Mercy ist ein mittelgroßes Spitalnetzwerk im U.S-Amerikanischen Süden und Südwesten, das über 40.000 Angestellte beschäftigt. In den letzten zehn Jahren wurde Mercy zu einem Vorreiter in der Adoption von Telehealth. Im Jahr 2015 öffnete die Institution eine „virtual care facility“ in St. Louis, Missouri, das sich als „Spital ohne Betten“ bezeichnet. In diesem Gebäude arbeiten die meisten Mitarbeiter/-innen an Arbeitsstationen, die mit je sechs Bildschirmen ausgestattet sind. Durch sie kommunizieren die Betreuungsteams miteinander sowie mit den Patienten, und führen medizinische Untersuchungen und Behandlungen durch.
Ein zentraler Fokus des Zentrums in St. Louis ist die Fernüberwachung von chronisch kranken, ambulanten Patienten. Durch ein Programm namens „vEngagement“ erhalten sie ein Tablet mit Zubehör, das biometrische Daten erfasst und automatisch an das Betreuungsteam übermittelt. Dadurch kann eine etwaige Verschlimmerung des Gesundheitszustands frühzeitig erkannt und der Patient bzw. die Patientin in eine Klinik eingewiesen werden. Die Software erlaubt es Patienten, täglich Einschätzungen zu ihrer körperlichen Verfassung zu übermitteln und Videoanrufe mit ihrem Betreuungsteam zu tätigen.
Die Betreuung der Patienten in ihrem Eigenheim verspricht massive Ersparnisse: abgesehen von der Anfahrt kostet jede Nacht in einem Spitalbett schnell mehrere tausend US-Dollar und belegt wertvolle Kapazitäten. Seit 2010 gelten zudem landesweite Bestimmungen, die Spitäler finanziell benachteiligen, wenn Patienten innerhalb von 30 Tagen nach Ersteintritt erneut stationäre Behandlung benötigen. Führende US-Amerikanische Spitalnetzwerke versprechen sich von Telehealth daher massive Vorteile in den drei ausschlaggebenden Maßstäben der öffentlichen Gesundheitsversorgung: sie macht medizinische Betreuung bezahlbarer („affordable“), verfügbarer („available“) und zugänglicher („accessible“).
Als katholisches Spitalnetzwerk sind Seelsorger ein fester Bestandteil dieser Entwicklung und werden durch ein Programm namens „vSpiritual Care“ in die Telehealth Infrastruktur eingebunden. Das Programm zielt in erster Linie auf ältere Patienten und Patientinnen mit chronischen Krankheiten ab. Etwa 5.000 Patienten und/oder Familien werden jährlich virtuell von Seelsorgern betreut, mit einem alljährlichen Anstieg besonders seit der Covid-19 Pandemie. Zurzeit beschäftigt Mercy Virtual zwei Seelsorger die ausschließlich via Telehealth arbeiten.
Um die besonderen Fertigkeiten und Arbeitsumstände zu umschreiben hat sich im englischsprachigen Raum der Begriff „telechaplaincy“, auf Deutsch „Teleseelsorge“, eingebürgert. Aufbauend auf die WHO-Definition des „telehealth“ beschreibt dies die
Durchführung von Spiritual Care, wenn Patienten und Anbieter durch Distanz getrennt sind. Teleseelsorge verwendet Informations- und Kommunikationstechnologie für den Austausch von Informationen für spirituelles Assessment, die Unterstützung bei spirituellem Leiden und Verletzungen, Forschung und Evaluation, sowie für die Weiterbildung von Seelsorgenden (Winiger 2022b).
Da sich die Seelsorge im virtuellen Raum von herkömmlichen Methoden der Seelsorge aus der Distanz (Brief-, Telefonseelsorge etc.) unterscheidet, schlagen wir das Suffix „2.0“ vor. Während Teleseelsorge „1.0“ auf die (meist) gelegentliche und krisenbedingte Anwendung von Telefon oder Videotelefonie verweist, bezieht sich Teleseelsorge 2.0 auf die vollständige und nahtlose Integration der Spitalseelsorge in virtuelle Telehealth-Plattformen wie diejenige von Mercy, die in den letzten Jahren in vielen US-Amerikanischen Spitalnetzwerken Einzug gehalten haben, und vorerst zumindest in der Patientendokumentation auch in Europa Seelsorger/-innen vor neue Herausforderungen stellt (Winiger 2022a; Winiger & Peng-Keller 2021).
Im September 2021 sprachen wir mit Justin Martin (JM) und James Austin (JM), zwei Teleseelsorgern bei Mercy Virtual, über ihre Arbeit. Das Interview, das im Rahmen eines Forschungsprojekts zu digitaler Seelsorge an der Professur für Spiritual Care an der Universität Zürich geführt wurde, wurde vom Interviewer (FW) aus dem Amerikanischen übersetzt.
FW: In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Internet häufig mit Entfremdung, Anonymisierung und somit mit einer gewissen „Entmenschlichung“ verbunden. James, Sie haben erwähnt, dass die Teleseelsorge-Plattform bei Mercy Virtual – genannt „vSpiritual Care“ – ein Fenster in die Welt des Patienten öffnet. Eine technologische Möglichkeit vielleicht, die dieser Wahrnehmung widerspricht. Können Sie mehr dazu sagen?
JM: Absolut. Ich hatte einmal eine Patientin, die als unkooperativ („medically non-compliant“) bezeichnet wurde. Sie tat nicht, was das Betreuungsteam von ihr wollte. Sie überwachte ihre Vitalfunktionen nicht, nahm ihre Medikamente nicht zuverlässig und antwortete nicht auf Telefonanrufe. Als ich sie schlussendlich mit einem Videoanruf erreichen konnte, saß sie in ihrem Auto. Zuerst sagte ich: „Oh, sie fahren gerade wohin, wohin geht es denn?“ Dann bemerkte ich: Sie fährt nirgendswo hin. Das ist ihr Zuhause. Diese Person lebt in ihrem Auto. Plötzlich machte alles Sinn – warum sie ihr Tablet nicht aufladen konnte – weil sie keine Steckdose hatte. Und warum sie ihr Insulin nicht nahm – weil sie es nirgendwo aufbewahren konnte. Weil ich sie in ihrem Umfeld wahrnehmen konnte, verstand ich: Sie war keine „Problempatientin“. Das ist die Realität, mit der sie täglich konfrontiert ist. Diese Patientin tat das Beste, das sie in einer sehr tragischen Situation tun konnte. Ich kommunizierte dies mit ihrem Betreuungsteam und wir konnten diese Annahmen korrigieren und die Behandlung mit neuem Werkzeug ausstatten, das auf ihre Lebensumstände einging. Und wir nahmen Kontakt mit einer Gemeinschaft vor Ort auf, sodass ihr zu einer stabilen Wohnsituation verholfen werden konnte.
In unserer Institution ist es übrigens gratis für die Patienten, über die virtuelle Plattform einen Seelsorger, Sozialarbeiter oder Physiotherapeuten zu konsultieren. Es ist ein sehr egalitäres Programm. Das ist unüblich im amerikanischen Gesundheitswesen. Es kommt auch vor, dass ich Patienten frage, ob es eine Glaubensgemeinschaft gibt, mit der sie sich verbunden fühlen und diese dann mit ihrer Erlaubnis kontaktiere. Etwa um sie zu informieren, dass ein Patient entlassen wurde, dass der Patient gerne einen Gemeindeseelsorger sehen würde, oder ich frage, ob die Kirche Nahrungsmittel auf Lager hat oder finanzielle Unterstützung bieten könnte. Aufgrund der HIIPA Vorschriften (Health Insurance Portability and Accountability Act von 1996) müssen wir allerdings sehr vorsichtig sein, dass die Privatsphäre des Patienten gewahrt bleibt. Eine wichtige Komponente virtueller Versorgungsangebote ist die aktive Partizipation des Patienten („patient buy-in“). Wir sind Partner, um ihnen zu helfen, das zu finden was sie brauchen, statt es ihnen einfach zu bringen. Wir wollen ihnen dazu verhelfen, sich selbst zu ermächtigen.
FW: Sie haben von einem „Ungleichgewicht“ im Machtverhältnis zwischen Arzt und Patienten geprochen. Was meinen Sie damit, und ändert sich mit Teleseelsorge etwas daran?
JM: Das Ungleichgewicht, von dem wir sprechen, zeigt sich oftmals, wenn ein Patient in einem Spitalbett liegt, und dauernd kommen Leute in das Zimmer. Es entsteht ein pausenloses „Sperrfeuer“ an Krankenschwestern, Ärzten, Reinigungskräften, usw. Wenn wir virtuell arbeiten, sind wir bei den Patienten, wenn es ihnen passt. Wir geben ihnen die Autorität zu sagen: „Nein, jetzt ist kein guter Zeitpunkt, können wir es morgen machen?“ Wir erlauben ihnen zu bestimmen, wann die Beziehung anfängt und aufhört. Wenn sie nicht möchten, können sie einfach den Anruf ablehnen. Stationäre Patienten haben diese Möglichkeit nicht. Es gibt auch Teleseelsorge Programme, die 24 Stunden Abdeckung gewährleisten. Wir sind noch nicht so weit. Zurzeit finden wir dann jeweils ein geeignetes Zeitfenster während den normalen Arbeitszeiten der Seelsorger.
FW: Anders als in der klassischen „angebotsseitigen“ Spiritual Care, in der der Seelsorger einfach an der Tür des Patienten klopfen kann und somit quasi „einen Fuß in der Türe hat“, verlangt die Teleseelsorge, dass die Nachfrage gewährleistet ist. Virtuelle Besuche können die Seelsorge im Spital jedoch noch unsichtbarer machen als sie oftmals schon ist. Besorgt Sie das?
JA: Nun, das ist eine gute Frage. Bei Mercy erachten wir jeden Mitarbeiter als Anbieter von Spiritual Care. Es ist wie eine Pyramide, in der die meisten Mitarbeiter im unteren Bereich liegen, das klinische Personal in der Mitte, und wir als geschulte Spezialisten sind die Spitze. Dadurch wird Spiritual Care ein integraler Teil der Betreuung. Zudem machen wir in der Patientenaufnahme („onboarding“) ein spirituelles Assessment, in dem wir die spirituellen Bedürfnisse der Patienten erfassen und der entsprechenden Ebene der Pyramide zuweisen. Wir sind Teil des Pflegemodells („model of care“). Von daher machen wir uns keine Sorge um unsere Stellung.
FW: Kommen wir zurück zur Annahme, dass Technologie „entmenschlichend“ sei. Manchmal äußern Seelsorger Bedenken, dass Teleseelsorge die Qualität der Betreuung beeinträchtigt. Beispielsweise fehlt die körperliche Berührung.
JM: Mir kommt dazu etwas in den Sinn, das wir immer wieder erleben. Ich weiß nicht, ob es eine kulturelle Eigenart des amerikanischen Mittleren Westens ist: häufig haben unsere Patienten eine Art „Hinterlassenschaftswand“ („legacy wall“) in ihrem Schlafzimmer, in der Küche oder Stube. Darauf sammeln sie Fotos und andere Erinnerungen von Familie, Haustieren, Ferien, usw. Und manchmal, wenn ich mit einem Patienten spreche, kann ich darauf zeigen und sagen: „Wer ist das hinter dir?“ Und es kommt zurück, „Oh, das ist mein Enkelkind. Und das ist meine Tochter hier“. Und so können sie sich öffnen und mit mir über ihre Familie oder ihre Betreuer sprechen, oder über ihre Hobbies und Ausflüge. Unsere klinischen Räume sind schön, aber sie sind sich alle sehr ähnlich. Wenn ich einen Patienten via Video betreue, kann ich die ganze Umgebung sehen, und ich erhalte Hinweise darauf, wer dieser Patient ist und was ihm wichtig ist. So kann ich Gefahrenherde im Eigenheim erkennen und das dem Team kommunizieren. Auch gibt es dem Patienten bzw. der Patientin Würde. Ich habe schon viele Familienmitglieder getroffen; der Patient sagt dann etwa, „Ich möchte, dass du meine Partnerin kennenlernst“, und zieht sie ins Bild. Oder ich habe über die Legacy Wall die ganze Familie durch dreizehn Generationen in die Vergangenheit hinein kennengelernt. Für mich spricht das enorm für die Würde der Patienten als Mensch, nicht als Krankheit.

James Austin an seiner Arbeitsstation im ‚virtuellen Spital‘ von Mercy in St. Louis, Missouri. Reproduziert mit Erlaubnis.
JA: Durch die virtuelle Betreuung fokussieren wir oftmals auf Symptome, bevor sie zu Problemen werden. Wir helfen den Patienten, langfristige Lösungen für chronische Krankheiten zu finden. Die stationäre Behandlung hingegen ist episodisch, sie ist „im Moment“ und passt häufig nicht gut zu jemandem mit langfristiger chronischer Krankheit. Was wir anbieten, ist die Möglichkeit, statt 12 Tagen im Spital, 12 Tage zuhause zu verbringen. Sie sind von der Familie umgeben und wir können mit ihnen sprechen, wenn sie im Park spazieren gehen oder auf der Terrasse sitzen und zuschauen, wie ihre Enkelkinder im Vorgarten spielen. Ich kann nicht sagen, wie viele Male ein Patient sagte, dass ihm das sein Leben wieder zurückgegeben hat: „Wir schauten gerade eine Serie im Fernsehen, bevor du angerufen hast, und sobald wir auflegen, schauen wir weiter“. Die Leute sind dankbar, dass wir sie ihr Leben leben lassen, statt sie in ihrer Krankheit gefangen zu halten. Das ist wirklich „menschlich machend“ („humanizing“). Obwohl es durch Video wirkt.
JM: Wir haben auch Patienten mit Behinderungen, die eine Stunde oder weiter von der nächsten Mercy Klinik entfernt wohnen. Einige haben Sauerstoffflaschen oder andere Geräte, und können kaum mehr in ein Auto einsteigen. Wenn solche Patienten einen Angehörigen bemühen müssen, jedes Mal, wenn sie einen Arzttermin haben, dann ist das enorm ermüdend für alle Beteiligten. Durch unsere virtuelle Betreuung kann das klinische Personal sehr viele Untersuchungen von Zuhause aus machen. Viele Patienten haben nicht mehr viel Zeit zum Leben und möchten sie nicht damit verbringen, Transporte zu organisieren oder zur nächsten Klinik oder Apotheke zu gehen.
JA: Wenn wir als Teleseelsorger solche Patienten durch Videoanrufe in ihrem Eigenheim betreuen, dann sehen wir nicht den Rollstuhl oder das Bett. Wir sehen nicht die Schwäche und Behinderung, sondern eine Person, umgeben von ihren Mitmenschen. Wir kommunizieren und teilen und genießen eine gemeinsame Welt. Eine Patientin ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Sie hatte in einem jungen Alter gravierende Verletzungen erlitten. Sie war in der Blüte ihres Lebens und völlig an ihr Bett gefesselt. Aber wenn wir per Video sprachen, war sie nicht an ihr Bett gebunden. Wir reisten zusammen in der virtuellen Welt umher. Sie war nicht jemand, der – ich kann diesen Begriff nicht leiden – „invalid“ war. Sie war nicht invalid. Sie war nicht gebrochen. Sie war eine Person, ich konnte Zeit mit ihr verbringen und sie wusste, dass ich diese Zeit mit ihr verbrachte, und nicht mit ihrem Bett oder ihrem Rollstuhl. Das ist „humanizing“. Das ist auf sie hören.
FW: Sie sprechen von der Betreuung von Behinderten und chronisch Kranken, die sich von den episodischen Begegnungen mit stationären Patienten unterscheidet. Wie lange dauert die seelsorgliche Begleitung im Rahmen des Teleseelsorge-Angebots im Schnitt?
JM: Um einen unserer Lieblingssätze zu bemühen: „Wir geben den Patienten die richtige Betreuung zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Häufigkeit.“ Einige unserer Patienten brauchen akute Betreuung und wir sehen sie jede Woche, um sie durch eine Krise zu begleiten. Andere, besonders wenn wir Trauerbegleitung durchführen, begleiten wir über Monate hinweg. Und dann gibt es solche, die wir für ein paar Jahre alle sechs Monate sehen. Wir finden die Kadenz, die sich für den Patienten am besten anfühlt. Keine zwei Patienten sind dieselben und so können wir nicht sagen, „jeder Patient kriegt vier Besuche und dann müssen wir weiter“. Alle Patienten im vEngagement-Programm kommen mit einem Seelsorger oder mit einer Seelsorgerin in Kontakt, wenn sie aufgenommen werden, quasi als Einführung in die Spiritual Care, und wir machen ein spirituelles Assessment. Dann planen wir auf dieser Basis. Und wenn der Patient an einem Punkt ankommt, an dem er sagen kann, „die Dinge sind wieder zurück in der Ausgangslage für mich“, lassen wir sie wissen, dass wir jederzeit erreichbar sind und beenden die Begleitung für den Moment. Ich hatte einen Patienten heute Morgen, mit dem ich seit sicher sechs Monaten nicht mehr gesprochen hatte. Er sagte zu mir: „Ich dachte nicht, dass ich dich wieder anrufen müsste, aber ich fühle mich sehr besorgt in letzter Zeit. Hast Du einen Moment?“ Und wir hatten ein gutes Gespräch. Es war nicht eingeplant, aber der Patient fühlte, dass meine Gegenwart ihm helfen könnte.
FW: Wir haben dieses Interview auf Ihre Einladung hin mit einem gemeinsamen Gebet begonnen. Haben Sie Strategien oder Angewohnheiten, mit denen sie eine Sitzung anfangen, um das Gefühl der virtuellen Präsenz zu stärken?
JA: Diese haben wir. Vieles davon wurde geboren aus der Erkenntnis, dass wir manches in unserer herkömmlichen Werkzeugkiste nicht mehr anwenden können. Wir können nicht mehr einfach ins Zimmer kommen und in Stille mit dem Patienten sitzen. Das funktioniert bestens im Spital. Aber via Video starrt man sich dann einfach an. Nach etwa drei Sekunden wird es extrem unangenehm. Wenn man im gleichen Zimmer sitzt, kann man drei Minuten ruhig sein und man fühlt sich wohl dabei. Aber in einer virtuellen Umgebung müssen wir als Seelsorger unsere eigene Energie an den Tisch bringen, wir müssen mit den Mitarbeiter/-innen im Team sprechen, um uns auf die Begegnung vorzubereiten, damit wir wissen, woran wir sind und der Patient das Gefühlt erhält, dass sich ein Team um ihn kümmert. Dass wir alle da sind und über ihn wachen. Ihn nicht überwachen, sondern zusehen, dass er erhält, was er braucht, um jeden Tag das Beste zu gewährleisten, das für ihn möglich ist. Wenn wir auf der Station einen „code blue“ (Herz- oder Atemstillstand) oder ein „Stufe 1“-Trauma haben, dann ist die Energie schon dort. Und der Seelsorger ist nur ein Medium und jongliert die Situation entsprechend. Verzeihen Sie mir diese Bemerkung, aber solche Vorfälle sind relativ einfach, wir müssen einfach nur dort sein. Aber wenn wir virtuelle Seelsorge anbieten, können wir nicht nur „dort“ sein. Wir müssen ganz dort sein. Wir schaffen diese Präsenz zum Beispiel, indem wir mit den Patienten Jahrestage und wichtige Ereignisse feiern. Wir sind uns bewusst, dass wir im privaten Raum des Patienten sind. Und wir erkennen, dass wir das Interesse des Patienten in jedem Moment verdienen müssen. Sie sind ja komplett ermächtigt, das Gespräch jederzeit per Knopfdruck zu beenden.
Und wir schaffen Augenkontakt durch die Kamera hindurch. Justin ist ein Meister darin. Ich weiß nicht, ob Sie ihn beobachtet haben. Aber auch wenn er gerade zuhört, erkennt man, dass er dabei ist, er hat einen angenehmen Gesichtsausdruck und er behält Blickkontakt. Das ist gut, besonders wenn die Kamera einfriert. Wenn man abgelenkt oder überdrüssig aussieht und das Bild bleibt minutenlang so stehen, dann wissen Sie, dass Sie die erhoffte Wirkung des Gesprächs verfehlt haben. Wir sind uns immer bewusst, wie wir gerade dreinblicken.
JM: Etwas anderes sehr Schönes an der Teleseelsorge ist, dass wir mit dem Patienten Blickkontakt halten, aber gleichzeitig mit ihrem Arzt oder ihrer Pflegefachperson kommunizieren können. Oder wir suchen mit einer Suchmaschine nach etwas, das der Patient erwähnt hat, von dem wir nichts wissen. Vielleicht ist er zoroastrisch und wir wissen nichts darüber. Wir müssen auch nicht mehr sagen „Oh einen Moment bitte, ich hole kurz Ihren Arzt.“ Wir schreiben diesen einfach kurz im Chat an. Als virtuelle Seelsorger können wir mehrere Dinge für den Patienten gleichzeitig tun („multitasking“). Und es fühlt sich nahtlos an. So können wir in 15, 20 oder 30 Minuten viel erreichen. Begegnungen müssen nicht unbedingt Stunden dauern, um bedeutend zu sein und schöne Ergebnisse hervorzubringen.
FW: Mit dem 21st Century Cures Act, der gerade in Kraft getreten ist, steigen die Anforderungen an die Dokumentation. Das Gesetz verlangt beispielsweise, dass Patienten ihre Daten ohne große Verzögerung einsehen können. Das beinhaltet auch die Dokumentation der Seelsorger.
JA: Nicht nur das – die Patienten können auch den Änderungsverlauf einsehen. „Oh, das meinte ich nicht“ – zu spät, der Patient sieht den Fehler und die Korrektur. Das ist toll für sie, aber erfordert, dass wir angemessen und genau kommunizieren und dokumentieren und die Würde der Patienten und ihre Geschichte nicht verletzen.
JM: Unsere Patienten sind es sich gewöhnt, virtuell betreut zu werden, nicht nur durch die Seelsorge, aber vom ganzen Team. Wir müssen auch nicht mehr in ein Büro eilen, um die Begegnung detailgetreu zu dokumentieren, sondern machen es fortlaufend. Wenn wir in der „Patientenwelt“ sitzen, müssen wir uns auf unser Erinnerungsvermögen verlassen. Sie verlassen das Zimmer und denken, „Okay, wie hieß ihr Kind nochmal?“, oder „Wo hat sie gesagt, dass sie aufgewachsen ist?“. Als Teleseelsorger können wir viel leichter den ganzen Menschen mit seiner Geschichte in der Dokumentation erfassen. Ich persönlich habe Mühe mit Namen. Ich weiß, das ist etwas seltsam für einen Seelsorger. Aber wenn ich mit einem Patienten bin und mir der Name entfällt, kann ich kurz auf meinen Schirm schauen, und „oh, ich spreche mit James“. Wenn ich neben dem Patientenbett sitze, muss ich andere Tricks anwenden, damit es nicht offensichtlich ist, dass ich den Namen vergessen habe.
JA: Aus diesem Grund platzieren wir die Kamera so nah wie möglich zur Dokumentation und schauen auf die Dokumentation im peripheren Blickfeld. Es ist eine Fähigkeit, die man lernen muss. Ich brauchte etwa sechs Monate als Teleseelsorger, bis ich es tun konnte. Geben Sie sich viel Gnade.
FW: James, Justin, herzlichen Dank für das Gespräch.
Acknowledgments
Wir danken dem Universitären Forschungsschwerpunkt Digital Religion(s) für die Finanzierung dieses Projekts.
Literatur
Winiger F (2022a). Telechaplaincy 2.0: Electronic Medical Records. Digital Religion(s): Der Blog. (Zitierdatum 08.02.222), abrufbar unter https://www.uzh.ch/blog/digitalreligions/2022/01/20/telechaplaincy-2-0-electronic-medical-records/.Suche in Google Scholar
Winiger F (2022b). The changing face of spiritual care: Current developments in telechaplaincy. Journal of Health Care Chaplaincy, 0(0), 1–18. https://doi.org/10.1080/08854726.2022.204089510.1080/08854726.2022.2040895Suche in Google Scholar PubMed
Winiger F, Peng-Keller S, Neuhold D (2021) Digitalisierung seelsorglicher Spiritual Care. [Videobeitrag]. (Zitierdatum 08.02.2022), abrufbar unter https://www.uzh.ch/blog/digitalreligions/2021/08/16/digitalisierung-seelsorglicher-spiritual-care/.Suche in Google Scholar
© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Artikel in diesem Heft
- Titelseiten
- Editorial
- Digitalisierte Spiritual Care und Seelsorge
- Originalia
- Wahrnehmungen digitaler Transformation im Medizinwesen – Potenziale für Krankenhausseelsorge sowie kritische Rückfragen
- Präsent bleiben
- Essay
- Die Teleseelsorge im Krankenhaus als Beispiel einer raumsensiblen Seelsorge
- Originalia
- Anonym, asynchron, ortsunabhängig – gelingende seelsorgliche Kommunikation im digitalen Sozialraum
- Stärkung der Spiritualität von Mitarbeitenden des Gesundheitswesens durch Digitale Medien – eine qualitative Untersuchung
- Niederschwellig, flexibel, digital – Seelsorge auf Instagram
- Essay
- Storytelling in sozialen Medien – die Umkehrung eines Seelsorge-Paradigmas?
- Interviews
- Digital ansprechbar. Seelsorge auf Instagram
- Spiritual Care im „Virtuellen Spital“: Ein Gespräch mit zwei Teleseelsorgern
- Erfahrungsberichte
- Das „Digitale Haus für Seelsorge und Beratung“ entsteht
- Digitalisierung in der TelefonSeelsorge – Erfahrungsbericht und Empfehlungen
- Interviews
- Spiritual Care on the go?
- Zum Zwist mit dem Zeitgeist: Ein Rückblick mit zwei Pionieren der europäischen Teleseelsorge
- Erfahrungsbericht
- Espiritualidad, Acompañamiento, Cuidado (Virtueller Massive Open Online Course)
- Tagungsbericht
- Sterben und Tod – Flucht, Krieg, Religion und die Möglichkeiten der Psychotherapie
- Rezensionen
- Birgit Knatz (2022) Handbuch Internetseelsorge. Was Seelsorge und Tango verbindet. Grundlagen, Formen, Praxis. Bielefeld: Luther-Verlag. ISBN 978-3-7858-0793-4; 464 Seiten; Preis: D 25,00 €; A 25,70 €; CH 30,90 CHF; E-Book 11,99 € Handbook internet counselling. What connects counselling and tango. Foundations, forms, practice.
- Werner Schweidtmann (2022) Sterben – das Schwierige im Leben. Hilfen und Hinweise für die Begleitung am Lebensende. Stuttgart: W. Kohlhammer. ISBN: 978-3-17-041797-7; 188 Seiten; Preis: D 29,00 €; E-Book 25,99 €
- Stichwort
- Sakrament(e)
- Spiritueller Impuls
- Fasten
- Mitteilungen
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