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Shareconomy – alter Wein in neuen Schläuchen und was Bibliotheken davon haben könnten

Veröffentlicht/Copyright: 14. August 2014
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Shareconomy oder KoKonsum (kollaborativer Konsum) – das sind aktuelle Kunstwörter, die die Kultur des Tauschens oder Teilens als Trend für ein verändertes Konsumverhalten westlicher Wohlstandsgesellschaften beschreiben.

Zu tauschen statt zu kaufen, zu teilen und mehrfach zu nutzen statt zu verschwenden, zu verschenken bzw. zu reparieren und weiter zu verwerten statt zu entsorgen („Upcycling“) – die Idee begegnet uns im Alltag in Form von Carsharing, Foodsharing, CoWorking, Urban Gardening und einer inzwischen nicht geringen Zahl von Online-Tauschbörsen für Kleidung, Kinderspielzeug und kleineren Dienstleistungen im Bereich Nachbarschaftshilfe.[1]

Auch Medien sind natürlich – das ist nicht neu – Gegenstand des Tausch- und Verleih(!)handels. Für den bibliothekarischen Bereich wird es spannend, wenn man Plattformen wie Tauschticket oder Tauschgnom (s. u.) betrachtet. Hier wird institutionalisiert, was es informell schon lange gab: private Tauschringe für Bücher, Spiele, Filme. Worin besteht der Unterschied zwischen herkömmlichen Tauschinitiativen und der aktuellen gesellschaftlichen Strömung? Versuchen wir, das zu ergründen.

Abb. 1:  www.foodsharing.de – das Prinzip kurz erklärt.
Abb. 1:

www.foodsharing.de – das Prinzip kurz erklärt.

Dass der Trend, der seit etwa drei Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung an Fahrt aufgenommen hat, sich gern einen sozialen Anstrich in Zeiten des Überflusses gibt, wird von Kritikern als lupenreines Gewinnmaximierungsdenken entlarvt: „Das war schon immer der Trick des Kapitalismus: Uns zu verkaufen, was es vorher umsonst gab. Jetzt hat er die neueste Marktlücke entdeckt: den Kommunismus.“[2] Diese und ähnliche Aussagen zielen auf die Hypothese ab, dass in Zukunft in erhöhtem Maße auch kleinste Gefälligkeiten, ausgetauscht über kommerzielle Plattformen, nur gegen Gegenleistung oder Bezahlung zu haben sein und damit den Ursprungsgedanken konterkarieren könnten. Auch eine aktuelle Marktforschungsstudie belegt: Shareconomy ist nicht wie im bisher angenommenen Maße ideell motiviert: Zeit- und Kostenersparnis sind vielmehr individuelle Hauptmotive der Teilenden und Tauschenden.[3]

Die letztjährige CeBit beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit den ökonomischen und technologischen Aspekten des Phänomens Shareconomy: Geschäftsmodelle und die Bereitstellung von IT-Lösungen zur Realisierung von Sharing-Plattformen im Social Web sind in der Tat ein wachsender Wirtschaftsfaktor.[4] Was der Teil- und Tauschgedanke für den Content in der Cloud bedeutet oder wie er den Bereich vernetzter Zusammenarbeit verändert, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in Gänze abzusehen.[5]

Nahe liegende Parallelangebote der Shareconomy zum Bibliotheksbereich sind, wie oben erwähnt, die Bücher-, Spiele- und Filmtauschplattformen. Im Gegensatz zu privaten Tauschzirkeln sind die neuen Online-Tauschplattformen öffentlich sichtbar, überregional verbreitet und zunehmend professionell organisiert – und kommerziell. Bibliotheken werden sie zwar nicht den Rang ablaufen, man mag sich jedoch an kommunale Debatten über die Einrichtung von Bücherschränken zur Haushaltskonsolidierung erinnern und sich vorstellen können, dass immer professionellere und attraktivere Shareconomy-Angebote Fragen nach dem Mehrwert einer Bibliothek für eine Kommune provozieren könnten.

Abb. 2:  www.tauschgnom.de – ein Gemischtwarenladen mit starkem Medienbezug.
Abb. 2:

www.tauschgnom.de – ein Gemischtwarenladen mit starkem Medienbezug.

Bibliotheken sind dabei in der komfortablen Situation, Shareconomy-Konkurrenzangebote gerade aufgrund deren Sichtbarkeit im Netz bestens auffinden und ideal für sich nutzen bzw. eine strategische Symbiose eingehen zu können, wie es beispielsweise beim Aufkommen des Bookcrossing-Trends geschehen ist.[6] Als non-profit-Institution, die es sich schon immer zur Aufgabe gemacht hat, das gesellschaftliche Leben durch das Teilen von Wissen zu bereichern und entsprechende Dienstleistungen anzubieten, kann eine Bibliothek einerseits ihrer Community konkrete Angebote als Plattform für Veranstaltungen oder Services mit Shareconomy-Bezug unterbreiten. Andererseits kann sie sich bei zunehmender Kommerzialisierung von Shareconomy-Diensten mit ihrem öffentlichen Auftrag als Alleinstellungsmerkmal profilieren. Es könnte Bibliotheken leicht fallen, ein produktiver und aufgrund ihrer in dieser Hinsicht wirtschaftlichen Unabhängigkeit hochgeschätzter Teil dieser Bewegung zu werden, wenn sie sich den gesellschaftlichen Veränderungen auch in diesem Bereich nicht verschließen – ungeachtet dessen, als wie kurzlebig dieser Trend sich vielleicht auch erweisen mag. Allerdings wird es auch trotz unkommerzieller Zielsetzung weiterhin notwendig sein, durch Veranstaltungsformate, ansprechende Räumlichkeiten und ausgezeichnete Beratung einen weiteren Mehrwert zu den bequemen Online-Tauschringen zu bieten.

Die Zukunftswerkstatt befasst sich daher dieses Jahr schwerpunktmäßig z. B. mit den Potenzialen der CoWorking-, der Makerspace- und der Social-Reading-Bewegung für Bibliotheken. Wer hier mitdenken und -entwickeln möchte, erreicht uns unter zukunftsentwickler@zukunftswerkstatt.org.

Cordula Nötzelmann, Stadtbibliothek Köln und Zukunftswerkstatt

Published Online: 2014-08-14
Published in Print: 2014-08-30

© 2014 by De Gruyter

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