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„philosophia perennis et universalis“. Nicolai Hartmanns Dialoge als philosophiearchäologische Fundgrube

Rezension zu: Joachim Fischer/Gerald Hartung (Hrsg.): Nicolai Hartmanns Dialoge 1920 – 1950. Die „Circelprotokolle“. Berlin, Boston: de Gruyter 2022
  • Steffen Kluck EMAIL logo
Published/Copyright: August 7, 2023

Nicolai Hartmann galt zu Lebzeiten als einer der herausragendsten deutschsprachigen Philosophen, wurde auf eine Stufe mit Martin Heidegger, Karl Jaspers oder Ernst Cassirer gestellt. Doch anders als die Genannten ist es um ihn und sein umfangreiches, systemgleich entwickeltes Werk sehr schnell nach seinem Tod 1950 still geworden. Die Ursachen dafür dürften vielschichtig sein, neben dem historischen Wandel nach 1945 kommen als mögliche Erklärungen auch Hartmanns komplexe philosophische Systematik, seine methodische wie inhaltliche Sonderstellung, das Vermeiden bewusster Schulbildung und sein eher dem späten 19. Jahrhundert zuzuordnender Stil in Frage. Jedoch lässt sich festhalten, dass das Vergessen der hartmannschen Philosophie an fast keiner Stelle auf streng sachlichen Gründen zu beruhen scheint. Vielmehr sind deren theoretische Angebote schlicht unthematisiert geblieben, was bedeutet, über ihren epistemischen Wert ist noch gar nicht entschieden.

Vor diesem Hintergrund ist die in den letzten Jahren erkennbar zunehmende Beschäftigung mit Hartmann einzuordnen und zu begrüßen (vgl. als Einblick in die vielfältigen Anschlüsse an sein Denken Hartung/Strube/Wunsch 2012). Es liegt ein noch nicht ausgeschöpftes, reichhaltiges philosophisches Theoriegebäude vor, welches gerade aufgrund seiner solitären Stellung zwischen Neukantianismus, Phänomenologie und Philosophischer Anthropologie innovative Impulse verspricht. Mit den nun erstmals zugänglich gemachten sogenannten „Circelprotokollen“ bekommt diese Entwicklung weiteren Anschub.

Dass es diese Protokolle gibt, war lange unbekannt, wenn auch gewisse Hinweise vorlagen (vgl. dazu 6 – 10). Hartmann hat vom Wintersemester 1920/21 – damals an der Universität Marburg – bis zum Sommersemester 1950 – an der Universität Göttingen – semesterweise philosophische Gesprächsrunden mit ausgewählten Teilnehmern durchgeführt und gründlich protokollieren lassen. Von diesen über vierzig Diskussionsrunden sind im Nachlass, der inzwischen am Literaturarchiv Marbach beheimatet ist, etliche dieser Protokolle aufgefunden worden. Im Rahmen eines DFG-Projektes wurden sie aufgearbeitet und sechs ausgewählte Mitschriften dank der vorliegenden Publikation der Öffentlichkeit erstmals übergeben, die übrigen sollen einmal im Internet verfügbar gemacht werden. Ein solcher Fund ist in mehrfacher Hinsicht eine Bereicherung, weil er Einblicke in die Werkgenese Hartmanns gestattet, aber darüber hinaus ebenso in die intellektuelle philosophische Situation dreier prägender Jahrzehnte (deutschen) Philosophierens und zudem in eine Kultur des gemeinsamen Nachdenkens, was es erlaubt, den heutigen Status quo daran zu prüfen und zu kritisieren.

Die veröffentlichten Protokolle sind sitzungsweise angefertigt und nehmen – in der Regel – eine namentliche Zuordnung der Redebeiträge vor. Zu den Mitwirkenden gehören neben Hartmann unter anderem Hans-Georg Gadamer, Helmuth Plessner, Bruno Liebrucks, Günther Patzig, Hermann Wein, Gerhard Krüger, Thomas Nipperdey oder Jacob Klein (vgl. 17). Zudem nahmen auch in großer Zahl Frauen – etwa Ingetrud Pape – an den Sitzungen teil. Ihnen allen beim gemeinsamen Denken beizuwohnen, ermöglicht der vorliegende Band erstmalig. Die Herausgeber und die am Band maßgeblich beteiligten Friedrich Hausen und Thomas Kessel haben nicht nur die entsprechenden Diskussionszirkel ausgewählt und kritisch ediert (33 – 386), sondern eine einordnende Hinführung (1 – 30) verfasst, ihr editorisches Vorgehen reflektiert (389 – 393), über die Gattung Protokoll informiert (395 – 407) und jedem Dialog einen Abstract vorangestellt (z. B. 33 – 37), welcher jeweils über Inhalt, Verlauf und Bezüge Auskunft gibt. Zudem werden diese Praxis des Abstracts erläutert (409 – 414) und darüber hinaus auch die Teilnehmer in kurzen Profilen vorgestellt (415 – 456), was für einen hermeneutischen Nachvollzug der Gespräche eine unschätzbare Hilfe darstellt. Beschlossen wird das Werk durch eine Bibliographie Hartmanns (457 – 472) und ein Verzeichnis von dessen Lehrveranstaltungen (473 – 484).

Im Einzelnen ist jeder Gesprächskreis durch ein semesterweise leitendes Thema charakterisiert, welches sich die Teilnehmer am Anfang selbst vorsetzten. Die Bandbreite der Themen in den Zirkeln ist erstaunlich (vgl. 14 – 16), reicht von ethischen über logischen und ästhetischen bis zu ontologischen oder geschichtsphilosophischen Fragestellungen. Im vorliegenden Buch sind, wie erwähnt, sechs solcher Zirkel vereint, die sich unterschiedlichen Perspektiven verschreiben. Aus dem Wintersemester 1923/24 stammen die Diskussionen über das „Wesen des idealen Seins“ (38 – 98), zwei Jahre später ging es um das „Wesen des Wesens“ (102 – 141). Im Sommersemester 1931 stand das Thema „Anschauung und Begriff“ im Fokus (148 – 192), während der Zirkel im Wintersemester 1939/40 sich mit der Frage „Was sind ästhetische Werte?“ befasste (200 – 254). Die Gespräche aus dem Sommersemester 1942 hatten die Differenz von geistigem und seelischem Sein zum Inhalt (261 – 301) und der letzte abgedruckte Zirkel ging „[ü]ber das Denken“ (309 – 386).

Nun kann es leicht den Anschein machen, dass jenseits philosophiehistorischer Fragestellungen solche Gespräche aus früheren Zeiten kaum noch Relevanz haben. Aber gleichsam als Bestätigung einer These Hartmanns zeigen die Protokolle, dass Philosophie doch immer wieder – in je anderer Konstellation selbstverständlich – um dieselben Probleme kreist. Hartmann hatte die These verfochten, dass die Philosophie sich eigentlich „ewigen“ Fragestellungen gegenübersieht, die nur zeitgebunden in neuen „Gesichtern“ auftreten. Er meinte: „Die Probleme haben geschichtliche Kontinuität. Nicht freilich, daß jeder Denker jedes Problem faßte, auch nicht daß sie alle von Anbeginn schon da wären. Wohl aber geht ein Problem, einmal aufgedeckt, weiter – durch die Reihe der Lösungsversuche –, und zwar so lange, bis es wirklich gelöst ist. Da aber philosophische Probleme abgründig sind und so leicht nicht zu einer wirklichen Lösung gelangen, so sind sie es, die das Denken sehr verschiedener Köpfe und ganzer Zeitalter inhaltlich verbinden.“ (Hartmann 1957, S. 4) Diese über die philosophischen Fragen und Probleme bestehenden Zusammenhänge bilden eine tragfähige Brücke für die heutigen Leser hin zu den Diskussionszirkeln der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und machen es möglich, dort auch für systematische Fragen jenseits historischer oder Hartmann-spezifischer Perspektiven Antworten zu entdecken. Freilich bleiben manche Gesprächsteile sehr zeitgebunden, etwa wenn es um spezifische Fragen neukantianischer Prägungen geht, aber andere Stellen zeigen, wie heutige Probleme in anderem Gewand bereits früher im Fokus standen.

Um diese Behauptung im Angesicht der Fülle der Gespräche zu stützen, seien im Folgenden fünf solche systematischen Bezugspunkte aufgezeigt. Im Kontext des Themas „Anschauung und Begriff“ entwickelt sich zwischen Hartmann und Klein ein fortwährender, lebendiger und lesenswerter Disput über die Frage, ob Begriffe anschaulich sein müssen. Hartmann vertritt gegen Klein die These, dass der „Begriff […] das Vehikel der Anschauung [sei].“ (158) Damit will er „gerade den Vollzug der Begriffsbildung mit diesem Ausdruck ‚Vehikel‘ fassbar machen. Er soll nur andeuten, dass die Anschauung auf bestimmten Stufen gleichsam eines Fahrzeugs bedarf.“ (159) Es geht in der Sache demnach darum, anzuerkennen, dass Begriffe gleichsam „sehen lassen“, dass Menschen mit ihnen mehr sehen als ohne sie (vgl. 162). Klein dagegen beharrt auf der starken Differenz zwischen Begriff und Anschauung. Hartmanns Punkt an dieser Stelle scheint zu sein – und vermag heutige Diskurse sicher zu befruchten –, dass auch abstrakteste Begriffe nicht nur sekundär psychologisch mit Anschauungen, vielleicht Vorstellungen gefüllt werden, sondern dass Begriffe als historisch wandelbare Konstrukte die Anschauungen der Menschen spezifisch mitprägen und gestalten. Vermittels der Vehikel lernen Menschen, Dinge zu erleben, die ihnen ohne diese entgangen wären.

Damit in Verbindung steht ein bei Hartmann implizit entdeckbares Plädoyer für eine Form des erkenntnistheoretischen Explikationismus. Im Kern beinhaltet dieser die Annahme, dass Erkennen (und auch Sprechen) nicht eine Konstruktion von etwas ist, sondern das Herausholen aus etwas. Hartmann spricht vom Herausheben (212 f.) oder eben davon, dass Begriffe wie „Kausalität“ dazu gedient haben, zu verschiedenen Zeiten je anderes anschaulich hervorzuholen (vgl. 164 f.). In Fortführung dieser Idee taucht im Dialog zu Fragen des Ästhetischen eine interessante Mittelstellung zwischen Substanzialismus und Konstruktivismus auf. Theodor Ballauff und mit ihm Hartmann möchten die Extreme – Kunst im starken Sinne als ontologisch ewig und Kunst als bloße (individuelle oder kulturelle) Konstruktion – vermeiden zugunsten eines Austarierens dieser Aspekte (vgl. 214, 217, 221). So wird dann darüber diskutiert, inwiefern Kunst „richtig“ oder „falsch“ sein kann. Eine solche für heutige ästhetische Diskussionen vielleicht unzulässige, jedenfalls seltsam anmutende Perspektive kann, wenn man sich die Mühe des Nachvollzugs des Dialogs macht, wieder verständlicher werden.

Auch in sozialphilosophischer Hinsicht erweist sich manch Thema der Dialoge als hochaktuell. So diskutieren die Teilnehmer im Sommersemester 1942 – vermutlich vor dem Hintergrund damals virulenter Zustände – über die Dimension atmosphärischer Gemeinschaftsbildung (vgl. 274 – 278). Dabei zeichnet es den Menschen geradezu aus, dieses affektiv-atmosphärische Mitgerissensein als geistiges Wesen zumindest prinzipiell thematisch machen zu können. Plessners Konzept der exzentrischen Positionalität spielt dafür eine wichtige Rolle (vgl. 270 f.). Ein so geschulter sozialphilosophischer Blick würde einseitig kognitivistische Modelle, wie sie mitunter im Rahmen gegenwärtiger Theorien kollektiver Intentionalität auftreten, zu erweitern helfen.

Und schließlich finden sich in den Gesprächsprotokollen sinnvolle Hinweise und Ergänzungen zu Hartmanns Theorie des objektiven Geistes, also einer philosophischen Betrachtung überindividueller Phänomene, die das Leben des Einzelnen prägen. Im Dialog wird dies vor allem am Beispiel der Tradition diskutiert (vgl. 362 – 367). Die dort von Hartmann und Nipperdey ausformulierten Oppositionen sind noch heute leitend für die philosophische Beschäftigung mit dem Phänomen Tradition, so dass ein Anschluss an beide dort entwickelten Ansichten sinnvoll und ohne Weiteres möglich ist.

Je nach den Perspektiven bzw. den Fragestellungen, die an die Protokolle gelegt werden, ergeben sich andere aufschlussreiche Impulse und Anknüpfungspunkte. Die veröffentlichten Dialoge sind daher ganz richtig als Fundgrube zu charakterisieren. Der Mehrwert, den die Lektüre gestattet, liegt zum einen in dem philosophiehistorischen Panorama, welches sich bietet, zweitens in dem Einblick in die lebendige Gedankenentwicklung von inzwischen als herausgehoben charakterisierten Denkern wie eben Gadamer, Plessner oder Pape, drittens in einer werkgenetischen Analyse Hartmanns, da viele Diskurse unmittelbar mit Veröffentlichungen korreliert scheinen, und viertens in der dialogisch-hermeneutischen Schulung, die die abgedruckten Gespräche im Nachvollzug gestatten. Vielleicht liegt gerade im letzten Aspekte ein besonderer Mehrwert, insofern hier Philosophieren in actu sich zeigt, ein Vollzug, der im Zeitalter zunehmend isoliert arbeitender und nur über die Form der Publikation miteinander verkehrender Philosophen zusehends außer Acht gerät.

Insgesamt ist den Herausgebern mit der Bereitstellung dieses Fundus ein Glücksgriff gelungen, der hoffentlich durch die zeitnahe Bereitstellung weiterer Protokolle ergänzt wird. Auch die Einordnung der Materialien in Hartmanns Leben sowie die Aufklärung über die Hintergründe der Gesprächsteilnehmer sind positiv hervorzuheben, da sie den Lesern gute Dienste leisten. In zweierlei Hinsicht jedoch irritiert das Buch. Es will ja eine Edition liefern, womit es den Anspruch erhebt, relevante (Kultur‐)Zeugnisse für die kommenden Generationen auf tragfähige Weise zur Verfügung zu halten. Dann aber sind die fehlende Stringenz mancher Teile und die doch häufigen und vermeidbaren orthographischen Fehler nicht so leicht zu akzeptieren. Die fehlende Stringenz betrifft den Eindruck, dass das Buch im Hinblick auf die Kapitel, die nicht die Gesprächsprotokolle enthalten, unverbunden, gleichsam Stückwerk bleibt. So gibt es ungünstige Wiederholungen von Zitaten und Thesen bei Einleitung, editorischem Bericht und dem Text über Protokolle als Gattung. Vermutlich liegt dem der Wechsel der Autorenschaft zwischen Herausgebern und Mitarbeitern zu Grunde, ändert aber in der Sache nichts. Als schwerwiegender noch sind für die Lektüre allerdings die häufigen orthographischen Fehler zu kritisieren. Diese betreffen glücklicherweise in der Hauptsache nicht die Protokoll-Kapitel, so dass dem Gebrauch der Gespräche als Fundus für die genannten Hinsichten nichts im Wege steht, aber es ist doch zu wünschen, dass bei einer Neuauflage das Werk dahingehend Verbesserungen erfährt, gerade weil es als Edition über den Augenblick hinaus relevant bleiben will und sollte.

Das Buch ist, wie im Vorstehenden gezeigt wurde, eine Bereicherung in historischer und systematischer Hinsicht. Es steht mit der Wiedergabe längst verstummter Stimmen für die Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts praktisch als Solitär da. Darüber hinaus aber besticht es gerade dadurch, dass es zeigt, wie im Sinne Hartmanns philosophische Probleme und Fragen universell und fortdauernd Diskurse prägen und so aneinander anschlussfähig halten. Wer sich die Mühe macht, die Dialoge zu erschließen, wird sachlich wie methodisch bereichert. In der Lektüre finden die Dialoge, die Hartmann mit seinen Gesprächspartnern führte, dann ihre Fortsetzung, die sie allemal verdient haben.

Literaturverzeichnis

Hartmann, Nicolai (1957): „Der philosophische Gedanke und seine Geschichte“, in: ders.: Kleinere Schriften. Bd. II: Abhandlungen zur Philosophie-Geschichte. Berlin: de Gruyter 1957, S. 1 – 48.10.1515/9783110842654.1Search in Google Scholar

Hartung, Gerald/Strube, Claudius/Wunsch, Matthias (Hrsg.) (2012): Von der Systemphilosophie zur systematischen Philosophie – Nicolai Hartmann. Berlin, Boston: de Gruyter 2012.10.1515/9783110269901Search in Google Scholar

Published Online: 2023-08-07
Published in Print: 2023-08-07

© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 31.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/jbpa-2021-0014/html
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