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Spiritual Care on the go?

Ein Gespräch mit Achim Blackstein zur digitalen Teilhabe und -gabe im Alltag
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Published/Copyright: August 20, 2022

In den späten 1990er Jahren ließ sich Religion im Internet in zweifacher Hinsicht unterscheiden: Erstens, und weit verbreitet, war „religion online“. Gemeint damit war die Bereitstellung von offiziellen Informationen, die sich auf Offline-Geschehnisse bezogen und kaum Interaktionen mit den Nutzerinnen und Nutzern erlaubten. Zweitens, damals noch ein Randphänomen, die „online religion“: die (inoffizielle) Präsenz religiöser Gruppen in hochinteraktiven Formaten, manchmal fast vollständig losgelöst von Bezügen zur Offline-Welt (Helland 2000). Durch die sozialen Medien ist letzteres zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch im deutschsprachigen Raum ist ein rauschendes Biotop der „online religion“ entstanden, wo Sinnfluencer wie Elias Renz, der „Pfarrer aus Plastik“ auf Instagram, oder Blogger wie Ralf Peter Reimann gedeihen. Mit Yeet, dem evangelischen Contentnetzwerk der EKD, hat dieses „Milieu“ (Reimann 2020: 228) unlängst eine eigene Plattform erhalten.

Der Wandel des Internet vom digitalen Anschlagbrett hin zur eigenständigen sozialen Realität spiegelt sich, analog zur klassischen religionswissenschaftlichen Unterscheidung, auch in der Entwicklung der Teleseelsorge. Einst begnügten sich Anbieter damit, im Internet auf ihre herkömmlichen Anlaufstellen zu verwiesen, meist eine Telefonnummer – ein „bloßes Zur-Verfügung-Stellen von Informationen über (Offline-)Seelsorgeangebote“ (Paganini 2021: 133). Wie die Fachgespräche in diesem Heft aufzeigen, führten Pioniere wie „seelsorge.net“ alsbald den asynchronen Austausch unter vier Augen ein, bei dem sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht mehr offline zu treffen brauchten. Waren es einst Einzelpersonen, die vorpreschten (Reimann 2020: 219), so zeichnet sich in den „virtuellen Spitälern“, die in den USA zur Zeit Fuß fassen, zunehmend auch ein institutioneller Übergang von „Seelsorge online“ zur „Online-Seelsorge“ ab. Doch während die Mauerbauten der Offline-Kirchen neue Verwendungszwecke finden, schaffen mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum technisch versierte Seelsorgerinnen und Seelsorger institutionell angebundene digitale Räume und konfrontieren somit ihrerseits die Herausforderungen des „Zeitalters der Exkarnation“ – wie es ein kritischer Philosoph unlängst nannte (Kearney 2021).

Wir sprechen mit einem Seelsorger: Achim Blackstein, Beauftragter für Digitale Seelsorge und Beratung bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover, nebenberuflicher Coach und Mentaltrainer mit „Embodiment“-Ansatz, sowie Gründer der Facebook-Gruppe „Was mir im Predigerseminar keiner gesagt hat“, die mit 2700 Mitgliedern eine der größten digitalen Gruppen von Pastoren und Pastorinnen ist.

Fabian Winiger und David Neuhold (FW/DN): Herr Blackstein, Sie arbeiten seit 2019 an einem „digitalen Haus der Seelsorge und Beratung“, das von der Ev.-Luth. Landeskirche Hannover und der EKD mitfinanziert wird (s. Beitrag in diesem Heft). Es geht darum, eine „datensichere Infrastruktur“ zu errichten, die Angebote aller Kirchengemeinden zusammenführt. Eine Art „on demand“-Seelsorge also, wie sie sich auch in den USA zeigt (Winiger 2022). Möchten Sie damit zukünftigen Entwicklungen vorgreifen oder ist dies eine Antwort auf einen gegenwärtigen Bedarf?

Beides. Zum einen sollen nicht nur die Kirchengemeinden angeschlossen werden, sondern auch die Beratungsstellen, also Suchtberatung, Schuldnerberatung und so weiter. Und aus den Beratungsstellen höre ich im Augenblick noch ganz oft: „Unsere präsentischen Terminkalender sind so voll, sollen wir nun auch noch digital anbieten?“ Also ganz unabhängig von Corona.

Zum anderen glaube ich aber, dass wir als Kirche gut daran tun, uns digital aufzustellen, weil die Zukunft wird primär ortsunabhängig, auch überparochial sein und im digitalen Feld auch on the go – nebenbei – stattfinden. Wir denken zur Zeit aber noch zu sehr nach dem Schema: „Wir machen einen Termin ab, dann kommen Sie in mein Büro, wir machen die Tür zu, so sind wir unter uns, dann sprechen wir eine Zeit zusammen und dann gehen Sie wieder und ich mache meine Arbeit weiter.“ Ich glaube, dass die Wirklichkeit schon sehr anders ist und noch stärker anders sein wird. Menschen suchen sich vermehrt selbst die Art von Seelsorge zusammen, die sie brauchen. Das heißt, dass wir also dort auch präsent sein müssen, auf diesen Marktplätzen. Man steht an der Bushaltestelle und schreibt seine Seelsorgerin mal an. Darauf müssen wir uns einstellen.

Ich höre, was das Konzept des digitalen Hauses angeht, wirklich und ungelogen riesengroße Zustimmung. Ich bin selber manchmal ja auch kritisch und denke mir: „Wir versuchen es jetzt seit zwei Jahren umzusetzen, das Internet hat sich weiterentwickelt, müssten wir nochmals das Konzept überarbeiten?“ Aber ich bekomme überall aus der Landeskirche, der EKD und von allen Seelsorge-Anbietenden die Antwort: „Herr Blackstein, das ist gut so, mach‘ es endlich!“ Es stößt auf große Zustimmung, Lust und Bedarf gleichermaßen.

Und das wollte ich sagen: Der Bedarf ist bereits da. Zum Beispiel, ein Leiter von „soul-chat.de“ sagte mir, dass wenn sie ihr Angebot in den sozialen Medien bekannt geben, dann haben sie so viel Nachfrage, dass diese gar nicht bewältigt werden kann. Die Telefonseelsorge hier in Deutschland, die ja auch einen digitalen Kanal hat, erfährt Ähnliches. Gerade die schwereren, problematischen Fälle „wandern“ ins Internet. Sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt sind Themen, die sich primär ins Internet verlagern. Je härter die Fälle, desto eher erreichen sie uns auf digitalem Wege.

FW: Sie erwähnen die Seelsorge „nebenbei“ und „unterwegs“ (on the go), an der Bushaltestelle. Man könnte nun argumentieren, dass dies die Seelsorge entwertet. Seelsorge entstehe nicht schnell-schnell nebenbei, das sei doch eine „Fastfoodifizierung“, ja eine Entwertung eines spirituellen Prozesses, der eben gerade durch volle Präsenz sich ereignen kann.

Ja, manchmal ist das so. Aber ich sehe im digitalen Raum hauptsächlich die Möglichkeit der Teilhabe und Teilgabe. Das ist das entscheidende Kriterium. Klar, ich merke manchmal am Schriftbild und an der Dauer der Antwort, dass nebenbei Fussball im Fernsehen läuft, während mit mir gechattet wird. Oder dass jemand sagt: „Ich muss die Kinder ins Bett bringen, tut mir leid, hatʼs jetzt so lange gedauert.“ Aber die Person könnte nicht Seelsorge wahrnehmen, wenn ich nicht im Chat da wäre. Ich finde, das ist eine Chance.

DN: Es ist ein neuer Raum, der dazukommt, der niemandem etwas „wegnimmt“.

Ja, genau. Denken Sie an das, was wir alle schon kennen, nämlich das Telefon. Das Telefon hinterfragt ja fast niemand mehr nach dem Motto: „Präsentisch wäre doch viel besser!“ Wir sind alle froh, es zu haben, für lange Gespräche und auch für mal nebenbei. „Kannst du kurz für mich beten!“, das geht am Telefon in 30 Sekunden. Beides ist möglich. Wir kämen gar nicht auf die Idee zu sagen: „Das ist doch nur halbgar“ oder „das ist wie nicht richtig“ oder „das ist Konkurrenz zum anderen“. Wir sagen eher: „Hey cool, ich habe Dich soeben angerufen, wir haben kurz gebetet, die Sache war durch. Also ich fühl mich schon besser.“ Und das ist Seelsorge. Ich glaube, wir brauchen einen größeren, weiteren Begriff von Seelsorge. Wenn ich in einer grauen Großstadt durch eine Häuserschlucht gehe und ganz plötzlich entdecke ich einen großen grünen Baum, dann ist das in diesem Moment Seelsorge für mich. Tatsächlich, es ergeht mir so, dieser Baum ist etwas, das mir seelisch guttut. Ich definiere diesen Moment für mich als Seelsorge. Und ich finde, das ist eine Art und Weise, wie wir diesen Begriff auch erweitern dürfen. Dass wir das „fastfoodisieren“, das sehe ich einfach nicht so, weil es zusätzlich ist, ein neuer Raum. Meine Aufgabe als Seelsorger ist es, zu fragen: „Ist das in Ordnung so für dich? Reicht das aus, oder braucht es mehr?“

FW: Man hört auch oft das Argument, dass digitale Methoden ein Ersatz sind – „besser nebenbei als gar nicht“. Man könnte diesen Pragmatismus auch als Zeichen der Zeit deuten, anbetrachts des Rückgangs institutionalisierter Religiosität und des Schwundes kirchlicher Präsenz in der Gesellschaft. Aber für Sie eröffnet sich damit ein neuer Horizont.

Wir haben viele Menschen, die als Kinder oder Jugendliche sexuellen Missbrauch erlebt haben, und die sagen mir: „Wie gut, dass ihr hier seid, ich würde niemals an eine Beratungsstelle kommen, ich kriege das gar nicht über die Lippen.“ Ich denke aber auch an autistische oder körperlich eingeschränkte Menschen, Rollstuhlgänger, die uns immer wieder auch sagen: „Ich komm‘ da gar nicht rein in eure Kirchen, eure Pfarrämter, da ist eine Treppe davor, es ist für mich sehr aufwändig, ich muss den Bus nehmen.“ Wir haben aber einen digitalen Kanal, den man von zuhause mit dem Smartphone oder Tablet in Anspruch nehmen kann. Auch ich sage nicht: „Lass uns das Präsentische durch das Digitale ersetzen!“ Das wäre Unsinn. Wir haben beides. Es ist ein großer Vorteil, dass wir Teilgabe und Teilhabe ermöglichen, es ist ein Raum, den wir eröffnen, welcher es Menschen möglich macht, Hilfe, Stabilisierung, Begleitung oder Ähnliches in Anspruch zu nehmen.

Das ist manchmal sehr religiös und manchmal überhaupt nicht. Wir sprechen dann gar nicht über Gott, es geht dann vielleicht tatsächlich mehr um Coaching, psychotherapeutische Geschichten. Da müssen wir doch dabei sein. Beim barmherzigen Samariter hat man irgendwann auch den Zusammengeschlagenen in die Herberge gebracht und gesagt: „Kümmere dich weiter, ich zahle dafür!“ Da käme auch niemand auf die Idee, zu sagen, dass das nur die halbe Hilfe gewesen wäre, die da geleistet wurde. Das ist doch in Ordnung, der Samariter hat gemacht, was er konnte – und wir machen auch, was wir können.

Wenn Menschen etwas als seelsorglich wichtig für sich entdecken und mit einer solchen Qualität für sich verbinden, dann ist es in Ordnung. Ich bin doch nicht derjenige, der entscheidet: „Wenn bestimmte Parameter erfüllt sind, dann ist es Seelsorge, und wenn es nicht der Fall ist, dann ist es keine Seelsorge.“ Mein Ansatz, den ich von Wolfgang Drechsel übernommen habe, ist, dass mein Gegenüber mitentscheidet. Der Kontext entscheidet doch mit.

DN: Da stößt die Digitalisierung Transformationsprozesse an, in welchen der Einzelne mehr „empowerment“ erhält für das, was er als wichtig erachtet (Neuhold D, dieses Heft). Das klingt etwas revolutionär.

An eine Revolution glaube ich nicht. Dafür sind wir als Kirche vielleicht mittlerweile zu unbedeutend. Aber ich glaube, es bricht dieses Verständnis von Seelsorge auf. Man merkt: „Ach, guck mal, auch mein Bild, das ich auf Instagram gepostet habe, hat seelsorgliche Qualität!“ Nicht weil ich das selber so denke, denn manchmal bin ich ja selber auch überrascht, dass es so wirkt, aber bei meinem Gegenüber ist es so. Seelsorge selbst bekommt ein anderes Gefälle und mein Gegenüber, die ratsuchende Person, hat viel mehr Macht als vorher.

Dies übrigens auch in der Krankenhausseelsorge, wo manche Menschen lieber das Digitale in Anspruch nehmen als das Präsentische – denn digital werden sie den besuchenden Pastor auch wieder los. Ja, genau. Wir könnten auch weiter über Demenz und Koma und Ähnliches sprechen: Da legt man das Smartphone auf das Kopfkissen, das machen dann die Pflegerinnen und Pfleger, die Mitarbeitenden. Und Sie können den Patientinnen und Patienten ins Ohr flüstern: „Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“ Wir können sozusagen etwas nebenbei machen, das mir in Präsenz sehr viel Zeit raubt, oder etwas, was z. B. während Corona eh nicht ging. Aber mit digitalen Hilfsmitteln kann das jetzt so locker nebenbei mitlaufen. Da verbindet das Smartphone, da ist ein permanenter Kontakt zu meinem Liebsten dort im Bett. Ich kann etwas vorlesen, die Zeitung, ein Buch, ich kann Grüße ausrichten.

FW: Es gibt unterdessen viele Angebote zur digitalen Seelsorge. Auf Ihrer Webseite haben sie 28 solche aufgezählt. Darunter auch „espresso.church“, welches das von Ihnen angesprochene Verständnis einer alltäglichen Seelsorge „on the go“ verdeutlicht. Die Webseite beginnt mit der folgenden Einführung: „Ein kurzer Shot für den Alltag – mal so zwischendurch – dann, wenn Du es brauchst – ein Espresso für die Seele“. Man klickt auf „Bitte einen Espresso“ und liest weiter: „Einen Espresso für die Seele. Warum? Nun ja, manchmal brauchen wir im Leben einen kurzen Energie-Shot: Einen klassischen Kaffee, einen Cappuccino oder eben einen Espresso. Ein guter Espresso kann ein Stück Wellness in den Alltag bringen.“ Bei manchen läuten hier wohl die Alarmglocken: In der Seelsorge gehe es nicht um Wellness, um etwas, das nebenbei kurz konsumiert werden kann wie ein Schluck Kaffee. Kann die „Veralltäglichung“ der Seelsorge durch die Digitalisierung auch zu weit gehen?

Auch „espresso.church“ hat nicht die Seelsorge für alle Menschen definiert. Wir leben heute in einer pluralen, bunten Welt und „espresso.church“ setzt anscheinend einen Fokus auf ein bestimmtes Publikum, wo Teilgebende und Teilhabende sich treffen. Und das hat auch seine Bewandtnis.

Wir müssen als Kirche einfach akzeptieren, dass Menschen ihr Leben selber leben und dass wir nicht mehr in der Position des Definitionsgebers sind. Wir verschreiben nicht mehr, „so ist das und alles andere ist falsch“. Sondern wir müssen wahrnehmen, dass es einen großen Bereich gibt, und wenn wir nicht da sind, sind die Menschen woanders! Und die Menschen können uns Seelsorgende auch im Internet suchen, haben die Möglichkeit zu hinterfragen, was wir anbieten. Das kommt nicht mehr ex cathedra.

Wir müssen von uns aus sagen: „Wir wollen an diesen Menschen dran sein“. Und dazu braucht es eine gewisse Großherzigkeit. Ob man jetzt immer alles gut findet, bleibt offen. Diese Grundhaltung müssen wir verstehen. Wir sind nur noch ein Player unter vielen und wir liefern nicht mehr die Definition, sondern die Menschen definieren sich selbst. Und ich würde sogar so weit gehen und sagen, die Zukunft liegt auch darin, dass es Seelsorge gibt ohne Seelsorger. Weil Menschen sich selber zusammensuchen, was sie brauchen. Sie sagen sich: „Ach ich fühle mich nicht wohl, ich schaue mal auf YouTube.“ Und man kommt, wie man es auf YouTube ja tut, von einem Video zum nächsten. Irgendwann merkt man, dass es eine Stunde gedauert hat, aber dass es gutgetan hat. Oder: „Dieses Video war toll, es war was Buddhistisches, mir auch egal.“ Und das müssen wir, glaube ich, verstehen, dass das so ist und dass sich die Menschen das selber zusammensuchen. Das können wir doof finden oder gut, aber so ist es.

FW: Ich setze nochmals den Hut eines Verfechters einer traditionellen, konfessionell gebundenen Seelsorge auf. Ich kann mir vorstellen, dass aus solchen Ecken erwidert wird, die von Ihnen erwähnte Bescheidenheit sei zwar eine Tugend, der wohl wenige Christen grundsätzlich widersprechen würden. Wenn Sie nun aber von „Seelsorge ohne Seelsorger“ reden, gehe das aber zu weit, damit schaffe man sich selber ab.

Für mich stellt sich die Frage nach dem Ziel des Ganzen: „Was prägt unsere eigene Seelsorge, was wollen wir denn?“ Wir als Kirche müssen uns überlegen, was wir eigentlich wollen. Und für mich ist es persönlich wichtig zu sagen: „Ich möchte den Menschen begleiten. Ich möchte dabei helfen, dass Ihr Leben ein bisschen leichter wird.“ Und natürlich frage ich mit einem Ohr und einem offenen Herzen, was das Gegenüber braucht. Die klassische Jesus-Frage ist: „Was kann ich für dich tun?“ Und das ist doch unsere Aufgabe. Und wenn dann kommt: „Ich brauche nur Ruhe, ich brauche Entlastung, ich brauche Vergebung, ich brauche nur ein Ohr, muss mal schreien, mal etwas loswerden“ oder so ähnlich, dann ist es doch auch in Ordnung. Also für mich zumindest. Meine Gegenfrage wäre: „Was hast du Angst, könnten wir denn verlieren?“ Und vielleicht haben manche dann Angst, dass nicht überall mehr Jesus vorkommt und dass wir nicht mehr missionieren oder Ähnliches. Und ich würde beinahe sagen: „Indem wir nicht missionieren, missionieren wir am allerbesten.“

DN: Nochmals zur Digitalisierung als Möglichkeit der Teilhabe und -gabe im Alltag: Sie interessieren sich sehr für verschiedene Smartphone-Apps.

Richtig. Achtsamkeits-Applikationen sind mir auch ganz wichtig. Dazu mache ich Fortbildungen und nutze sie auch selber. Ich empfehle diese Apps Menschen, mit denen ich seelsorglich zu tun habe. Unsere Landeskirche hat die App „Evermore: Heilige Momente“ entwickelt. Früher hieß sie „xrcs“, „excercise“, also Exerzitien, wenn man so will. Eine ganz schlicht programmierte, aber gerade darin sehr attraktive App, die einen christlich spirituell begleitet über den Tag hinweg. Ich habe auch von einem blinden Kollegen, dem damaligen Beauftragten für Blinden-, Seh- und Schwerbehindertenseelsorge, viel gelernt. Es gibt viele Apps für den Alltag, die für die Blindenseelsorge relevant sind. Beispielsweise gibt es eine App, mit der man die Farbe der Kleider scannen kann, die man trägt, und fragen, ob Hemd und Hose zueinanderpassen für ein Vorstellungsgespräch.

FW: Ich kann mir vorstellen, wie das der Würde von blinden Menschen zuträglich sein kann. Sie müssen sich nicht dauernd fragen: „Wie laufe ich denn rum, ich kann mich selbst nicht einmal im Spiegel anschauen!“

Genau. Es gibt dazu eine App namens „be my eyes“, also „sei meine Augen“. Ich als blinder Mensch könnte diese App aufrufen. Die App kontaktiert dann jemanden, den ich gar nicht kenne und der sich dort als sehender Mensch hat registrieren lassen. Und dann kann ich ihm sagen: „Du, ich stehe vor meinem Kleiderschrank und ich hab ein Vorstellungsgespräch. Was meinst du, ich halt die Kamera mal so hier über meinen Kleidungsschrank. Was empfiehlst du, sag mal ‚stop‘!“. Somit erhalte ich nicht nur eine elektronische Rückmeldung, mein Gegenüber kann auch sagen: „So wie ich das sehe, durch deine Kamera, das sieht gut aus.“ Oder: „Ich würde noch die Krawatte anders binden.“ Eine Vernetzung zwischen Menschen ergibt sich, die auch nicht dauerhaft sein muss, sondern nur für diesen Moment. Das ist doch, finde ich, eine sehr schöne Sache.

FW: Ich möchte nochmals die Grenzen der digitalen Seelsorge Ihrem Empfinden nach ausloten. Anwesend an der Auftaktveranstaltung des UFSP „Digital Religion(s)“ war ein „Segensroboter“, der auf Knopfdruck einen Segen spricht und ausdruckt. In den letzten Jahren haben die Church of England und die EKD mit Alexa und dem Google-Assistant kooperiert. Unter anderem können diese beiden nun über die nächste Messe Auskunft geben und Gebete vorsprechen. Wäre ein Segen von einem solchen Assistenten für Sie einem präsentischen Segen gleichwertig?

Ehrlich gesagt, ja. Es wäre vielleicht nicht jeden Tag etwas Gleichwertiges. Mal brauche ich vielleicht eher die persönliche Berührung und die menschliche Stimme. Wenn ich das Gefühl habe, es sei ein ernst gemeintes Angebot und da gehe es wirklich darum, dass Menschen gesegnet werden sollen, ich glaube, dann bin ich auch bereit dazu, mich dem zu öffnen. Ich habe eine Untersuchung gelesen, dass Menschen die Berührung einer künstlichen Hand genauso wahrnehmen wie die Berührung einer menschlichen Hand. Das öffnet für mich schon ein bisschen die Tore in die Richtung. Ich glaube, persönlich würde ich einen Menschen vorziehen, aber in Umständen wie Corona, anderen Gelegenheiten oder Notwendigkeiten wäre es mir, glaube ich, egal, dann würde ich es auch gut finden. Wenn ich mittels einer App meditiere, so sind das ja auch keine Live-Meditationen, sondern vorab gesprochene Texte. Und wenn dann diese Person sagt: „Ich wünsche dir einen schönen Tag!“, spüre ich das.

Wir könnten uns als Kirche einerseits entscheiden: „Sprechen Sie mit uns, sprechen Sie mit irgendeinem Menschen!“, oder wir könnten aber auch sagen: „Es gibt bei uns auch Angebote, die in die Richtung einer Automatisierung gehen.“ Das finde ich an manchen Punkten hilfreich. Ich war anfänglich ein bisschen kritischer. Mittlerweile denke ich, manches davon könnten wir übernehmen. Im Sinne auch einer Vorauswahl, denn der Bot könnte sagen: „Ich leite dich hier durch einen Kurs oder einen Gesprächsgang, und am Schluss tut‘s dir gut.“ Ich selber probiere das aus und nutze ein bisschen „Pocket Coach“ und den „WoeBot“. WoeBot ist eine verhaltenstherapeutische App, entwickelt mit der University of California in Los Angeles. Die hilft einem durch Angstzustände, depressive Phasen oder Ähnliches. Total toll gemacht. Und so etwas in der Richtung für Seelsorge – warum soll es so etwas nicht auch geben? Da sehe ich kein Problem.

FW und DN: Herr Blackstein, herzlichen Dank für das Gespräch.

Literatur

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Published Online: 2022-08-20
Published in Print: 2023-06-30

© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Articles in the same Issue

  1. Titelseiten
  2. Editorial
  3. Digitalisierte Spiritual Care und Seelsorge
  4. Originalia
  5. Wahrnehmungen digitaler Transformation im Medizinwesen – Potenziale für Krankenhausseelsorge sowie kritische Rückfragen
  6. Präsent bleiben
  7. Essay
  8. Die Teleseelsorge im Krankenhaus als Beispiel einer raumsensiblen Seelsorge
  9. Originalia
  10. Anonym, asynchron, ortsunabhängig – gelingende seelsorgliche Kommunikation im digitalen Sozialraum
  11. Stärkung der Spiritualität von Mitarbeitenden des Gesundheitswesens durch Digitale Medien – eine qualitative Untersuchung
  12. Niederschwellig, flexibel, digital – Seelsorge auf Instagram
  13. Essay
  14. Storytelling in sozialen Medien – die Umkehrung eines Seelsorge-Paradigmas?
  15. Interviews
  16. Digital ansprechbar. Seelsorge auf Instagram
  17. Spiritual Care im „Virtuellen Spital“: Ein Gespräch mit zwei Teleseelsorgern
  18. Erfahrungsberichte
  19. Das „Digitale Haus für Seelsorge und Beratung“ entsteht
  20. Digitalisierung in der TelefonSeelsorge – Erfahrungsbericht und Empfehlungen
  21. Interviews
  22. Spiritual Care on the go?
  23. Zum Zwist mit dem Zeitgeist: Ein Rückblick mit zwei Pionieren der europäischen Teleseelsorge
  24. Erfahrungsbericht
  25. Espiritualidad, Acompañamiento, Cuidado (Virtueller Massive Open Online Course)
  26. Tagungsbericht
  27. Sterben und Tod – Flucht, Krieg, Religion und die Möglichkeiten der Psychotherapie
  28. Rezensionen
  29. Birgit Knatz (2022) Handbuch Internetseelsorge. Was Seelsorge und Tango verbindet. Grundlagen, Formen, Praxis. Bielefeld: Luther-Verlag. ISBN 978-3-7858-0793-4; 464 Seiten; Preis: D 25,00 €; A 25,70 €; CH 30,90 CHF; E-Book 11,99 € Handbook internet counselling. What connects counselling and tango. Foundations, forms, practice.
  30. Werner Schweidtmann (2022) Sterben – das Schwierige im Leben. Hilfen und Hinweise für die Begleitung am Lebensende. Stuttgart: W. Kohlhammer. ISBN: 978-3-17-041797-7; 188 Seiten; Preis: D 29,00 €; E-Book 25,99 €
  31. Stichwort
  32. Sakrament(e)
  33. Spiritueller Impuls
  34. Fasten
  35. Mitteilungen
  36. Mitteilungen
Downloaded on 29.4.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/spircare-2022-0052/html?lang=en
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