Zwischen Routine und Innovation: Bericht von der Hamburger Tagung der Arbeitsgruppe Regionalbibliographie 9.-10. Mai 2019 in Hamburg
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Ludger Syré
Nach längerer Pause hat die Arbeitsgruppe Regionalbibliographie ihre jährliche Sitzung wieder einmal in Hamburg abgehalten; eingeladen hatte die Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky. Gleich zu Beginn konnten die Sitzungsteilnehmer mit Freude zur Kenntnis nehmen, dass die Virtuelle Deutsche Landesbibliographie (VDL) nun auf der Startseite des Karlsruher Virtuellen Katalogs (KVK) in der Rubrik „Deutschland“ ein eigenes Kästchen zum Anhaken bekommen hat. Damit ging ein lange gehegter Wunsch der Arbeitsgruppe in Erfüllung, für dessen Umsetzung der KIT-Bibliothek zu danken ist, die bereits im vergangenen Jahr der Startseite der VDL ein frisches, zeitgemäßes Layout gegeben hatte.
Die VDL ist ein Beleg für die erfolgreiche Vernetzung der Landesbibliographien und die gemeinsame Präsentation ihrer Datenbestände im Internet. Unter einer einheitlichen Rechercheoberfläche können alle internetbasierten Landesbibliographien gleichzeitig abgefragt werden. Damit ist die VDL insbesondere für länderübergreifende Fragestellungen ein überaus nützliches Suchinstrument. Die Platzierung auf der KVK-Hauptseite erhöht die Präsenz der VDL als einer wichtigen länderübergreifenden Rechercheplattform zur Landesgeschichte und Landeskunde. Schon in den ersten Tagen belegten die Zahlen der Nutzungsstatistik (Anfragen, Volltitelabrufe) den Wert dieser Maßnahme. Auch für den KVK ergibt sich dadurch ein Mehrwert, weil deutlich mehr unselbständig erschienene Literatur in die Suche des Nutzers einbezogen werden kann, denn rund zwei Drittel der in den Landesbibliographien nachgewiesenen Literaturstellen sind Aufsätze und Artikel.
Neben den Berichten aus allen Bundesländern, die vollzählig in Hamburg vertreten waren, wurden zahlreiche Einzelaspekte aus der praktischen Arbeit behandelt. Beispielsweise ging es um Möglichkeiten und Chancen halbautomatischer Sacherschließungsverfahren (beispielsweise mit dem Digitalen Assistenten oder dem Tool C-3 plus von ImageWare), um die Auswirkungen der Umstellung auf die neue Verbunddatenbank K10plus für die davon betroffenen Landesbibliographien, um die interne Kooperation der Landesbibliographien mithilfe eines zu diesem Zweck entwickelten Tools auf der Basis von Zotero und um die Zusammenarbeit mit der im Entstehen begriffenen Deutschen Historischen Bibliographie; dieser „Datendrehscheibe“ sollen die wissenschaftlichen Aufsätze aus den regionalen geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschriften zugeleitet werden.
Es ging aber auch um Kernfragen regionalbibliographischer Arbeit. Zweifellos ist es heute unerlässlich, die Bibliographiedaten auch über die lokalen und überregionalen Kataloge und Nachweissysteme möglichst flächendeckend zu verbreiten; nur so lässt sich der Nutzen der personalintensiv erstellten Datenbanken optimieren. Für die Wahrnehmung und Sichtbarkeit der Landesbibliographien ist aber daneben die eigenständige Präsentation der Daten innerhalb eines eigenen Webauftritts nicht minder wichtig; nicht ohne Grund bieten daher alle anderen Landesbibliographien (mit Ausnahme Thüringens) einen eigenen, separaten Web-OPAC an.
Ein weiterer Punkt, der an das Selbstverständnis einer Landesbibliographie rührt, betrifft die Frage nach der Notwenigkeit der Erschließung mittels einer Systematik. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe sind sich darin einig, dass die Zuordnung aller erfassten Dokumente zu den Notationen einer Klassifikation geradezu konstitutiv für eine (Landes-)Bibliographie ist und dass die verbale Erschließung mittels Schlagwörtern dazu nur eine Ergänzung bilden kann. Die Anwendung einer Klassifikation erweist sich auch aus Recherchesicht als unverzichtbar: Bei kontinuierlich wachsenden Datenmengen benötigt der Nutzer Instrumente (Facetten) zur Eingrenzung seiner Suchergebnisse, und Systemstellen sind solche hilfreich einzusetzenden Suchfilter.
Die Arbeitsgruppe beabsichtigt, den Ausbau der in der Frühzeit der AG entwickelten Mustersystematik zu einem überregionalen Rechercheeinstieg zu prüfen und diese und weitere Fragen von grundsätzlicher Bedeutung von einer kleinen Unter-AG zusammentragen zu lassen. Der dadurch entstehende Katalog mit Anforderungen an eine zeitgemäße Landesbibliographie soll der Selbstvergewisserung der bibliographischen Arbeit dienen und kann zugleich als Argumentationshilfe gegenüber Dritten fungieren. Er soll bei der nächsten Jahrestagung im Mai 2020 in der ULB Düsseldorf von den AG-Mitgliedern verabschiedet werden.
Ein Schwerpunkt der Hamburger Tagung entfiel auf die gastgebende Bibliothek. Ulrich Hagenah unternahm es, die Erstellung der lokalen Landesbibliographie in das außerordentlich breite Spektrum der von der SUB Hamburg zu erfüllenden Landesbibliotheksaufgaben einzuordnen. Ausgehend von den bibliothekarischen und bibliothekspolitischen Rahmenbedingungen, den geschichtlich überlieferten und den in jüngerer Zeit erworbenen Beständen sowie den baulichen und personellen Ausgangsbedingungen skizzierte er die verschiedenen Landesbibliotheksaufgaben, deren Umsetzungskosten sich aus ganz unterschiedlichen Etats des SUB-Haushalts speisen. Die Landesbibliotheksarbeit ist nämlich keineswegs eine in sich geschlossene Abteilung der SUB, wenngleich die fachliche Leitung bzw. die Fachaufsicht einer Stelle innerhalb einer bestimmten Hauptabteilung zugeordnet ist. Zu den Hintergrundinformationen zählt auch, dass die SUB ein Landesbetrieb ist, der als rechtlich unselbständiger Teil der Landesverwaltung zur Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung gehört und dessen Aufgaben in einer Geschäftsordnung niedergelegt sind.
Die Landesbibliotheksaufgaben lassen sich in fünf verschiedenen Sparten wiederfinden. Da ist zum einen der Bestandsaufbau mit der Pflichterwerbung sowie dem Kauf von Neuerscheinungen und Antiquaria, zu dem auch der Sektor der Sekundärformen (Mikroverfilmung) gehört. Große Bedeutung kommt dem Retrodigitalen Bestandsaufbau zu, also der Produktion und Präsentation von Digitalisaten (derzeit rund 7 Millionen Images), wobei ein besonderes Augenmerk auf der Digitalisierung von Nachlässen Hamburger Persönlichkeiten liegt. Die dritte Aufgabe kreist um das hauseigene und das regionale Archivierungskonzept sowie um alle Aspekte der Bestandserhaltung, von der Massenentsäuerung (derzeit rund 500.000 Bände aus Hamburgs wissenschaftlichen Bibliotheken) bis zur Digitalisierung als ergänzender Maßnahme der Bestandserhaltung (u. a. Digitalisierung im Konsortium: Hamburger Kulturgut im Netz - HaKiN). Unter die Rubrik der Kooperation fällt der spartenübergreifende Aufbau des Portals HamburgWissen Digital. Bleibt als fünfter großer Aufgabenbereich die Vermittlung. Hier ist in erster Linie die Hamburg-Bibliographie zu nennen, aber auch der auf dem Geschäftsgang der Hamburg-Bibliographie aufsetzende Literaturpreis HamburgLesen verdient Erwähnung. Daneben geht es hier um diverse Bildangebote (z. B. die Weltbrand-App zum Ersten Weltkrieg) und die Teilnahme an Kulturaktionen, aber auch die große Hamburg-Sammlung im Lesesaal ist an dieser Stelle hervorzuheben. Manche Projekte, etwa der Relaunch der Hamburg-Bibliographie, sind noch kleinere Baustellen; andere Vorhaben lassen bereits Perspektiven für potentielle Weiterentwicklungen erkennen, etwa in Richtung von Anwendungen aus dem Bereich der Digital Humanities.
Nicht nur die Hamburg-Sammlung, auch die übrigen im Jahre 2018 neu gestalteten Lesesäle der SUB Hamburg konnten die Sitzungsteilnehmer bei einem Rundgang durch das Haus kennenlernen. Auf 2.400 qm Hauptnutzfläche, ausgelegt mit dem roten Stabi-Teppich, sind 500 Arbeitsplätze entstanden. 97.000 Bücher und 840 Zeitschriften stehen den 600.000 Besuchern, die jährlich in die Bibliothek kommen, frei zugänglich zur Verfügung. Für die langfristige Nutzung können 64 Schließfächer bzw. 20 Bücherwagen reserviert werden. Damit die frisch eingerichteten Flächen, darunter eine technikfreie Zone für hochkonzentriertes Arbeiten, als Lernort ertüchtigt werden konnten, mussten viele Kilometer Strom- und Datenkabel verlegt werden.
Nach 31 Jahren wird Ludger Syré, der im Jahre 1988 den Vorsitz der Arbeitsgruppe Regionalbibliographie aus der Hand von Horst Lüders übernommen hatte, die Leitung der AG in neue Hände übergeben. Er hat mehr als drei Jahrzehnte die Interessen der Regionalbibliographien vertreten und regelmäßig Tagungsberichte von den Sitzungen im Bibliotheksdienst veröffentlicht. Bei der Jahrestagung der AG in der SUB Hamburg wurde Gritt Brosowski, Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern Günther Uecker, als Nachfolgerin gewählt. Sie wird ihr Amt am 1. Januar 2020 antreten.
Die Arbeitsgruppe hat die Verdienste des zum Jahresende aus der AG ausscheidenden Vorsitzenden mit einer Festschrift gewürdigt, die ihm in Gegenwart der früheren und gegenwärtigen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Regionalbibliotheken auf der Dachterrasse des SUB-Turmmagazins überreicht wurde. Das unter dem Titel Regionalbibliographien: Forschungsdaten und Quellen des kulturellen Gedächtnisses. Liber amicorum für Ludger Syré erschienene Buch versammelt auf 245 Seiten grundlegende Beiträge und aktuelle Werkstattberichte zum Thema Regionalbibliographie und ist im Verlag Georg Olms in Hildesheim erschienen. Ulrich Hagenah und Lars Jendral haben die Festschrift zusammen mit Maria Elisabeth Müller als der in dieser Sache aktiven Vorsitzenden der AG Regionalbibliotheken herausgegeben.
© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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