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Sven Kuttner und Klaus Kempf (Hrsg.): Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder. Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949–1965). Wiesbaden: Harrassowitz, 2017 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: Band 63). XI, 306 S., s/w. Abb., brosch. ISBN 978-3-447-10960-4, ISSN 0408-8107. € 60,-

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Veröffentlicht/Copyright: 1. Dezember 2018

Rezensierte Publikation:

Sven Kuttner und Klaus Kempf (Hrsg.): Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder. Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949 – 1965). Wiesbaden: Harrassowitz, 2017 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: Band 63). XI, 306 S., s/w. Abb., brosch. ISBN 978-3-447-10960-4, ISSN 0408-8107. € 60,-


Die traumhaft am Comer See in Loveno di Menaggio gelegene Villa Vigoni, Sitz des Centro Italo-Tedesco per l’Eccellenza Europea, scheint sich zum idealen Tagungsort für die deutsch-italienischen Expertengespräche zur bibliothekarischen Zeitgeschichte zu profilieren. Den Anfang machte im September 2012 die Tagung Das deutsche und italienische Bibliothekswesen im Nationalsozialismus und Faschismus. Versuch einer vergleichenden Bilanz.[1] Im September 2016 folgte nun gewissermaßen als Anschlussveranstaltung auf Initiative des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte eine Tagung zum Thema Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder. Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949 – 1965). Planung und Organisation lagen wie 2012 in den Händen von Sven Kuttner (Bibliothek der Ludwig Maximilian- Universität München) und Klaus Kempf (Bayerische Staatsbibliothek München). Kontinuität beweist auch, dass fünf der Beiträger dieses Bandes bereits auf der vorhergehenden Veranstaltung von 2012 referiert hatten. Sechs Beiträge beziehen sich auf Italien,[2] zwölf auf Deutschland, wobei die DDR weitgehend ausgeblendet wird. Eine Ausnahme bildet Michael Knoches Beitrag West-Literatur in Ostbibliotheken. Die Präsenz der westdeutschen Literaturproduktion in wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR. Einleitend liefern die Herausgeber sowie Christine Haug und Alberto Petrucciani die Begründung: Die Entwicklung in der DDR lasse wegen der andersgearteten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen kaum einen Vergleich mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder zu. Das Vorwort bietet einen konzisen kommentierenden Überblick über die folgenden Texte.

Christof Dipper, emeritierter Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der TH Darmstadt, führt mit dem ersten Beitrag Vom Hunger zur Hungerkur in die politische, wirtschaftliche und wissenschaftspolitische Entwicklung vom Zusammenbruch 1945 bis zum Wirtschaftswunder ein und beleuchtet deren sozio-kulturellen Auswirkungen in der Bundesrepublik und in Italien. Mit einem Ländervergleich betritt er Neuland, denn einen solchen gab es nach Kenntnisstand des Rezensenten in der Forschung bislang noch nicht. Die folgenden Texte lassen sich in zwei thematischen Blöcken fassen, in einen bibliothekarischen und in einen Buch-, Verlag- und Literatur bezogenen. In beiden finden sich sowohl Analysen der größeren Zusammenhänge als auch Untersuchungen zu Einzelproblemen.

Zu Beginn von Block I konstatiert Klaus Kempf (Die bundesdeutschen Hochschulbibliotheken in den Jahren des „Wirtschaftswunders“ zwischen Kontinuität und Aufbruch), dass in den unmittelbaren Nachkriegsjahren im wissenschaftlichen Bibliothekswesen ein Neubeginn versäumt wurde. Für einen solchen bedurfte es erst der Reformimpulse von nichtbibliothekarischer Seite. Jürgen Babendreier richtet einen kritischen Blick auf den Weg Von der Bibliotheks- zur Bildungskatastrophe. Er verfolgt die wissenschaftliche Literaturversorgung am – wie er es nennt – deutschen Wirtschaftswunderrand. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist das Szenario von der Bildungskatastrophe, das der Bildungspädagoge Georg Picht 1964 entworfen hatte.[3] Die Ursachen für die Malaise fasst Babendreier in zehn Punkten zusammen und zeigt Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche auf. Präziser kann man die aufeinanderfolgenden Phasen in der Literaturversorgung für die Wissenschaft kaum fassen. Von einer „Fundamentalkritik“ zu sprechen, ist nicht zu weit hergeholt. Sven Kuttner untersucht das Berufsbild des höheren Bibliotheksdienstes von der älteren Debatte über das Verhältnis von Bibliothekar und Wissenschaft bis zur Problematik der Gruppenzugehörigkeit im Hochschulbetrieb. Aus dem Rahmen des Tagungsthemas fällt der Beitrag von Annemarie Kaindl und Maximilian Schreiber (Kooperation, Zusammenlegung oder Fusion?) über die bibliothekspolitische Auseinandersetzung um die Vereinigung der Bayerischen Staatsbibliothek mit der Bibliothek der Ludwig-Maximilian-Universität in München in den Jahren 1947 – 1956, es sei denn man sieht sie prototypisch für ähnliche Fusionsüberlegungen in Deutschland. Im Grunde ging es in München um die Zusammenlegung zweier „Schwergewichte“ zu einer einzigen Institution, die dieser dann „eine herausragende Rolle im Bibliotheksgefüge der Bundesrepublik Deutschland, ja sogar Europas“ verschaffen sollte. Post festum kann man wohl feststellen, dass diese Rolle der Bayerischen Staatsbibliothek in den folgenden Jahren bis zu einem gewissen Grad auch ohne Fusion zugefallen ist.

Gegenüber den fünf Beiträgen über das wissenschaftliche nimmt sich der einzige Beitrag über das Öffentliche Bibliothekswesen umfangmäßig bescheiden aus. In 1949 – 1965. Die Öffentlichen Bibliotheken im Zeichen des deutschen Wirtschaftswunders versteht es Birgit Dankert aber, auf 10 Seiten die Grundzüge der Entwicklung der Öffentlichen Bibliotheken überzeugend herauszuarbeiten. Sie erkennt für den Zeitraum von 1945 bzw. 1949 bis 1965 keine stringente Entwicklungslinie und sieht die Ursache in der „großen, heterogenen Zahl von Bibliotheksträgern und in einem kleinteiligen Auf und Ab von Aktivitäten“.

Die nachfolgenden italienischen Beiträge eröffnet Alberto Petrucciani, Professor für Bibliografie und Bibliothekswesen an der Universität La Sapienza in Rom (Le biblioteche italiane dalla ricostruzione postbellica al Servizio nazionale di lettura). Er schlägt einen weiten Bogen von der Aufbauphase nach dem 2. Weltkrieg bis zu den Reformen der frühen 1960er-Jahre. Sie kamen spät und waren oft unzureichend. In den folgenden Jahren beeinträchtigten explodierende politische Konflikte und ab den 1970ern die einsetzende Wirtschaftskrise die weitere Entwicklung. Zu einem ähnlichen Urteil über den Berufsstand der Bibliothekare gelangt auch Simonetta Buttò (Occasione mancate. I bibliotecari italiani dal dopoguerra agli Anni Sessanta). Die Zeit von 1945 bis in die 1960er-Jahre sieht sie als eine der verspielten Chancen. Die Reformbeschlüsse der Associazione Italiana Biblioteche (AIB) von 1969 erfolgten zu spät. Die bibliothekarische Community in Italien verlor zwar die konservativsten, zugleich aber auch kompetentesten Mitglieder ebenso wie die jüngeren, die sich rebellisch gegen den aus den USA kommenden Mainstream wandten. Mauro Guerrini und Tiziana Stagi („Per la salvezza“ o con pregiudizio? Le biblioteche italiane nella riflessione sui beni culturali della Commissione Franceschini) untersuchen den Bericht der Kommission von 1964. Dieses Dokument ist insofern von bibliothekarischer Relevanz, weil zum ersten Mal der Aufbau eines nationalen Bibliothekssystems im Zusammenhang mit dem historischen, archäologischen und kunsthistorischen Erbe Italiens als wichtig für die Entwicklung des Landes eingestuft wurde.

Unter der kryptischen Überschrift L’America in casa leitet Giovanni Paoloni zum zweiten thematischen Block über. Wenn er von „Sogni e sviluppo nell’Italia del miracolo“ spricht, den Träumen im Vergleich zur realen Entwicklung während des italienischen Wirtschaftswunders, hebt er auf Radio, Fernsehen, Kino und auch die Presse ab. Als Stimulus der modernen Kommunikation und der Werbung hatten sie einen wesentlichen Anteil daran, dass die Kulturindustrie zu einem Hauptfaktor für die Entwicklung Italiens wurde. Vom ökonomischen Boom profitierte auch der Buch- und Zeitschriftenmarkt. Roberta Cesana (L’editoria di cultura nell’Italia dell boom. Le case storiche e i nuovi editori, tra saggistica e letteratura) führt aus, dass sich die Zahl der Familien, in denen zwischen 1957 und 1967 Bücher gelesen wurden, verdoppelt hat, während sich die Ausgaben für Bücher nahezu verdreifacht haben. Sie verweist auf die Erfolge von Verlagen wie Einaudi, Feltrinelli und Mondadori. Isotta Piazza (L’editoria italiana verso il grande pubblico 1945 – 1965) ergänzt Cesanas kurzen Überblick durch ihre Ausführungen über den Buchmarkt für Taschenbücher und Serien für ein Massenpublikum. Sie beobachtet einen bemerkenswerten Wandel in der Verlagspolitik im Verlauf der 1950er-Jahre. An erster Stelle steht nicht mehr der Anspruch, das Bildungsniveau zu fördern, sondern die Absicht, das Lesebedürfnis einer breiteren Öffentlichkeit zu befriedigen.

Den Abschluss des Tagungsbandes bilden fünf deutsche Autoren. Sie behandeln spezielle Themen, die bereits durch die Überschriften angedeutet werden: Christine Haug (Leihbuchromane und Leihbuchroman-Verlage. Ein spezielles Marktsegment nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs), Wilhelm Haefs (Tradition und Innovation: Konzepte und Entwicklungstendenzen der Buchgestaltung in Deutschland in den 1950er Jahren), Stefan Brückl (Wolfgang Koeppen „Der Tod in Rom“ 1954 – Verlage und Schutzumschläge in Deutschland, England und Italien) sowie Matthias Beilein (Bewahrungen. Herbert G. Göpfert und der Carl Hanser-Verlag). Einzig Sven Hanuschkas Beitrag Statt der Worte nur Geräusch? beantwortet die selbst gestellte Frage nicht so, wie aus dem Zusatz Der westdeutsche Literaturbetrieb in der Nachkriegszeit (1945 – 1965) zu erwarten wäre. Er beschränkt sich auf eine „Stichbohrung“ und bringt als „konkreten Fall einer Autorenlesung“ einen Auszug aus Wolfgang Koeppens Roman von 1951 Tauben im Gras, gefolgt von einer Skizze der Geschichte des bundesdeutschen PEN-Clubs. Der vom Autor apostrophierte „Mut zur Lücke“ erscheint letztlich weniger als „Notwehr“ denn als Übermut.

Jeder der Tagungen plant, organisiert und die Vorträge publiziert, wird mit dem intrinsischen Problem konfrontiert, aus der Vielfalt ein harmonisches Ganzes zu gestalten. Ein Projekt wie die deutsch-italienischen Expertengespräche verdoppelt gewissermaßen die Schwierigkeiten. Umso höher ist die Arbeit der Herausgeber und Tagungsorganisatoren zu schätzen. Dank ihrer kompetenten Referenten ist es ihnen gelungen, neue Einblicke zu verschaffen und neue Erkenntnisse zu vermitteln. Das Ergebnis sollte Ansporn sein, diese beispielhafte bilaterale Zusammenarbeit nicht nur sporadisch sondern konsequent fortzusetzen. Dies ist zugegebener Maßen ein großes Wort, gelassen ausgesprochen, denn eine Vollfinanzierung solcher Veranstaltungen, in diesem Fall dank der Deutschen Forschungsgemeinschaft, wird nicht die Regel sein. Selbst wenn sie auch nur ein kleiner – aber wichtiger – Mosaikstein im Rahmen einer europäischen Zusammenarbeit sind, wären sie dennoch ein Kapital „das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet“.

Online erschienen: 2018-12-01
Erschienen im Druck: 2018-11-28

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Artikel in diesem Heft

  1. Titelseiten
  2. Inhaltsfahne
  3. Schwerpunkt: Bibliotheksmanagement als Management von Veränderung
  4. Editorial
  5. Postheroisches Management in Bibliotheken
  6. Mittendrin oder nur dabei?
  7. Die Universitäten digitalisieren sich
  8. National Library of the Netherlands on Transformation
  9. Bibliotheken im Wandel müssen als lernende Organisationen agieren
  10. Are Academic Libraries Changing Fast Enough?
  11. Die digitale Transformation meistern
  12. Being Evidence Based Makes Sense!
  13. Weitere Beiträge
  14. Austrian Transition to Open Access (AT2OA)
  15. HIRMEOS
  16. Die Burgenländische Landesbibliothek – ein offenes Fenster nach Osten
  17. Tagungsbericht
  18. Tagungsbericht – Open Science Conference, 13. – 14.3.2018, Berlin
  19. Rezensionen
  20. Sven Kuttner und Klaus Kempf (Hrsg.): Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder. Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949–1965). Wiesbaden: Harrassowitz, 2017 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: Band 63). XI, 306 S., s/w. Abb., brosch. ISBN 978-3-447-10960-4, ISSN 0408-8107. € 60,-
  21. Stephan Füssel, Ute Schneider (Hg.): Meilensteine buchwissenschaftlicher Forschung. Ein Reader zentraler Quellen und Materialien. Herausgegeben von Stephan Füssel und Ute Schneider in Zusammenarbeit mit einer Studierendengruppe. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017. (Mainzer Studien zur Buchwissenschaft; Band 25). VI, 437 S., s/w. Abb., brosch. ISBN 978-3-447-10600-9, ISSN 0946-090X. € 19,90
  22. Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte. Hg. von Uwe Jochum, Bernhard Lübbers, Armin Schlechter und Bettina Wagner. Heidelberg: Universitätsverlag Winter. Bd. 1 (2016). 2016. 191 S. Kt. 48,– €. ISBN 978-3-8253-6700-8. Bd. 2 (2017). 2017. 214 S., 25 Abb. Kt. 48,– €. ISBN 978-3-8253-6775-6.
  23. Sören Flachowsky: Zeughaus für die Schwerter des Geistes. Die Deutsche Bücherei in Leipzig 1912 bis 1945, 2 Bde., ISBN 978383533196-9. 1 349 Seiten. Göttingen, Wallstein-Verlag, 2018, € 69,–Christian Rau: Nationalbibliothek im geteilten Deutschland. Eine Publikation des Instituts für Zeitgeschichte, München. Die Deutsche Bücherei 1945–1990. ISBN 978383533199-0. Göttingen, Wallstein-Verlag, 2018. 725 Seiten, € 54,90.
  24. Veranstaltungshinweis
  25. D-A-CH-S-Tagung: Bibliothek – Qualifikation – Perspektiven
  26. Jahresinhaltsverzeichnis
Heruntergeladen am 14.4.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bfp-2018-0066/html
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