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Rezension des Buches von Sören Flachowsky: „Zeughaus für die Schwerter des Geistes“. Die Deutsche Bücherei in Leipzig 1912–1945

  • Hans-Gerd Happel

    © Heide Fest

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Published/Copyright: January 29, 2022
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Der am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung der Bergischen Universität Wuppertal wirkende Historiker Sören Flachowsky, der durch mehrere renommierte Studien zur NS-Wissenschaftsgeschichte hervortrat, hat erneut ein meisterhaftes Werk vorgelegt. In zwei Bänden zeichnet Flachowsky auf 1.338 Seiten die Geschichte der 1912 gegründeten Deutschen Bücherei in Leipzig bis zum Jahre 1945 nach. Eine solche bibliothekshistorische Darstellung, die sich auf eine einzige Bibliothek in diesem Umfang beschränkt, dürfte wohl außergewöhnlich sein.

Die im flüssigen Stil verfasste und gut zu lesende Studie, die akribisch die Archivalien aus zahlreichen Archiven des In- und Auslandes auswertet, beginnt mit einem allgemeinen Überblick zum Forschungsstand. Nach der Lektüre dieses Kapitels von fast vierzig Seiten ist der Leser bestens in die zentralen Fragestellungen des Buches eingeführt und stellt fest, dass sich Flachowsky vielschichtig analysierend schwerpunktmäßig auf die folgenden Themen konzentriert:

  • Die Gründungsphase und Entwicklung der Deutschen Bücherei in der Weimarer Republik,

  • die Haltung des Generaldirektors Heinrich Uhlendahl und seiner Kolleginnen und Kollegen gegenüber dem NS-Regime ab 1933,

  • die Zusammenarbeit der Deutschen Bücherei mit den parteiamtlichen Organisationen der NSDAP,

  • die ständigen Machtkämpfe und Auseinandersetzungen der Deutschen Bücherei mit der Königlichen Bibliothek in Berlin, der späteren Preußischen Staatsbibliothek,

  • die Organisation und Herausgabe der von der Deutschen Bücherei bearbeiteten bibliografischen Verzeichnisse,

  • die politischen Aktivitäten und Restriktionen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und der Benutzung

  • sowie die Mangelwirtschaft und Zerstörungsphase im Zweiten Weltkrieg werden von Flachowsky minutiös untersucht.

Dabei stützt er sich wesentlich auf die Auswertung des Archivs der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, welches fast vollständig (ca. 100 Regalmeter) überliefert und erhalten ist.

Das Fehlen einer lückenlosen und einheitlichen Pflichtexemplarregelung in den zahlreichen deutschen Bundesstaaten führte dazu, dass sich auf deutschem Boden auch nach der deutschen Reichsgründung im Kaiserreich keine Nationalbibliothek wie in Frankreich oder England entwickeln konnte. Bestrebungen der Königlichen Bibliothek in Berlin, die deutschsprachige Buchproduktion möglichst vollständig zu sammeln sowie die wichtigsten ausländischen Titel für die Benutzung anzuschaffen waren nicht erfolgreich, da die mangelhafte Etatausstattung der Königlichen Bibliothek in Berlin die Kosten für die ab 1871 stark steigende Buchproduktion nicht aufbringen konnte. Auch der ständige Versuch des 1907 unter dem Vorsitz des Generaldirektors Adolf von Harnack gegründeten und einflussreichen Preußischen Beirats für Bibliotheksangelegenheiten, die Aufwertung der Königlichen Bibliothek voranzutreiben, scheiterte. Beeindruckend beschreibt Flachowsky, dass es auch dem bekannten und äußerst fähigen preußischen Kultur- und Wissenschaftspolitiker Friedrich Althoff aufgrund fehlender Finanzmittel nicht gelang, die Weiterentwicklung der Königlichen Bibliothek zu einer Nationalbibliothek zu realisieren.

Als dann eine konzertierte Aktion des Staates Sachsen, der Stadt Leipzig und des 1825 gegründeten Börsenvereins der Deutschen Buchhändler mit dem Ziel zustande kam, einen Neubau und die Unterhaltskosten für eine neue Bibliothek mit nationalen Aufgaben zu finanzieren, war der Weg frei für die Gründung der Deutschen Bücherei 1912. So konnte sich die Messe- und Buchstadt Leipzig mit fast 700 ansässigen Verlagen, zahlreichen Barsortimenten, Kommissionsbuchhandlungen und Großantiquariaten als Konkurrenz zu Berlin letztendlich erfolgreich durchsetzen. Dass der Führungsanspruch von Berlin und der Dualismus zwischen Leipzig und Berlin damit noch nicht beendet waren, weist Flachowsky anhand zahlreicher Quellen in den weiteren Kapiteln seines Werkes detailliert nach.

Die Leitung der neugegründeten Deutschen Bücherei übernahm Gustav Wahl im Mai 1913. Ihm gelang es nicht vollständig, die deutsche Verlagsbranche zu einer freiwilligen Abgabe eines Exemplars der produzierten Buchtitel zu bewegen, sodass teure Nachkäufe den Bibliotheksetat belasteten und aufwendige Mahnroutinen organisiert werden mussten. Wahl achtete darauf, dass auch verbotene Literatur bibliografisch erfasst und aufbewahrt wurde. Dieses waren vorwiegend anarchische und sogenannte „unsittliche“ Schriften. Im Zentrum der Amtszeit Wahls stand die Grundsteinlegung des Neubaus auf einem 17.000 m² umfassenden Baugrundstück. Die Planungs- und Bauarbeiten für dieses monumentale Gebäude wurden zügig durchgeführt, sodass der Neubau schon im September 1916 eingeweiht werden konnte.

An dieser Stelle sei jetzt schon darauf hingewiesen, dass Flachowsky es ausgezeichnet versteht, anhand des Aktenmaterials Differenzen, Querelen und Widerstände in der Entwicklung und Durchführung von Verwaltungsprozessen nachzuzeichnen. Dabei untersucht er nicht nur das Verhalten der führenden Handlungspersonen, sondern bezieht hier vielfach die untere Arbeitsebene mit ein. Auf diese Weise gelingt es ihm immer wieder, ein plastisches, alltagshistorisches und atmosphärisches Bild der damaligen Zustände an der Deutschen Bücherei zu rekonstruieren.

So erfährt der Leser, dass der Büchereigehilfe Wilhelm Seele während der Amtszeit Wahls 1916 einen Antrag auf Gehaltserhöhung gestellt hat, in dem er beschreibt, in welch wirtschaftlichen Not sich der Familienvater befand. Der Antrag wurde abgelehnt und die an Hunger leidende Familie des Angestellten war darauf angewiesen, eine Wohlfahrtsküche in Anspruch zu nehmen. Dem stellt Flachowsky die Einweihungsfeier für ausgewählte Gäste der Deutschen Bücherei gegenüber, bei der Rheinlachs, Gänsebraten und Apfelkuchen gereicht wurde.

Die sensible Einordnung dieser Szene in das historische Umfeld der Hungerperiode im Ersten Weltkrieg wird von Flachowsky mit Informationen über die Umstände zur Ernährungssituation in der Stadt Leipzig ergänzt. Spätestens an dieser Stelle wird dem Leser deutlich, dass das Werk von Flachowsky wesentlich mehr ist als eine stringente Bibliotheksgeschichte.

Wegen zahlreicher Konflikte verließ Wahl die Deutsche Bücherei im Herbst 1916. Als Nachfolger konnte Georg Minde-Pouet gewonnen werden, der bis 1923 die Amtsgeschäfte führte. Unter seiner Leitung wurden Überlegungen angestellt, ein Reichsgesetz für ein Pflichtexemplar für die Deutsche Bücherei einzuführen. Da die zur Verfügung stehenden Haushaltsansätze nicht ausreichten, wurde versucht, eine Reichsbeihilfe über das Reichsamt des Inneren zu beantragen. Doch nun meldete sich Adolf von Harnack zu Wort und forderte im Falle einer Bewilligung für die beiden Bibliotheken in Berlin und München ebenfalls eine Reichsbeihilfe. Als Ergebnis konnte die Deutsche Bücherei lediglich zwei Einmalzahlungen aus zwei Sonderfonds erhalten. Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Ausbruch der Novemberrevolution führten zu einem Stillstand der Verhandlungen in dieser Angelegenheit, die später dann immer wieder mit mehr oder weniger Erfolg aufgenommen wurden.

Erfreulich waren die Bemühungen der Gesellschaft der Freunde der Deutschen Bücherei, in der finanzkräftige und einflussreiche Persönlichkeiten Mitglieder waren (Carl Duisberg, Walther Rathenau, Wilhelm von Siemens, Thomas Mann, Gerhard Hauptmann, Theobald Bethmann-Hollweg, Gustav Stresemann, Paul von Hindenburg). Ende 1923 besaß diese wichtige Fundraising-Institution schon über 3.600 Mitglieder, die die Deutsche Bücherei in der Finanzkrise der Weimarer Republik wirkungsvoll unterstützten.

Dennoch war die Finanznot groß, sodass ständig die Unterhaltsträger nach möglichen Einsparpotenzialen suchen mussten. Fusionspläne mit der UB Leipzig und der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden wurden erörtert. Minde-Pouet zog sogar in Erwägung, mit der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin einen Zusammenschluss zu organisieren. Die Fusionsplanungen wurden von einem Gutachtergremium, welches aus prominenten Bibliothekaren zusammengesetzt war, negativ beurteilt. Stattdessen wurde beschlossen, eine Petition an den Reichspräsidenten Friedrich Ebert zu stellen. Eine dauerhafte Finanzierung in Form eines Reichsanteils konnte jedoch nicht erreicht werden; es blieb erneut nur bei einer einmaligen Zahlung, die die größte Not lindern konnte.

Neben den Finanz- und Haushaltsfragen standen während der Amtszeit von Minde-Pouet die alten konkurrierenden Querelen und Auseinandersetzungen zwischen der Deutschen Bücherei und der Preußischen Staatsbibliothek im Fokus, die nun erneut aufflammten. Flachowsky gelingt es hier vorzüglich, die gegensätzlichen Ansichten aus Leipzig und Berlin ausführlich gegenüberzustellen und zu analysieren. Minde-Pouet versuchte, die überregionalen bibliothekarischen Aufgabenbereiche durch eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen den beiden Kontrahenten abzustimmen, um Synergieeffekte erzielen zu können. Hauptanliegen Minde-Pouets war es, durchzusetzen, dass die Deutsche Bücherei die gesamte Katalogisierung der deutschsprachigen Titel seit 1913 für alle deutschen Bibliotheken zentral durch die Herausgabe von Titeldrucken für die Katalogisierung bearbeitete, während die Preußische Staatsbibliothek sich nur noch auf die Verzeichnung der ausländischen Literatur und der deutschsprachigen Literatur vor 1913 konzentrieren sollte. Doch die Preußische Staatsbibliothek wollte auf ihr traditionelles Prestigeprojekt, die „Berliner Titeldrucke“ nicht verzichten, die sich inhaltlich mit den Verzeichnissen der Deutschen Bücherei überschnitten.

Dieser Diskurs wurde jäh unterbrochen, als Minde-Pouet zahlreiche Vergehen nachgewiesen werden konnten. Flachowsky weist anhand vorliegender Korrespondenzen nach, dass Minde-Pouet Sekretärinnen verführt, Dubletten entwendet und Dienstreisen nicht ordnungsgemäß abrechnet hatte. Der Börsenverein versuchte, einen Skandal zu verhindern und zwang Minde-Pouet zum Rücktritt und zum Verzicht auf seine Pensionsansprüche. Zehn Jahre später trat Minde-Pouet in die NSDAP ein, fiel durch antisemitische Reden auf und entlieh als „Führer“ der Kleist-Gesellschaft aus der Kleist-Bücherei in Frankfurt (Oder) Handschriften, die er an die Preußische Staatsbibliothek verkaufte, erneut auslieh und in seiner Wohnung bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aufbewahrte. Erstaunlich ist, dass trotz der zahlreichen Vergehen keine strafrechtliche Verfolgung gegen Minde-Pouet eingeleitet wurde.

Heinrich Uhlendahl trat 1924 die Nachfolge von Minde-Pouet an. Mit ihm beginnt eine Kontinuität der Amtsführung bis 1954. Damit ist Heinrich Uhlendahl einer der wenigen Bibliothekare, die die Gelegenheit hatten, drei Zeitepochen (Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Nachkriegszeit) hintereinander in führender Position aktiv zu erleben. Flachowsky beschreibt ausführlich die Persönlichkeit und den Charakter Uhlendahls anhand der ihm vorliegenden Quellen und der Sekundärliteratur. Beeindruckend und überzeugend ist hier, dass er das Bild von Uhlendahl, der eher als unpolitische, parteilose und fachlich orientierte Führungskraft charakterisiert wurde, anhand zahlreicher Beispiele modifiziert. Flachowsky weist darauf hin, dass der Archivbestand der Deutschen Nationalbibliothek „Korrespondenz von Generaldirektor Dr. Uhlendahl A-Z (1924–1954)“ in dem Zeitraum von 1933–1945 lückenhaft ist. Er geht hier von einer „gezielten Entnahme oder Vernichtung von Unterlagen“ (S. 47, Anm. 121; S. 321, Anm. 131) aus. Dennoch gelingt es Flachowsky aufgrund seines gründlichen Quellenstudiums aussagekräftige Erkenntnisse zur politisch-ideologischen Einstellung Uhlendahls vorzulegen.

Flachowsky listet „unterschwellige“ (S. 324), antisemitische Äußerungen Uhlendahls auf. Obwohl er bekennender Katholik war, war sein Verhältnis zur Religion eher „nüchtern“ (S. 325). Sein Führungsstil war autoritär, jedoch versäumte er es nicht, auch andere Meinungen einzuholen und in seine Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen. Diplomatisches Geschick in der Verhandlungsführung, die Schaffung eines angenehmen Betriebsklimas und ein ausgesprochenes Organisationstalent wurden ihm nachgesagt, welches dazu führte, dass die Geschäftsgänge in der Deutschen Bücherei erheblich beschleunigt wurden. Großzügige Öffnungszeiten, ein serviceorientierter Auskunfts- und dezentraler Buchbestelldienst über Briefkästen, die an mehreren Stellen in der Leipziger Innenstadt aufgestellt wurden, waren für die damalige Zeit innovativ. Auf diese Weise konnte Uhlendahl die Zahl der Bibliotheksbenutzer von 92.451 (1925) Benutzer auf 401.900 (1931) erhöhen.

Flachowsky zitiert mehrere Stellungnahmen von Benutzern, die begeistert über den Servicebetrieb der Deutschen Bücherei berichteten. Stellvertretend dafür hier ein Zitat des polnischen Literaturhistorikers Thaddaeus Grabowski aus dem Jahr 1932:

„Zur wissenschaftlichen Arbeit eignet sich Leipzig großartig. Ich habe schon überall gearbeitet, von Petersburg bis Madrid, aber eine solche Organisation, ein solches Entgegenkommen, wie es die Bibliothekare der berühmten Deutschen Bücherei zeigen, habe ich nirgends gefunden. Möglichst wenig Formalitäten, möglichst viel Hilfe – ist die Losung des Instituts, das man allen polnischen Gelehrten empfehlen kann“ (S. 362).

Regelmäßig erfolgten durch Uhlendahl Hinweise über die Arbeitsergebnisse und Berichte zu besonderen Anlässen an die Presse. Flachowsky berichtet in diesem Zusammenhang auch über die von Uhlendahl produzierten Radiovorträge rund um das Thema „Buch“. Bei dieser „energischen Öffentlichkeitsarbeit“ (S. 343) wurde er von seinen Mitarbeitern tatkräftig unterstützt.

Einen enormen Aufschwung nahm auch die Zahl der von der Deutschen Bücherei präsentierten Ausstellungen. Im Zeitraum zwischen 1925 bis 1932 wurden fast 50 Ausstellungen organisiert. Diese Anzahl war im Vergleich zu den anderen deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken herausragend.

Aufsehenerregend war die Durchführung einer Bücherlotterie im Jahr 1925, die die Deutsche Bücherei erfolgreich vermarkten konnte. Für 1,50 Reichsmark konnten in den Buchhandlungen Lose gekauft werden. Der Gewinn kam der Deutschen Bücherei zugute, der abzüglich aller Ausgaben die horrende Summe von 100.000 Reichsmark betrug.

Ausführlich beschreibt Flachowsky den erneut aufflammenden Konflikt zwischen der Deutschen Bücherei und der Preußischen Staatsbibliothek, der 1930 zu einem heftigen Schlagabtausch in Form von Denkschriften zwischen den beiden Generaldirektoren Uhlendahl und Hugo Andres Krüss eskalierte. Krüss beabsichtigte die Berliner Titeldrucke auf alle deutschen Bibliotheken auszudehnen, während Uhlendahl den Anspruch erhob, das deutschsprachige Schrifttum als Nationalbibliografie zentral zu verzeichnen und jegliche Überschneidungen für die Erfassung der deutschsprachigen Literatur kategorisch als unnötige Doppelarbeit ablehnte.

Die Präsenz Uhlendahls und die führende Rolle Deutschlands in der internationalen bibliothekarischen Zusammenarbeit vor der Machtergreifung 1933, an der auch Krüss erfolgreich mitarbeitete, schildert Flachowsky in einem separaten Kapitel. Uhlendahls Wirken als Vorsitzender eines Ausschusses für Bibliografie auf dem ersten Weltkongress für Bibliothekswesen und Bibliographie 1929 in Rom und Venedig sowie ein Jahr später auf der Konferenz des Bibliotheksausschusses der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) in Stockholm und Uppsala werden ausführlich beschrieben.

Flachowsky gelingt es überzeugend, in einem in den historischen Kontext einleitenden Kapitel auf knapp hundert Seiten (S. 465–549) das geistige Umfeld der rasant verlaufenden Gleichschaltung im wissenschaftlichen Bibliothekswesen mit seinen massiven zentralistischen und parteipolitischen Auswirkungen auf die Verwaltungsprozesse in den Bibliotheken zu dokumentieren. Die zahlreichen Verfolgungen und Entlassungen missliebiger Personen aus politischen Gründen, die gesetzlich festgelegten antisemitischen Maßnahmen, der Aufbau eines vielschichtigen Zensurapparates, Beschlagnahmungen von Druckschriften sowie der unübersichtliche Aufbau einer Vielzahl von konkurrierenden parteiamtlichen und staatlichen Schrifttumsstellen spiegelt ein polykratisches Machtgefüge wider, welches durch persönliche Eingriffe führender Nationalsozialisten (Josef Goebbels, Alfred Rosenberg, Reichserziehungsminister Bernhard Rust) sich zusätzlich alles andere als einheitlich und stringent gestaltete.

Am Ende des 1. Bandes weist Flachowsky in einem Exkurs über den Verein Deutscher Bibliothekare anhand mehrerer Beispiele nach, wie sich innerhalb weniger Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme das Verhalten wissenschaftlicher Bibliothekare an die Ideologie des Nationalsozialismus anpasste. Der Verein wurde nach dem Führerprinzip umgestaltet und Parteigenossen in die führenden Ämter gebracht, die tatkräftig dazu beitrugen, „zersetzende“ Literatur der Benutzung zu entziehen, und in den wissenschaftlichen Bibliotheken zunehmend Ausstellungen mit politischen Inhalten zu organisieren.

Warum Uhlendahl nach einer markigen Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Das Schrifttum der nationalen Bewegung“, die er mit einem „Sieg Heil!“ im Mai 1933 beendete, einen Monat später aus politischen Gründen verhaftet wurde, ist nicht mehr eindeutig rekonstruierbar. Flachowsky geht davon aus, dass die dreitägige Haft Uhlendahls aufgrund einer Denunziation von zwei NSDAP-Mitgliedern erfolgte, die beide schon vor 1933 eine Parteimitgliedschaft besaßen. Vorsichtig versucht Flachowsky, weitergehende Erklärungen und Motive zu finden, die zu der Haft geführt haben könnten. Darüber hinaus belegt er anhand von Archivalien und der Tagespresse, dass es zahlreiche Fürsprachen für Uhlendahl gab. Hier führen die Spuren sogar bis in das Reichspropagandaministerium. Anders ist seine schnelle Freilassung wohl nicht zu erklären.

Die eingeleiteten Entlassungsverfahren gegen jüdische und politisch nicht genehme Beschäftigte verliefen an der Deutschen Bücherei entsprechend den Bestimmungen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ reibungslos ab. Zwar versuchte Uhlendahl in Einzelfällen, durch gute fachliche Beurteilungen und abmildernde Maßnahmen Verzögerungen zu erzielen; doch letztendlich führten alle von ihm bearbeiteten Vorgänge zu einer Entlassung. Als Beispiel sei hier das Schicksal des jüdischen Bibliothekars Otto Erich Ebert genannt, der Stellvertreter Uhlendahls, der im Alter von 53 Jahren entlassen wurde und wenige Monate danach einen Schlaganfall erlitt, oder auch die Verfolgung des Kommunisten Ernst Adler, einer der wenigen Bibliothekare, die aktiv in den Widerstand gingen. Als Nachfolger Eberts wurde Werner Rust eingestellt, der 1932 in die NSDAP eingetreten war. Auch in den Folgejahren stieg der Anteil der NSDAP-Mitglieder an der Gesamtzahl der Beschäftigten kontinuierlich an.

Flachowsky beschreibt eindrucksvoll, wie umfangreich der tägliche Arbeitsablauf in der Deutschen Bücherei ideologisiert wurde. Führerbilder, Marschmusik, Schulungsveranstaltungen („Aufgaben und Pflichten eines Nationalsozialisten“), Betriebsappelle, Rundfunkübertragungen im Lesesaal, nationale Gedenkstunden, Kameradschaftsabende, die Einrichtung von Handbibliotheken („Rassenkunde“) und Ausstellungen („Das Schrifttum der nationalen Bewegung“) sorgten dafür, dass sich sowohl die Beschäftigten als auch die Benutzerinnen und Benutzer dem nationalsozialistischen Gedankengut während des Berufsalltags nicht entziehen konnten.

Die indizierte Literatur wurde bibliografisch erfasst. Hier arbeiteten Bibliothekare und parteiamtliche Stellen Hand in Hand und produzierten „Schwarze Listen“ mit verbotener Literatur. Die Bemühungen Uhlendahls, eine möglichst vollständige bibliografische Verzeichnung der deutschsprachigen Literatur in den zahlreichen von der Deutschen Bücherei herausgegebenen Verzeichnissen zu gewährleisten, waren trotz Rückendeckung seines einflussreichen Kollegen Rudolf Buttmann (Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek in München und NSDAP-Parteimitglied Nr. 4) und auch des Reichsbeirats für Bibliotheksangelegenheiten nicht erfolgreich.

Die zahlreichen konkurrierenden Stellen im NS-Staat, die sich mit Literaturverboten beschäftigten, konnten sich hier durchsetzen und erreichen, dass verbotene Druckschriften, Emigrantenliteratur, „deutschfeindliche und bolschewistische Literatur“ sowie Werke jüdischer Autoren ausgeschlossen wurden. Die Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Bücherei und dem Sicherheitsdienst, der sich hier eng mit den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren abstimmte, bewertet Flachowsky als „weitgehend reibungslos“ (S. 733). Ein Erfolg war es, dass Uhlendahl die Verzeichnislücken durch eine Sonderpublikation ausgleichen konnte, die unter dem Titel „Liste der in der Deutschen Bücherei unter Verschluss gestellten Druckschriften“ separat und regelmäßig erscheinen konnte. Damit wurde jedoch eine Arbeitsgrundlage für die Sekretierung von Büchern in anderen Bibliotheken zur Verfügung gestellt.

Flachowsky weist nach, dass Uhlendahl schon kurz nach der Machtergreifung damit begann, Sekretierungsmaßnahmen zu ergreifen. Hier handelte er in „Eigenregie und ohne jegliche Aufforderung“ (S. 785). Fortan war es nur noch mit Sondergenehmigungen möglich, die sekretierte Literatur im Lesesaal der Deutschen Bücherei zu lesen. So musste eine Benutzerin, die zur „Schweizer Presse und die Judenfrage“ sekretierte Werke benutzte, dem Stellvertreter Uhlendahls, Werner Rust, das Manuskript vorlegen und für die Einsichtnahme in diese Werke zuvor eine Genehmigung des Leipziger Polizeipräsidiums einholen.

Flachowsky erörtert die in der Forschung vertretene These von den Unklarkeiten und vagen Vorschriften bezüglich der Literaturverbote und kommt zu dem Ergebnis, dass auch in Leipzig oftmals nach eigenem Ermessen sekretiert wurde, sodass durch eine „permanente Selbstkontrolle“ (S. 792) eine effektive und sorgfältige „Säuberung“ und restriktive Benutzungsmodalitäten umgesetzt wurden.

Auch die Bestimmungen über das Verhalten gegenüber jüdischen Bibliotheksbenutzern waren nicht klar geregelt. Dies führte dazu, dass in der Deutschen Bücherei jüdische Bibliotheksbenutzer zumindest bis 1937 geduldet wurden. Flachowsky belegt anhand eines Zeitungsartikels und Stellungnahmen aus der Deutschen Bücherei, dass jüdische Bibliotheksbenutzer positiv beurteilt wurden, da sie sich „bisher einwandfrei und zurückhaltend“ (S. 804) verhielten.

Durch die Gebietserweiterung des Reiches nach der Besetzung Österreichs und der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ wurde die Deutsche Bücherei aktiv und beteiligte sich an Raubzügen in diesen Ländern, um in der Deutschen Bücherei noch nicht vorhandene Exemplare ausfindig zu machen. Der Erwerbungsleiter der Deutschen Bücherei, Albert Paust, baute in Wien eine Bücherverwertungsstelle auf, in der er von der Gestapo beschlagnahmte Drucke konzentrierte und auf größere Bibliotheken aus dem Reich verteilte. Dabei wurden Dubletten großzügig vernichtet. Ein Unrechtsbewusstsein konnte Flachowsky bei dieser generalstabs- und routinemäßig durchgeführten Maßnahme den Akten nicht entnehmen.

Die Auseinandersetzung über eine sinnvolle Arbeitsteilung bei der bibliografischen Verzeichnung für den angestrebten Deutschen Gesamtkatalog zwischen der Deutschen Bücherei und der Preußischen Staatsbibliothek wurde auch im Zweiten Weltkrieg nicht beigelegt. In einem ausführlichen Kapitel (S. 863–908) rekonstruiert Flachowsky diesen konfliktreichen Prozess, der mit der Einstellung des Prestigeprojekts im Jahr 1943 abgebrochen wurde.

Von Kontinuität geprägt war dagegen die Bearbeitung und regelmäßige Veröffentlichung der „Bibliographie des nationalsozialistischen Schrifttums“. Flachowsky legt durch sein gründliches Aktenstudium aus den Quellen dar, dass die Aktivitäten bei der Entwicklung dieser Bibliografie, die nicht nur Monografien, sondern auch in Auswahl Zeitschriftenaufsätze verzeichnete, in erheblichem Maße von Uhlendahl und seinem Kollegium initiiert und unterstützt wurde. Die bisherige Forschung kam zu dem Ergebnis, dass vorrangig parteiamtliche Stellen für die Bibliografie verantwortlich waren.

In der bibliothekarischen Ausbildung trug die Deutsche Bücherei dazu bei, Bewerberinnen und Bewerber zunehmend nicht nach Eignung und Fähigkeit, sondern nach Parteizugehörigkeit auszuwählen, weibliche Bewerberinnen trotz guter Leistungen zu benachteiligen und Prüfungsinhalte mit ideologischen Themen anzureichern („Schrifttum über die Anfänge des Nationalsozialismus in Böhmen und Mähren, Gliederungen der Partei, Goebbels“, S. 956–957).

In einem weiteren Kapitel berichtet Flachowsky über die aktive und erfolgreiche Mitarbeit Uhlendahls in internationalen bibliothekarischen Gremien. Insbesondere für die Vorbereitung des „Internationalen Kongresses für Bibliothekswesen und Bibliographie“, der für das Jahr 1940 anlässlich des Gutenberg-Jubiläums in Deutschland stattfinden sollte, setzte sich Uhlendahl für Leipzig als einen der Austragungsorte ein. Durch den Überfall auf Polen am 01.09.1939 wurden die gesamten Planungen hinfällig. Beachtenswert ist, dass Uhlendahl auch während des Zweiten Weltkrieges noch Kontakte zu ausländischen Bibliothekaren aufrechterhalten konnte.

Die umfassenden Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf das wissenschaftliche Bibliothekswesen werden von Flachowsky auf fast 200 Seiten ausführlich dargestellt (S. 995–1188). Der Rückgang der Buchproduktion, der Ausfall der deutschen Bibliothekartage, die kurzfristigen Schließungen von Bibliotheken im gesamten Reich, die aufwendige Beschaffung ausländischer Literatur während der Kampfhandlungen, die Bombenschäden an Gebäuden und die Vernichtung von Buchbeständen, die Raubzüge des Einsatzstabs Rosenberg und anderer Organisationen in den besetzten Gebieten, die Unterstützung der rüstungsrelevanten Forschung durch Dienstleistungen aus den Bibliotheken wirkten sich auch auf den Alltag und das Serviceangebot der Deutschen Bücherei aus. Dreizehn an der Deutschen Bücherei angestellte Bibliothekare kamen bis zum Kriegsende durch direkte Auswirkungen des Krieges ums Leben. Die Arbeitszeiten wurden ständig erhöht und erreichten im September 1944 57 Stunden pro Woche. Die Rationierung von Lebensmitteln und die psychische Belastung durch die Bombenangriffe auf Leipzig verursachten einen hohen Krankenstand des Kollegiums. Im April 1942 wurden der Deutschen Bücherei zwölf französische Offiziere zugeteilt, die als Fremdarbeiter schwerpunktmäßig in der Buchbinderei arbeiteten und besonders unter der mangelhaften Ernährungssituation leiden mussten.

Gründlich und mit viel Energie versuchte Uhlendahl das deutschsprachige Auslandsschrifttum aus den besetzten Gebieten vollständig zu erwerben. Albert Paust, Erwerbungsleiter an der Deutschen Bücherei, unternahm ausgedehnte Dienstreisen in die besetzten Gebiete, um vor Ort mit der Gestapo, dem Amt Rosenberg und zahlreichen anderen Dienststellen persönlich verhandeln zu können. So konnte Paust Emigranten- und auch beschlagnahmte Literatur für die Deutsche Bücherei sicherstellen und bibliografisch in Leipzig verzeichnen lassen. Eifrig wurde auch an der Deutschen Bücherei an einer Gesamtbibliografie des deutschsprachigen jüdischen Schrifttums gearbeitet. Bis zum März 1944 entstand dazu eine Kartothek mit 28.000 Einträgen, die als Auskunftskartei für die Ermittlung von „Nichtariern“ eingesetzt wurde.

Auch die von der Auskunftsstelle der Deutschen Bücherei durchgeführten Recherchen nach 1933 nahmen politische Dimensionen an. Flachowsky listet zahlreiche Beispiele auf, die belegen, dass die Auskunftsstelle von den Ministerien und Parteiorganisationen sowie von Bürgern zunehmend Anfragen erhielt. Allein im Jahr 1941 wurden 74.215 Auskünfte erteilt, die auch militärischen Zwecken dienten (Kartenmaterial, Literatur über Flammenwerfer, kriegsrelevante Daten).

Hervorragend gelingt es Flachowsky, das Alltagsleben in der Deutschen Bücherei unter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs zu beschreiben. Luftschutzmaßnahmen, Nachtwachen, kontinuierlicher Schlafmangel, regelmäßige Luftschutz-Lehrgänge, Bombenangriffe auf das Gebäude der Deutschen Bücherei sowie umfangreiche Aufräumarbeiten musste das Kollegium erdulden. Uhlendahl organisierte die aufwendige Verlagerung von Beständen aus Sicherheitsgründen. Insgesamt wurden 32 Transporte durchgeführt, die 1.633.000 Bände umfassten. Die Bücherkisten wurden in zehn abgelegenen Schlössern im Umkreis von Leipzig untergebracht. In diesem Zusammenhang zitiert Flachowsky aus mehreren Briefen, die technokratisch und „in einem lässigen Duktus“ (S. 1164, Anm. 668) verharmlosend die Auswirkungen der Bombenangriffe auf die Bevölkerung Leipzigs unangemessen kommentieren.

Aufgrund seiner gründlichen und umfassenden Auswertung der Quellen kommt Flachowsky am Ende seines Werkes zu dem Ergebnis, dass die Deutsche Bücherei die nationalsozialistische Schrifttumspolitik effektiv unterstützt hat. Durch die Erfassung verbotener Literatur hat sie dazu beigetragen, dass ein „schlagkräftiges Zensurinstrument“ (S. 1197) dem NS-Regime zur Verfügung gestellt wurde. Die Arbeit an der „Jüdischen Bibliographie“ und der „Nationalsozialistischen Bibliographie“ sowie zahlreiche Ausstellungen in der Deutschen Bücherei unterstützten die Aktivitäten des Propagandaministeriums. Die Kooperation mit den parteiamtlichen Stellen erfolgte überwiegend reibungslos, teilweise sogar „proaktiv“ (S. 1202) und persönlich durch den Generaldirektor. Die von dem Erwerbungsleiter der Deutschen Bücherei durchgeführten „Raubaktionen“ von Büchern in den besetzten Gebieten machte die Bibliothekare zu „Tätern“ (S. 1203). Angepasst, loyal und systemkonform verhielt sich die gleichgeschaltete Deutsche Bücherei, die alles andere als ein politikfreier Raum war. Daran gibt es nach dieser gründlichen Studie, die durch die Einordnung der Hauptkapitel in den historischen Kontext und durch Vergleiche mit anderen Bibliotheken sowie der Auswertung von Korrespondenzen mit leitend tätigen Bibliothekaren wesentlich mehr ist als eine trockene Verwaltungsgeschichte, keinen Zweifel mehr.

Das wirkungsvolle, exzellent vom Wallstein Verlag lektorierte und sicherlich neue Maßstäbe setzende Werk von Flachowsky mit einem umfassenden Anhang statistischer Daten, zahlreichen aussagekräftigen Fotos, Grafiken, akribisch bearbeiteten Anmerkungsteil, Sach-, Institutionen-, und Personenregister sowie Quellen- und Literaturverzeichnis gehört in jede wissenschaftliche Bibliothek mit einem geisteswissenschaftlichen Profil.


Article Note

Bibliographische Angabe: Sören Flachowsky: „Zeughaus für die Schwerter des Geistes“. Die Deutsche Bücherei in Leipzig 1912–1945. 2 Bde. Göttingen: Wallstein-Verlag 2018. 1.338 S., Illustrationen. ISBN: 978-3-8353-3196-9 – Festeinband: EUR 69,00


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Dr. Hans-Gerd Happel

© Heide Fest

Published Online: 2022-01-29
Published in Print: 2022-01-27

© 2022 Hans-Gerd Happel, publiziert von De Gruyter.

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