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Das Projekt zur Erarbeitung eines Landeskonzepts für den Originalerhalt des schriftlichen Kulturguts in Berlin legt seinen Zwischenbericht vor

  • Lisa Graf

    Projektleiterin Landeskonzept für den Originalerhalt des schriftlichen Kulturguts in Berlin

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Published/Copyright: January 29, 2022
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Zusammenfassung

Das Kompetenzzentrum Bestandserhaltung für Archive und Bibliotheken in Berlin und Brandenburg widmet sich im Auftrag der Senatsverwaltung für Kultur und Europa seit Januar 2020 der Erarbeitung eines Landeskonzepts für den Originalerhalt des in Berlin befindlichen schriftlichen Kulturerbes. Grundlage sind die im Rahmen einer groß angelegten zweiteiligen Erhebung in zahlreichen Kulturgut bewahrenden Einrichtungen generierten Daten. Der am 30. Juli 2021 veröffentlichte Projektzwischenbericht zeichnet die Entwicklungen und Planungen auf dem Weg zum Landeskonzept nach und bietet Einblicke in erste Daten der Erhebung.

Abstract

The competence centre for the preservation of the collections of archives and libraries in Berlin and Brandenburg was tasked with developing a concept for the preservation of Berlin’s written cultural heritage originals by the Senate Administration for Culture and Europe in January 2020. The project is based on data obtained as part of a large-scale, two-part survey of a large number of institutions dedicated to perserving the cultural heritage. A progress report published on 30 July 2021 has outlined the developments and strategies employed in preparing a concept for the Land of Berlin, and offered insights into first findings from the survey.

Als das in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin angesiedelte Kompetenzzentrum Bestandserhaltung für Archive und Bibliotheken in Berlin und Brandenburg (KBE)[1] im Januar 2020 den Auftrag der Senatsverwaltung für Kultur und Europa zur Erarbeitung eines Landeskonzepts für den Originalerhalt des schriftlichen Kulturguts in Berlin annahm, begann die Arbeit an einem zukunftsweisenden Projekt, über das bereits in Heft 5–6/2021 des Bibliotheksdienstes ausführlich berichtet wurde.

Seit dem 30. Juli 2021 liegt nun der öffentliche Projektzwischenbericht[2] vor, der die Entwicklungen und Planungen auf dem Weg zum Landeskonzept darstellt und Einblicke in erste Daten der groß angelegten Erhebung bietet. Denn mit dem Ziel, dem Land Berlin eine strategische Planungsgrundlage für ein faktenbasiertes und koordiniertes Vorgehen im Bereich der Bestandserhaltung bereitzustellen, galt es zunächst, eine aktuelle und valide Übersicht über Berlins besonders bedeutende und bedrohte Bestände an schriftlichem Kulturgut, ihren Zustand sowie die zu ihrer Erhaltung verfügbaren Ressourcen und erforderlichen Maßnahmen zu erstellen und somit einen „blinden Fleck“ zu schließen.

Um die Daten für jene – gerade angesichts der Vielzahl und Vielfalt Kulturgut bewahrender Einrichtungen in Berlin – dringend erforderliche Übersicht zu generieren, widmete sich das Projekt zunächst der Planung, Vorbereitung und Durchführung einer groß angelegten zweiteiligen Erhebung in zahlreichen Kulturgut bewahrenden Einrichtungen Berlins, die im Dezember 2021 zum Abschluss gebracht wird.

Im ersten Erhebungsteil werden die besonders bedeutenden und bedrohten Bestände an schriftlichem Kulturgut mittels Fragebogen erfasst, wobei die teilnehmenden Einrichtungen jeweils maximal fünf Bestände benennen können, die wiederum zu beschreiben, zu begründen und untereinander zu priorisieren sind. Das persönliche Gespräch im Rahmen der interviewgestützten zweiten Erhebungsphase dient der qualitativen Einschätzung der Fragebogendaten und der Veranschaulichung komplexer Zusammenhänge und Hintergründe.

Für den ersten Erhebungsteil konnte bis Redaktionsschluss eine Rückmeldequote von 89,5 Prozent verzeichnet werden, die sich aus 126 vollständig beantworteten Fragebögen (60 Prozent), 46 begründeten Absagen (23 Prozent) und sieben weiteren Einrichtungen (3,5 Prozent) zusammensetzt, die ihre Teilnahme zugesagt haben. Im Zuge der zweiten Erhebungsphase konnten inzwischen bereits 75 Interviews geführt werden.

Nachfolgend werden nun ausgewählte und im Projektzwischenbericht aufbereitete Daten des ersten Erhebungsteils vorgestellt, die auf 120 zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits vorliegenden vollständig beantworteten Fragebögen basieren und somit Einblick in 60 Prozent der angefragten Einrichtungen geben.

Die teilnehmenden Einrichtungen

Charakterisieren lassen sich die teilnehmenden Einrichtungen in Bezug auf Einrichtungssparte, Trägerschaft und Größe – gemessen an der Beschäftigtenzahl und dem Gesamtumfang des schriftlichen Kulturgutes.

Von ihnen ordnen sich 63,3 Prozent (76 von 120) dem archivischen und 54,2 Prozent (65 von 120) dem bibliothekarischen Spektrum zu, wobei sich lediglich 27,5 Prozent (33 von 120) der teilnehmenden Einrichtungen ausschließlich als Archiv und 23,3 Prozent (28 von 120) ausschließlich als Bibliothek ansehen. Mit 44,2 Prozent (53 von 120) versteht sich hingegen fast jede zweite Einrichtung als „Hybrid“, wobei die Kombination aus Archiv und Bibliothek am häufigsten vertreten ist. Doch wie vielfältig die teilnehmenden Einrichtungen sind, zeigt sich gerade auch an den gewählten Selbstbezeichnungen abseits der Kategorien „Archiv“ und „Bibliothek“: So definieren sich 21,7 Prozent (26 von 120) der Einrichtungen (auch) als Museum und 20,0 Prozent (24 von 120) wählten u. a. auch Begriffe wie Dokumentationszentrum (8,3 Prozent = 10 von 120) und Gedenkstätte (5,0 Prozent = 6 von 120) oder nutzten die Möglichkeit, sich in eigenen Worten, z. B. als Bildungsstätte oder Geschichtsverein zu beschreiben.

Abb. 1: Zuordnung der teilnehmenden Einrichtungen nach Einrichtungssparte (Mehrfachnennung möglich). ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 1:

Zuordnung der teilnehmenden Einrichtungen nach Einrichtungssparte (Mehrfachnennung möglich). ©Lisa Graf/KBE.

In Anbetracht der Trägerschaft lässt sich folgende Verteilung konstatieren: 42,5 Prozent (51 von 120) der ausgewerteten Fragebögen entfallen auf Einrichtungen in privatrechtlicher Trägerschaft (z. B. Vereine, private Stiftungen), 29,2 Prozent (35 von 120) auf Anstalten / Körperschaften / Stiftungen des öffentlichen Rechts, 15,0 Prozent (18 von 120) auf die unmittelbare Berliner Landesverwaltung und 13,3 Prozent (16 von 120) auf Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft.

Mit Blick auf die Einrichtungsgröße ist festzuhalten, dass 73,3 Prozent (88 von 120) der Einrichtungen über weniger als 5 Vollzeitäquivalente (VZÄ) an Beschäftigten verfügen, 64,2 Prozent (77 von 120) auf weniger als 3 VZÄ kommen und 25,8 Prozent (31 von 120) sogar nur weniger als 1 VZÄ beschäftigen.

Abb. 2: Die Anzahl der Beschäftigten in den Einrichtungen (in Vollzeitäquivalenten). ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 2:

Die Anzahl der Beschäftigten in den Einrichtungen (in Vollzeitäquivalenten). ©Lisa Graf/KBE.

Über mindestens 5 VZÄ verfügen lediglich 26,7 Prozent (32 von 120), wobei 12,5 Prozent (15 von 120) auf mindestens 10 VZÄ und nur 5,0 Prozent (6 von 120) auf mindestens 50 VZÄ kommen.

Besonders bedeutende Bestände melden 85,8 Prozent (103 von 120) der teilnehmenden Einrichtungen, von denen wiederum 82,5 Prozent (85 von 103) die Bestände auch als gefährdet einstufen. 69,4 Prozent (59 von 85) der Einrichtungen mit besonders bedeutenden und zugleich gefährdeten Beständen beabsichtigen bereits Erhaltungsmaßnahmen, wobei 45,9 Prozent (39 von 85) sogar die Beantragung von Fördermitteln in Erwägung ziehen. Insgesamt wurden 194 besonders bedeutende Bestände von 103 Einrichtungen vorgestellt, d. h. im Durchschnitt 1,9 Bestände pro Einrichtung. In Relation zum Umfang des Gesamtbestandes an schriftlichem Kulturgut in den Einrichtungen entsprechen die summierten Umfangsangaben aller priorisierten Bestände 14,8 Prozent der Archiveinheiten (316.610 AE von 2.134.376 AE), 4,0 Prozent der Bände (865.908 Bde von 21.820.008 Bde) und 7,6 Prozent der laufenden Regalmeter (8.856,62 lfm von 116.820,6 lfm).

Die priorisierten Bestände

Die von den teilnehmenden Einrichtungen priorisierten Bestände können in Bezug auf ihre immanenten Bedeutungsebenen, die vertretenen Schriftgutgattungen und ihre Laufzeit charakterisiert sowie hinsichtlich Materialität, Beschaffenheit und Erschließungsgrad beschrieben werden.

Begründet wird die besondere Bedeutung der Bestände am häufigsten mit der herausragenden Bedeutung für das Selbstverständnis der Einrichtung / den Sammlungskontext (88,1 Prozent = 171 von 194), bestehender Unikalität (78,4 Prozent = 152 von 194) und anerkannter regionaler Bedeutung (46,4 Prozent = 90 von 194). Durchschnittlich werden pro priorisiertem Bestand 3,6 Bedeutungsebenen aufgeführt, wobei die Besonderheit und Vielschichtigkeit jedes Bestandes in einem gesonderten Beschreibungsfeld des Fragebogens darzustellen war und im persönlichen Gespräch im Rahmen der zweiten Erhebungsphase nochmals vertiefend erläutert wird.

Abb. 3: Die immanenten Bedeutungsebenen der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 3:

Die immanenten Bedeutungsebenen der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.

Die dominierenden Schriftgutgattungen sind Bücher (42,8 Prozent = 83 von 194) und Akten (41,8 Prozent = 81 von 194). Doch auch Zeitschriften (28,9 Prozent = 56 von 194) oder Handschriften (26,3 Prozent = 51 von 194) sind in vielen Beständen vertreten. Im Durchschnitt weist ein Bestand 2,25 Schriftgutgattungen auf.

Abb. 4: Die vertretenen Schriftgutgattungen innerhalb der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 4:

Die vertretenen Schriftgutgattungen innerhalb der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.

Die Mehrheit der priorisierten Bestände (55,7 Prozent = 108 von 194) fällt vollständig in die Zeit nach 1850. Bei 37,6 Prozent (73 von 194) der Bestände beginnt die Laufzeit zwar vor 1850, endet jedoch erst nach 1850, wobei für 4,6 Prozent (9 von 194) der Bestände nicht angegeben werden kann, wie groß der Anteil am Bestand ist, der in die Zeit nach 1850 fällt. Nur 6,7 Prozent (13 von 194) der Bestände sind ausschließlich in der Zeit vor 1850 zu verorten.

Papier ist der bestimmende Beschreibstoff. Allein 88,1 Prozent (171 von 194) der priorisierten Bestände liegen nach Einschätzung der Einrichtungen ausschließlich auf diesem Beschreibstoff vor. Auch in den übrigen 23 Beständen (11,9 Prozent = 23 von 194) ist Papier mehr oder weniger stark vertreten, bei 18 dieser Bestände (9,3 Prozent = 18 von 194) sogar mit einem Anteil von mindestens 80 Prozent. Pergament spielt als Beschreibstoff hingegen eine untergeordnete Rolle. Nur 6,7 Prozent (13 von 194) der priorisierten Bestände weisen überhaupt Pergament als Beschreibstoff auf, wobei der Anteil am jeweiligen Bestand nur bei drei Beständen (1,5 Prozent = 3 von 194) mindestens 50 Prozent beträgt. Allerdings wird auch für 6,7 Prozent (13 von 194) der Bestände vermerkt, dass eine Angabe bezüglich des Anteils an Pergament nicht möglich sei und das Vorliegen von Pergament demnach auch nicht ausgeschlossen werden kann. Papyrus wird für keinen einzigen Bestand genannt, wobei auch hier für 6,7 Prozent (13 von 194) der Bestände eine Angabe nicht möglich ist. Für 14 Bestände (7,2 Prozent = 14 von 194) werden zusätzlich noch weitere Beschreibstoffe wie „Pappe und Karton“ vermerkt oder auf andere Materialien wie „Wachs-und Lacksiegel“ hingewiesen, wobei der Anteil „sonstiger Beschreibstoffe“ am Bestand bei maximal 20 Prozent liegt und nur in einem Fall 50 Prozent erreicht.

Holzschliffhaltiges Papier ist entsprechend der Zeitstellung stark vertreten. 18,0 Prozent (35 von 194) der Bestände liegen sogar ausschließlich auf holzschliffhaltigem Papier vor. Bei 33,0 Prozent (64 von 194) der Bestände überwiegt holzschliffhaltiges Papier, d. h. der Anteil am jeweiligen Bestand liegt hier bei 50 bis 99 Prozent. 8,2 Prozent (16 von 194) der Bestände weisen es in geringerem Umfang auf (1 bis 50 Prozent des Bestandes) und lediglich 5,7 Prozent (11 von 194) der Bestände sind frei von holzschliffhaltigem Papier. Allerdings wird für 35,1 Prozent (68 von 194) der Bestände vermerkt, dass eine Angabe zum Anteil an holzschliffhaltigem Papier nicht möglich sei.

Abb. 5: Der Anteil an holzschliffhaltigem Papier innerhalb der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 5:

Der Anteil an holzschliffhaltigem Papier innerhalb der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.

Hinsichtlich der Erschließung ist festzustellen, dass 36,1 Prozent (70 von 194) der priorisierten Bestände vollständig erschlossen sind und der Erschließungsgrad bei 23,7 Prozent (46 von 194) der Bestände immerhin mehr als 50 Prozent beträgt. Für 21,6 Prozent (42 von 194) der Bestände liegt er jedoch unter 50 Prozent und bei 18,6 Prozent (36 von 194) der Bestände wurde mit der Erschließung bislang noch nicht einmal begonnen. In welcher Weise und Tiefe die Bestände erschlossen wurden, ist Gegenstand des persönlichen Gesprächs im Rahmen der zweiten Erhebungsphase.

Schadensbilder, Zustand und Erhaltungsmaßnahmen

Für jeden priorisierten Bestand sollten die vorliegenden Schadensbilder und der jeweils vom Schadenphänomen betroffene Anteil am Bestand, der von 0 bis 100 Prozent reichen kann, benannt werden. Betrachtet man nun lediglich, in wie vielen Beständen das jeweilige Schadensbild vorliegt, unabhängig davon, wie groß der betroffene Anteil am Bestand oder wie stark das Schadensbild ausgeprägt ist, so zeigt sich, dass Gebrauchsschäden (72,7 Prozent = 141 von 194), säurebedingter Papierzerfall (62,4 Prozent = 121 von 194), starke Verunreinigung (58,2 Prozent = 113 von 194) und Schäden am Einband bzw. Schäden an der Heftung / Bindung (jeweils 54,6 Prozent = 106 von 194) am stärksten vertreten sind.

Abb. 6: Vorliegende Schadensbilder innerhalb der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 6:

Vorliegende Schadensbilder innerhalb der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.

Der Zusammenhang zwischen vorliegenden Schadensbildern und Erhaltungszustand, d. h. wie stark die einzelnen Schadensbilder ausgeprägt sind und wie groß ihr Einfluss auf den Zustand des Bestandes ist, wird erst im persönlichen Gespräch im Rahmen der zweiten Erhebungsphase thematisiert.

Im Fragebogen sollte jeder priorisierte Bestand vorerst ohne diesen Zusammenhang hinsichtlich seines Erhaltungszustandes beschrieben und prozentual den vier Zustandskategorien – gut, befriedigend, schlecht und sehr schlecht – zugeordnet werden. Ein überwiegend (mindestens 50 Prozent des Bestandes) guter Zustand wird 45,9 Prozent (89 von 194) der Bestände attestiert, demzufolge liegen nur geringe Schäden vor, die Benutzung ist nicht beeinträchtigt und birgt nur geringe Gefahr für das Objekt. Immerhin 9,8 Prozent (19 von 194) der Bestände befinden sich ausschließlich (100 Prozent des Bestandes) in gutem Zustand, wohingegen 19,6 Prozent (38 von 194) der Bestände nicht einmal zum Teil (0 Prozent des Bestandes) in gutem Zustand sind.

28,5 Prozent (55 von 194) der priorisierten Bestände werden in ihrem Zustand als überwiegend (mindestens 50 Prozent des Bestandes) befriedigend beschrieben, demnach liegen Schäden mittleren Schweregrades vor und die Benutzung ist mit leichten Einschränkungen und unter gesonderten Bedingungen möglich. 6,7 Prozent (13 von 194) befinden sich gänzlich (100 Prozent des Bestandes) in befriedigendem Zustand.

Ein überwiegend (mindestens 50 Prozent des Bestandes) schlechter Zustand wird 8,8 Prozent (17 von 194) der Bestände bescheinigt, d. h. die Schäden sind hier bereits stark ausgeprägt und die Benutzung ist nur noch stark eingeschränkt möglich. Obgleich nur 2,6 Prozent (5 von 194) der Bestände ausschließlich in schlechtem Zustand vorliegen, so sind doch mit 54,1 Prozent (105 von 194) mehr als die Hälfe der Bestände in geringem Umfang (weniger als 50 Prozent des Bestandes) betroffen. Allerdings sind immerhin 37,6 Prozent (73 von 194) der Bestände nicht einmal zum Teil (0 Prozent des Bestandes) in schlechtem Zustand.

Nur 1 Prozent (2 von 194) der Bestände befindet sich überwiegend (min. 50 Prozent des Bestandes) in sehr schlechtem Zustand, d. h. die Schädigung ist bereits so stark ausgeprägt, dass eine Nutzung aufgrund des drohenden (fortschreitenden) Substanz- und Informationsverlustes ausgeschlossen ist. Auch wenn nur 0,5 Prozent (1 von 194) der Bestände ausschließlich in sehr schlechtem Zustand vorliegen, so sind doch ganze 41,2 Prozent (80 von 194) zumindest in geringem Umfang (weniger als 50 Prozent des Bestandes) betroffen. Allerdings sind immerhin 58,2 Prozent (113 von 194) der Bestände nicht einmal teilweise (0 Prozent des Bestandes) in sehr schlechtem Zustand. Für 4,6 Prozent (9 von 194) der Bestände konnte Erhaltungszustand nicht eingeschätzt werden.

Abb. 7: Der Erhaltungszustand der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 7:

Der Erhaltungszustand der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.

Für die Erhaltung der priorisierten Bestände werden am häufigsten folgende Maßnahmen als vordringlich benannt: Zustandserfassung (71,1 Prozent = 138 von 194), Schutzdigitalisierung (67,5 Prozent = 131 von 194), Einzelrestaurierung (61,3 Prozent = 119 von 194), Verpackung und Umlagerung (46,4 Prozent = 90 von 194) sowie Reinigung (44,8 Prozent = 87 von 194). Die jeweils zugeordnete Prioritätsstufe (von der obersten Priorität 1 bis Priorität 5) bleibt bei dieser Aufstellung jedoch unberücksichtigt. Die oberste Priorität wurde am häufigsten der Zustandserfassung (51,0 Prozent = 99 von 194), Schutzdigitalisierung (9,3 Prozent = 18 von 194), Verpackung und Umlagerung (7,7 Prozent = 15 von 194), Einzelrestaurierung (6,2 Prozent = 12 von 194) und Reinigung (5,7 Prozent = 11 von 194) eingeräumt.

Abb. 8: Erforderliche Maßnahmen zur Erhaltung der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 8:

Erforderliche Maßnahmen zur Erhaltung der priorisierten Bestände. ©Lisa Graf/KBE.

Die Rahmenbedingungen für Bestandserhaltung

Um die Möglichkeiten und Grenzen der Einrichtungen bei der Bewahrung ihrer Bestände einschätzen zu können, wurden auch Daten zu verschiedenen Rahmenbedingungen für die Bestandserhaltung erhoben: Personal, Fachkenntnisse und Sachmittel.

Zwar verfügen 67,5 Prozent (81 von 120) der Einrichtungen nach Eigenaussage über Personal für Aufgaben der Bestandserhaltung, doch handelt es sich hierbei mehrheitlich (84,0 Prozent = 68 von 81) um Personal, das AUCH für diese Aufgaben zur Verfügung steht. Bestandserhaltung nimmt also nur einen (häufig kleinen) Teil des Aufgabenspektrums ein.

Abb. 9: Personal für Bestandserhaltung in den teilnehmenden Einrichtungen. ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 9:

Personal für Bestandserhaltung in den teilnehmenden Einrichtungen. ©Lisa Graf/KBE.

Fachkenntnisse zur Umsetzung einer oder mehrerer der im Fragebogen vorgegebenen Bestandserhaltungsmaßnahmen liegen in 76,7 Prozent (92 von 120) der Einrichtungen vor, wobei es sich am häufigsten um Fachkenntnisse für Zustandserfassung (62,5 Prozent = 75 von 120), bestandsschonende Digitalisierung (38,3 Prozent = 46 von 120), Bestandserhaltungsmanagement (34,2 Prozent = 41 von 120), präventive Konservierung (23,3 Prozent = 28 von 120) und Projektmanagement von Bestandserhaltungsprojekten (20,8 Prozent = 25 von 120) handelt.

Der Anteil an Einrichtungen, die über eigene Sachmittel für Bestandserhaltungsmaßnahmen verfügen, stieg in der Vergangenheit von zunächst 41,7 Prozent (50 von 120) im Zeitraum 2014–2018 auf 43,3 Prozent (52 von 120) in 2019 und schließlich auf 46,7 Prozent (56 von 120) im Jahr 2020. Auch das durchschnittliche Volumen der verfügbaren Sachmittel nahm mit den Jahren zu.

Drittmittel für Bestandserhaltungsmaßnahmen wurden in der Vergangenheit jedoch nur von 31,7 Prozent (38 von 120) der Einrichtungen beantragt bzw. eingeworben, wobei die Mittel auch nur bei 52,6 Prozent (20 von 38) in vollem Umfang bewilligt wurden. 23,7 Prozent (9 von 38) der beantragenden Einrichtungen erhielten eine Teilbewilligung und ganze 23,7 Prozent (9 von 38) hatten mit ihrem Versuch keinen Erfolg.

Abb. 10: Fachkenntnisse zur Umsetzung von Bestandserhaltungsmaßnahmen in den Einrichtungen. ©Lisa Graf/KBE.
Abb. 10:

Fachkenntnisse zur Umsetzung von Bestandserhaltungsmaßnahmen in den Einrichtungen. ©Lisa Graf/KBE.

Die Evaluierung der Daten und die Erarbeitung des Landeskonzeptes

Nach Beendigung der zweiteiligen Erhebung im Dezember 2021 beginnt eine neue Phase des Projektes. In 2022 werden die generierten Daten zunächst zusammengeführt, aufbereitet und mithilfe einer Bewertungsmatrix evaluiert, die von einer Arbeitsgruppe, bestehend aus dem Projektteam, dem projektbegleitenden Steuerungsgremium sowie weiteren Expert*innen im Bereich der Bestandserhaltung, entwickelt wird.

Im Anschluss erfolgt dann die Interpretation der Ergebnisse unter fachlicher Schwerpunktsetzung, die sich schließlich im Landeskonzept in der Beschreibung der notwendigen Bedarfe und der Formulierung erster Handlungsempfehlungen für den Originalerhalt des schriftlichen Kulturguts in Berlin niederschlägt.

Das finale Landeskonzept wird im Dezember 2022 an die Senatsverwaltung für Kultur und Europa übergeben.

About the author

Lisa Graf

Projektleiterin Landeskonzept für den Originalerhalt des schriftlichen Kulturguts in Berlin

Published Online: 2022-01-29
Published in Print: 2022-01-27

© 2022 Lisa Graf, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 9.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2022-0008/html
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