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Authorship, Identity, and Textual Scholarship: from Antiquity to Modern Days (ESTS 2023). Tagung an der University of Kent, Canterbury, 13./14. April 2023

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Published/Copyright: October 3, 2023
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Die Stadt Canterbury ist mit der englischen Literaturgeschichte seit dem Mittelalter untrennbar verbunden. Geoffrey Chaucer hat ihr mit den Canterbury Tales ein literarisches Denkmal gesetzt, zu den berühmtesten Söhnen und Töchtern der Stadt zählen Christopher Marlowe und Aphra Behn. Die Jahrestagung 2023 der European Society for Textual Scholarship legte mit Canterbury als Ausrichtungsort entsprechend ihren historischen Schwerpunkt auf die mittelalterliche und frühneuzeitliche Literatur, und es ist vorweg anzumerken, dass das Rahmenprogramm zur Tagung in Form von Führungen durch die Stadt und die Canterbury Cathedral Library and Archives das Tagungsprogramm ideal ergänzte. Die ESTS-Konferenz wurde in Kooperation mit dem an der University of Kent (und in Paris) angesiedelten Centre for Medieval and Early Modern Studies (MEMS) durchgeführt, verantwortlich für die Organisation zeichnete das Team um Rory Loughnane, Co-Director des MEMS.

Der thematische Schwerpunkt der Konferenz lag auf Fragen zur Autorschaft und Zuschreibung literarischer Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Dabei hatte das Programmkomitee dazu ermutigt,[1] Beiträge einzureichen, die das Spektrum von Autorschaftsidentitäten in den Blick nehmen sowie Konzepte von Autorschaft kritisch reflektieren und erweitern. Aufgrund der Fülle an Beiträgen – mit über 110 Beitragenden handelte es sich um die bisher größte ESTS-Veranstaltung[2] – war die Tagung durchgehend in vier parallele Sektionen an insgesamt zwei Tagen gegliedert, sodass im vorliegenden Bericht für eine einzelne Berichterstatterin nur ganz grob Tendenzen der Vorträge und Diskussionen nachgezeichnet werden können. Autorschaftszuschreibung wurde in den Sektionen hinsichtlich unterschiedlicher Fragestellungen betrachtet, etwa solchen der Anonymität, der Unsicherheiten bei der Autorzuschreibung, der Genderaspekte, des Publikationskontextes, der Autorintention, der posthumen Reputation oder der Kanonisierung. Auch Formen der kreativen Zusammenarbeit bei der Herstellung literarischer Texte sowie Aspekte der editorischen Intervention bis hin zum Plagiat oder allgemeinere Fragen zu editionswissenschaftlichen Vorgehensweisen, etwa beim digitalen Edieren oder beim Umgang mit Born-Digital-Dokumenten, wurden in den Blick genommen. Die Mehrheit der Sektionen folgte diesem Prinzip der thematischen Schwerpunktsetzung und ermöglichte so auch diachrone und interkulturelle Vergleiche. Daneben gab es epochenspezifische oder sogar autorenspezifische Panels und Round Tables, was sich insbesondere für Shakespeare anlässlich des diesjährigen 400. Jahrestags der Publikation der ersten Druckausgabe seiner gesammelten Dramen (The First Folio)[3] oder für einen Überblick zur umfangreichen und vielseitigen Marlowe-Forschung anbot. Die Konferenz ermöglichte zudem einen tieferen Einblick in Forschungsprojekte zu Aphra Behn,[4] einer kanonisierten Autorin des 17. Jahrhunderts, die allerdings außerhalb Großbritanniens nicht die gleiche breite Rezeption erhält, wie das Fehlen von Behn-Ausgaben in Deutschland, Polen und in anderen europäischen Ländern belegt. Im Folgenden seien drei Beispiele an Konferenzbeiträgen herausgegriffen, die aus dem Bereich der jüngeren und zeitgenössischen Literatur- und Mediengeschichte stammen und durch ihre ‚Ungewöhnlichkeit‘ im Hinblick auf Autorschaftskonzepte oder aber durch die Adaptionsfähigkeit der vorgestellten Methoden und Werkzeuge besonders auffällig waren.

John A. Walsh machte in seinem Beitrag Comic Book Markup Language and the Digital Scholarly Edition auf Eingriffe, Manipulation und Varianz in Comics jenseits des Autors bzw. der Autorin aufmerksam. Er verwies bei vorkommenden Abweichungen auf externe Einflüsse wie Zensurmaßnahmen, auch auf die Bedeutung des Publikationsortes (Web versus Print) sowie auf rezeptionsbedingte Änderungen (etwa Fanzines) und illustrierte anhand von Beispielen die Varianz sowohl in Text als auch in Bild. Als Grundlage hierfür diente ihm die Grand Comics Database (GCD).[5] Als XML-Markup für die editorische Annotation der Comics in Text und Bild nutzt Walsh die auf der Version P5 von TEI basierende Comic Book Markup Language (CBML),[6] um genetisches Markup auch auf Bildelemente anwenden und Bild-Text-Beziehungen ausdrücken zu können.

Wim Van Mierlo stellte in seinem Vortrag The Joycean Genome: James Joyce and Cultural Genetics das Konzept der ‘cultural genetics’ vor, das kulturelle Einflüsse fassen soll, die Joyce konkret in seinem literarischen Werk beeinflusst haben und die sich als Welterfahrung in Notizbüchern und anderen Dokumenten der Exogenese[7] in Form von Schreibspuren festmachen und für die Rekonstruktion der Werkgenese nutzen lassen.[8] Am Beispiel irischer Bräuche und Identitätsdiskurse wie dem St. Patrick’s Day und deren Wechselverhältnis zu Finnegans Wake illustrierte Van Mierlo das Modell, das auch reizvoll für die Übertragung auf andere literarische Œuvres scheint.

In ihrem Referat mit dem Titel Vēdatarkkam [Exposition on Theology]: An Investigation on the Paternity of the “First Modern Prose” in Kerala Literature, India stellte Emy Merin Joy einen Text der theologischen Literatur des 18. Jahrhunderts vor, der sich durch seine sprachliche und historische Vielschichtigkeit auszeichnet. Es handelt sich dabei um den ersten in Malayalam (der Sprache in Kerala) verfassten Prosatext. Er hat einen starken Sanskrit-Einfluss, ist aber volkssprachlich geschrieben, mit Theologiestudenten als Zielgruppe. Geprägt ist er außerdem durch die Missionsliteratur der in Kerala ansässigen syrischen Christen, und er weist zahlreiche Zitate aus Büchern verschiedener Religionen in Form eines interreligiösen Dialogs auf. Von besonderem Interesse im Umgang mit diesem Text ist einerseits die Frage der Autorschaft. Andererseits stellt dieser Text die Referentin als Editorin vor eine fast unlösbare Aufgabe: Er ist mit seinen zahlreichen interreligiösen und -sprachlichen Einflüssen und seiner sich daraus ergebenden Kommentierungsbedürftigkeit in Gänze kaum editorisch zu bewältigen, sodass sie sich entschlossen hat, nur einen Teil des komplexen Textes prototypisch zu edieren. Neue Formen der kollaborativen editorischen Zusammenarbeit scheinen hier überlegenswert und auf andere ähnlich gelagerte Fälle übertragbar.

Insgesamt hätten noch stärker theoretisierende und methodisch-reflektierende Vorträge auf der Konferenz vertreten sein können, um gerade auch interdisziplinäre Anknüpfungspunkte wie die hier vorgestellten herzustellen. Denn die ESTS-Konferenz zeigte auch, dass editionswissenschaftliche Tagungen gerade durch das Zusammenbringen verschiedener Disziplinen und Herangehensweisen ganz besonders vom gemeinsamen Dialog profitieren und der fachübergreifende Austausch auch und gerade für die eigenen fachspezifischen Fragestellungen und Methoden eine Bereicherung ist.

Online erschienen: 2023-10-03
Erschienen im Druck: 2023-10-02

© 2023 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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