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Chronischer Schmerz als Sinnkrise

Chronic pain as a crisis of meaning
  • Claudia Bozzaro

    Dr., ist Philosophin und Medizinethikerin. Sie studierte in Freiburg im Breisgau und in Paris, Frankreich. Ihre Forschungsinteressen betreffen medizinethische Fragen am Lebensanfang und am Lebensende, Konzepte von Schmerz und Leid, die Ethik des Alterns, und philosophische und medizinische Anthropologie.

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    and Ursula Frede

    ist Diplom-Psychologin mit Zusatzausbildung in Gesprächspsychotherapie und Psychodramatherapie sowie Autorin zahlreicher Artikel und Bücher zu den Themen Leben mit chronischem Schmerz, Psychologische Schmerztherapie, Therapie mit alten und schwerkranken Menschen.

Published/Copyright: May 17, 2018

Zusammenfassung

Schmerzen sind ein negatives Widerfahrnis, das mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln abgeschafft werden sollte. In westlichen Gesellschaften scheint diese Annahme einen hohen Grad an Plausibilität zu haben. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die an die Medizin herangetragen werden, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, um eine dauerhafte und umfassende Befreiung von Schmerzen zu gewährleisten. Der chronische Schmerz lässt diese Erwartungen ins Leere laufen. Er konfrontiert nicht nur mit einer Vielzahl körperlicher Beschwerden, sondern auch mit der Begrenztheit menschlicher Einflussmöglichkeiten. Erfahrungen dieser Art lösen bei vielen Betroffenen eine Sinnkrise aus: Sie suchen nach einer Erklärung für ihren Schmerz, nach einem Sinn für ihr Leiden. Im vorliegenden Artikel soll die Bedeutung dieser Dimension in Hinblick auf schmerztherapeutische Formen der Begleitung besprochen werden. Wir werden aufzeigen, dass folgender Perspektivwechsel entscheidend ist: Die Rückwärts-Suche nach dem Warum sollte an Bedeutung verlieren zugunsten einer Vorwärts-Suche nach dem Wozu, d. h. nach dem, was dem Leben des Betroffenen auch dann Sinn und Bedeutung verleihen könnte, wenn frühere Möglichkeiten der Sinnerfüllung und Selbstverwirklichung verloren sind. Aufgabe und Herausforderung für die Medizin werden darin gesehen, den Betroffenen bei seiner Suche nach dem Wozu seines Lebens zu unterstützen, sich dabei weniger an Leitlinien zu orientieren, als vielmehr am Erkrankten.

Abstract

Medicine is increasingly being confronted with the wish of permanent and comprehensive freedom from pain – and the prospect of being pain-free is partially even being promoted by medical science itself. In our cultural context, the idea and expectations are established that pain is something which medical science and technology can – and must – “get rid of.” Chronic pain reduces this expectations to absurdity as it is non-curable by definition. Pain, especially chronic pain, confronts us with the limits of our feasibility. Experiences like chronic pain often trigger a crisis of meaning in many patients and thus they look for an explanation for their pain, for the meaning of their suffering. In this article, we will discuss the importance of this existential and also spiritual dimension for pain therapy. We plead for a change of perspective: the backwards search for the reason of pain should become less important in favour of a forward search according to what could still give meaning to a patient’s life, even if earlier opportunities of fulfilment and self-realization are lost. Doctors’, therapists’ and nurses’ tasks should be to support the patient in dealing with the question of the meaning of his life, thereby orientating themselves less on guidelines than on the patient, on his individual way of reshaping his life.

Über die Autoren

Claudia Bozzaro

Dr., ist Philosophin und Medizinethikerin. Sie studierte in Freiburg im Breisgau und in Paris, Frankreich. Ihre Forschungsinteressen betreffen medizinethische Fragen am Lebensanfang und am Lebensende, Konzepte von Schmerz und Leid, die Ethik des Alterns, und philosophische und medizinische Anthropologie.

Ursula Frede

ist Diplom-Psychologin mit Zusatzausbildung in Gesprächspsychotherapie und Psychodramatherapie sowie Autorin zahlreicher Artikel und Bücher zu den Themen Leben mit chronischem Schmerz, Psychologische Schmerztherapie, Therapie mit alten und schwerkranken Menschen.

Interessenkonflikt

Die Autorinnen bestätigen, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

Literatur

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Online erschienen: 2018-05-17
Erschienen im Druck: 2018-07-01

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Articles in the same Issue

  1. Frontmatter
  2. Frontmatter
  3. Editorial
  4. Chronische Erkrankungen und Spiritual (Self-)Care
  5. Originalia
  6. Chronische Schmerzpatientinnen und -patienten sprechen über ihre Spiritualität
  7. Interprofessionelle Perspektiven zu Spiritual Care am Beispiel chronisch Kranker im Akutspital
  8. Chronischer Schmerz als Sinnkrise
  9. Übersichtsbeiträge
  10. Spiritual Care in der Langzeitpflege
  11. Welche Fachpersonen zeigen sich in der Literatur zuständig für die spirituellen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten mit einer neuen Krebsdiagnose?
  12. Interview
  13. „Ich sehe den Schmerz nicht als Strafe“
  14. Erfahrungsberichte
  15. Heilsames Berühren
  16. Patientinnen und Patienten Ohne Bekenntnis (OB)
  17. Entwicklung eines Moduls zu „Spiritualität und Gesundheitsfürsorge“ für den Arbeitsschutz
  18. Rezensionen
  19. Chochinov HM (2017) Würdezentrierte Therapie. Was bleibt – Erinnerungen am Ende des Lebens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40289-42; 245 Seiten; Preis: D 35,00 €
  20. Prenner H (2016) Die spirituelle Dimension in der Pflegeausbildung. Konzeption und Evaluation eines Workshops. Wiesbaden: Springer Fachmedien. ISBN 978-3-658-12581-3; 63 Seiten; Preis Softcover: 34,99 €; E-Book: 26,99 €
  21. Famos R, Felder M, Frey F, Hügli M, Wild T (2017) Dem Anvertrauten Sorge tragen – Das Berufsgeheimnis in der Seelsorge. Bern, Basel: Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund SEK und Friedrich Reinhardt Verlag. ISBN: ISBN 978-3-7245-2176-1; Preis: CHF 18,00.
  22. Hagen T, Gross N, Jacobs W, Seidl C (Hg.) (2017) Seelsorge im Krankenhaus und Gesundheitswesen. Auftrag – Vernetzung – Perspektiven. Freiburg i.Br.: Herder. ISBN: 978-3-451-39987-9; 320 Seiten; Preis: 28,00 €.
  23. Simon Peng Keller (Hg.) (2017) Bilder als Vertrauensbrücken. Die Symbolsprache Sterbender verstehen. Berlin: De Gruyter. ISBN 978-3-11-052520-5; 147 Seiten; Preis: 69,95 €, 99 CHF
  24. Tagungsberichte
  25. Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychosomatik
  26. Spiritual Care im Kontext chronischer Erkrankungen und Schmerzen
  27. Mitteilungen
  28. Mitteilungen
  29. Akademische Psychologin/Psychologe (100 %) in Süd-Norwegen gesucht
  30. Die EAPC Reference Group Spiritual Care bittet um Ihre Mithilfe: Systematische Übersichtsarbeit
  31. Interview
  32. „Ein Rest wird bleiben.“ Erfahrungen mit Traumatherapie siebzig Jahre nach den traumatischen Erfahrungen
Downloaded on 13.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/spircare-2018-0009/html
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