Home Library & Information Science, Book Studies Forschungsdatenmanagement sozialwissenschaftlicher Umfragedaten: Grundlagen und praktische Lösungen für den Umgang mit quantitativen Forschungsdaten Jensen Uwe, Netscher S., & Weller K. (Herausgeber) – Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich, 2019, 233 S. ISBN: 3847422332
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Forschungsdatenmanagement sozialwissenschaftlicher Umfragedaten: Grundlagen und praktische Lösungen für den Umgang mit quantitativen Forschungsdaten Jensen Uwe, Netscher S., & Weller K. (Herausgeber) – Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich, 2019, 233 S. ISBN: 3847422332

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Published/Copyright: November 12, 2019

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Jensen Uwe Netscher S. Weller K. Forschungsdatenmanagement sozialwissenschaftlicher Umfragedaten: Grundlagen und praktische Lösungen für den Umgang mit quantitativen Forschungsdaten 2019 Verlag Barbara Budrich Opladen, Berlin, Toronto 3847422332


Der Sammelband umschreibt sein Ziel folgendermaßen: „Mit Hilfe von Anwendungsfällen aus der empirischen Sozialforschung vermittelt das Buch Grundlagen des Forschungsdatenmanagement und bietet anschauliche Beispiele für die Praxis. Es vermittelt Lösungsansätze und erlaubt, diese unmittelbar in die tägliche Arbeit zu übertragen“(S. 9).

Diesem Anspruch wird der Band gerecht. Das Werk adressiert in klugen Ausführungen die Wissenschaftscommunity der Sozialwissenschaften sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter forschungsnaher Dienstleistungen. Es behandelt sowohl die Aufbereitung als auch die Analyse von quantitativen Umfragedaten und schließt weitere Probleme der Datendokumentation ein. Alle Autoren und Autorinnen waren oder sind als Experten im Datenarchiv für Sozialwissenschaften (DAS) des GESIS–Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften tätig. Die Texte sind flüssig und allgemein verständlich geschrieben.

Ansetzend an Arbeitsweisen datenproduzierender und datennutzender Forscherinnen und Forscher lenken die Beiträge den akademischen Blick von der Projektplanung über die Archivierung hinaus auf ein potentielles „Data Sharing“. Dabei sprechen sie sich deutlich für ein seit einem Jahrzehnt in der Fachwelt diskutiertes zielorientiertes Forschungsdatenmanagement (FDM) aus, das unterschiedliche Versionen des „Data Life Cycle“ berücksichtigt und die nach außen gerichtete Verfügbarmachung von Forschungsdaten ermöglicht. Es wird aufgezeigt, dass gerade die sozialwissenschaftliche Forschung aufgrund ihrer dynamischen Forschungsweise von professionellem FDM profitiert. Einzelne Prozesse im Management der Forschungsdaten werden aufgegriffen, um zu demonstrieren, wie diese an neue Entwicklungen der Forschung und an die Bedarfe und Anforderungen der Forscherinnen und Forscher angepasst werden sollten. „Do’s” and „Don’ts” zu Regeln guter wissenschaftlicher Praxis werden durch den ganzen Sammelband hindurch erläutert und in ihren Wirkungen beschrieben. Nicht zuletzt schaffen die Autorinnen und Autoren so Anreize zur Übernahme der Prinzipien von Open Data.

In der Einleitung wird der Wunsch nach kritischem Feedback geäußert, weil sich nur so weiterführende Praktiken des FDM kontinuierlich entwickeln können. Nach jedem einzelnen Kapitel finden Leserinnen und Leser ein umfassendes und weiterführendes Literatur- und Linkverzeichnis. Abbildungen im gesamten Sammelband vermitteln wertvolle Informationsressourcen.

Forschungsdatenmanagement (FDM) wird im Band aus drei Perspektiven skizziert

  1. aus Sicht der empirischen Forschung mit sozialwissenschaftlichen Umfragedaten

  2. hinsichtlich von Metadaten- und Zitierstandards

  3. in Hinblick auf Social-Media-Forschungsdaten („New Data“) mit spezifischen Herausforderungen

In den ersten sieben Kapiteln werden unterschiedliche empirische Forschungsansätze in Hinblick auf FDM diskutiert, so von Uwe Jensen in Kapitel 2 „Forschungsdaten und Forschungsdatenmanagement in den Sozialwissenschaften“. Zur Strukturierung eines FDM wird die Vielfalt der Lebenszyklen sozialwissenschaftlicher Forschungsprozesse beschrieben, u. a. mit dem Survey Lifecycle Model. Dabei geht es stets darum, Hilfestellungen von Beginn eines empirischen Forschungsprojektes an zu geben, die eine qualitativ angemessene und anschlussfähige Archivierung und Datennachnutzung ermöglichen. So sind beispielweise Umfragedaten ohne Dokumentation nicht sinnvoll nachnutzbar.

Diejenigen, die einen Einstieg in die Dokumentation von empirischen Umfragedaten suchen, werden die einzelnen Kapitel mit sehr großem Gewinn lesen. Spannend für sie ist auch die Beschäftigung mit Metadaten- und Zitationsstandards, weil die Arbeit mit gerade solchen Werkzeugen unerlässlich geworden ist. Projektworkflows (Ordnerstrukturen, Datenbenennungen und Datenversionierungen) werden unter Berücksichtigung der Forschungsziele veranschaulicht.

Oliver Watteler und Thomas Ebel schreiben in Kapitel 4 „Datenschutz und Forschungsdatenmanagement“ über die Relevanz der Datenaufbereitung personenbezogener Daten. Die Erstellung von Datenmanagementplänen wird den Forscherinnen und Forschern immer wieder nahegelegt, u. a. in Kapitel 5 „Dateiorganisation in empirischen Forschungsprojekten“ von Jonas Recker und Evelyn Brislinger, um allgemein Informationsverluste zu vermeiden. In diesem Zusammenhang werden auch „Back-up“ – Strategien beschrieben. Reiner Maurer und Jonas Recker konzentrieren sich in Kapitel 7 „Data Sharing: Von der Sicherung zur langfristigen Nutzung der Forschungsdaten“ auf Repositorien und Archivierungs- sowie Veröffentlichungsoptionen.

Kapitel 9 beinhaltet die Beschreibung wichtiger Metadatenstandards, wie beispielsweise die DDI[1]-Metadatenstrukturen, welche wichtige semantische Aussagen über Forschungsdaten liefern. Bezüglich Datenzitierungen wird der Zitierstandard DataCite[2] beschrieben.

Katrin Weller beschreibt in Kapitel 11 sehr schön das Thema „Big Data & New Data: Ein Ausblick auf die Herausforderungen im Umgang mit Social-Media-Inhalten als neue Art von Forschungsdaten“ und richtet den Blick auch auf die Archivierung und Nachnutzbarkeit solcher Daten im Sinne der guten wissenschaftlichen Praxis. Für die Forschung über und mit neuartigen Daten aus Internetplattformen wie Facebook, LinkedIn, Twitter und Tumblr ergeben sich völlig neue Fragestellungen, die u. a. kritische Rahmenbedingungen betreffen, wie sie die sehr gemischte Datenqualität, angepasste Methoden der Analyse sowie mangelhafte Standards der Publikation von Social Media Informationen hervorrufen. So gilt u. a., dass solche Forschungsdaten aktuell nicht repliziert werden können. Katrin Weller hilft mit ihren Leitfragen zur Vorbereitung einer Dokumentation der Social-Media-Datensammlung. Ihre Fragen beziehen sich dabei immer auf die wichtigen und unterschiedlichen Eigenschaften der entsprechenden Plattform sowie auf die erfassten Forschungsdaten. Sie schlägt vor, Social-Media Plattformen in Gedächtnisorganisationen zu dokumentieren.

Last but not least, gibt Stefan Müller zum Abschluss einen sehr guten Einblick in Herausforderungen, Chancen und Empfehlungen zur räumlichen Verknüpfung georeferenzierter Umfragedaten (Geodaten), die z. B. aus der Ökologie stammen und gibt wichtige Impulse, an den Empfehlungen weiterzuarbeiten.

Verdienst des Bandes ist es, dass die Kernfragen kenntnisreich formuliert worden sind. Er eignet sich sehr gut als Einstiegslektüre für ein Forschungsdatenmanagement in den Sozialwissenschaften. Gerade die letzten beiden Kapitel stellen aktuelle Trends in der Sozialforschung und der Wissenschaftsentwicklung dar.

Offene Fragen drängen sich als Themen für ein zukünftiges Forschungsdatenmanagement sozialwissenschaftlicher Umfragedaten auf. So fehlen in diesem Band Fallbeispiele aus spezifischen Projekten mit Workflows, die „Good-Practice“-Beispiele aufzeigen. Diese bieten sich für einen zweiten Band an. Denn das, was von Forschungsprojekten immer wieder zur Unterstützung eines nachhaltigen FDM gefordert wird, sind detaillierte Mustervorlagen, die abgearbeitet werden können. Gerade nach solchen Beispielen werde ich täglich im Umgang mit Forschungsdaten in der Praxis, in meiner beratenden Rolle, gefragt.

Wenn Forscherinnen und Forscher kontinuierlich Anforderungen zum Forschungsdatenmanagement formulieren, können die bereits in diesem Band sehr gut beschriebenen fachgerechte Lösungen weiterentwickelt werden. Solche Orientierungspfade entsprechen unmittelbar den Wünschen der Hochschulleitungen zum Ausbau des institutionellen Forschungsdatenmanagements[3].

Persönlich hätte ich mir gewünscht, das FDM für quantitative sozialwissenschaftliche Daten mit dem für qualitative zu verbinden, weil oft in einem Forschungsprojekt beide Arten von Daten generiert und unterschiedlich analysiert werden. Besonders die Archivierung aber hängt von der Art der Forschungsdaten ab. Bei der Beschäftigung mit guter wissenschaftlicher Praxis würde ich alle nur möglichen Forschungsdaten betrachten, was aber nicht Ziel dieses Werkes war.

Der Sammelband ist Open Access als PDF herunterladbar oder kostenpflichtig als Print-Ausgabe erhältlich. Der Titel steht unter der Creative Commons Lizenz Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0).

Published Online: 2019-11-12
Published in Print: 2019-11-04

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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