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Wenn „große Männer“ fehlen: Argumentationsstrategien im Ringen um eine Studienreform an der Universität Wien zu Beginn des 18. Jahrhunderts

  • Manuela Mayer
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Central European Pasts
This chapter is in the book Central European Pasts

Abstract

Als der Göttweiger Abt Gottfried Bessel (1672-1749) am 27. Jänner 1727 die mit der Wahl zum Rektor der Universität verbundene obligatorische Antrittsrede hielt, verfügte er bereits über einige Erfahrung mit diesem Veranstaltungstyp, war er doch bereits im Studienjahr 1714/15 zum ersten Mal zum Rektor gewählt worden und hatte in diesem Zusammenhang ebenfalls eine solche Rede gehalten. Wiewohl Bessel damit über gewisse Vorerfahrungenverfügte,wählte er für die zweite Rede dennoch einen thematisch völlig anderen Zugang. War die erste Rektoratsrede von einer zutiefst demütigen Haltunggegenüber der Institution, der er für ein Jahr vorstehen sollte, sowie dem Allmächtigen, der ihm dieses Amt auferlegt hatte, geprägt gewesen, aus der heraus er aus theologischer Sicht zum Thema „Gottesfurcht“ referierte, so rückte er für seine zweite Rede die wissenschaftlichen Leistungen berühmter Männer in den Vordergrund. Gegliedert in die Bereiche Theologie, Recht, Medizin und Philosophie (entsprechend den vier Fakultäten der Universität Wien) referierte Bessel die Namen gelehrter Männer, die sich seit dem Mittelalter um diese Wissenschaftsgebiete verdient gemacht hatten,wobei er dabei oft über reine Namenslisten mit allenfalls spärlichen Angaben zu Werken oder Spezialgebieten der Genannten nicht hinauskam. Auch handelte es sich bei vielen nicht um Absolventen der Universität Wien, worüber ebenfalls hinweggesehen wurde.Wichtiger war es, eine glorreiche akademische Vergangenheit zu konstruieren, die den Wunsch wecken sollte, zu dieser alten Größe zurückzufinden - denn nicht vonUngefähr war Bessels zweites Rektorat geprägt von dem mühsamen Ringen um eine Studienreform. Die Universität Wien hatte bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts im Vergleich mit anderen (oft protestantischen) Universitäten des Reiches deutlich an Attraktivität verloren, was sich in der Anzahl der Studenten ebenso äußerte wie in der Qualität der Lehre und den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. Das erhaltene Aktenmaterial zeigt deutlich, wie sehr Bessel am Gelingen der Reform gelegen war. Dies drückt sich auch in seiner Antrittsrede aus, mit der er die Angehörigen der Universität zum Mitziehen motivieren wollte.

Abstract

Als der Göttweiger Abt Gottfried Bessel (1672-1749) am 27. Jänner 1727 die mit der Wahl zum Rektor der Universität verbundene obligatorische Antrittsrede hielt, verfügte er bereits über einige Erfahrung mit diesem Veranstaltungstyp, war er doch bereits im Studienjahr 1714/15 zum ersten Mal zum Rektor gewählt worden und hatte in diesem Zusammenhang ebenfalls eine solche Rede gehalten. Wiewohl Bessel damit über gewisse Vorerfahrungenverfügte,wählte er für die zweite Rede dennoch einen thematisch völlig anderen Zugang. War die erste Rektoratsrede von einer zutiefst demütigen Haltunggegenüber der Institution, der er für ein Jahr vorstehen sollte, sowie dem Allmächtigen, der ihm dieses Amt auferlegt hatte, geprägt gewesen, aus der heraus er aus theologischer Sicht zum Thema „Gottesfurcht“ referierte, so rückte er für seine zweite Rede die wissenschaftlichen Leistungen berühmter Männer in den Vordergrund. Gegliedert in die Bereiche Theologie, Recht, Medizin und Philosophie (entsprechend den vier Fakultäten der Universität Wien) referierte Bessel die Namen gelehrter Männer, die sich seit dem Mittelalter um diese Wissenschaftsgebiete verdient gemacht hatten,wobei er dabei oft über reine Namenslisten mit allenfalls spärlichen Angaben zu Werken oder Spezialgebieten der Genannten nicht hinauskam. Auch handelte es sich bei vielen nicht um Absolventen der Universität Wien, worüber ebenfalls hinweggesehen wurde.Wichtiger war es, eine glorreiche akademische Vergangenheit zu konstruieren, die den Wunsch wecken sollte, zu dieser alten Größe zurückzufinden - denn nicht vonUngefähr war Bessels zweites Rektorat geprägt von dem mühsamen Ringen um eine Studienreform. Die Universität Wien hatte bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts im Vergleich mit anderen (oft protestantischen) Universitäten des Reiches deutlich an Attraktivität verloren, was sich in der Anzahl der Studenten ebenso äußerte wie in der Qualität der Lehre und den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. Das erhaltene Aktenmaterial zeigt deutlich, wie sehr Bessel am Gelingen der Reform gelegen war. Dies drückt sich auch in seiner Antrittsrede aus, mit der er die Angehörigen der Universität zum Mitziehen motivieren wollte.

Chapters in this book

  1. Frontmatter I
  2. Table of Contents V
  3. Introductions
  4. Introduction: The querelle that wasn’t 1
  5. Habsburg intellectual history in context. Two perspectives (roof intro) 21
  6. Habsburg intellectual history in its universal, imperial, and regional contexts: A Counter-Reformation account 23
  7. Habsburg intellectual history in a global context: revolution, evolution, innovation 53
  8. The Church
  9. Bernhard Pez challenges his abbot, as viewed from a curial perspective. New materials on a conflict situated between monastic discipline and theological antiquarianism 97
  10. Ignorant critics, learned colleagues, and evidence from the source: Bernhard Pez’s Apologia for the publication of The Life and Revelations of Agnes Blannbekin 119
  11. Die Rezeption der Constitutio Unigenitus (1713) im Alten Reich: eine unterschätzte Diskussion? 141
  12. The debate about the completion of the Cathedral of Milan during the eighteenth century. Innovation and continuity with regard to aesthetical, lexical, and theoretical issues 171
  13. Tradition and reform in the scholarship of Sebastiano Paoli OMD (1684–1751) between Vienna and Naples 193
  14. The Empire
  15. Verhandlungen über das Mittelalter zwischen Melk und Leipzig: Bernhard Pez’ Brief von einigen alten Poeten, welche in teutscher Sprache etwas geschrieben (1725) 215
  16. Wenn „große Männer“ fehlen: Argumentationsstrategien im Ringen um eine Studienreform an der Universität Wien zu Beginn des 18. Jahrhunderts 241
  17. „Interdum optarem autoritatibus Tua magis muniri caeteroque philologico apparatu.“ Gottfried Wilhelm Leibniz’ Kritik an Hermann von der Hardts rationalistischer Bibelauslegung 267
  18. Another querelle. The Usus Modernus Pandectarum and the constitution of the Holy Roman Empire around 1700 293
  19. The Habsburg Monarchy
  20. Gebrauchtbuchhandel als neue Geschäftspraxis: Der Wiener Buchhandel des Johann Adam Schmidt (Nürnberg) zwischen Novitäten und Antiquariat (1730–1751) 311
  21. Der Streit um die Genealogie der Wittelsbacher. Gottfried Philipp von Spannagel (Wien) gegen Ignaz Franz Xaver von Wilhelm (München) 347
  22. Two visions of a sacred kingdom: Gabriel Hevenesi and Samuel Timon as expositors of Holy Hungary 393
  23. Old and new iconographic forms on the eastern border of the Habsburg Monarchy. Social prestige and family alliances in eighteenth-century Oltenia 415
  24. New uses of an old theme: The Roman origins of Romanians in the discourse of the Greek Catholic elite in eighteenth-century Transylvania 441
  25. The Istoria of Francesco Ottieri and the writing of modern history in early eighteenth-century Italy 459
  26. Antiquos reverentia, novos aequitate: „Moderne“ Antikerezeption bei Carl Gustav Heraeus 479
  27. Habsburgs beste Quellen. Tradition und Innovation in der Balneologie des 18. Jahrhunderts 511
  28. Das Josephinische Eherecht. Eine Gemengelage aus Altem und Neuem im Dienste einer bürgerlich-patriarchalen Geschlechterordnung 529
  29. Epilogues
  30. Interactive antiquities: A Relational History 565
  31. Querelle – Parallèle – Paradoxe – Guerre. Framing the dispute between Ancients and Moderns in the early modern periodical press (Nouvelles littéraires, Neue Zeitungen von gelehrten Sachen) 607
  32. Index of People 639
  33. Index of Places 655
Downloaded on 31.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110653052-011/html
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