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Der Kontext bestimmt alles

Kontextdaten und Containerobjekte als Lösungsmöglichkeit für den Umgang mit sozialwissenschaftlichen qualitativen Daten. Erfahrungen aus dem Pilotprojekt „Ethnographische Datenarchivierung“ an der Universitätsbibliothek Wien
  • Igor Eberhard

    Igor Eberhard

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Published/Copyright: May 1, 2020
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Zusammenfassung

Qualitative, sozialwissenschaftliche und vor allem ethnographische Daten benötigen eine besondere Herangehensweise. Das betrifft den gesamten Forschungsprozess sowie das Forschungsdatenmanagement. Dafür gibt es bisher kaum ausgereifte Lösungen. Das Pilotprojekt „Ethnographische Datenarchivierung“ der Universitätsbibliothek Wien am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie (2017–2019) hat Lösungswege gesucht und Möglichkeiten exemplarisch ausgearbeitet. Das wird am besonderen Beispiel der Kontextdaten und des Containerobjekts als komplexe Objektkategorie veranschaulicht.

Abstract

Handling qualitative data in Social Sciences, especially ethnographic data, requires a particular approach, both during the research process and in terms of data management and archiving. To date, there is a dearth of widely applicable solutions in this field.

Addressing this gap, the Vienna University Library’s pilot project Ethnographic Data Archiving which was based at the Department of Social and Cultural Anthropology (2017–2019), worked towards a toolkit to process, manage and archive ethnographic data. This article builds on the pilot project’s findings and pays particular attention to highly contextualized data and ‘container objects’ as one specific and complex object category.

1 Einleitung

Forschungsdatenmanagement stellt noch immer eine Hürde für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dar. Noch immer haben viele noch nie davon gehört. Ein aktuelles Beispiel ist der Fall eines Doktoranden aus Klagenfurt, dem seine fast fertiggestellte Dissertation inklusive sämtlicher Backups – die er in der gleichen Tasche aufbewahrt hatte – gestohlen wurden. Backups hatte er immerhin angefertigt. Ein sinnvoller Umgang mit den eigenen Daten, insbesondere aber ein gezieltes Forschungsdatenmanagement oder ein nachhaltiger Umgang mit Forschungsdaten waren nicht gegeben.[1] Der bedauernswerte Dissertant steht nur beispielhaft für viele andere. Ein weiteres nicht gerade seltenes Beispiel sind Professorinnen und Professoren, die bei ihrer Pensionierung noch immer ihre Daten mit nach Hause nehmen oder sie ohne (Zusatz-)Informationen auf einem alten Computer zurücklassen. Diese Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen.[2] Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler scheuen die Anforderungen des Forschungsdatenmanagements. Sie wissen mittlerweile, durch Förderrichtlinien oder Forschungsdatenpolicies: Als Forschende müssten sie dafür sorgen … Doch die Angst vor der Zusatzbelastung, der Erstellung der genauen Metadaten, vor Speicherbedarf, Kosten, klaren rechtlichen Vereinbarungen etc. führt zur Vermeidung oder zur Verdrängung des Unausweichlichen. Andere wiederum bemühen sich und scheitern, teils aus Unwissen, teils aus Überforderung oder auch weil ihre Disziplin spezielle Anforderungen an das Forschungsdatenmanagement hat. In diesen Fällen kann geholfen werden. Dafür ist ein deutliches Bekenntnis für ein nachhaltiges, sinnhaftes Forschungsdatenmanagement nötig. Mittlerweile schaffen das die meisten Universitäten. Sinnvoll wäre, wie es Bahrend Mons gefordert hat, ein Bekenntnis zu „Data Stewards“[3] oder besser noch zu fachnahen, wissenschaftserfahrenen Datenkuratorinnen und -kuratoren bzw. Data Librarians. Dann könnten diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler irgendwann sinnvoll mit den Daten arbeiten. Ein anderer kleinerer Teil von Forschenden nutzt die Möglichkeiten und Chancen des Forschungsdatenmanagements und kann deshalb den eigenen wissenschaftlichen Output verbessern bzw. macht die eigenen Daten nachhaltig und FAIR zugänglich.[4]

In unserem Fach, der Kultur- und Sozialanthropologie, sind diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bisher eher die Ausnahme. Hier wurde erst vor einigen Jahren der Kampf für ein geregeltes Forschungsdatenmanagement aufgenommen. Das liegt mitunter daran, dass die Bereitstellung und Nachnutzung von Forschungsdaten aufgrund der komplexen Anforderungen und der disziplininhärenten theoretischen und methodischen Ansätze nicht einfach umzusetzen ist.

Das Pilotprojekt „Ethnographische Datenarchivierung“ der Universitätsbibliothek der Universität Wien war einer der ersten Versuche, diese Herausforderungen in den Griff zu bekommen. Im Rahmen dieses Artikels werden zwei Lösungswege vorgestellt, mit denen man den spezifischen Anforderungen an das Datenmanagement zum Teil gerecht werden kann. Der eine ist die Einführung von Kontextdaten als Ergänzung zu einem digitalen Objekt. Der andere ist die Etablierung eines komplexen Objektes („Containerobjekt“) als digitale Objektkategorie. Um die Hintergründe zu verstehen, ist es zuerst notwendig, auf die Besonderheiten und Forschungsansätze in der Kultur- und Sozialanthropologie einzugehen.

2 Besonderheiten der Kultur- und Sozialanthropologie

Die Kultur- und Sozialanthropologie ist ein Fach, das schon mit dem Beginn der Etablierung stark in ungleiche Machtdiskurse eingebunden war. Lange Zeit galt die Disziplin in vielen Fällen als eine Art koloniale Hilfswissenschaft, die vor allem zur Etablierung von Herrschaft benutzt wurde. Ein anderer häufigerer Zugang war beispielsweise die Dokumentation des Lebens indigener Gruppen aus Perspektive von Evolutionismus, Sozialdarwinismus oder Rassismus.[5] Die gewonnenen historischen Forschungsdaten müssen in vielen Fällen in diesem Kontext gesehen werden.

Seit längerer Zeit schon stehen Diskurse anderer Art im Vordergrund. Kultur- und Sozialanthropologie ist keine Herrschaftsdisziplin mehr. Machtdispositive prägen jedoch noch immer die Forschungen. Oft werden marginalisierte Gruppen beforscht: Minderheiten, Flüchtende, Indigene, ethnisch oder sozial Stigmatisierte, Außenseiterinnen und Außenseiter der Gesellschaft. Das findet vor Ort bei den beforschten Gruppen oder in der eigenen Kultur statt. Generell werden zumeist emische sowie etische Zugänge, d. h. Zugänge aus der Binnensicht ebenso wie die Beschreibung von außen, gemeinsam verwendet.

Ethnographische Forschung ist eine zentrale Methode der Kultur- und Sozialanthropologie. Ethnographische Forschungen sind in den meisten Fällen qualitativ verortet. Bei der Feldforschung bzw. der Teilnehmenden Beobachtung zum Beispiel leben die Forschenden vor Ort in bestimmten Gruppen, Kulturen oder Gesellschaften. Häufig sind die Forschenden länger vor Ort. Viele der Gruppen sind eher kleinzählig. Alle kennen sich. Die Forschenden nehmen teil am Leben. Eine engere persönliche Anbindung und Anteilnahme am Leben der Beforschten ist eher die Regel als die Ausnahme. Die persönliche Perspektive und Einbindung der Forschenden in die Gruppe beeinflussen immer auch die Forschung. Die räumliche und menschliche Nähe zu den Beforschten ist nicht einfach. Sie kann mitunter zu emotionalen Schwierigkeiten (wie Auf- bzw. Abwertungen) oder Konflikten führen. Dafür ist die ständige Reflexion der eigenen Forschung und des eigenen Zugangs vonnöten. Ohne den jeweiligen Kontext der Forschung zu kennen und zu verstehen, ist die Forschung unvollständig und häufig auch unverständlich. Dieser sehr spezifische, persönlich geprägte Kontext erschwert die Nachnutzung. Aus diesem Grund muss der Forschungskontext sehr genau dokumentiert und ausgewertet werden.

Beim historischen Forschungsmaterial müssen auch die kolonialen, historischen sowie wissenschaftstheoretischen Annahmen mitgedacht werden. Die Forschung hatte mitunter auch praktische Ziele, die die eigene Kultur betroffen haben (Geopolitik, Beleg für rassistische bzw. evolutionistische Annahmen, Aufwertung der eigenen Kultur etc.). Dieser historische Kontext muss mitaufgearbeitet und dokumentiert werden. Ohne diesen ist diese Forschung nicht vollständig.

Machtfragen bleiben auch bei rezenten Forschungen prägend: Die Beforschten stammen immer wieder aus sozialen, sexuellen oder ethnischen Randgruppen. Als Forschende/r ist die eigene Positionalität nicht wegzudenken. Der persönliche – und auch durchaus emotionale – Zugang formt die Perspektive und das eigene Verhalten sowie die eigene Wahrnehmung vor Ort. Das sollte abgebildet werden, um valide Ergebnisse zu erzielen. Die persönliche Nähe bleibt Bestandteil der Forschungsarbeit; sie wird jedoch reflektiert und genau dokumentiert. Natürlich spielt auch nicht nur die Person des/der Forschenden eine Rolle, sondern auch die Herkunft aus einem eher privilegierten, elitären oder vergleichsweise reichen Kontext, die auch ein Machtgefälle widerspiegelt.

Die Arbeit in kleineren Gruppen birgt auch weitere Gefahren: Die Menschen können für andere leicht erkenn- und identifizierbar sein. Das kann zum Beispiel bei Fragen zur politischen Einstellung, über Machtverhältnisse oder über Homosexualität in manchen Ländern eine unmittelbare oder mittelbare Bedrohung darstellen. Diese Bedrohungsszenarien sind nicht einfach kalkulierbar. Forschungen über Kurdinnen und Kurden etwa in Syrien sind aktuell durch den Islamischen Staat (IS) oder die türkische Invasion nicht einfach und potentiell gefährdend. Vor einigen Jahren waren sie dies wahrscheinlich nicht in diesem Ausmaß. Auch die Stigmatisierung von HIV-Erkrankten oder Homosexuellen, Subkulturen etc. kann sich wandeln, dem gesellschaftlichen Klima anpassen. So kann aus einer ehemals harmlosen Forschung ein heute potentiell gefährliches Datenmaterial entstehen. Anonymisierung und Pseudonymisierung sind nur in Ansätzen hilfreich, da die Personen identifizierbar bleiben.[6]

Der Umgang mit den so gewonnenen Daten ist nicht einfach planbar und muss deshalb sensibel gehandhabt werden.[7]

3 Methoden und Herausforderungen in der Kultur- und Sozialanthropologie

Die Methoden in der Kultur- und Sozialanthropologie sind zumeist qualitativ. Bei der Feldforschung bzw. der Teilnehmenden Beobachtung etwa werden zur Sicherung der Qualität der Forschung verschiedene Beobachtungs- und Forschungsmethoden verknüpft. Neben Beobachtungsprotokollen oder Feldtagebüchern, werden beispielsweise Fotos oder Filme angefertigt, Interviews geführt oder Skizzen angefertigt.

Diese Forschungsmethodik benötigt einen stark reflexiven und vor allem ethischen Zugang, der eine Forschung auf Augenhöhe ermöglicht. Die Daten entstehen bis zu einem gewissen Grad mit den Beforschten gemeinsam. Elisabeth Huber schreibt dazu:

Die Übersetzung gesellschaftlicher Phänomene in Daten geht demnach auch immer mit Verzerrungen und Reduktionen einher. Die Repräsentation eines Phänomens ist in diesem Sinne bereits eine Repräsentation zweiter Ordnung, denn die ‚Wirklichkeit‘ wird durch die Wahrnehmung der Forschenden oder mithilfe von Forschungsinstrumenten gefiltert und in Daten übersetzt. Im Zuge des Protokollierens, Aufnehmens, Fotografierens, Filmens oder Verfassens von Feldtagebüchern sind Wissenschaftler*innen vor die komplexe Aufgabe gestellt, Brücken zwischen diesen beiden epistemologischen Sphären, einerseits der Wahrnehmungsebene, andererseits der Repräsentationsebene zu bauen.[8]

Auf beiden Seiten stehen Bedürfnisse, Wünsche und eigenständige Ziele (z. B. die eigene wissenschaftliche Karriere versus Hilfe in Landrechtsfragen oder Stärkung der Rechte der beforschten Gruppe). Die Beforschten in den Source Communities fordern zum Teil auch nicht nur Zugang zum Wissen, sondern auch Mitbestimmung beim Forschungsdesign bis hin zum Forschungsdatenmanagement selbst. Dieser Anspruch spiegelt sich in der Forderung (derzeit) einiger Gruppen nicht nur hinsichtlich der Einhaltung der FAIR-Prinzipien, sondern auch der sogenannten „CARE“ (Collective benefit, Authority to control, Responsibility, Ethics) Prinzipien, die als Indigenous Data Governance Principles verstanden und eingefordert werden.[9] Als weitere Schwierigkeit kommt dazu, dass im Fach einheitliche Standards erst im Entstehen sind.[10] Das erste „Positionspapier zum Umgang mit ethnologischen Forschungsdaten, Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA)“ wurde nach mehrjährigen Vorbereitungen des Fachverbands für den deutschsprachigen Raum erst im Herbst 2019 beschlossen. Zentrale Punkte werden hier zusammengefasst:

Ethnologische Daten können in der Regel nicht veröffentlicht werden oder frei verfügbar sein. Ferner gilt es, das grundlegende Dilemma zu berücksichtigen, dass auch die kontrollierte Zurverfügungstellung von Daten für Dritte aufgrund ihrer hohen Situiertheit nur freiwillig und unter sorgfältiger Abwägung dieser Kriterien und Standards erfolgen kann. Gleichzeitig besteht eine generelle Verantwortung des Fachs, Forschungsmaterial interessierten NutzerInnen zugänglich zu machen, sofern die institutionellen und technischen sowie ethischen Voraussetzungen dafür gegeben sind.[11]

Im Fach ist noch ein sehr großer Bedarf für die Entwicklung und Anpassung dieser Strategien und Standards vorhanden. Viele Maßnahmen befinden sich noch in den Anfängen oder sogar erst in Planung. Das betrifft beispielsweise die Nutzung eines gemeinsamen Thesaurus. Dafür gibt es bisher allenfalls Ansätze (vor allem aus den Museen). Die Gemeinsame Normdatei (GND) erweist sich bisher für die Kultur- und Sozialanthropologie als nur ansatzweise brauchbar. Zu viele Fehler, zu viel ist veraltet, unpräzise oder fehlt, lautet die diesbezügliche Einschätzung.[12] Ein anderer wesentlicher Punkt betrifft das Rechtemanagement, das sich durch die Unterschiedlichkeit der Themen und beforschten Gruppen nicht leicht vereinheitlichen lässt.

Aus allen diesen Anforderungen ergibt sich spannendes Datenmaterial, das für die Nachnutzung schwierig handzuhaben ist. Einer der ersten Versuche, dieser Komplexität Herr zu werden, war das Pilotprojekt „Ethnographische Datenarchivierung“, das von 2017 bis 2019 durch die Universitätsbibliothek Wien in enger Kooperation mit dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie durchgeführt wurde.[13]

4 Pilotprojekt „Ethnographische Datenarchivierung“

Das Pilotprojekt war für den deutschsprachigen Raum etwas Neuartiges. Ziel war es, am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie gemeinsam mit den Forschenden und den forschungsunterstützenden Services (wie der Datenmanagement-Abteilung der Universitätsbibliothek Wien, dem Repositorium Phaidra[14] und einigen anderen) exemplarische Best-Practice-Modelle für eine sinnvolle Digitalisierung und Nachnutzung von ethnographischen Daten zu entwickeln. Dafür wurde eng mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern (wie zum Beispiel dem Fachinformationsdienst Kultur- und Sozialanthropologie, dem Qualiservice der Universität Bremen oder dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), anderen kultur- und sozialanthropologischen Institutionen aus dem deutschsprachigen Raum (zum Beispiel dem Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) oder dem Center for Interdisciplinary Research and Documentation of Inner and South Asian Cultural History (CIRDIS)[15] zusammengearbeitet.

Dafür wurde vor allem auf die historischen Bestände des Instituts sowie auf rezente Forschungen am Institut zurückgegriffen. In dieser Phase wurde vor allem mit Tonaufnahmen, Fotografien und Feldtagebüchern gearbeitet. Die

unmittelbaren Projektergebnisse sollen eine fundierte Abschätzung der bestehenden Archivierungsbedürfnisse, Datenarten und -mengen sowie des erforderlichen Arbeits- und Mittelaufwandes für eine langfristige und nachhaltige Archivierungsstrategie ermöglichen und so eine wesentliche Grundlage für ein umfassendes Forschungsdatenmanagement in der Kultur- und Sozialanthropologie und anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Fächern liefern.[16]

Außerdem wurde noch 2017 eine AG Forschungsdaten ins Leben gerufen, die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit und Strategieentwicklung bieten soll. Bei dieser Arbeitsgemeinschaft sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen, vor allem fachnahen Disziplinen und Institutionen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von forschungsunterstützenden Services und von Sammlungen und Archiven dabei. Alle diese Maßnahmen und das intensive Experimentieren bei der Digitalisierung, Archivierung, mit Technik, Workflows, die intensive Suche nach sensiblen rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen etc. war sehr aufwendig. Vor allem das eigene Metadatenschema hat einer intensiven Vorbereitung bedurft. Die Ergebnisse sind für ein Fach, das derzeit noch mehr Fragen als Antworten für den Umgang mit ethnographische Forschungsdaten bietet, sehr zufriedenstellend. Der Erfolg des Pilotprojektes hat zu seiner Verstetigung und der Etablierung als Ethnographisches Datenarchiv geführt.

Ein wichtiges Ergebnis dieses Projektes war es, fächer- und institutionenübergreifend aufzuzeigen, dass ein starker Bedarf vorhanden ist, brauchbare Strategien für den Umgang mit qualitativen Forschungsdaten zu finden und nach Möglichkeit zu etablieren. Durch diese Faktoren haben sich einige wesentliche Ergebnisse herauskristallisiert.[17] Eines der nicht zu unterschätzenden Ergebnisse betrifft die – wie schon dargelegte – Bedeutung der Person und Positionalität des/der Forschenden. Das bedeutet auch, dass der Aufwand für das Forschungsdatenmanagement sowie für die Forschenden nicht gering ist. Zum Teil ist der Betreuungsaufwand erheblicher als bei anderen qualitativen Daten:

Generell lässt sich festhalten, dass der Zeitaufwand für die Forschenden sehr hoch ist. Aufgaben wie das Sichten und Ordnen und Bewerten des Materials, das Zuweisen von konsistenten Signaturen, das Recherchieren und Rekonstruieren von Metadaten und das Verknüpfen verschiedener Informationen und Datenarten auf diversen Datenträgern sowie die Dokumentation des Bezugs auf Publikationen auf der Basis des Materials sind – auch wenn die Ausgangsbedingungen von Fall zu Fall unterschiedlich sind – zeitraubende Tätigkeiten. Für die Qualität der Datendokumentation und die Zugänglichkeit der Daten – und damit für die Möglichkeiten einer Nachnutzung insgesamt – sind diese Schritte jedoch essentiell.[18]

Der besondere Aufwand in diesem Bereich ergibt sich nicht nur aus der Komplexität des Metadatenschemas, sondern auch den spezifischen ethnographischen Anforderungen. Um diesen gerecht zu werden, wurde im Projekt eine Art Meta-Metadatenkategorie, die Kontextdaten, entwickelt.

5 Der Kontext in den Metadaten: die Kontextdaten

Wichtig war es, die ethnographischen Besonderheiten auch bei den Metadaten abzubilden und ihnen gerecht zu werden. Das hat sich als große Herausforderung herausgestellt, für die noch nicht in allen Fällen passende Antworten gefunden werden konnten. Deshalb war es zentral, im Metadatenschema den Kontext möglichst umfassend zu dokumentieren. Es war wichtig, Möglichkeiten zu schaffen, mit sensiblen Daten umzugehen. Gefahr für die Beforschten musste ausgeschlossen werden (z. B. durch Überlegungen über eine mögliche Pseudonymisierung bzw. Anonymisierung oder Zugangsbeschränkungen). Dazu gehört eine umfassende Dokumentation des Forschungskontextes. Zu diesem gehört auch die die Positionalität des Forschenden sowie der Beforschten.

Auch weitere, ergänzende Kontexte werden festgehalten (wie zum Beispiel die bisherigen Veröffentlichungen mit dem Datenmaterial, dem Forschungsstand etc.):

Da es bisher kaum entsprechende Ansätze gibt, flossen in diesen Prozess sehr viele Überlegungen und Gespräche […] ein. Eine Vorgabe von Phaidra war, dass Metadaten grundsätzlich (1) immer offen sind und (2) keine Autorenschaft haben. Das widersprach in zweierlei Hinsicht unseren Vorstellungen: Einmal wollten wir die Möglichkeit haben, bestimmte Metadatenfelder sperren zu können (z. B. personenbezogene Informationen); zum anderen gingen wir davon aus, dass die Dokumentation des Forschungskontextes eine aufwendige und interpretierende Tätigkeit ist, die wie andere Publikationen auch zur Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung, aber auch für die Möglichkeit eines kritischen Diskurses eine offengelegte Autorenschaft benötigt.[19]

Um diese Anforderung erfüllen zu können, wurden die Kontextdaten entwickelt. Diese Kontextdaten werden (derzeit) als Textdokument verfasst und im PDF-Format abgespeichert. Sie werden, sofern möglich, durch begleitende forschungsbiographische Interviews ergänzt. Diese Kontextdaten werden als eigene Objekte ins Repositorium Phaidra hochgeladen und mit dem eigentlichen, übergreifenden Objekt verlinkt.

Das ermöglicht es, die Kontextdaten zu ergänzen, aber auch, falls nötig, zu sperren oder anderweitig durch ein separates Rechtemanagement handzuhaben. Die Kontextdaten haben eine Urheberschaft und sind namentlich gekennzeichnet. Sie sind nicht losgelöst, haben natürlich auch wiederum einen eigenen Kontext (etwa das Ethnographisches Datenarchiv als Institution). Im besten Fall entstehen die Kontextdaten durch die enge Kooperation mit den Forschenden. Ein weiteres Ziel ist es, die Beforschten auch in dieses Kontextmaterial miteinzubinden.[20]

Wichtig ist es, den Forschungskontext dabei möglichst genau festzuhalten und die Hintergründe, Schwierigkeiten, wie auch die Situierung von Forschenden und Beforschten, sowie deren Verortung in Machtdispositive aufzuzeigen. Was noch fehlt, ist eine Form der Standardisierung der Angaben, die allerdings aufgrund der Spezifika, bisher nur bis zu einem bestimmten Grad machbar ist.[21]

6 Das Containerobjekt als komplexe Objektkategorie

Ohne den Kontext bleibt alles rudimentär. Eine weitere Lösung für die anspruchsvollen ethnographischen Anforderungen war die Entwicklung einer komplexen Objektkategorie, um Hierarchien innerhalb von Unterobjekten abzubilden. Das wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Phaidra-Team entwickelt.

Es gibt generell ansatzweise vergleichbare Kategorien, die Objektzusammenstellungen abbilden, wie zum Beispiel für Bücher oder Sammlungen (Collections). Ein Teil der Objekte aus der ethnographischen Forschung lässt sich nicht einfach als Gesamtobjekt abbilden, ohne Dichte zu verlieren. Beispielsweise wird für eine Kassette die A- und B-Seite, die Kassetten-Beschriftung, die Beschriftung des Inserts, sowie eventuell ergänzendes Material (wie Transkripte etc.) miteinander, jeweils als Unterobjekt in einem Gesamtobjekt verknüpft. In manchen Fällen können dazu noch verschiedene Teilaufnahmen von einer Kassettenseite oder bestimmte Abschnitte auf der Kassette als separate Unterobjekte gespeichert werden, das etwa bei mehreren Interviews, Erzählungen etc. auf einer Kassettenseite sinnvoll ist.[22] Bis zu diesem Punkt gibt es in den verschiedensten Repositorien vergleichbare Kategorien. Das Neuartige ist die Einbettung der Kontextdaten in das komplexe Containerobjekt. Die Kontextdaten bilden für sich jeweils ein oder mehrere eigene Unterobjekte, die mit Links eingefügt werden. Die Kontextdaten können für eine größere Objektgruppe übergreifend genutzt werden. Die Kontextdaten können dabei gesperrt oder (bis zu einem gewissen Grad) offen zugänglich sein. Das hängt vom jeweiligen Rechtemanagement und vor allem den ethischen Anforderungen ab.[23]

Allerdings zeigt sich beim Containerobjekt eine Schwachstelle, die das gesamte Fach betrifft:

Ein wesentlicher Schwachpunkt ist das Fehlen eines kontrollierten Vokabulars. Leider existiert für die ethnographische Forschung bisher kein aktueller Thesaurus, der kritischen Ansprüchen standhält. […] Die vorhandenen Standards aus dem musealen Bereich und das Normvokabular der GND greifen zu kurz oder sind – wie im Falle der der GND – veraltet und nur teilweise verwendbar.[24]

Hier kann das Ethnographische Datenarchiv helfen, Lösungen zu finden, aber allein ist das nicht möglich. Zum Glück beginnen gerade durch den Fachinformationsdienst Kultur- und Sozialanthropologie und die Fachverbände gemeinsam mit einigen Museen und der GND für Kulturdaten (GND4C)[25] erste Versuche in dieser Hinsicht. Das Ethnographische Datenarchiv wird auch dazu einen Beitrag leisten.

7 Fazit

Es bleibt viel zu tun. Die Herausforderungen sind allgegenwärtig. Um sinnvolles Datenmanagement leisten zu können, werden gerade in Fächern mit hochkomplexen Anforderungen wie der Kultur- und Sozialanthropologie die Kuratierung der Daten, eine Verstetigung und der Ausbau der Infrastruktur sowie eine vernünftige, dauerhafte Finanzierung benötigt. Datenkuratorinnen und -kuratoren bedürfen sehr guter Kenntnisse der ethnographischen Methoden und ethischen Grundlagen des Fachs. Ansonsten ist ihre Arbeit kaum sinnhaft möglich. Am besten geeignet scheinen wissenschaftlich ausgebildete oder auch tätige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.[26] Dazu sind ausgebaute Infrastrukturen und Verstetigungen notwendig. Ansonsten entstehen Insellösungen, wie sie bisher entstanden sind.

Das Management ethnographischer Daten ist nur bis zu einem gewissen Grad standardisierbar. Wahrscheinlich wäre es nötig, dafür modulare Lösungen zu entwickeln, die an jeweilige, vergleichbare Kontexte angepasst werden können. Das geht nur für das Fach gesamt und mit der Mitarbeit von allen wichtigen Stakeholdern: Bibliotheken, Institutionen, Fördergebern, Forschenden und nicht zuletzt mit den Beforschten selbst. Die Beforschten selbst und ihre Forderungen, wie sie sich etwa in den CARE-Prinzipien niederschlagen, müssen zusätzlich zumindest mittelfristig abgebildet werden.[27] Hier ist Offenheit und auch der Mut zu ungewöhnlichen Lösungen gefragt.

Die intensive Motivierung und Betreuung der Forschenden selbst ist arbeitsaufwendig. Wahrscheinlich ist sie durch die Komplexität der Aufgaben und der intensiven Zusammenarbeit intensiver als mit anderen Datenüberlasserinnen und -überlassern. Qualitative Daten erfordern Qualität beim Forschungsdatenmanagement. Das genötigt Zeit und Geduld.

Der Kontext ist alles. Ohne seine genaue Dokumentation bleibt Forschungsdatenmanagement für ethnographische Forschung bruchstückhaft. Das Pilotprojekt „Ethnographische Datenarchivierung“ hat hier einige erste Lösungswege aufgezeigt. Diese sollten weiter ausgebaut und an anderen Instituten, Institutionen und in fachnahen Disziplinen weiter getestet werden.[28]

Im Pilotprojekt wurde aufgezeigt, wie wenig ausgeprägt das Bewusstsein für Forschungsdaten in den ethnologischen Fächern war und zum Teil noch immer ist. Auch die offenkundigen Lücken beim Umgang mit Forschungsdaten konnten verdeutlicht werden: das Fehlen eines genormten Thesaurus, die Notwendigkeit eines ausgefeilten Rechtemanagements. Dazu kommt vor allem die Anpassung an die jeweiligen ethischen und rechtlichen Anforderungen. Diese Mängel betreffen nicht nur das Wiener Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, sondern die gesamte Disziplin. Deshalb ist eine intensive Kooperation mit der AG Forschungsdaten und anderen vor allem sozialwissenschaftlich arbeitenden Disziplinen und Institutionen, den Fachverbänden, den forschungsunterstützenden Services, sowie den Fachinformationsdiensten notwendig. Das Pilotprojekt „Ethnographische Datenarchivierung“ bietet unter anderem mit der Entwicklung von Kontextdaten und dem komplexen Containerobjekt ein erstes Stück weit die Möglichkeit, die Ergebnisse auch in die Forschungsdatenmanagement-Strategien anderer qualitativ arbeitende Fächer einfließen zu lassen.

Eines der wichtigsten Ergebnisse im Pilotprojekt war die Erkenntnis, wie bedeutend Ethik, Reflexion und Sensibilität beim Umgang mit den Daten, sowie mit Forschenden und Beforschten für die Nachnutzung ethnographischer Daten sind. Diese Faktoren sollten das Datenmanagement bestimmen.

Das Pilotprojekt Ethnographische Datenarchivierung hat hier seine Vorreiterfunktion erfüllt und erste Best-Practice-Lösungen entwickelt. Kontextdaten und Containerobjekte sind wesentlicher Teil dieser Lösungen. Jetzt wird es Zeit, mit anderen gemeinsam umsetzbare Strategien für weitere Herausforderungen zu erarbeiten. In der Kultur- und Sozialanthropologie wartet noch viel und anspruchsvolle Arbeit. Durch die Verstetigung des Projektes als Ethnographisches Datenarchiv wurde ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Jetzt wird es Zeit, weitere Schritte zu setzen.

About the author

Igor Eberhard

Igor Eberhard

Published Online: 2020-05-01
Published in Print: 2020-05-01

© 2020 Eberhard, publiziert von De Gruyter

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 27.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/abitech-2020-2007/html
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