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Kunst und soziale Bewegungen

  • Ricarda Drüeke ORCID logo EMAIL logo and Simon Teune ORCID logo EMAIL logo
Published/Copyright: September 11, 2024
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Kunst und soziale Bewegungen haben eine wechselvolle Beziehungsgeschichte. Aus der Sphäre der Kunst kommen immer wieder wichtige Impulse, die soziale Bewegungen befördert, herausgefordert und verändert haben. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine euphorische Unterstützung der Avantgarden für die Arbeiterbewegung, in den 1960er Jahren waren Situationismus, Fluxus und Performancekunst Impulsgeber für neue Formen von Protest. Gleichzeitig haben Akteur:innen aus sozialen Bewegungen Künstler:innen und Kunstinstitutionen immer wieder kritisiert und sie aufgefordert, ihre gesellschaftliche Verantwortung zu reflektieren. Aber die Beziehungsgeschichte von Kunst und Bewegungen ist mit einem Aufeinandertreffen von zwei gesellschaftlichen Teilbereichen nicht ausreichend beschrieben. Wir haben es mit einem komplexen Beziehungsgeflecht zu tun, das auf gegenseitiger Bezugnahme und Befruchtung beruht, auf Vernetzungen, Abgrenzungen und (Neu-)Ausrichtungen. Der Themenschwerpunkt Kunst und soziale Bewegungen nimmt dieses verwobene und komplexe Beziehungsgeflecht in den Blick. Dabei stellen sich immer wieder Definitionsfragen. Was ist unter Kunst zu verstehen? Liegt der Fokus auf Künstler:innen und Institutionen oder auf künstlerischen Praktiken? Wo endet die Sphäre der Kunst, wo die der Politik? Kann Kunst, die sich ganz einer Bewegung verschreibt, noch Kunst sein?

In den letzten Jahren hat die Diskussion zur gesellschaftlichen Rolle von Kunst neuen Auftrieb bekommen – bis hin zu expliziten Forderungen, dass Kunst sich in den Dienst progressiver Bewegungen stellen sollte. In den Diskussionen zu Klimakrise, Dekolonisierung und autoritärer Politik wird es für Menschen, die künstlerisch tätig sind, zunehmend schwerer, sich den Forderungen nach einer Positionierung zu entziehen. Gleichzeitig sind Kunstinstitutionen zur Arena politischer Auseinandersetzungen geworden, wie die Attacken auf Kunstwerke durch Klima-Aktivist:innen zeigen. Und nicht zuletzt sind künstlerische Praktiken mit digitalen Technologien der Produktion und Verbreitung breiter verfügbar geworden – auch für die in sozialen Bewegungen Aktiven.

Diese Entwicklungen sind Teil einer langen Traditionslinie. Künstlerische Ausdrucksformen sind seit jeher Teil der Kämpfe gegen Ungerechtigkeit. Sie prägen das Bild von Protesten und bringen Menschen zusammen. Ikonische Bilder wie Michael Ruetz’ Fotografie von Rudi Dutschke und Gaston Salvatore, die untergehakt in der ersten Reihe einer Demonstration auf eine Polizeiabsperrung treffen, haben dazu beigetragen, dass sich Zeitgenoss:innen und nachfolgende Generationen ein Bild von Protesten und den hinter ihnen stehenden Bewegungen machen. Grafikdesign, wie das der Kollektive Gráfica ’68 oder Gran Fury, ist eine Grundlage für Plakate und Flyer, die zu Protesten mobilisieren und den Forderungen einer Bewegung Ausdruck verleihen. Kunst wirkt zu verschiedenen Zeitpunkten: sie kann während eines Protestes die Menschen verbinden, wie beim gemeinsamen Singen von Protestliedern kurz vor einer polizeilichen Räumung. Sie kann aber auch nach dem Ereignis zum Kristallisationspunkt der gesellschaftlichen Diskussion von Bewegungen und ihren Erinnerungen werden. Ein Beispiel für künstlerische Erinnerungsarbeit ist die Performance „Tank Man Tango“ von Deborah Kelly, die auf dem Titelbild abgebildet ist. Kelly stellte 20 Jahre nach den Protesten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens die Bewegungen des Mannes in einer Choreographie nach, der als Tank Man bekannt wurde, nachdem er sich alleine einer Kolonne Panzer entgegengestellt hatte. Die Choreographie wurde über Youtube verbreitet und an mehreren Orten weltweit in eine Performance umgesetzt.[1]

Kunst hat das Potenzial, die Themen sozialer Bewegungen in die Breite zu tragen und den Ungerechtigkeitserfahrungen vieler Menschen einen Ausdruck zu geben. Das gilt insbesondere für Musik und Film, z. B. in der Thematisierung von Rassismus, sozialer Ungleichheit und Polizeigewalt in Public Enemy’s „Fight the Power“ oder Gus Van Sant’s Biopic des schwulen Aktivisten Howard Milk („Milk“, USA 2008). Über die Repräsentation hinaus haben künstlerische Arbeiten immer wieder auch Konflikte, die soziale Bewegungen artikulieren, neu formuliert und in ihren Ambivalenzen sichtbar gemacht, z. B. die Verhandlung von Sexualität und Begehren wie sie in der Arbeit von Künstlerinnen wie Valie Export oder Olivera Parlic sichtbar wird.

Die Beziehungen zwischen Kunst und sozialen Bewegungen lassen sich aber auch über die Frage nach Akteuren und Netzwerken aufschlüsseln. Welche Rolle spielen Künstler:innen in Bewegungen? Welche Zusammenschlüsse von Künstler:innen mischen in sozialen Bewegungen mit, wie werden sie aus Bewegungen inspiriert? Welche Beziehungen gehen sie mit Aktivist:innen aus sozialen Bewegungen ein? Künstler:innen haben immer wieder eine wichtige Rolle als Formgeber sozialer Bewegungen gespielt. Sie haben mit ihrer Arbeit kollektive Gefühle, Forderungen und Erfahrungen Ausdruck gegeben. Damit tragen sie zu einem geteilten Verständnis und Gemeinschaftsgefühl in Bewegungen bei, sie machen diese Erfahrung aber auch anschlussfähig und schaffen eine Form, in der sie verstanden und aufgegriffen werden können.

Die Beiträge dieses Heftes greifen diese Aspekte auf und gehen sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Basis dem Verhältnis von Kunst und sozialen Bewegungen nach. Sie zeigen unterschiedliche Forschungsansätze und -perspektiven auf, mit denen neue Zugänge zu dem Themenfeld möglich werden und sowohl für die Bewegungsforschung als auch für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kunst fruchtbar gemacht werden können.

In der aktuellen Analyse zeichnet Kerstin Schankweiler die Aktionen der Letzten Generation in Museen nach. Sie ordnet die Besudelung von Kunstwerken in einen kunsthistorischen Kontext ein und deutet sie als eine Strategie, um sich den ikonischen Charakter der Werke anzueignen und sie in einen neuen Deutungsrahmen zu setzen. Dabei betont Schankweiler die Überformung dieser Aktionsform durch eine Aufmerksamkeitslogik, die durch social media getrieben ist.

Die ersten beiden Beiträge des Themenschwerpunktes spannen den theoretischen Rahmen des Heftes auf. Sie thematisieren aus kulturwissenschaftlicher, soziologischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive das Verhältnis Kunst – Bewegung – Aktivismus. Oliver Marchart untersucht das Verhältnis aktivistischer Kunst zu den Eigenlogiken des Kunstfelds und der Politik. Marchart streicht heraus, dass aktivistische Kunstpraktiken, sofern sie zwar in die Politik wechseln, aber teils doch Kunst bleiben, ein „dialektisches“ Verhältnis zu künstlerischem Autonomieanspruch und politischer Heteronomiezumutung entwickeln. Fragen nach dem ambivalenten Verhältnis von Kunst und Aktivismus werden von Ricarda Drüeke und Simon Teune aufgegriffen. Die Autor:innen diskutieren, wie sich die Perspektive auf die Beziehung zwischen beiden Feldern verändert, wenn ein enger oder ein weiter Kunstbegriff angelegt wird.

Die folgenden Beiträge beschäftigen sich aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven mit verschiedenen aktivistischen Formen und Medien von Bewegungen. So rücken Rebekah Brand-Marais, Lukhanyo May und Anna Schwenck Musik als grundlegende kulturelle Ressource von Bewegungen in den Mittelpunkt. In ihrem Beitrag analysieren die Autor:innen die symbolische Macht von Liedern im politischen Feld. Ihnen gelingt es dabei nicht nur, eine Analyse der engen Verbindung zwischen Liedern und dem Politischen im heutigen Südafrika aufzuzeigen, sondern darüber hinaus einen Beitrag zur Theoretisierung des Nexus Musik und soziale Bewegung zu liefern und damit den eurozentrischen Blick zu erweitern.

Andrea Schütte zeigt in ihrem Beitrag auf, wie die Arbeiterliteratur der Weimarer Republik als paradigmatisch für die Kopplung von Kunst und sozialer Bewegung bzw. von Ästhetik und Protest gelten kann. Am Beispiel der Arbeitersprechchöre und einer literarischen Reportage von Egon Erwin Kisch zeigt sie das intrikate Verhältnis von Kunst und Protest als wechselseitige Öffnung und Schließung von Sinnangeboten auf. Dorna Safaian zeigt in ihrem Beitrag die Rolle von sozialen Netzwerken als Orte der Politisierung, der Mobilisierung von Anhängerschaft, des Appells an die Öffentlichkeit sowie der Entwicklung eigener Symboliken. Der Beitrag analysiert verschiedene visuelle Topoi, die auf künstlerische Traditionen verweisen, sowie den Symbolgehalt dominanter Bildmotive der Bewegung. Die Aktivist:innen schließen zum einen an Bildtraditionen der Revolution an und finden zum anderen durch Bilder des Tanzens, des Küssens und der Trauer, symbolisiert durch das Abschneiden der Haare, einen Ausdruck für Werte wie Relationalität, soziale Zuwendung und die individuelle Lebenswelt. Ausgehend von epistemologischen Überlegungen zum Konzept des Artivismus beschäftigt sich der anschließende Beitrag von Monika Salzbrunn mit kreativen, performativen Formen des Widerstandes in Genua. Die Autorin zeigt auf, wie mittels Masken, spontanen Umzügen, disruptiven, (ver)störenden Ereignissen und Stilmitteln bei dem „Carnevale della città di sotto“ (Karneval der Stadt von unten) sowie der Neuerfindung der „Parata di San Giovanni“ (Parade zum Fest des Heiligen Johannes) sozio-ökonomische Ungleichheiten thematisiert und politische Forderungen artikuliert werden.

In der Rubrik ipb beobachtet analysiert Maik Fielitz die aktuellen Herausforderungen für die Bewegungsforschung durch die digitale Protestmobilisierung. Er arbeitet vier Dimensionen einer Dezentralisierung von Protesten heraus, die von der Forschung eine Neuorientierung verlangen: wenig erfahrene Organisator*innen, die Abkehr von Großstädten als Orte der Proteste, die thematische Dezentralisierung sowie die Cross-Plattform Dymaniken.

Die Rubrik Pulsschlag greift in drei Beiträgen den Themenschwerpunkt wieder auf. Berend Barkela und Marlene Altenmüller geben Einblick in die experimentelle Forschung zur Wahrnehmung von Kunst bei Protestaktionen. Sie fragen, ob künstlerische Formen die negative Einschätzung von disruptivem Protest abmildern können, und kommen dabei zu gemischten Ergebnissen. Marla Heid analysiert in ihrem Beitrag künstlerische Interventionen im Wiener Stadtraum, die zu einer kritischen Perspektive auf das Denkmal für den früheren Bürgermeister Karl Lueger geführt haben. Durch Graffitis und performative Aktionen wurde sowohl die Rolle Luegers beim Aufstieg des Nationalsozialismus thematisiert als auch dessen unkritische Würdigung auf einem zentralen Platz der Stadt. Hannah Strothmann liefert schließlich eine Analyse der Ausstellung „Protest/Architektur“ im Wiener Museum für angewandte Kunst. Der Beitrag zeigt nicht nur die strategische Dimension der „Verzögerungsarchitektur“ die im Kontext von Besetzungen geschaffen wird, sondern auch die Herausforderungen einer Ausstellung von temporären Architekturen der Besetzung im Museum wie auch die Reibungspunkte mit zentralen Annahmen der Architektur wie der Autor:innenschaft.

Auch die Literatur-Rubrik schließt an den Themenschwerpunkt an. Sambojang Ceesay bespricht drei aktuelle Bände, die sich unterschiedlichen Facetten des Verhältnisses zwischen Kunst und Aktivismus widmen. „White Sight. Visual Politics and Practices of Whiteness“ von Nicholas Mirzoeff bietet eine breite Perspektive auf fast dreihundert Jahre weißer Vorherrschaft, die sich in Bildern und visuellen Praktiken reproduziert und verfestigt. „The Art of Activism and the Activism of Art“ von Gregory Sholette dagegen fokussiert auf die Widersprüche kunstaktivistischer Interventionen und diskutiert das Aufbrechen der Grenzen zwischen Kunst und Aktivismus. Schließlich nimmt Lisa Bogerts in „The Aesthetics of Rule and Resistance“ eine empirische Analyse von Wandmalereien in vier lateinamerikanischen Städten vor. Alle drei Bücher, urteilt der Rezensent, lieferten „auf ihre jeweilige Weise gelungene Beiträge zu einer kritischen und sozial engagierten Protest- und Bewegungsforschung“, offenbarten aber auch die Fallstricke einer Tendenz zur Idealisierung auf Kosten kritischer Reflexion. Jenseits des Bezugs zum Themenschwerpunkt bespricht Ben Christian den Band „Broken Solidarities. How Open Governance Divides and Rules“. Darin geht Felix Anderl in einer ethnographischen Analyse der Frage nach, warum die einst so starke Global Justice Bewegung heute so fragmentiert ist und liefert laut Christian „eine gleichermaßen komplexe wie faszinierende Antwort“. Außerdem widmet sich Felix Schilk dem Buch „Widerstand über alles“ von Johannes Kiess und Michael Nattke, das den zunehmenden Einfluss der rechtsextremen Freien Sachsen in den Blick nimmt und angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen im Freistaat nicht aktueller sein könnte. Abgerundet wird die Rubrik von einer Rezension des von Stefan Malthaner und Simon Teune herausgegebenen Buchs „Eskalation. G20 in Hamburg, Protest und Gewalt“ von Johannes Diesing. Die verschiedenen Beiträge des Sammelbandes bieten einen guten Überblick des „komplexen, dynamischen und konfliktgeladenen Protestgeschehens“ im Juli 2017, befindet der Rezensent.

Ricarda Drüeke (Salzburg) und Simon Teune (Berlin)

Online erschienen: 2024-09-11
Erschienen im Druck: 2024-09-10

© 2024 bei den Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 29.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/fjsb-2024-0028/html
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