Abstract
The Proveana database for provenance research is a new service of the German Lost Art Foundation in Magdeburg. Complementing the Lost Art database for the documentation of cultural assets which were displaced or relocated as a result of the events of World War II, the centre has released the new database in 2020 to support provenance research through documenting historical information from four different provenance research areas on cultural assets seized due to national socialist persecution (Nazi-looted art), cultural assets displaced during wartime (war booty), cultural assets seized in the Soviet-occupied zone and the GDR, as well as cultural assets and collections from colonial contexts, thereby making it more transparent and contributing to the solution of unresolved cases.
„Proveana – Datenbank Provenienzforschung“ ist ein Angebot des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg. Die Provenienzforschung (auch Provenienzrecherche, Provenienzerschließung oder Herkunftsforschung) untersucht die Herkunft und Besitzerverhältnisse eines Kulturguts. Damit gehört sie zu den Kernaufgaben jeder kulturgutbewahrenden Institution. Proveana beinhaltet insbesondere die Ergebnisse der vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste im Rahmen seiner vier Themen geförderten Forschungsprojekte. Proveana ist ein Angebot für die von Kulturgutverlusten bzw. -entziehungen Betroffenen und ihre Nachfahren, für Wissenschaftler*innen, für alle mit dem Handel von Kulturgütern befassten Personen, für Medien und für politisch Verantwortliche. Ziel ist es, die Provenienzforschung durch die Dokumentation historischer Informationen zu unterstützen, sie dadurch transparenter zu gestalten und zur Lösung ungeklärter Fälle beizutragen.

Startseite und Sucheinstieg der Datenbank Proveana.
Zum Deutschen Zentrum Kulturgutverluste
Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (im Folgenden: Zentrum) wurde zum 1. Januar 2015 als Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Magdeburg gegründet. Es vereint in sich zwei Vorgängerinstitutionen, die sich jeweils mit NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut beschäftigten: die ehemalige Koordinierungsstelle Magdeburg und die ehemalige Arbeitsstelle für Provenienzforschung.
Das Zentrum widmet sich heute vier Forschungsfeldern: NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut (sog. NS-Raubgut), kriegsbedingt verlagertes Kulturgut (sog. Beutegut), Kulturgutenziehungen in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR sowie das Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten und fördert beispielsweise Projekte zur Provenienzforschung in öffentlichen, Kulturgut bewahrenden Einrichtungen wie Museen, Bibliotheken oder Archiven sowie – im Forschungskontext NS-Raubgut – in privaten Institutionen und von Privatpersonen.[1]
Zu seinen satzungsgemäßen Aufgaben zählt ferner die Herstellung von nationaler und internationaler Transparenz und damit einhergehend die Dokumentation von Forschungsergebnissen. Die Stiftung bietet daher zahlreiche Unterstützungsangebote. Wichtige Bestandteile sind hier zwei öffentliche Datenbanken: die Lost Art-Datenbank (www.lostart.de) und Proveana – Datenbank Provenienzforschung (www.proveana.de).
Zur Lost Art-Datenbank
1998 wurden auf internationaler Ebene die Washingtoner Prinzipien (Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden) beschlossen. Zu deren Umsetzung bekannte sich Deutschland 1999 im Sinne seiner historischen und moralischen Selbstverpflichtung mittels der Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz (Gemeinsame Erklärung). Punkt III der Gemeinsamen Erklärung sieht unter anderem eine öffentliche Such- und Fundliste vor, in die Kulturgüter eingetragen werden, welche von öffentlichen Einrichtungen als NS-Raubgut oder Verdachtsfall ermittelt wurden.
Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2000 die Lost Art-Datenbank veröffentlicht. Sie dokumentiert Kulturgüter, die ihren Eigentümer*innen zwischen 1933 und 1945 aufgrund nationalsozialistischer Verfolgung entweder nachweislich entzogen wurden, oder bei denen ein solcher Entzug nicht ausgeschlossen werden kann („NS-Raubgut“). Darüber hinaus verzeichnet die Lost Art-Datenbank kriegsbedingt verlagertes Kulturgut. Diese auch als Beutegut bezeichneten Objekte wurden während oder infolge des Zweiten Weltkrieges entzogen, verbracht oder verlagert.[2]
Die Lost Art-Datenbank gliedert sich in Such- und Fundmeldungen. Die Suchmeldungen beschreiben Objekte, die privaten Personen und Einrichtungen oder öffentlichen Institutionen infolge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bzw. im Zuge des Zweiten Weltkrieges abhanden gekommen sind. Fundmeldungen verzeichnen Kulturgüter, von denen bekannt ist, dass sie unrechtmäßig entzogen bzw. kriegsbedingt verlagert wurden. Weiterhin sind hier Meldungen zu Kulturgütern veröffentlicht, bei denen eine unsichere oder lückenhafte Provenienz auf einen möglicherweise unrechtmäßigen Entzug oder eine kriegsbedingte Verlagerung hinweisen.
Die Lost Art-Datenbank ist eine objektzentrierte Datenbank. Sie enthält aktuell öffentlich zugänglich fast 180.000 detailliert beschriebene und mehrere Millionen summarisch erfasste Objekte in Form von Such- und Fundmeldungen von ca. 1.400 in- und ausländischen Einrichtungen und Personen. Bibliotheksgut (u. a. Bücher, Frühdrucke, Handschriften etc.) ist die umfangreichste Objektgruppe mit über 58.000 Einzelobjekten und Sammeleinträgen (Stand November 2022). Die Daten in den Meldungen basieren auf Angaben der meldenden Personen und Institutionen. Die Stiftung prüft die Meldungen im Hinblick auf die Eintragungsgrundsätze der Datenbank, indem vor einer Veröffentlichung eine sogenannte Plausibilitätsprüfung durchgeführt wird.
Zu Proveana – Datenbank Provenienzforschung
Proveana ergänzt seit 2020 das Angebot des Zentrums. Mit wachsender Bedeutung der Provenienzforschung entstand der Bedarf, eine Forschungsdatenbank zu schaffen, die die Ergebnisse insbesondere der Projektförderung transparent zugänglich macht und zugleich verschiedene Wissensinseln vereint. Die Entwicklung dieser Forschungsdatenbank und ihrer Webpräsenz wurde im Rahmen einer Projektförderung von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ermöglicht.
Proveana ist zunächst eng mit der hauseigenen Projektförderung verknüpft. Sie beinhaltet eine detaillierte Übersicht zu sämtlichen, vergangenen und laufenden, Projekten, stellt die umfangreichen Abschlussberichte der Projekte in Volltext zur Verfügung und bereitet deren Inhalte in Form von strukturierten Datensätzen auf. Bibliotheken sind neben den Museen die größte und aktivste Gruppe innerhalb der vom Deutsche Zentrum Kulturgutverluste geförderten Einrichtungen. Für die Aufnahme von Projekten oder Daten ist eine Förderung durch das Zentrum jedoch keine zwingende Voraussetzung. Proveana steht vielmehr für alle thematisch passende Projekte und Datensammlungen offen – explizit auch für solche, die unabhängig von einer Förderung durch die Stiftung entstanden sind. Ziel ist die Vereinigung und langfristige Vorhaltung von dezentral vorhanden Daten sowie die Schaffung eines Überblicks zu vergangenen und aktuellen Projekten im Bereich der Provenienzforschung.
Die primäre Basis des Datenbestandes bilden die Abschlussberichte der vom Zentrum geförderten Projekte. Die deutschlandweit verteilten, heterogenen Projektnehmer erstellen zum Projektende einen Abschlussbericht, der die eruierten historischen Informationen sowie die genutzten Quellen darlegt. Proveana erfüllt hier einen doppelten Zweck: Einerseits werden die Berichte in einem geschützten Bereich veröffentlicht, der nach Darlegung eines berechtigten Interesses für Nutzende zugänglich ist.[3] Andererseits sind die in Berichten enthaltenen Angaben, etwa zu Personen und Körperschaften, Netzwerken, zeithistorischen und regionalen Kontexten und Ereignissen sowie konsultierten Archivalien, über das individuelle Projekt hinaus von Wert und Interesse, weshalb sie für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Im Gegensatz zur Lost Art-Datenbank konzentriert sich Proveana nicht auf die Dokumentation von Objekten. Ein Team des Zentrums dokumentiert die historisch relevanten Informationen aus den Berichten nach standardisierten Kriterien in der Datenbank. Dort werden sie hochgradig strukturiert, u. a. mithilfe von Thesauri und kontrollierten Vokabularen, wie dem Getty TGN, Geonames, T-Pro Thesaurus der Provenienzbegriffe, EHRI Terms. In einem weiteren Schritt werden die vorhanden Informationen mit Normdaten (u. a. GND, Wikidata, Worldcat) und weiteren Quellen angereichert und dann frei zugänglich über die Website veröffentlicht.
Der Datenbestand gliedert sich final in acht Entitätstypen:
Personen und Körperschaften, die bspw. vom Kulturgutraub betroffen oder daran beteiligt waren,
historische Ereignisse, bspw. Auktionen, Ausstellungen oder Forschungsreisen,
historische Sammlungen,
materielle Gegenstände, zurzeit ausschließlich die Inhalte der Lost Art-Datenbank,
Provenienzmerkmale,
Archivalien,
Literatur und digitale Quellen, sowie
Projekte und Forschungsberichte.

Ansicht Datensatz zu einer Person mit PURL, Referenzierungen auf die GND, Wikidata, den Getty TGN und Geonames, sowie der Zuordnung von Quellenangaben zu einzelnen Informationen.
Proveana enthält bereits mehr als 11.000 Datensätze (darunter ca. 2.300 Personen und 1.300 Körperschaften). Der Datenbestand erweitert sich nahezu täglich.
Die im Hintergrund verwendete Datenbanksoftware, in diesem Fall eine umfassend individualisierte Variante der HiDA Software der Firma Startext, greift auf ein strenges Verweissystem, eingebundene Thesauri, kontrollierte Vokabulare und Normdaten sowie eine komplexe Datenstruktur zurück. Hierdurch ist es möglich, auf der Website, erstellt in Zusammenarbeit mit der Agentur Outermedia, zahlreiche Funktionen wie eine facettierte Suche, Kartenansichten und Netzwerkvisualisierungen (Abbildung 3) zu erzeugen. Die Struktur versieht außerdem jede Information mit einer Quelle. Die Website selber erhält zahlreiche nutzerfreundliche Funktionen wie Merklisten, gespeicherte Suchen und eine Kommentarfunktion.

Darstellung eines Beziehungsnetzwerkes in Proveana, hier ausgehend von der Sammlung Emma Budge.
Proveana vereint Informationen zu allen vier Forschungskontexten der Stiftung – so werden auch Überschneidungen zwischen den Unrechtskontexten sichtbar. Die Inhalte der Lost Art-Datenbank werden in Proveana gespiegelt. Somit ist ein zentraler Sucheinstieg für beide Datenbestände möglich. Außerdem flossen die Ergebnisse und Abschlussberichte der Provenienzrecherche zum „Kunstfund Gurlitt“ in Proveana ein.
Hinzu kommen Themen von speziellem Interesse, bei denen das Zentrum mit externen Wissenschaftler*innen zusammenarbeitet, um wesentliche Sachverhalte umfänglicher abzubilden. Sie sollen zur Profilierung der Datenbank beitragen. Aktuell wurde das Projekt „Jüdische Sammler*innen“ gestartet, dass im November 2022 mit einem ersten Datenbestand online ging, der weiterhin ausgebaut wird.[4] Dabei sollen die teils bedeutenden historischen Sammlungen sichtbar gemacht werden, ebenso wie die regionalen Netzwerke, in denen sie (ent)standen. Zugleich sollen der einstige kulturelle Reichtum und seine Zerstörung durch den nationalsozialistischen Raub verdeutlicht werden. Zuvor wurde ebenfalls 2022 ein umfassendes Fachglossar[5] veröffentlicht. Für das Jahr 2023 sind Datenergänzungen im Bereich des Kultur- und Sammlungsguts aus kolonialem Kontext sowie die Darstellung umfassender, interaktiver Zeitleisten zu allen vier Forschungskontexten geplant.
Bei der Entstehung von Proveana wurde konzeptionell die Frage aufgeworfen, was diese Datenbank als eine Forschungsdatenbank qualifizieren könnte. Es wurde folgende Arbeitshypothese gefunden: Eine Forschungsdatenbank respektive ein Webportal sollte die forschende, hochkomplexe und anspruchsvolle Tätigkeit der Wissenschaftler*innen durch zeitgemäße digitale Methoden unterstützen und die Prinzipien der guten wissenschaftlichen Praxis, insbesondere der Transparenz, anwenden. Daraus ergaben sich die folgenden Leitlinien bei der Umsetzung:
Historische Dokumentation in Verbindung mit weiterführenden Informationsquellen: Die Forschungsdatenbank dokumentiert für die Provenienzforschung relevante historische Daten sowie weiterführende Quellen und Informationsangebote gleichermaßen. Sie ist keine objektzentrierte Datenbank, sondern sammelt Kontextinformationen, die die Erforschung von Provenienzketten im Einzelfall unterstützen sollen. Im Sinne der stetigen inhaltlichen Vertiefung und Qualitätssteigerung ist Proveana offen für Aktualisierungen und Hinweise von Nutzern.
Ein neutrales und erweiterbares Datenmodell: Die Forschungsdatenbank soll neben den Themen NS-verfolgungsbedingt entzogenes und kriegsbedingt verlagertes Kulturgut auch die Provenienzforschung im Bereich SBZ und DDR sowie Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten unterstützen. Daher fußt das Datenmodell auf offenen und neutralen Entitätstypen mit beliebig oft wiederholbaren reproduzierbaren Strukturabschnitten, die kontextunabhängig verwendbar sind.
Quellen- und Nachweisapparat: Das Datenmodell begünstigt die Ablage von kleinteiligen Informationen, die mit ihren jeweiligen Quellen verbunden sind. An einzelnen Forschungsdaten ist sichtbar, woher sie stammt und zu welchem Zeitpunkt sie erhoben wurde. So können Informationen aus unterschiedlichen Quellen an einem Punkt zusammengezogen und Redundanzen vermieden werden.
Referenzierung anstelle von redundanter Datenhaltung: Innerhalb der Datenbank können alle Entitäten miteinander verbunden werden. Verknüpfungen werden zusätzlich zu Datenquellen außerhalb der Forschungsdatenbank vorgenommen. So wird eine redundante Datenhaltung vermieden und gleichzeitig identifizierenden Bezügen im Sinne von Linked Data Vorschub geleistet. Im Gegenzug kann mithilfe von IDs und daraus abgeleiteten und bereitgestellten PURLs eindeutig auf die Forschungsdatenbank referenziert werden. Mittlerweile ist die Proveana ID als Property P9434 im Wikidata-Universum verankert.
Digitalisate: Sofern verfügbar, können in der Forschungsdatenbank digitale Kopien hinterlegt werden. Die Inhalte der Digitalisate werden durch das Webportal indexiert und sind damit für die Suche verfügbar. Voraussetzung ist der vorherige erfolgreiche Einsatz eines OCR-Verfahrens.
In Zukunft möchte Proveana die strukturierten Daten offener und im Sinn der FAIR-Prinzipien zur Verfügung stellen. Hierfür laufen intern erste Überlegungen und Vorarbeiten in Bezug auf geeignete Formate und notwendige Technologien sowie deren rechtliche Voraussetzungen. Die Daten der Lost Art-Datenbank sind aufgrund ihrer rechtlichen Natur hiervon jedoch ausgeschlossen.
Das Team von Proveana lädt alle Interessierten dazu ein, sich am Ausbau von Proveana zu beteiligen. Sei es, indem eigene Provenienzforschungsprojekte bei Proveana eingetragen, Links zu anderen Angeboten hergestellt oder Daten zur Verfügung gestellt werden.
About the author

Sabrina Werner
© 2023 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
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