Startseite Religionswissenschaft, Bibelwissenschaft und Theologie Oliver Freiberger. 2022. Religionsvergleich: Ansätze, Kritik, Praxis. Baden-Baden: Nomos. 191 Seiten.
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Oliver Freiberger. 2022. Religionsvergleich: Ansätze, Kritik, Praxis. Baden-Baden: Nomos. 191 Seiten.

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Veröffentlicht/Copyright: 25. April 2025
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Oliver Freiberger. 2022. Religionsvergleich: Ansätze, Kritik, Praxis. Baden-Baden: Nomos. 191 Seiten.


Freibergers Werk ist sowohl als Beitrag zur methodologischen Diskussion innerhalb der Religionswissenschaft als auch als Studienbuch für die religionswissenschaftliche Lehre konzipiert. Es ist in sechs Kapitel gegliedert, die jeweils Stoff für zwei Seminarveranstaltungen bieten. Somit ist es für ein Semester mit 14 Sitzungen angelegt, einschließlich einer Einführungs- und einer Schlusssitzung. Die Kapitel sind zwischen 20 und 30 Seiten lang und analog aufgebaut: Sie beginnen mit einer kurzen Zusammenfassung und schließen mit empfohlener Literatur sowie „didaktischen Hinweisen“, die aus Selbstlern-, Diskussions- und Reflexionsfragen bestehen, ab. Das erste Kapitel ist der Frage, was „Religionsvergleich“ bedeutet, gewidmet. Darauf folgt ein Kapitel zur Geschichte des Religionsvergleichs, in dem Ansätze von Friedrich Max Müller bis Jonathan Z. Smith vorgestellt werden. Das dritte Kapitel widmet sich der Kritik am Religionsvergleich und führt zentrale Begriffe wie „Dekontextualisierung“ und „Essenzialisierung“ ein. Im vierten Kapitel geht es um die Grundlagen des Religionsvergleichs, insbesondere um die Bestimmung der zu vergleichenden Einheiten (comparanda) und des Vergleichsgesichtspunktes (tertium comparationis). Das fünfte Kapitel widmet sich der Methode des Religionsvergleichs. Das Studienbuch schließt mit einem Kapitel ab, in dem die Durchführung und die Relevanz des Religionsvergleichs diskutiert werden.

Der Kern des Studienbuches bildet Kapitel 5, das „die vergleichende Methode“ darstellt. Darin beschreibt Freiberger in Anlehnung an Jonathan Z. Smith sowie David Freidenreich sechs problematische und zwei vielversprechende Modi des Vergleichs. Außerdem blickt er auf den Maßstab des Vergleichs (Makro-, Meso- und Mikroebene) und diskutiert den Analyserahmen, also denjenigen Rahmen, der den zeitlichen und kulturellen Abstand der Comparanda bestimmt. Kapitel 5 soll im Folgenden genauer betrachtet werden, da darin sowohl Chancen als auch Schwierigkeiten des Buchs am besten zum Vorschein kommen.

Freiberger unterscheidet insgesamt acht Modi des Vergleichs. 1) Ethnografisch (Smith – problematisch): Bei Freiberger spontan-assoziativer Modus genannt. Hier wird ein Vergleich spontan gemacht und ein Gegenstand als ähnlich oder abweichend von bereits Bekanntem identifiziert. Dies kann laut Freiberger z. B. in der Lehre vorkommen, um in einer didaktischen Wendung „Fremdes“ rasch näherzubringen. 2) Enzyklopädisch (Smith – problematisch): Dieser Ansatz enthält eine willkürliche Aufzählung von Dingen und Begebenheiten, die scheinbar zusammengehören. Dies verdeutlicht Freiberger mit einem Beispiel aus Frazers Werk zum Tabu, das bei Smith zitiert wird. In diesem Modus werden die Comparanda weder systematisch untersucht noch das Tertium comperationis genauer umrissen. Es handelt sich um rein assoziative Ketten von Phänomenen. 3) Morphologisch (Smith – problematisch): Im morphologischen Modus werden einzelne Manifestationen von Phänomenen auf deren vermeintlichen Archetypus zurückgeführt. Im Vergleichsmodus werden diese Manifestationen mit dem Archetypus oder die einzelnen individuellen Erscheinungen untereinander verglichen. Das Problem besteht darin, dass diese morphologischen Ketten nicht kontextualisiert werden, noch wird klar, wie der Archetypus gebildet wurde. Vielmehr wird dieser einfach als gegeben dargestellt. Diese Art von Vergleich ist z. B. typisch für Eliades Werke. 4) Evolutionär (Smith – problematisch): In diesem Modus wird der morphologische mit dem enzyklopädischen Modus verbunden und mit historischen Evolutionsgedanken, die sich aus den naturwissenschaftlichen Ansätzen der Evolutionstheorie aus dem 19. Jahrhundert speisen, verwoben. So werden historisch und geografisch diverse Phänomena, einer morphologischen Logik folgend, enzyklopädisch aufgezählt, um die evolutionären Stufen zu illustrieren. Hier zitiert Freiberger wieder Smith, der seinerseits auf das Werk Primitive Cultures von Edward Burnett Tylor von 1871 verweist. 5) Similaritätsmodus (Freidenreich – problematisch): Der Similaritätsmodus stellt die Gemeinsamkeiten von zwei Comparanda in den Mittelpunkt. Dabei werden Unterschiede heruntergespielt. Außerdem werden die Gemeinsamkeiten dekontextualisiert, willkürlich aufgelistet und nicht erklärt. Viele dieser Studien sind, wie Freiberger hervorhebt, politisch oder religiös motiviert, indem z. B. Fundamentalismen als gleich dargestellt und somit allesamt als „schlecht“ klassifiziert werden. 6) Differenzmodus (Freidenreich – problematisch): Der Differenzmodus ist gewissermaßen die Kehrseite des Similaritätsmodus. In diesem Modus werden Unterschiede aufgelistet, ohne eine Kontextualisierung vorzunehmen, und Gemeinsamkeiten werden marginalisiert. Dieser Modus kann z. B. im interreligiösen Dialog die Stellen hervorheben, wo die Unterschiede scheinbar unüberwindbar sind, und in einem apologetischen Vergleich die Unterschiede zwischen der „richtigen“ und der „falschen“ Religion hervorheben. 7) Illuminativ (Freiberger, in Anlehnung an Freidenreich – vielversprechend): Im illuminativen Modus, den Freiberger als asymmetrischen Modus beschreibt, wird ein spezifischer Untersuchungsgegenstand mit einem anderen kontrastiert. Es werden also Parallelen gezogen, um gewisse Aspekte in den Blick zu bekommen, die vorher opak blieben. 8) Taxonomisch (Freiberger, in Anlehnung an Freidenreich – vielversprechend): Im taxonomischen Modus werden unterschiedliche Phänomene auf eine Kategorie hin, zum Zwecke der Verfeinerung dieser Kategorie, verglichen. Freiberger nennt das Beispiel von kosmogonischen Mythen. Diese werden detailliert in ihren Kontexten beschrieben und erklärt und letztlich als kosmogonische Mythen klassifiziert. Dieser Vergleichsmodus unterscheidet sich vom morphologischen insbesondere dadurch, dass die Kategorien als wandel- und verhandelbar verstanden werden.

An diese Darstellung der Vergleichsmodi schließt sich eine Diskussion des Maßstabs einer Studie (Mikro-, Meso-, Makroebene) an. Die Unterscheidung dieser Ebenen bietet wichtige Hinweise zur Wahl der Comparanda, insbesondere zur Frage, was im Vergleich überhaupt verglichen bzw. mit welchem Ziel verglichen werden soll. Dasselbe gilt für die Darstellung des Analyserahmens, den Freiberger in kontextuell, interkulturell und transhistorisch unterschiedet. Im kontextuellen Analyserahmen werden Gegenstände innerhalb eines umgrenzten kulturellen Rahmens verglichen. Beim interkulturellen Analyserahmen werden zwei oder mehr Gegenstände in zwei oder mehr unterschiedlichen kulturellen Rahmen verglichen und im transhistorischen Analyserahmen werden Gegenstände in unterschiedlichen Epochen verglichen, die sich aber jeweils entweder in einem kontextuellen oder in einem interkulturellen Rahmen befinden. Diese Überlegungen und die Diskussion der Modi wird anschließend in einen Arbeitsablauf für die praktische Durchführung von Vergleichen überführt, der fünf Schritte umfasst: 1) Selektion, 2) Beschreibung und Analyse, 3) Gegenüberstellung, 4) Neubeschreibung und 5) Theoretisierung. Freiberger betont, dass die Arbeitsschritte sich überlagern und durchaus auch mehrmals in Schlaufen durchlaufen werden müssen.

Freiberger legt mit seinem Buch eine gut verständliche Einführung in den Religionsvergleich vor. Dieses Studienbuch bietet einen hervorragenden Einstieg für Studierende und Fortgeschrittene, um sich rasch einen Überblick zu verschaffen. Da der Religionsvergleich historisch gesehen für das Fach eine wichtige Bedeutung hat, bietet das Buch eine unverzichtbare Einführung. Das Studienbuch bietet außerdem die Möglichkeit, mit Studierenden auch praktisch zu erarbeiten, welche Chancen und Fallstricke mit dem Religionsvergleich verbunden sind.

Ein Studienbuch für die Lehre sollte allerdings auch anhand seiner didaktischen Angebote beurteilt werden. Vor diesem Hintergrund stellen sich zentrale didaktische Anschlussfragen: Was sollen die Studierenden können, tun, wollen und wissen? Wie können sie darin unterstützt werden? Folglich würde man mehr als lediglich Fragen erwarten, wenn am Ende jedes Kapitels „didaktische Hilfsmittel“ angekündigt werden. Praktische Übungen, Beispiele, Analysevorschläge, Fallstricke und Chancen, die diskutiert und reflektiert werden können, würden das Buch fachdidaktisch stärken. Mein Anliegen für ein Studienbuch wäre, dass Studierende handelnd sich mit der Methode auseinandersetzen und kritisch reflektieren, wie diese im Verhältnis zu anderen in der Religionswissenschaft erfolgreich eingesetzten Methoden steht.

Hier steht vermutlich im Wege, dass es nicht nur um eine Einführung im Sinne eines Studienbuchs geht, sondern darum, den Religionsvergleich als genuin religionswissenschaftliche Methode zu rehabilitieren.

Nicht nur deshalb halte ich die starke These „ohne Vergleich keine Religionswissenschaft“ (S. 163) eher für die Schwäche des Buches, sondern auch, weil sie die der Religionswissenschaft eigene Methodenpluralität infrage stellt. Der Vergleich als eine Methode unter anderen wäre m. E. das stärkere Argument. So kann etwa bei den präsentierten Beispielen der „vielversprechenden“ Modi zugestimmt werden, dass eine Vielzahl von zentralen Begriffen in der Religionswissenschaft taxonomische Begriffe und somit Teil von taxonomischen Vergleichsmodi sind (z. B. Kategorien wie „Gebet“, „Mythos“). Allerdings nennt Freiberger in einer Aufzählung, die an den enzyklopädischen Vergleichsmodus erinnert (S. 33), auch den Begriff „Hybridität“, für den die Methode des Vergleichs kaum plausibel ist. Das Konzept der Hybridität versucht gerade das vergleichende Moment zu unterlaufen, um keine Essenz von Phänomenen annehmen zu müssen.

Dennoch ist die starke These jedenfalls diskussionswürdig und das Studienbuch empfehlenswert für Leserinnen und Leser, die sich mit Methodologie in der Religionswissenschaft auseinandersetzen wollen.

Online erschienen: 2025-04-25
Erschienen im Druck: 2025-06-27

© 2025 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Artikel in diesem Heft

  1. Frontmatter
  2. Frontmatter
  3. Editorial: Zugleich ein Plädoyer fürs Rezensieren!
  4. Impulse
  5. Muss die Religionswissenschaft dekolonialisiert werden und wenn ja, wie?
  6. Globale Religionsgeschichte, Natur und nicht-menschliche Akteure
  7. Lutherhymnen und Lederhosen – Zur Aushandlung lutherischer und deutscher Identität bei der Zweihundertjahrfeier „Lutherische Präsenz in Brasilien“
  8. Verschwörungstheorien im öffentlichen Diskurs zu religiösen Themen während der Coronapandemie. Ein deutsch-polnischer Vergleich
  9. Rezensionen
  10. Oliver Freiberger. 2022. Religionsvergleich: Ansätze, Kritik, Praxis. Baden-Baden: Nomos. 191 Seiten.
  11. Manfred Hutter. 2023. Der Manichäismus. Vom Iran in den Mittelmeerraum und über die Seidenstraße nach Südchina. Standorte in Antike und Christentum 11. Stuttgart: Anton Hiersemann. 274 Seiten. Moritz Maurer. 2024. Kosmos, Gesellschaft, Religion. Zoroastrische und manichäische Sozialordnungsdiskurse in der langen Spätantike. Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten 80. Berlin: de Gruyter. 461 Seiten.
  12. Katharina Limacher. 2021. Doing mandir, doing kōvil. Eine empirische Rekonstruktion hinduistischer Tempelpraktiken in der Schweiz und in Österreich. Religionen aktuell 32. Baden-Baden: Nomos. 350 Seiten.
  13. Annette Wilke, Robert Stephanus, Robert Suckro, eds. 2021. Constructions of Mysticism as a Universal. Roots and Interactions Across Borders. Studies in Oriental Religions 71. Wiesbaden: Harrassowitz. 503 Seiten.
  14. Andrea Zimmermann. 2023. Träume, Tränen und Tempel: Thai-Buddhistische Religiosität im Alltag thailändischer Heiratsmigrantinnen in der Schweiz. Bielefeld: transcript Verlag. 336 Seiten. Rafaela Eulberg. 2022. Neue Orte für die Götter: Zu Lokalisierungsdynamiken von tamilischer Hindu-Praxis in der Schweiz. Zürich: Seismo. 403 Seiten.
  15. Carl Müller Frøland. 2020. Understanding Nazi Ideology. The Genesis and Impact of a Political Faith. Jefferson, NC: McFarland & Co Inc. 345 Seiten. Hannah M. Strømmen. 2024. The Bibles of the Far Right. Oxford: University Press. 344 Seiten.
  16. Maren Freudenberg, Kianoosh Rezania. 2023. Religionsökonomie: Einführung für Studierende der Religionswissenschaft und Wirtschaftswissenschaften. UTB 5912. Konstanz: UTB; UVK. 317 Seiten.
  17. English Summaries
Heruntergeladen am 24.1.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/zfr-2025-0011/html
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