:İlkay_Gündoğan
(zuletzt abgerufen am 17.11.23)
Aufschlussreich sind hier gleich mehrere Passagen. Bemerkenswert ist z. B. das Fazit, das die Staatsbürgerschaft von İlkay Gündoğan betont und als abschließendes Argument für die integrierte Schreibweise heranzieht. Dass aus der Staatsbürgerschaft einer Person der Anspruch abgeleitet wird, bestimmte Grapheme (nicht) zu benutzen, zeugt von einer zugrundeliegenden Homogenitätsideologie und Purismus (s. zu diesen Konzepten z. B. Langer & Davies 2005 und Maitz & Elspaß 2013 sowie die dort zitierte Literatur). Variation und Neuzugänge zum Grapheminventar des Deutschen werden als unzulässig wahrgenommen. Mit Blick auf sprachliche Merkmale wird dabei othering betrieben. Das zeigt sich deutlich, wenn Diakritika als „exotisch“ bezeichnet werden. Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass İlkay Gündoğan unterstellt wird, er wolle seine „türkischen Wurzeln […] unterstreichen“, wenn er seinen Namen in der originalen Schreibweise verwendet. Das suggeriert, dass es sich bei der integrierten Variante um die normale Schreibweise handelt. Abweichungen von dieser Norm werden als bedeutsam interpretiert.
Interessant ist, dass alle zitierten Autoren auf die Korrektheit der Varianten abheben, aber zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Dies ist darin begründet, dass offenbar unterschiedliche Kriterien angelegt werden. Die ersten beiden Autoren beziehen sich auf eine Schreibweise, deren Verwendung Sprachkenntnisse voraussetzt und bedienen damit altbekannte Argumentationsmuster, indem (vermeintlich) ältere, originale Varianten, deren Verwendung Wissen verlangt, mit Prestige versehen werden. Demgegenüber argumentiert der letztgenannte Autor mit dem System des Deutschen, das als unveränderlich verstanden wird. Präskriptiv sind alle Beiträge, da dem tatsächlichen Gebrauch der Varianten die Relevanz abgesprochen wird („[…] ist und bleibt falsch […]“, „[…] spielt dabei keine Rolle […]“ und „In der Realität gibt es […] aber nun mal kein […]“). Interessant ist darüber hinaus, dass das Thema Korrektheit überhaupt so relevant gesetzt wird: Die Schreibung ist zwar der einzige Bereich, der im Deutschen per kodifizierter Norm amtlich geregelt ist; diese Regelung betrifft aber ausdrücklich nicht die Schreibung von Namen (s. z. B. Nübling 2000: 276). Das unterstreicht, dass es sich bei den Einstufungen als korrekt oder nicht korrekt um Deutungen der Sprachbenutzer*innen handelt.
Die Tatsache, dass die Verwendung der nicht-integrierten Schreibweise in den untersuchten Quellen über die vergangenen Jahre hinweg signifikant zugenommen hat, legt nahe, dass die Denkweise, zu deren Illustration (5) und (6) hier herangezogen wurden, relativ weit verbreitet ist.[12] Auch in der Wikipedia wird übrigens die Schreibweise İlkay Gündoğan verwendet. Die Attraktivität der türkischen Varianten besteht dabei nicht nur darin, sprachliches Wissen zur Schau stellen zu können, sondern sicher auch darin, sich gesellschaftspolitisch zu positionieren. So ermöglicht die Verwendung der nicht-integrierten Varianten eine relativ saliente Abgrenzung von Denkweisen, für die hier (7) exemplarisch herangezogen wurde: Man kann zu erkennen geben, dass man das Deutsche eben nicht für unabänderbar und notwendigerweise homogen begreift. Stattdessen werden die sprachlichen Zeichen genutzt, um Akzeptanz von und Respekt für Variation und Vielfalt zu signalisieren, wodurch eine pluralistische Haltung zum Ausdruck gebracht wird. Hier zeigen sich Parallelen zu verwandten Phänomenen, bei denen soziale Positionierung mithilfe graphematischer Varianten ebenfalls eine Rolle spielt, z. B. bei der nicht (mehr) normkonformen Verwendung von ß (wie in daß), wobei diese Variante der Anzeige von sprachlichem Konservatismus dient (Spitzmüller 2012: 262, Busch 2021: 315–319; Beispiele aus dem Niederländischen finden sich z. B. in Vosters et al. 2012).
Dass das indexikalische Potential der türkischen Buchstaben ausschlaggebend für den zu beobachtenden Wandel ist, untermauert auch ein anderer Typ metalinguistischer Kommentare, und zwar Zeitungsartikel, in denen vom redaktionellen Umgang mit Diakritika bei der Schreibung von Personennamen berichtet wird. So berichtet Hermann Unterstöger, Redakteur der SZ, Folgendes. Anlass sind technische Umstellungen in der Produktion der Zeitung, die es möglich machten, eine ganze Reihe weiterer Diakritika zu verwenden.
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(8) |
Es darf bei dieser Gelegenheit vielleicht angemerkt werden, dass uns die ständigen Rügen aus dem Leserkreis nie gleichgültig ließen. Sie hatten in aller Regel zwei Hauptstoßrichtungen – und beide Stöße saßen. Der eine Vorwurf ging dahin, dass wir ungebildet seien und nicht einmal wüssten, wie der türkische Politiker Kemal Kılıçdaroğlu zu schreiben sei, nämlich gefälligst ohne i-Tüpferl, aber mit einem kleinen Halbmond auf dem g, wie er auch seinem Kollegen Erdoğan zustehe. Der andere Vorwurf traf noch schmerzlicher, weil die Leute, die ihn erhoben, aus dem Fehlen diakritischer Zeichen den Schluss zogen, dass da auf subtile Art die Völker, deren Sprache wir malträtierten, verachtet oder jedenfalls nicht genügend respektiert würden. […] Neue Besen kehren gut, und wir erhoffen uns auch von den neuen Zeichen, dass sie mehr Korrektheit in unsere Arbeit bringen. |
Quelle: SZ vom 2. Januar 2014; https://www.sueddeutsche.de/service/sprachlabor-extra-230-klcdaroglu-vrancic-milosz-endlich-richtig-geschrieben-1.1854858
(zuletzt abgerufen am 17.11.23)
Hier finden sich sehr explizit die drei zentralen Aspekte Bildung/Wissen, Korrektheit und Respekt wieder. Bei allen dreien handelt es sich um wichtige Motivationen für die Änderung des Sprachgebrauchs.
Deutlich wird an dieser Stelle darüber hinaus, dass auch technische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Die beinahe komplette Abwesenheit türkischer Buchstaben zu Beginn des untersuchten Zeitraums ist auch darin begründet, dass ihre Umsetzung technisch in vielen Fällen nicht möglich war. Hierbei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den untersuchten Buchstaben: So ist ç z. B. Bestandteil der älteren Zeichenkodierung ISO 8859-1 (Latin-1), ğ und ı hingegen nicht. Das ç wird in den Ausführungen zum Namen Kılıçdaroğlu in (8) dann auch ausgeklammert. Dieser Umstand ist eine Ursache dafür, dass signifikante Unterschiede zwischen den Buchstaben im Sample zu verzeichnen sind: ç wird deutlich häufiger verwendet als die anderen beiden Buchstaben (s. Auswertung oben). Dieser Buchstabe führt im untersuchten Sample dann auch den Wandel an, was Abbildung 4 illustriert.[13] Neben den technischen Aspekten könnte hierbei auch eine Rolle spielen, dass vermutlich einige Autor*innen dank Fremdsprachenkenntnissen mit dem ç vertraut(er) sind, da es z. B. auch im Französischen verwendet wird.

Der Anteil integrierter Varianten diachron
Wichtig ist auf jeden Fall festzuhalten, dass die technischen Möglichkeiten, alle türkischen Buchstaben verwenden zu können, erst einmal geschaffen werden mussten.[14] Diese Voraussetzungen sind inzwischen erfüllt, woraus sich eine gewisse Wahlfreiheit ergibt. Daraus resultieren erhebliche Unterschiede bei der Nutzung der Varianten, z. B. zwischen den untersuchten Zeitungen. Die Welt tendiert deutlich stärker zur deutschen Schreibweise (93 % integrierte Formen in der letzten Zeitspanne) als die SZ (19 %) und die taz (17 %). Dies lässt sich gut mit dem indexikalischen Potential der Varianten erklären. Während für alle Zeitungen sprachliche Korrektheit gleichermaßen wichtig sein sollte, kann man davon ausgehen, dass die Signalisierung von Respekt für Vielfalt für die bürgerlich-konservative Welt weniger relevant ist als für die beiden anderen Zeitungen. Hier zeigt sich auch in sprachlicher Hinsicht ein gewisser Konservatismus (der im Feuilleton der Welt in vielen Beiträgen zu verschiedenen sprachlichen Themen auch explizit propagiert wird).[15] Relevant sind an dieser Stelle auch redaktionsinterne Normierungen von Schreibweisen. Wie ein Name geschrieben wird, ist in vielen Fällen festgelegt und in einer entsprechenden internen Liste hinterlegt. Diese vereinheitlichen den Sprachgebrauch innerhalb des Mediums, haben allerdings nur begrenzte Wirksamkeit. So gibt es bis in die letzte Zeitspanne hinein Variation bei den untersuchten Namen in allen Zeitungen (bei der taz z. B.: 68 % Gündoğan vs. 32 % Gündogan, s. auch Abbildung 4). Richtlinien und der tatsächliche Sprachgebrauch unterscheiden sich in vielen Fällen, was sich zum Beispiel bei der Welt zeigt, deren „Hausschreibweise, die […] Sonderzeichen vorsieht“, was Oliver Michalsky, der aktuelle Chefredakteur von WELT Digital, dankenswerterweise auf eine entsprechende Anfrage hin ausführte. Die vergleichsweise niedrige Frequenz der nicht-integrierten Variante (s. oben) untermauert, dass Richtlinien den Sprachgebrauch eines Mediums nicht gänzlich determinieren.[16]
Die Relevanz der Einflussfaktoren Zeitspanne und Zeitung lässt sich mit Rückgriff auf das indexikalische Potential der Varianten also gut erklären. Außerdem sind technische Aspekte (für den Faktor Zeitspanne) sowie möglicherweise auch die individuelle Vertrautheit mit ç wichtig für das Verständnis der Variation und motivieren die Relevanz des Faktors Buchstabe. Aufschlussreich ist darüber hinaus, dass die Variable Deutschlandbezug (im Sinne von in Deutschland geboren oder lebend) keinen signifikanten Einfluss auf die Schreibung der Personennamen hat. Es wäre durchaus denkbar gewesen, dass Namen von Deutschen verstärkt mit den integrierten Varianten geschrieben werden, man denke an den Bezug von Staatsbürgerschaft und Schreibweise, den der oben zitierte Wikipedia-Autor herstellt. Dies ist aber nicht der Fall. So werden z. B. die Namen von İlkay Gündoğan und Recep Tayyip Erdoğan gleichermaßen graphematisch desintegriert.
5 Fazit und Ausblick
In diesem Beitrag konnte gezeigt werden, dass die Verwendung nicht-integrierter Schreibweisen von türkischen Familiennamen in deutschen Zeitungstexten tendenziell zunimmt, was mit deren indexikalischem Potential erklärt wurde. Hierbei handelt es sich um change from above im engeren Sinne (Labov 22006: 240): Die Entscheidung für die nicht-integrierten Varianten wird bewusst getroffen; metasprachliche Reflexion resultiert in der Verwendung der Schreibweise, die typischerweise als korrekt wahrgenommen wird, was in der hier untersuchten lektorierten und formellen Schriftsprache von besonderer Bedeutung ist. Dies geschieht, obwohl man davon ausgehen kann, dass die Verwendung der türkischen Grapheme mit Mehraufwand für die meisten Autor*innen verbunden ist, da sie einzeln eingefügt werden müssen, wenn man mit einer deutschen Tastatur in Standard-Einstellung schreibt. Der Wandel läuft demnach dem Prinzip der Ökonomie entgegen. Ebenso spielt Analogie – ansonsten eine treibende Kraft bei der Integration von sprachlichem Material, die zur Homogenisierung des Lexikons führt – keine entscheidende Rolle. Dass diese innersprachlichen Wandelfaktoren ausgehebelt werden, spricht für die soziolinguistisch motivierte Attraktivität der türkischen Varianten und setzt voraus, dass eine gewisse (soziolinguistische) Salienz gegeben ist (s. zu diesem Konzept z. B. Auer 2014).
Der hier behandelte Gegenstand ist sicher aufschlussreich, er stellt allerdings nur einen kleinen Teil des gesamten Themenkomplexes dar. So wurde Schriftsprache analysiert, die größtenteils von Personen produziert wurde, die selbst keinen Namen haben, dessen Schreibung schwankt: Der Anteil der Autor*innen, bei deren Namen das hier untersuchte Phänomen zu beobachten ist, liegt bei unter 5 % im analysierten Sample. In gewisser Weise wurde also eine Außenperspektive fokussiert. Diese soll in einem nächsten Schritt durch den Blick auf die Wahrnehmung derjenigen ergänzt werden, deren Namen variierend geschrieben (und ausgesprochen) werden. Dazu werden Fokusgruppen-Interviews geführt und ausgewertet. Erste Analysen deuten darauf hin, dass sich auch hier das indexikalische Potential der Varianten bemerkbar macht, das oben herausgearbeitet wurde (Anam & Zimmer i. Vorb.).[17] Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Forschungsdesiderate (andere Namentypen, andere Herkunftssprachen, andere Textsorten, …). In Anbetracht der Relevanz und Vielschichtigkeit des Themas bieten sich hier weitere Studien an.
Danksagung
Vielen Dank an Jones Anam und Erkan Özdil für wertvolle Kommentare zu einer früheren Version des Textes, an Charlotte Menne, Julian Mertin und Julie Täge für ihre Unterstützung bei der Datenaufbereitung, an Christina Elmer für die Kontaktaufnahme mit den Redaktionen von SZ, taz und Welt sowie an die anonymen Gutachter*innen für nützliche Hinweise zur eingereichten Textversion!
Daten: Die analysierten Daten und das verwendete R-Skript können hier heruntergeladen werden: https://doi.org/10.5281/zenodo.10999098.
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