Abstract
Die Ausstellung „Nach den Maschinen. Industriefotografie aus Sachsen-Anhalt“, die vom 27. September bis zum 15. Dezember 2024 im Salinemuseum in Halle an der Saale zu sehen war, verfolgte das Ziel, erstmals einen umfassenden Überblick über die Industriefotografie der Region zu bieten – von den späten 1920er Jahren bis zur Gegenwart. Dabei wird die Fotografie als Medium verstanden, das die visuelle Vorstellung vom Industriezeitalter entscheidend geprägt hat, indem sie nicht nur ökonomische und technologische Prozesse, sondern auch die sozialen, politischen und ökologischen Dynamiken reflektiert, die dieses Zeitalter bestimmten. Fotografie, so zeigte die Präsentation, findet im industriellen Kontext vielfältige Anwendungen: als Dokumentationsmedium, Werbemittel, wissenschaftliches Werkzeug und künstlerische Ausdrucksform. Mit dem vorliegenden Beitrag geben die Kuratoren Einblick in die Vorbereitung des Ausstellungsprojektes und die zugrundeliegenden Recherchen.
Abstract
The aim of the exhibition “After the Machines: Industrial Photography from Sachsen-Anhalt”, shown at the Salinemuseum in Halle an der Saale from 27 September to 15 December 2024, was to provide the first comprehensive overview of industrial photography in the region from the late 1920s to the present. Photography is seen as a medium that has had a crucial impact on how the industrial age is visualized. This is due to photography’s capacity to reflect on not just economic and technological developments, but also the social, political and environmental dynamics that shaped this period. The exhibition proved that in an industrial context, photography’s varied applications extend from documentation to marketing to scientific toolkit and artistic mode of expression. In this paper, the curators give readers a glimpse of how they prepared the exhibition and the research underpinning it.
Anmerkungen
[1] John Palatini und Christian Drobe (Hg.): Nach den Maschinen. Industriefotografie aus Sachsen-Anhalt, Ausst.-Kat. Salinemuseum Halle, 27. September –15. Dezember 2024, Reihe: Beiträge zur Industriekultur Sachsen-Anhalts, Bd. 1, Halle an der Saale: Mitteldeutscher Verlag 2024.Search in Google Scholar
[2] Dirk Schaal: „Industriekultur und Industriefotografie in Sachsen-Anhalt“, in: Palatini und Drobe 2024 (wie Anm. 1), S. 17–30.Search in Google Scholar
[3] Das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) verwahrt seit 1991/1992 das Bildarchiv des VEB Fotokinoverlags Leipzig mit etwa 26 000 fotografischen Abzügen von professionellen Fotografinnen und Fotografen sowie Amateurinnen und Amateuren. Das Archiv ist nach Schließung des Verlags als Dauerleihgabe an das Museum gekommen. Gesammelt wurden in diesem Archiv Druckvorlagen für Veröffentlichungen aus zwei Zeitschriften, die im Fotokinoverlag erschienen sind. Dabei handelt es sich zum einen um das Fotokinomagazin und zum anderen um Die Fotografie, die Profi-, Amateur- und Kunstfotos großenteils aus Ostdeutschland veröffentlichte. Seit 1964 wurden sie nahezu vollständig in der Redaktion aufbewahrt und ab 1979 kontinuierlich in einer von den Redaktionsmitarbeitern getroffenen Auswahl archiviert. Siehe hierzu: T. O. Immisch und Anja Jackes: „Sammlung Photographie der Stiftung Moritzburg Halle an der Saale“, Vortrag im Rahmen des Symposiums Fotografie im Museum, 21. –23. November 2008, Staatliche Museen zu Berlin, online abrufbar unter: <https://www.smb.museum/fileadmin/website/Museen_und_Sammlungen/Museum_fuer_Fotografie/Symposium_Fotografie_im_Museum/6_Immisch_Jackes.pdf> (zuletzt eingesehen am 12.05.2025).Search in Google Scholar
[4] Zu den Errungenschaften Immischs für die Sammlung siehe jüngst unter anderem den Nachruf von Wolfgang Hesse: „Für T. O. Immisch (1953–2024)“, in: Rundbrief Fotografie, Vol. 31 (2024), No. 3/4, N. F. 123/124, S. 104, <https://doi.org/10.1515/rbf-2024-3017>.10.1515/rbf-2024-3017Search in Google Scholar
[5] Womöglich liegt hier ein generelles Problem der Darstellbarkeit von Industriekultur vor, vgl. Fabian Grütter und Max Stadler: „Am Ende der Arbeit. Industriekultur und Bilderglaube“, in: kritische berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften, Vol. 44 (2016), No. 3, S. 45–55.Search in Google Scholar
[6] Vgl. zum Beispiel Ulrich Pohlmann: „Moderne Zeiten. Industrie im Blick von Malerei und Fotografie – zur Einführung“, in: Kathrin Baumstark, Andreas Hoffmann und ders. (Hg.): Moderne Zeiten. Industrie im Blick von Malerei und Fotografie, Ausst.-Kat. Bucerius Kunst Forum, Hamburg, 26. Juni –26. September 2021, München: Hirmer 2021, S. 10–22. Pohlmann spricht das hohe gestalterische Niveau der westdeutschen Nachkriegsfotografie an und verweist auf ihre funktionale Vielfalt. Die Bildbelege liefern westdeutsche Fotografinnen und Fotografen beziehungsweise internationale Positionen. Ostdeutsche Fotografie kommt – von Evelyn Richter (1930–2021) abgesehen – nicht vor; weder anhand von Orten noch von Personen. Vgl. ebenso die Bildauswahl in: Ulrich Pohlmann und Rudolf Scheutle (Hg.): IndustrieZEIT. Fotografien 1845–2010, Ausst.-Kat. Münchner Stadtmuseum, 15. April –11. September 2011, Tübingen: Wasmuth 2011. 2002 erschien ein Beitrag von Andreas Zeising in einem wichtigen Ausstellungs- und Katalogprojekt zur deutschen Industriefotografie im 20. Jahrhundert: „Dramatik und Distanz. Positionen der Industriefotografie im 20. Jahrhundert“, in: Sabine Beneke und Hans Ottomeyer (Hg.): Die zweite Schöpfung. Bilder der industriellen Welt vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Ausst.-Kat. Deutsches Historisches Museum, Berlin, Martin-Gropius-Bau, 31. Juli –21. Oktober 2002, Berlin: Edition Minerva 2002, S. 114–119. Er verweist neben Albert Renger-Patzsch (1897–1966) zumindest auf den lange Zeit in Halle (Saale) wirkenden Hans Finsler (1891–1972) als Pionier der künstlerischen Industriefotografie der 1920er Jahre. Eine Fortsetzung findet diese künstlerische Industriefotografie für Zeising dann erst wieder mit Bernd (1931–2007) und Hilla Becher (1934–2015).Search in Google Scholar
[7] Vgl. auch die Sonderausgabe der kritischen berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften, Themenheft: Industriefotografie, hrsg. von Eva Ehninger, Vol. 46 (2018), No. 4.Search in Google Scholar
[8] Annette Schuhmann: „Anfang und Ende des ‚Goldenen Zeitalters‘. Zeithistorische Kontexte der Industriefotografie im 20. Jahrhundert“, in: Stefanie Regina Dietzel und Carola Jüllig (Hg.): Fortschritt als Versprechen. Industriefotografie im geteilten Deutschland, Ausst.-Kat. Deutsches Historisches Museum, Berlin, 10. Februar –29. Mai 2023, Berlin: Hatje Cantz 2023, S. 16–31, hier S. 27; siehe zu diesem Gedanken ebenso Stefanie Regina Dietzel und Carola Jüllig: „Zur Ausstellung“, in: ebd., S. 10–12, hier S. 11.Search in Google Scholar
[9] Auch vor diesem Hintergrund ist die Ausstellung Fortschritt als Versprechen besonders hervorzuheben, da sie die Industriefotografie in der DDR und der Bundesrepublik differenziert betrachtet und ostdeutsche Fotografen wie Christian Borchert (1942–2000), Jürgen Matschie (*1953), Gerhard Kiesling (1922–2016), Herbert Hensky (1910–2005), Hartmut Hilgenfeldt (*1950), Martin Schmidt (*1925), Wolfgang Thieme (*1941), Eugen Nosko (*1938) und Kurt Schwarzer (1927–2012) in einen gesamtdeutschen Diskurs einordnet. Ein wesentlicher Mangel liegt in der fehlenden Erarbeitung von Überblicksdarstellungen, die die Industriefotografie Ostdeutschlands über einen längeren Zeitraum hinweg – vom Deutschen Kaiserreich bis in die Gegenwart – beleuchten und wie sie für die Industriefotografie etwa des Ruhrgebiets oder des Saarlandes existieren. Diese Lücke erschwert die Sichtbarkeit der ostdeutschen Industriefotografie und ihre Integration in die gesamtdeutsche Fotografiegeschichte. Diesem Desiderat steht paradoxerweise das in den vergangenen Jahren stark gewachsene Interesse an der Fotografie aus der DDR- und Wendezeit entgegen. Jubiläen und beschleunigte Debattenkultur erlauben manche Neuentdeckung, etwa in der Alltagskultur beziehungsweise Privatfotografie. Ausstellungen wie Träum weiter. Berlin, die 90er vom 14. September 2024 bis zum 22. Januar 2025 bei C/O Berlin bieten eine vergleichende Perspektive nach der Wende.Search in Google Scholar
[10] Im Katalog zeigt Katharina Arlt am Beispiel des Fotografen Wolfgang G. Schröter die Weite dieser Zugriffe, bis zu umfassenden Farbexperimenten, vgl. Katharina Arlt: „Farbfotografie zwischen ideologischem Anspruch und medialer Autonomie. Die Genese des Bildmotivs ‚Teilansicht des VEB Filmfabrik Wolfen – Farbsolarisation‘ (1953–1969) von Wolfgang G. Schröter“, in: Palatini und Drobe 2024 (wie Anm. 1), S. 49–58.Search in Google Scholar
[11] Rolf Sachsse beleuchtet im Katalog die verschiedenen erinnerungskulturellen Projekte der Nachwendezeit, die im Medium der Fotografie initiiert wurden. Rolf Sachsse: „Vor Ort im Gedächtnis. Fotografische Dokumentationsprojekte postindustrieller Zustände in den ostdeutschen Bundesländern“, in: Palatini und Drobe 2024 (wie Anm. 1), S. 59–66.Search in Google Scholar
[12] Vgl. dazu Manuela Winter: „Im Dunst. Industriefotografie der DDR aus dem Bestand des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale)“, in: Palatini und Drobe 2024 (wie Anm. 1), S. 31–48 und Annette Schuhmanns Ausführungen in Dietzel und Jüllig 2023 (wie Anm. 8), S. 18/19 zu der Fotografie Brigade ‚Karl Marx‘ im VEB Elektrokohle Lichtenberg von Ludwig Rauch (*1960) aus dem Jahr 1986, die der Zensur zum Opfer fiel, weil sie in beinahe provozierender Weise den veralteten Maschinenpark, den Schmutz und die kritische Distanz der Arbeiter zeigte.Search in Google Scholar
[13] Vgl. Ortrun Vödisch: „Lost Places. Zwischen Romantik, Adrenalin und Geschichtsdokumentation. Ein Interview mit Thomas Kemnitz“, in: Palatini und Drobe 2024 (wie Anm. 1), S. 67–74.Search in Google Scholar
[14] Tim Strangleman: „ ‘Smokestack Nostalgia,’ ‘Ruin Porn’ or Working-Class Obituary. The Role and Meaning of Deindustrial Representation“, in: International Labor and Working-Class History, Vol. 84 (2013), S. 23–37, <https://doi.org/10.1017/S0147547913000239> (zuletzt eingesehen am 13.01.2025).10.1017/S0147547913000239Search in Google Scholar
[15] Beispielsweise fand während des Werkleitz-Festivals 2023 im Mansfelder Land auf dem Eventgelände die Ausstellung Mein Schatz statt, in der sich die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler mit dem Bergbau der Region und dessen landesübergreifenden Folgen auseinandersetzten. Für genauere Informationen zur Festivalausstellung siehe: <https://werkleitz.de/mein-schatz> (zuletzt eingesehen am 14.01.2025).Search in Google Scholar
[16] Vgl. Stephanie Kiwitt: Flächenland (2020–2022), Leipzig: Spector Books 2023 und Tobias Zielony: Wolfen, Leipzig: Spector Books 2023.Search in Google Scholar
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