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Von Informationskompetenzschulungen zur Persönlichen Wissensstrategie: ganzheitlicher Ansatz zum lebenslangen Lernen

  • Anke Wittich

    Dr. Anke Wittich

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Published/Copyright: October 8, 2014
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Zusammenfassung:

Hochschulbibliotheken in Deutschland wenden umfangreiche personelle Ressourcen auf, um Studierende im Studienverlauf zur Informationskompetenz zu schulen. Dennoch bleibt der Erfolg dieser Schulungen hinter den Erwartungen zurück. Im Anschluss an das Studium bewegen sich die Absolventen in organisatorischen Informationswelten. Andere Informationsressourcen erfordern ein Umdenken in der Informationsbeschaffung. Damit diese Umstellung gelingt und Informationskompetenz schon in der Studienzeit zielgerichtet aufgebaut wird, sollte der Ausgangspunkt zur Informationssuche bei der Aufgabendefinition und der Bestimmung des Informationsbedarfs liegen, worin ebenfalls der Ausgangspunkt der persönlichen Wissensstrategie im organisatorischen Kontext zu sehen ist.

Abstract:

University libraries in Germany spend a lot of time and human resources in training students in information literacy. But the success is not as high as desirable. After their studies the graduates start working in several organizations. There they find different resources which require an adapted strategy in information literacy. For the reorganization of those new strategies, the learning process of information literacy during the studies has to be changed. Defining the task and the need of information should be the first step, which also is the starting point of a personal knowledge strategy in lifelong learning.

1 Bestandsaufnahme[1]

Vermittlung von Informationskompetenz ist nicht erst mit den neuesten Studien des Wissenschaftsrates und der Kommission Zukunft der Informationsinfrastrukturen ein Thema in wissenschaftlichen Bibliotheken. Regelmäßige bieten Hochschul- und Universitätsbibliotheken Schulungen zur Katalognutzung und zu Recherchestrategien an, seit ca. zehn Jahren unter dem Label Informationskompetenz.

Die Bibliotheksstatistik zeigt für 2013 17.620 Schulungen auf, davon entfallen 56 % auf Studierende im Grund- bzw. Bachelorstudium. Spezielle Schulungen für höhere Semester finden in geringerem Umfang statt. Inhaltlich vermitteln die Schulungen allgemeine Kenntnisse zu Bibliotheksnutzung und Informationsangebot, z. T. fachlich aufgegliedert, überwiegend als Präsenzschulungen im Vortragsformat (90 %).[2] Das Angebot an Online-Schulungen ist in dieser Statistik nicht berücksichtigt, deckt aber einen weiteren großen Informationsbedarf ab. Beispielhaft seien an dieser Stelle Lotse und die Angebote der UB Freiburg oder UB Heidelberg genannt.

Doch führen alle diese Bemühungen nicht zu dem gewünschten Ziel. Sühl-Strohmenger fasst aktuelle Studien zur Informationskompetenz zusammen: Kenntnisse Studierender zur Informationskompetenz sind demnach nur „rudimentär“ vorhanden, darüber hinaus autodidaktisch erworben. Lehrende beklagen insbesondere, dass Studierenden die Themeneingrenzung und Auswahl relevanter Literatur schwerfällt.[3] Erschwerend kommt hinzu, dass Studierende sich selber zu positiv in Bezug auf Internetrecherche, Nutzung von Bibliothekskatalogen und Datenbanken einschätzen.[4]

Informationszugänge wie Smartphone und Tablet sowie Informationskanäle wie Facebook und Twitter verändern Arbeitsweise und Informationsverhalten Studierender. Laut Horizon-Report 2014 Higher Education werden Studierende eher „Macher“, keine reinen Konsumenten. Die Relevanz der Sozialen Medien wird sich eher noch steigern, Lernen in kollaborativen Umgebungen stattfinden.[5]

2 Herausforderungen im 21. Jahrhundert

Das im Horizon-Report genannte Informationsverhalten der Vernetzung gilt es zu fördern, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Myberg/Tamarro fordern sinnvolle Nutzung von Informationen[6] und die netzwerkartige Zusammenarbeit von Menschen und Ideen[7] . Diese Zusammenarbeit führt dann auch zur Wissensteilung, eine grundlegende Forderung des Wissensmanagements im Unternehmenskontext.[8] Kritisches Denken und Bewertung von Informationen werden gerade bei vorliegenden Informationsmengen essentiell.[9] Dieser Herausforderung sehen sich Studierende schon aktuell ausgesetzt, folgt man den Aussagen Lehrender, wonach die Themeneingrenzung den Studierenden Schwierigkeiten bereitet.[10] MyLaughlin/Stankosky fordern Orientierungswissen zur Bewältigung der Informationsmengen, eine Kompetenz, mit der ebenfalls die Themeneingrenzung und die Bewertung von Literatur ermöglicht wird.[11]

Sind Studierende gemäß der aktuellen Bestandsaufnahme diesen Herausforderungen im Erwerbsleben gewappnet? Sind sie fit für den Wissenswettbewerb im 21. Jahrhundert? Für den Transfer der erworbenen Kompetenzen aus dem Studium in das Berufsleben müssen Absolventen Kompetenzen der Informationsverarbeitung im Zusammenhang Studium auf Persönliches Wissensmanagement im Kontext Berufsleben transferieren. In Ergänzung zu Informationskompetenz erwartet das Unternehmen von den Mitarbeitern einen verstärkten Blick auf den Erwerb, die Strukturierung und Teilung von Wissen.

3 Informationsverhalten Studium versus Beruf

Studierende erwerben im Idealfall Informationskompetenz und nutzen zur Recherche Bibliothekskataloge, virtuelle Fachbibliotheken und das Internet. In Bibliothekskatalogen und virtuellen Fachbibliotheken finden sie gut strukturierte und redaktionell bearbeitete Informationen. Ihr Zugang wird nicht zuletzt durch Discovery-Systeme vereinfacht. Studierende arbeiten in homogenen Wissensgemeinschaften (Kommilitonen) und befinden sich zum Ende ihres Studiums auf einem breiten und aktuellen Wissensstand in ihrem Studienfach. Die Informationsnutzung betrifft sie überwiegend persönlich, sie bereiten sich auf Klausuren vor oder schreiben Haus- und Abschlussarbeiten. Im Rahmen der Abschlussarbeit werden einzelne Informationsinhalte miteinander verknüpft, in einen Zusammenhang gestellt und bilden damit „Wissen“ für den Absolventen.

Mit dem Eintritt ins Berufsleben endet der Wettlauf um Information und die Generierung von Wissen nicht. Die Halbwertzeit des Wissens ist gering, woraus sich die Forderung nach lebenslangem Lernen ableitet. Bezieht sich Informationskompetenz überwiegend auf den persönlichen Horizont, überträgt Persönliches Wissensmanagement die Kompetenzen auf den Unternehmenskontext und ergänzt ganz wesentlich die Wissenskommunikation und damit die Wissensverteilung über den genannten persönlichen Horizont hinaus hinein in das Unternehmen. Kommunikation findet demnach nicht mehr allein für Prüfungs- und Abschlussarbeiten statt, sondern ist eine tägliche Herausforderung bezüglich Wissenserwerb und Wissensteilung in interner und externer Unternehmenskommunikation.

Nahezu alle Konzepte zu Wissensmanagement berufen sich auf Kompetenzen zu Wissenserwerb und Wissensteilung. Beispielhaft sei hier das Konzept der Wissenstreppe nach North dargestellt. Wissen als Ergebnis von vernetzten Informationen und Erfahrungen ist bei North eine Stufe auf dem Weg zur Wettbewerbsfähigkeit (s. Abb. 1).

Abb. 1:  Wissenstreppe nach Klaus North.12North, Klaus: Wissensorientierte Unternehmensführung. Wiesbaden 2011, S. 36.
Abb. 1:

Wissenstreppe nach Klaus North.[12]

Wissensteilung wird in wissensintensiven Organisationen als Grundvoraussetzung für ein gelungenes Wissensmanagement angesehen. Die Ressourcen, in denen sich die dazugehörigen Informationen befinden, unterscheiden sich jedoch grundlegend von den bisher durchsuchten Quellen: File Server verzeichnen eigene wie öffentliche Dateien, die häufig keinen offiziell festgelegten Strukturierungsrichtlinien unterliegen. Dokumentenmanagementsysteme ermöglichen die Bereitstellung von Informationen für einen benannten Nutzerkreis. Informationen müssen zur Wissenskommunikation nutzerorientiert aufbereitet werden, damit weitere Interessenten diese Information finden und auswerten können. Weitere mögliche Informationsressourcen stellen ein Groupwaresystem oder das Intranet dar. Nicht zuletzt ist die Kaffee-Ecke eine wichtige Informationsressource, die es als Quelle in die vorhandene Informationsstruktur zu integrieren gilt. Für den Berufseinsteiger und/oder Neuling der Organisation ergibt sich damit eine gänzlich anders aufbereitete Informationsinfrastruktur im Vergleich zur bisher gelernten Bibliotheksstruktur.

Aufbauend auf der erlernten Informationskompetenz, unter den Bedingungen der veränderten Lebensumstände (Vernetzung, mobile Endgeräte), des veränderten Lernverhaltens (kurzweilige Informationskanäle) und der Erfordernis des lebenslangen Lernens erwartet die Organisation Kompetenzen des (persönlichen) Wissensmanagements von zukünftigen Arbeitnehmern (s. Abb. 2).

Abb. 2:  Von Informationskompetenz zu persönlichem Wissensmanagement.
Abb. 2:

Von Informationskompetenz zu persönlichem Wissensmanagement.

4 Lösungsansatz Wissensstrategie

Ein wichtiger Bestandteil des persönlichen Wissensmanagements ist im ersten Schritt die Beschreibung einer Wissensstrategie. Beginnend mit der Aufgabendefinition und der Ableitung des Informationsbedarfs werden folgend die geeigneten Instrumente für die Recherche definiert, die Recherche durchgeführt, gefundene Informationen bewertet und das somit aufgebaute Wissen geteilt (s. Abb. 3).

Abb. 3:  Wissensstrategie.
Abb. 3:

Wissensstrategie.

Diese Abfolge an Arbeitsschritten weist Parallelitäten zu den Standards der Informationskompetenz auf. Zur Definition der persönlichen Wissensstrategie gehören folgende Teilaspekte der Wissensentwicklung:

  1. Mein aktueller Wissensbedarf ist mir bekannt.

  2. Die wichtigsten Informationsquellen sind mir bekannt.

  3. Mein zukünftiger Wissensbedarf ist mir bekannt.

  4. Mein Wissensvorsprung ist mir bekannt.

  5. Meine angestrebte Expertise ist mir bekannt.[13]

Wenn alle diese Teilaspekte mit aktuellem Inhalt benannt werden können, ist die persönliche Wissensentwicklung auf einem stabilen Fundament gebaut, das allerdings kontinuierlich überprüft und ggf. angepasst werden muss. Für die Wissensstrategie wird der aktuelle Wissensbedarf beschrieben, der sich aus der Aufgabendefinition ableitet. Die Aufgabe wird anhand der wichtigsten Informationsquellen gelöst. Für die Bewertung und die Wissensteilung sind sowohl der Wissensvorsprung wie auch die angestrebte Expertise von Interesse. Sie dienen zur eigenen Orientierung ebenso wie zur nutzergerechten Weiterleitung von Informationen, wenn der Informationsempfänger eine ähnliche oder eine abweichende Expertise vorweist.

Der aktuelle Wissensbedarf als Teilaspekt der Wissensentwicklung stellt, ebenso wie in den Standards zur Informationskompetenz, einen Anker im Persönlichen Wissensmanagement dar. Auch der Zirkel der Informationskompetenz beginnt mit der Definition der Aufgabe. Dieser Aspekt wird aber selten in Informationskompetenzschulungen gelehrt, geschweige denn berücksichtigt. Gerade die eigenständige Definition der Aufgabe versetzt einen Studierenden (und späteren Mitarbeiter im Unternehmen) in die Lage, den Informationsbedarf zu erkennen und darauf aufbauend die Recherche durchzuführen. Der Einstieg in Informationskompetenzschulungen erfolgt überwiegend aber bei der Darstellung der geeigneten Instrumente. Die Aufgabendefinition wird hierbei vorgegeben.

Wichtiger und im Gedanken des lebenslangen Lernens zielführend ist die individuelle Definition einer Persönlichen Lernumgebung, die sich zusammensetzt aus den Komponenten

  1. Organisieren und Strukturieren,

  2. Informieren und sozial Vernetzen,

  3. Speichern und Verwalten,

  4. Recherchieren,

  5. Verarbeiten, Visualisieren und Reflektieren.[14]

In allen fünf Stationen setzen Informationskompetenzschulungen an. Im Zusammenhang der persönlichen Wissensstrategie werden der individuelle Wissensbedarf definiert und darauf abgestimmt Instrumente genutzt, ganz nach dem Vorbild von Ikea zur eigenständigen Gestaltung von z. B. Küchen: „Plan selbst“ (s. Abb. 4).

Abb. 4:  Planungsstation bei Ikea.
Abb. 4:

Planungsstation bei Ikea.

Drei Beispiele zeigen mögliche Wege:

Ein Studienanfänger benötigt ergänzende Literatur zur Einführungsvorlesung. Hierfür möchte er kurz die Bibliothek kennenlernen, einen Nutzerausweis erhalten und die empfohlene Literatur ausleihen. An dieser Stelle genügen eine kurze Bibliothekseinführung, die Ausstellung des Nutzerausweises und der Hinweis auf die Lehrbuchsammlung. Alle weiteren Informationen zur ausgefeilten Recherche im Katalog, Fernleihmöglichkeiten und Datenbankrecherche überfordern den Studierenden an dieser Stelle, passen aber vor allem nicht zu seinem aktuellen Wissensbedarf.

Im derzeitigen Studienbetrieb der Bachelor- und Masterstudiengänge wird der Wissensbedarf der Studierenden über einen langen Zeitraum anhand der Lehrbuchsammlung gedeckt. Das ist seine wichtigste Informationsquelle. Der zukünftige Wissensbedarf ist für ihn an dieser Stelle noch nicht relevant, ebenso der Wissensvorsprung und die angestrebte Expertise.

Diese Aspekte werden aber spätestens zur Anfertigung einer ersten Abschlussarbeit relevant. Die Lehrbuchsammlung genügt nicht mehr, weitere Informationsquellen werden herangezogen. Jetzt ist der (späteste) Zeitpunkt gekommen, Recherchestrategie, Zitationsregeln, OPAC, lizenzierte Fachdatenbanken, virtuelle Fachdatenbanken zu nutzen. An dieser Stelle angekommen, wird der Student dann auch den Wissensbedarf und diese wichtigen Informationsquellen erkennen und für die Schulung dieser Inhalte bereit sein („teachable moment“).

Studienanfänger und Abschlusskandidat lernen die Komponenten der Informationskompetenz nicht nach einem vorgegebenen Schulungsschema oder einer vorgegebenen Abfolge einer modularisierten E-Learning-Einheit kennen. Die vornehmliche Aufgabe besteht darin, den aktuellen Wissensbedarf möglichst präzise zu erkennen und zu beschreiben und daraufhin anhand der notwendigen Informationsquellen die benötigten Unterlagen in der persönlichen Lernumgebung zu beschaffen. Jetzt wird er auch in die Lage versetzt, die Quellen anhand seiner Aufgabenstellung zu bewerten und zu verarbeiten.

Mit diesem Rüstzeug ausgestattet, wird der Berufseinsteiger die Relevanz der notwendigen Informationen für seinen neuen Arbeitsbereich beschreiben können, nach geeigneten Quellen fragen und diese entsprechend der Struktur recherchieren können. Er fragt nach Experten und weiß, wer von ihm welche Information in welcher Form benötigt. Alle fünf Teilaspekte der Wissensentwicklung sind für ihn relevant und mit Inhalt gefüllt.

5 Anforderungen an Informationskompetenzschulungen

Herausforderung für Informationskompetenzschulungen wird es im Sinn der persönlichen Wissensstrategie sein, die Formulierung der individuellen Bedürfnisse zu fördern und auf individuelle Lernabläufe in individuellen Lernumgebungen zu reagieren. Dabei geht die Strategie immer den Tools voran. Eine mögliche Methode besteht in Mikrolerneinheiten am „point of need“. Angedockt an den einzelnen Informationseinheiten der Bibliothekswebseiten finden die Nutzer kurze Lerneinheiten. Sie entscheiden eigenständig über den Zeitraum und den Ablauf der Schulung, indem Sie weitere (vorgeschlagene) Mikrolerneinheiten bearbeiten oder zu einem späteren Zeitpunkt diese Informationen abrufen. Nutzer bewerten die Information und teilen sie ggf. in ihrem persönlichen Netzwerk, z. B. über Facebook. Weitere Ansätze verfolgt z. B. die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) mit der Wissensbar, wobei Studierende vor Ort individuell zu den Themen „Lernen/Forschen“, „Schreiben/Publizieren“, „Technik/Technologien“ geschult werden. Diese Vorgehensweisen werden dem Lernverhalten der Teilnehmer gerecht (kollaboratives Arbeiten, Prosument nicht Konsument) und bereiten ihn damit auf die lebenslange Lernsituation im weiteren Erwerbsleben vor.

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Anke Wittich

Dr. Anke Wittich

Anke Wittich:

Published Online: 2014-10-08
Published in Print: 2014-10-31

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