In memoriam Prof. Dr. Emilia Currás 1927–2020

Emilia Teresa Julia Currás Puente, geboren am 8. Oktober 1927 in Madrid, ist dort, wie wir erst jetzt erfahren haben, am 29. März 2020 gestorben. Mit ihr hat die im 20. Jahrhundert prosperierende wissenschaftliche Information und Dokumentation erneut eine ihrer prägenden Persönlichkeiten und Zeitzeuginnen verloren.
Emilia Currás wurde in Madrid geboren und zog mit zwölf Jahren nach Tétouan in Marokko, wo ihre Mutter als Lehrerin an einer muslimischen Mädchenschule eigesetzt war. Dort kam sie in einem spanisch- französisch- und arabischsprachigen kolonialen Umfeld mit unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen in Berührung, etwas was sie lebenslang prägen sollte. In der spanische Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste besuchte sie eine weiterführende Schule und erwarb dort ihren ersten Abschuss. Internationaler Austausch, Reisen und Sprachen spielten seitdem in ihrem Leben eine große Rolle, auch wenn Madrid stets ihr Lebensmittelpunkt blieb.
Nach ihrer Rückkehr nach Madrid beendete sie dort das Gymnasium und begann ein Chemiestudium, das sie an der Universität von Santiago de Compostela 1953 abschloss. Anschließend arbeitete sie im spanischen nationalen Forschungszentrum Consejo Superior de Investigaciones Científicas (CSIC), bevor sie 1955 mit einem Stipendium an die TU Berlin wechselte, wo sie 1959 zum Dr. rer. nat. promoviert wurde. 1961 erwarb sie auch den Doktortitel in Chemie der Universität Madrid.
Wie viele Chemikerinnen in der seinerzeit stark männlich geprägten industriellen Forschung und Entwicklung, fand sie, nicht zuletzt aufgrund ihrer Sprachkenntnisse, einen Berufseinstieg als Literaturchemikerin und baute bei Hanomag-Barreiros in Madrid eine Abteilung für technische Übersetzungen auf, anschließend leitete sie die Dokumentationsabteilung bei Auxini-Piritas Españolas.
Die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation war seinerzeit eine der wenigen Einrichtungen, die mit ihrem Lehrinstitut für Dokumentation (LID) eine professionelle Weiterbildung für Akademiker mit praktischer Dokumentationserfahrung anbot. 1965 zog es Emilia Currás daher wieder nach Deutschland, wo sie das Stoffanalyselabor der Linde AG Köln leitete und am LID den Lehrgang Wissenschaftliche Dokumentation besuchte, den sie Ende 1966 als Wissenschaftliche Dokumentarin abschloss. In Deutschland arbeitete sie anschließend bis 1968 als Leiterin der Abteilung Patentdokumentation bei Dynamit Nobel (Troisdorf). 1969 kehrte sie nach Madrid zurück und richtete eine Dokumentationsabteilung bei Hispanoil ein. 1970 wechselte sie aus der Privatwirtschaft zur naturwissenschaftlichen Fakultät der Autonomen Universität Madrid, wo sie das Büro für wissenschaftliche Dokumentation in der Abteilung für angewandte Chemie und Physik leitete. 1985 erhielt sie dort eine Professur für wissenschaftliche Dokumentation, die sie bis 1996, dem Jahr ihrer Pensionierung, innehatte.
Emilia Currás war seit 1967 Mitglied der DGD/DGI und bekam 2002 auf der Mitgliederversammlung die Silberne Ehrennadel verliehen. Bis in die 1990er Jahre besuchte sie regelmäßig Dokumentartage und Online-Tagungen und setzte sich für die länderübergreifende Zusammenarbeit ein.
1975 gründete sie mit Gleichgesinnten die spanischen Fachgesellschaft für wissenschaftliche Information und Dokumentation, SEDIC (La Sociedad Española de Documentación e Información Científica), deren erste Präsidentin sie zwölf Jahre lang war und die bei der Ausarbeitung des Bibliotheksgesetzes und des Nationalen Dokumentationsplans 1983–86 in Spanien mitwirkte. Daneben übernahm Emilia Currás auch in internationalen Vereinigungen zeitweise Verantwortung, etwa in der FID oder der ISKO. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. 1990 mit der Goldmedaille für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der indischen Kaula Foundation.
Auf Einladung einer Vielzahl von Universitäten, wissenschaftlichen Instituten und Fachgesellschaften hat sie zeitlebens und bis ins hohe Alter in Ländern Europas, Afrikas, Asiens und den Amerikas Vorträge gehalten und Lehraufträge durchgeführt. In Lehrbüchern, von denen einige ins Englische, Tschechische und Portugiesische übersetzt worden sind, hat sie ihre Erfahrungen und theoretischen Überlegungen bei der Konstruktion und Anwendung von Taxonomien, Thesauri, Ontologien und Wissensrepräsentation niedergelegt. Umfangreich ist auch die Liste ihrer Fachaufsätze. In ihrem letzten in der IWP veröffentlichten Aufsatz „Informationism and neural information assimilation“ (IWP 57 (2006) 4, S. 203–210) erörterte sie philosophische und wissenschaftstheoretische Fragen und versuchte ihre Theorie des Informationismus zu erläutern, die sie auf dem Paradigma der Universalität der Information als neuronalem und Gesellschaften prägendem Netz basierte und zu der sie auch an anderer Stelle publiziert und Arbeiten betreut hat.
„Die alleinstehende Frau im Beruf und ihre Schwierigkeiten in der Gesellschaft“ lautete der Titel eines Vortrags, den sie als Dreißig-Jährige im November 1967 beim katholischen Arbeitskreis in Bonn gehalten hat. Diese Schwierigkeiten durch Engagement und Präsenz zu überwinden, bestimmte auch in ihren über sechzig noch folgenden Jahren ihr Leben. Auf ihrer inzwischen abgeschalteten persönlichen Website bei der Universität Madrid hatte sie ihr berufliches Leben detailliert dokumentiert.
In den beiden letzten Dekaden ihres Lebens veröffentlichte Emilia Currás nicht nur Lehrbücher, sondern auch Kurzgeschichten und Gedichte, die zum Teil ins Arabische übersetzt worden sind (Fugitiva del tiempo, Del pasar y corre amor und El rincón de mis pensamientos). Die Einladungen zu ihren Buchvorstellungen und Lesungen, die ich bis 2013 erhielt, endeten stets mit einer herzlichen Umarmung: Reciban un cordial abrazo.
Nun ist sie im Frühjahr 2020 im Alter von 92 Jahren infolge einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Es bleiben ihre Fachbücher und Fachaufsätze, ihre Gedichte und die Erinnerung an eine tatkräftige und selbstbewusste Kämpferin für die berufliche Anerkennung von Frauen, vor allem in männerdominierten Gesellschaften, und für die Bedeutung der Dokumentation für die Wissenschaft.
Marlies Ockenfeld
Deutsche Gesellschaft für Information und Wissen e.V.
Biographische Informationen
Persönliche Website. http://www.uam.es/personal_pdi/ciencias/ecurrasSearch in Google Scholar
Interview B. San José und C. Morales : Entrevista Dña. Emilia Currás. Clip (2013) nº 68. https://clip.sedic.es/article/entrevista-dnaemilia-curras/Search in Google Scholar
Website von SEDIC. https://www.sedic.es/emilia-curras-in-memoriam/Search in Google Scholar
Rosa San Segundo: Orbituary. Dr. Emilia Currás. In: Knowledge Organization 47(2020)6, S. 436–439, DOI:10.5771/0943-7444-2020-6-43610.5771/0943-7444-2020-6-436Search in Google Scholar
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