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Der Buchhandels- und Verlagsmarkt für polnische Displaced Persons nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland und die Verbreitung polnischer Literatur durch Bibliotheken

  • Agnieszka Łakomy

    Agnieszka Łakomy

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Published/Copyright: October 8, 2014
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Zusammenfassung:

Der Buchhandels- und Verlagsmarkt für polnischsprachige Literatur in Westdeutschland kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellt ein interessantes Phänomen dar. Es gelang in der Nachkriegszeit, ein stabiles, effektiv funktionierendes Produktions- und Vertriebsnetz für diese Druckwerke aufzubauen. Ergänzt wurde dies durch eine Vielzahl von Bibliotheken, die sich die Sammlung und Verbreitung polnischsprachiger Literatur zur Aufgabe machten.

Abstract:

The book and publishing market for Polish language literature in West Germany shortly after the end of the Second World War constitutes an interesting phenomenon. In this post-war era a stable and efficient production and distribution network happened to be established. It was complemented by a multitude of libraries which focused on the collection and distribution of literature in Polish language.

1 Erste Anfänge nach Kriegsende[1]

Im Mai 1945 entstand in den westlichen Besatzungszonen der polnische Buchhandels- und Verlagsmarkt,[2] gedacht in erster Linie für die etwa 1.200.000 Polen, die sich nach Kriegsende in Deutschland aufhielten.[3] Bei ihnen handelte es sich vor allem um ehemalige Zwangsarbeiter, aber auch um Konzentrationslagerhäftlinge und Kriegsgefangene. Die Alliierten verliehen allen diesen Personen den Status der „Displaced Persons“, definiert als Zivilpersonen, die sich wegen Kriegseinwirkungen außerhalb der nationalen Grenzen ihres Landes befinden, die zwar nach Hause zurückkehren oder ein neues Zuhause finden wollen, jedoch nicht in der Lage sind, dieses ohne fremde Hilfe zu tun.[4]

Unter den polnischen Displaced Persons (DP) nahm das Bedürfnis nach Kontakt zur eigenen Kultur, namentlich zum geschriebenen Wort, immer mehr zu. Die erste „Gier nach Büchern“ versuchte man mit Publikationen zu stillen, die von Verlagsstellen außerhalb Deutschlands eingeführt wurden. Die Gaben flossen u. a. von dem 2. Polnischen Korps, dem Polnischen Roten Kreuz, der Vatikanischen Mission oder der Feldkurie in London.[5] Einige Druckwerke wurden von den Häftlingen der Kriegsgefangenenlager eingebracht. Die Zahl der auf diese Weise zusammengekommenen Bücher war jedoch bei Weitem nicht ausreichend. Daher wurde versucht, das gedruckte Wort direkt vor Ort, aber in eigenen polnischen Verlagen herauszugeben. Dies war die Geburtsstunde des polnischen Verlagsmarktes, welcher die Lesebedürfnisse polnischer DPs bis 1950 stillte.[6]

2 Die Herstellung und Veröffentlichung polnischer Literatur

Am Anfang des polnischen Buchmarktes in Deutschland standen private Institutionen, die meist von Personen gegründet wurden, die bereits vor dem Krieg mit dem Buchhandels- oder Verlagsmarkt in Polen verbunden gewesen waren. Zu dieser Art von Institutionen gehörten u. a. das Verlagshaus „Oficyna Warszawska“, das von einem seiner Gründer, Anatol Girs, wieder ins Leben gerufen wurde, außerdem der Verlag „Strażnica“ aus Celle, der Tadeusz Starczewski gehörte, und der früher in Posen, nach dem Krieg in Nürnberg angesiedelte Verlag Wydawnictwo Polskie R. Wegnera, geführt von Unterleutnant Tomasz Rybotycki. Einen privaten Verlag mit dem Firmennamen Wydawnictwo Książek Polskich gründete in Hamburg Stefan Dippel. Er beschäftigte sich mit dem Nachdruck viel gelesener polnischer Literaturtitel, die besonders für die Jugend gedacht waren.[7] Zu den privaten Firmen können auch die Redaktionen polnischer Zeitschriften gezählt werden, die das eigene Presseangebot oftmals um polnische Bücher erweiterten. Ein Beispiel hierfür ist der Verlag „Jutra Pracy“ aus Lippstadt.

Einen Teil des Verlagsmarktes stellten verschiedene polnische Organisationen und Vereinigungen dar. Unter ihnen gab es einige, unter deren Dach sich Abteilungen befanden, die sich der Herausgabe von Büchern widmeten. Andere gründeten im Rahmen ihrer Verbandsstrukturen Verlage, die meistens ein breiteres Titelangebot vorweisen konnten; kleinere Organisationen entschieden sich oft dazu, nur einige wenige Titel im Selbstverlag zu veröffentlichen.

Zu den größten Verlagsorganisationen gehörte die „Zentrale des Polnischen Schulwesens in Deutschland“ (Centrala Szkolnictwa Polskiego w Niemczech), deren Aufgabe in der Belieferung polnischer Schüler mit Lernprogrammen und Schulbüchern bestand. Aus den für diesen Zweck gesammelten Geldmitteln wurden sowohl der Druck notwendiger Titel in anderen Verlagshäusern als auch die eigene dynamische Verlagstätigkeit der Zentrale finanziert. Bereits im ersten Jahr ihrer Tätigkeit konnte die Zentrale Bücher mit einer Gesamtauflage von ca. 200.000 Exemplaren herausgeben.[8]

Nach 1945 nahm der „Bund der Polen in Hamburg“ (Związek Polaków w Hamburgu) seine Tätigkeit wieder auf und in seinem Rahmen die zugehörige Presse- und Verlagsabteilung. Sie gab Lehrbücher für Grundschulen und die technische Oberschule sowie Literatur für die katholische Kirche heraus. Die Gesamtauflage der von dieser Organisation publizierten Bücher belief sich auf mehr als 100.000 Exemplare.[9]

Ein eigenes Verlagshaus – Dom Książki Polskiej – gründete in Hamburg die Vereinigung Polnischer Verleger und Journalisten in Deutschland (Zrzeszenie Wydawców i Dziennikarzy Polskich w Niemczech). Als Verlagsorte gab sie die drei Städte Bremen, Hamburg und Lübeck an.

Die Organisation, die den am besten funktionierenden polnischen Verlag im Nachkriegsdeutschland betrieb, war der „Polnische Verband der Zwangsausgesiedelten“ (Polski Związek Wychodźstwa Przymusowego). Zu den Initiatoren seiner einschlägigen Tätigkeit gehörten der Priester Józef Nowak, Mieczysław Lurczyński sowie der Ingenieur Leopold Reinelt.[10] Die angebotenen Titel waren sehr verschieden. Veröffentlicht wurden sowohl Klassiker der polnischen Literatur als auch Exilautoren. Die Zusammenarbeit mit der „Zentrale des Polnischen Schulwesens in Deutschland“ erfolgte bei Schulbüchern, Lesebüchern und Lektüren, die der Verlag für jede Stufe organisierter Ausbildung für polnische DPs in Deutschland druckte. Erschienen sind dort auch populärwissenschaftliche Werke sowie Lehrbücher für die Berufsausbildung. Sehr oft wurde zur religiösen Literatur gegriffen. Der Verlag rief auch eine „Bibliothek der Dichtkunst“ ins Leben, in deren Rahmen Werke sowohl polnischer als auch fremder Autoren veröffentlicht wurden. Diese wurde als „Biblioteka Kameny“ bezeichnet.

Der „Polnische Verband der Zwangsausgesiedelten“ in Hannover wurde 1947 endgültig aufgelöst.[11] Sein Vermögen ging an die „Polnische Vereinigung in der britischen Besatzungszone“ (Zjednoczenie Polskie Strefy Brytyjskiej) mit Sitz in Bramsche.[12] Sie entschied, dass an Stelle des bisherigen Verlages und einer Buchhandlung eine neue Institution unter der Bezeichnung Gemeinschaftsbuchhandlung in Hannover (Księgarnia Społeczna) entstehen sollte. Obwohl das Verlagsprogramm mit dem Ständigen Sekretariat der Polnischen Vereinigung[13] (Stały Sekretariat Zjednoczenia Polskiego) abgesprochen werden sollte, wurden bei der Verlagsarbeit der Vereinigung höchstwahrscheinlich die durch den Verlag des „Polnischen Verbands der Zwangsausgesiedelten“ vorbereiteten Muster genutzt.

In die Entstehung des polnischen Verlagsmarktes in Westdeutschland schaltete sich auch die Katholische Kirche ein. In Folge ihrer Bemühungen wurde in Deutschland ein bischöfliches Amt eingerichtet, das die Arbeit jedes privaten christlichen Verlagshauses kontrollierte und jeden neu veröffentlichten Titel zu billigen hatte. Das Bischofsamt selbst gab ebenfalls Bücher im Selbstverlag heraus.

Eine weitere kirchliche Institution, die sich dem Druck polnischer Bücher widmete, war das Aufsichtsamt für Religionsunterricht (Inspektorat Nauki Religii). Das Amt wurde ins Leben gerufen, um den obligatorischen Religionsunterricht in den polnischen Schulen in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands zu regeln. Das Verlagsprofil entsprach also dem Bedarf an Lehrbüchern für den Religionsunterricht.[14]

Auch die Redaktionen der Religionsperiodika erweiterten ihr Angebot um Bücher und Broschüren. Ihre Tätigkeit bereicherte auf diese Weise die Redaktion von „Słowo Polskie-Słowo Katolickie“. Die Bucheditionen dieses Verlegers erstreckten sich auf seelsorgerisch-katechetische Hilfsmittel sowie auf Lehrbücher für die Berufsausbildung und für technische Kurse.[15]

Die Redaktion eines weiteren religiösen Periodikums, „Polska Chrystusowa“, beschäftigte sich zusätzlich mit dem Druck liturgischer Kommentare, Gebets- und Gesangbücher sowie anderer katechetischer Hilfsmittel. Diese Veröffentlichungen waren jedoch sehr bescheiden und blieben meist auf wenige Seiten beschränkt. Sie hatten daher eher die Form von Kleindrucksachen als von Büchern.[16]

Der verlegerischen Tätigkeit widmeten sich zudem katholische Priester, die private Verlagsfirmen gründeten. Zu den dynamischsten Verlagshäusern dieser Art gehörte die von dem Priester Ignacy Rabsztyn gegründete Polnische Druckerei in Lorch (Drukarnia Polska) – auch Priester-Rabsztyn-Verlagshaus (Wydawnictwo ks. Rabsztyna) genannt. Ihre Tätigkeit konzentrierte sich grundsätzlich auf den Druck religiöser Literatur, darunter katechetische Hilfsmittel; sie druckte jedoch auch Lehrbücher für Zwecke der Berufsausbildung. In Westdeutschland arbeiteten auch kleinere kirchliche Verlagszentren, deren Tätigkeit in manchen seelsorgerischen Zentren von Priestern initiiert wurde; religiöse Bücher gaben beispielsweise die Priester M. Walorek in Celle, Juliusz Janusz in Mannheim und J. Giczel in Tirschenreuth heraus.[17]

Abb. 1:  Erscheinungsorte polnischer Bücher in Westdeutschland zwischen 1945 und 1950.
Abb. 1:

Erscheinungsorte polnischer Bücher in Westdeutschland zwischen 1945 und 1950.

3 Der Vertrieb polnischer Literatur durch Buchhandlungen

Parallel zum Verlagsmarkt entwickelte sich unter den DPs das Vertriebsnetz für polnische Bücher, das die Versorgung einer möglichst großen Abnehmerzahl mit den Druckwerken ermöglichen sollte. Denn trotz eines reichen Verlagsangebots zahlreicher polnischen Institutionen erreichten die Publikationen meist nur die Polen, die in den Verlagsstädten oder in deren direkter Nähe wohnten;[18] außerhalb dieser Zentren war die Literatur jedoch schwer erhältlich. Das auf dem Gebiet der westlichen Besatzungszonen Deutschlands organisierte Vertriebssystem der Druckwerke bestand aus einer Reihe von Verkaufspunkten, die Publikationen in polnischer Sprache vertrieben, sowie aus mehreren Bibliotheksstellen. Das erste Kettenglied waren die polnischen Verlage selbst, die eigene Buchhandlungen eröffneten. In diesen wurden sowohl die eigenen Publikationen als auch Titel anderer polnischer Verlagshäuser aus dem gesamten Gebiet Deutschlands verkauft. Diese Art der Tätigkeit nahm nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise Dom Książki Polskiej aus Stuttgart auf. Eine eigene Buchhandlung eröffnete 1947 der Verlag „Jutro Pracy“ aus Lippstadt.[19] Selbst herausgegebene Titel vertrieb auch der Verlag des „Polnischen Verbands der Zwangsausgesiedelten“ (Wydawnictwo Polskiego Związku Wychodźstwa Przymusowego) aus Hannover.[20] Einen Verkauf von Büchern und Zeitschriften plante auch T. Starczewski, der den Verlag „Strażnica“ in Celle führte und Ende 1947 amtliche Schritte zur Registrierung einer neuen Buchhandlung unternahm.[21]

Neben Verkaufsstellen, die bei polnischen Verlagen entstanden, befassten sich auch private Buchhandlungen mit dem Vertrieb polnischer Bücher. Eine davon war „Biuro Zleceń“, von Daniel Udod im Januar 1947 in München ins Leben gerufen. Diese Firma eröffnete auch Buchhandlungskioske im Krankenhaus für DPs in Schwabing sowie im UNRRA-Team 108 im Deutschen Museum in München. Ihr gehörten zudem zwei Filialen: in Weiden, im Camp „La Guaria“ bei „Składnica Harcerska“, sowie in Marienbrunn. Sie gründete das Hauptlagerhaus der Buchhandlung (Księgarska Składnica Główna) mit Sitz in München und arbeitete mit den Vertretungen aus London, Utrecht sowie Angers zusammen.[22]

Im Mai 1948 startete in Hamburg unter der Leitung von Jan Ziętkiewicz eine weitere Institution unter der Bezeichnung Biuro Zleceń. Der Name bezog sich auf das Internationale Korrespondenzbüro, die Rechtsabteilung, Philatelistische Abteilung sowie Internationale Versandbuchhandlung. In der Buchhandlung konnten nicht nur in Deutschland gedruckte Bücher gekauft werden; im Angebot befanden sich auch Titel, die in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden erschienen waren.

In der amerikanischen Besatzungszone wurde die polnische Verlagsproduktion im Rahmen einer privaten Initiative von Józef Weisbach aus Ingolstadt und Adam Syriatowicz aus Regensburg vertrieben, in der französischen Besatzungszone von Edmund Łukasiewicz aus Rottweil am Neckar.[23]

Die meisten Verkaufsstellen polnischer Druckwerke in Westdeutschland organisierte die „Vereinigung polnischer Verleger und Journalisten in Deutschland“ (Zrzeszenie Wydawców i Dziennikarzy Polskich w Niemczech), die in Hamburg einen Buchgroßhandel und außerdem 25 kleinere Verkaufsstellen gründete. In der Großhandlung waren Buchtitel sämtlicher mit der Vereinigung zusammenarbeitender Verlagshäuser erhältlich, die über die einzelnen Verkaufsstellen in den verschiedenen polnischen Zentren vertrieben wurden.[24] Im Rahmen der Vereinigung existierte auch eine Sortimentsbuchhandlung, die sich mit der Beschaffung polnischer Bücher aus anderen Emigrationsverlagszentren, u. a. aus England, Belgien und Italien befasste.

Eine weitere polnische Organisation, die ein Buchhandelsnetz in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands bildete, war die Polnische Vereinigung (Zjednoczenie Polskie). Die Gemeinschaftsbuchhandlungen unter der Schirmherrschaft dieser Organisation funktionierten nur in manchen polnischen Zentren (z. B. in Blomberg sowie in Bramsche bei Osnabrück); sie bildeten ein Netz von Filialen, die dem Hauptsekretariat der Polnischen Vereinigung unterstanden. Eine ähnliche Einrichtung entstand in Hannover nach der Auflösung des „Polnischen Verbands der Zwangsausgesiedelten“ und der Übernahme seiner Buchhandlungen und seines Verlages durch die Polnische Vereinigung. Auch in München funktionierte eine Buchhandelsstelle mit dem Namen Księgarnia Społeczna PBI; sie gehörte jedoch höchstwahrscheinlich nicht zum Vertriebsnetz der Polnischen Vereinigung.

Eine Gemeinschaftsbuchhandlung wurde auch von der Vereinigung Polnischer Zentren im Kreis Rheinland-Westfalen gegründet. Zu Anfang befand sich ihr Sitz in Brauweiler, er wurde jedoch nach Solingen und später offenbar nach Voerde verlegt.

Polnische Buchhandlungen wurden auch in Haltern, Haren, Meppen und Osnabrück eröffnet. Die Erste wurde von Stanisław Palczewski im Polnischen Lager in Greven gegründet, musste jedoch wegen dessen Auflösung an einen anderen Ort verlegt werden. Die durch Bemühungen des Kommandos für Soldatenbetreuung der 1. Panzerdivision (Pluton Opieki przy I Dywizji Pancernej) organisierte Buchhandlung in Meppen verkaufte zwischen 15.000 und 18.000 Exemplare monatlich[25] und realisierte Bestellungen von Büchern aus anderen Verlagszentren im Exil.[26] Die Buchhandlung im 1. Polnischen Lager in Osnabrück verkaufte hauptsächlich Bücher polnischer Herausgeber in Deutschland sowie die Produktion des eigenen Lagerverlages.[27]

4 Die Verbreitung polnischer Literatur durch Bibliotheken

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Westdeutschland neben Buchhandlungen auch Bibliotheken und Lesesäle für polnische DPs eingerichtet, welche das Verkaufsnetz polnischer Bücher ergänzten. Die ersten Bibliotheken nach dem Krieg wurden bereits 1945 errichtet. Zuerst waren das Einrichtungen der Polnischen Streitkräfte, die ihre Sammlungen auch der Zivilbevölkerung zugänglich machten.[28] Später entstanden Einrichtungen, die durch die Führungsorgane von Wachkompanien, polnische Seelsorgezentren, Verwaltungen polnischer Organisationen verschiedener Art[29] sowie internationale Hilfsorganisationen für DPs und polnische Kombattanten-Vereinigungen organisiert wurden.

Entsprechend dem Fortschritt der alltäglichen Lagerorganisation gingen die Bibliotheken und Lesesäle in neue Strukturen über. Die entstandenen Einrichtungen waren allgemeiner Natur und sammelten Werke aus verschiedenen Wissenszweigen. Die Lagerbibliotheken wurden vorwiegend von den Leitungen der polnischen Zentren, zum Teil aber auch von polnischen und internationalen Institutionen organisiert. Als Beispiel kann an dieser Stelle die „Vereinigung Polnischer Kombattanten in Deutschland“ (Stowarzyszenie Polskich Kombatantów w Niemczech) genannt werden, die sich die Unterstützung bei der Gründung von Bibliotheken innerhalb dieser Vereinigung zum Ziel setzte.[30] Die Errichtung von Bibliotheken öffentlichen Charakters organisierten bzw. unterstützten auch die „Vereinigung Männlicher Junger Christen“[31] (Związek Chrześcijańskiej Młodzieży Męskiej) und vermutlich auch das Polnische Rote Kreuz[32] (Polski Czerwony Krzyż) in London. Eine eigene Bibliothek in Neustadt/Holstein gründete der „Polnische Rat der Beruflichen Weiterbildung der Vereinigung Polnischer Berufsorganisationen im Kreis Schleswig-Holstein“ (Polska Rada Dokształcania Zawodowego Zrzeszenia Polskich Organizacji Zawodowych na Okręg Szlezwig-Holsztyn). Bibliothekarische Einrichtungen entstanden auch für die polnischen Wachkompanien bei der amerikanischen Armee. Nach 1946 wurden im Schulungslager im Käfertal vier derartige Institutionen errichtet.[33]

Nach der Wiederaufnahme seiner Tätigkeit im Jahre 1945 startete auch der Bund der Polen in Deutschland eine Aktion für Kultur und Bildung; dazu zählte die Gründung polnischer Bibliotheken. Bereits 1948 konnte in Bochum die Zentralbibliothek neu eröffnet werden, deren Büchersammlung aus über 500 Einheiten bestand.[34] In Hamburg, wo beim Bund der Polen auch ein Lager für DPs existierte, wurde bereits Ende 1945 eine Bibliothek eingerichtet. Sie sammelte überwiegend Buchtitel allgemeiner Natur und Belletristik.[35]

1946 gründete die Polnische Vereinigung eine eigene Einrichtung in München. Es handelte sich hierbei um eine allgemein zugängliche Bibliothek. Ihre Büchersammlung belief sich im Jahre 1948 auf 700 Exemplare. Es kann vermutet werden, dass die Polnische Vereinigung über ein ganzes Netz derartiger Einrichtungen, mit der Zentralbibliothek als übergeordneter Institution, verfügte. 1947 gab diese Organisation nämlich ein Inventarbuch für die Zentrale Bibliothek heraus.[36] Auch der Bund polnischer Pfadfinder engagierte sich bei der Schaffung polnischer bibliothekarischer Einrichtungen; in Wildflecken z. B. gab es eine öffentliche Bibliothek, die 1948 über 800 Bucheinheiten verfügte;[37] im Februar 1948 bestanden in der britischen Besatzungszone schätzungsweise zwölf Pfadfinderbibliotheken.[38]

Eine Ergänzung zu den Lagerbibliotheken, die sich mit dem Mangel an Exemplaren und der nicht ausreichenden Auswahl an Titeln herumschlugen, stellten Wanderbibliotheken dar. Die Entstehung von Wanderbibliotheken im August 1948 wurde von dem „Verband Polnischer Zentren im Kreis Rheinland-Westfalen“ (Zrzeszenie Ośrodków Polskich Okręgu Reńsko-Westfalskiego) initiiert, der 14 Wanderbibliotheken, bestimmt für polnische Zentren in Westfalen und im Rheinland, schuf.[39] Der Verband gründete ebenfalls zwölf Sonderbibliotheken, darunter vier Studentenbibliotheken, vier Gefängnisbibliotheken, zwei Krankenhausbibliotheken, eine für die Abteilung CMLO und eine für das Sommerlager für Schulkinder. Sowohl die Wander- als auch die Sonderbibliotheken des „Verbands Polnischer Zentren im Kreis Rheinland-Westfallen“ wurden den Zentren unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Nutzen konnten sie alle Polen, die in dem jeweiligen Zentrum wohnten.[40]

Mobile Bibliotheken wurden auch von der „Vereinigung Polnischer Kombattanten“ (Stowarzyszenie Polskich Kombatantów) gegründet. Das Militärkommando zur gegenseitigen Hilfe (Oddział Samopomocy Wojska) in der britischen Besatzungszone bereitete sogenannte Buchsätze vor, die für polnische Zentren ohne eine feste Bibliothek bestimmt waren. In dieser Besatzungszone gab es insgesamt 117 mobile Bibliotheken mit über 11.000 Bänden. Es wurden auch zehn solcher „Wandersätze“ in der französischen Besatzungszone organisiert.[41] Diese Organisationsform des Kulturlebens und der Bildung in den polnischen Zentren wählte auch die Vertretung des Polenhilfsvereins (Towarzystwo Pomocy Polakom) für Deutschland, welche 39 kleine mobile Bibliotheken mit jeweils zwischen 80 und 150 Bänden errichtete,[42] und der Bund der Polen in Deutschland, der im Jahre 1948 zwölf mobile Buchsätze hatte. Mobile Bibliotheken wurden außerdem von Priestern betrieben, die Bücher und Zeitschriften während ihrer Rundreisen durch verschiedene Lager mitführten.[43]

Das in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands organisierte Bibliotheksnetz spiegelte die Lesebedürfnisse der besonderen Benutzergruppen wider. Für den Bedarf von Schülern wurden Schulbuchsammlungen organisiert, geschenkt durch die Zentrale des Polnischen Schulwesens, die Schulische Seelsorge (Duszpasterstwo Szkolne) sowie zahlreiche andere Institutionen und Privatpersonen. Bibliothekarische Einrichtungen wurden nicht nur für Zwecke der allgemeinen und beruflichen Bildung organisiert, sondern auch für polnische Studenten. Sie existierten u. a. bei der Brüderlichen Studentenhilfe (Bratnia Pomoc Studentów) in Göttingen und Braunschweig.[44]

Auch die Bedürfnisse der Lehrer wurden berücksichtigt. Das Zentrale Komitee für Schul- und Bildungssachen versuchte, eine pädagogische Bibliothek ins Leben zu rufen, gedacht für Personen, die entweder nicht über entsprechende Qualifikationen verfügten oder sich an das während der Studienzeit erlangte Wissen erinnern oder dieses ergänzen wollten. Die Bemühungen waren mit hoher Wahrscheinlichkeit von Erfolg gekrönt.[45]

Es wurden auch Bibliotheken für Polen organisiert, die in Krankenhäusern lagen. Die Krankenhausbibliotheken wurden u. a. in Watenstedt, Braunschweig-Broitzem, Bomlitz sowie Heilbronn errichtet.[46] Der Polenhilfsverein nahm wiederum Teil an der Errichtung von Sonderbuchsammlungen in den Krankenhäusern in Papenburg, Oldenburg und Münster und unterstützte die bereits bestehenden Krankenhausbibliotheken, z. B. in Haselünne. Die Polnische Vereinigung organisierte Einrichtungen dieser Art in der britischen Besatzungszone.[47]

Zu den besonderen Lesergruppen zählten auch die Gefangenen. Die polnischen Organisationen entschieden, für diese Zielgruppe Sonderbibliotheken in den Haftanstalten zu organisieren. Die Bibliotheken für Gefangene waren inhaltlich allgemein ausgerichtet. In den Büchersammlungen befanden sich neben der Belletristik auch wissenschaftliche Werke und religiöse Literatur.[48]

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Buchhandels- und Verlagstätigkeit der Polen in Westdeutschland kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellt eine Art Phänomen dar. Trotz der vielfältigen Schwierigkeiten, auf die die damaligen Verleger und Buchhändler stießen, gelang es ihnen, ein stabiles, effektiv funktionierendes Produktions- und Vertriebsnetz für polnische Literatur aufzubauen. Diese Literatur entstand sowohl in inhaltlicher als auch in technischer Hinsicht auf einem bemerkenswert hohen Niveau.

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Agnieszka Łakomy

Agnieszka Łakomy

Agnieszka Łakomy:

Published Online: 2014-10-08
Published in Print: 2014-10-31

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