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Ein blinder Fleck bei Niklas Luhmann? Soziale Wirkungen von Emotionen aus Sicht der fraktalen Affektlogik

Published/Copyright: May 26, 2016
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Zusammenfassung

Dynamische Wirkungen von Emotionen auf das kollektive Denken und Verhalten wurden bisher soziologisch kaum hinreichend erfasst. Dies wird im ersten Teil des Artikels anhand der kritischen Analyse ihres Stellenwerts im Werk von Niklas Luhmann paradigmatisch aufgezeigt. Luhmann versteht Emotionen fast nur als individuelle Störphänomene, die grundsätzlich nicht Gegenstand der Soziologie seien. Dieser Sichtweise wird anschließend das Konzept der fraktalen Affektlogik (Ciompi 1982; 1997) gegenübergestellt, welches Affekte als gerichtete energetische Zustände evolutionären Ursprungs auffasst, die mit spezifischen Verhaltenstendenzen und Kognitionen gekoppelt sind und sich - u.a. dank dem Phänomen der emotionalen Ansteckung - auf verschiedenste soziale Ebenen ausbreiten. Emotionen beeinflussen das kollektive Denken und Handeln sog. selbstähnlich wie das individuelle. Sie lenken Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis auf Außerordentliches, regulieren das Alltagsverhalten und vermögen auch plötzliche nichtlineare Umschläge von Fühlen, Denken und Verhalten in global neue Funktionsmuster zu bewirken. Anhand von sozialen Schlüsselphänomenen wie kontingenter Kommunikation, Selbstreferenz, Komplexitätsreduktion, Sinn- und Wertbildung wird weiter gezeigt, dass kollektive Affekte im Dienst der Autopoiese sozialer Systeme stehen. Sie sind biogene Grundenergien, die letztlich alle soziale Dynamik mobilisieren und strukturieren. Diese Sichtweise ergänzt einen »blinden Fleck« in der Luhmannschen Soziologie und führt zu neuen Fragestellungen.

Online erschienen: 2016-5-26
Erschienen im Druck: 2004-5-1

© 2004 by Lucius & Lucius, Stuttgart

Downloaded on 21.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/sosys-2004-0103/html
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